Simon von Taibutheh und der Samstag

Im Buch "Das Geheimnis des Kartenmachers" von James Cowan stiess ich auf einen Hinweis auf den syrischen Philosophen Simon von Taibutheh, der eine solche Verbindung zwischen Rationalität und Mystik gedacht und erfahren hat. Wenig ist von ihm bekannt. Er starb um 680 n.u.Z. und war Philosoph, Theologe, Arzt und Mystiker. Seine Lehren beeinflussten den islamischen Sufismus.

"Taibutheh" - eine Theologie der Gnade Der Beiname "von Taibutheh" bedeutet "von Seiner Gnade". Dieser Ehrentitel verweist auf das grosse Thema der Theologie des Simon, die Erfahrung der Gnade Gottes, also der Erfahrung, dass die Erfüllung menschlichen Lebens ein Geschenk ist und nicht gemacht werden kann. Simons Vorstellung von Erfüllung liegt in der Erkenntnis, der Schau der vollkommenen Wahrheit. Seine Lehre ist eine höchst moderne Mischung aus mystischer Schau und wissenschaftlicher Beobachtung. Der Weg zur Erkenntnis führt über die Erfahrung, über die Sinne, aber Erkenntnis ist nicht an die Grenzen der Sinne gebunden.
Lernen durch Erfahrung und durch Fehlermachen

"Man kennt die Wahrheit erst, wenn man sie selbst auf die Probe gestellt hat und sie nicht bloss durch Hörensagen oder durch Lektüre erworben hat", heisst es in seinen Schriften. Dabei sind Fehler unerlässlich und notwendig. Jeder Fehler stellt einen Ziegelstein dar, der im Brennofen der Gnade gehärtet worden ist." Simons Denken ist in der Wüste entstanden. "Er liess seine Gedanken von den glühenden Steinen der persischen Wüste befeuern, ganz ähnlich jenen, die man in einen Feldbackofen legt, um das Brot aufgehen zu lassen" (Cowan, S. 77). Wer so lernt, sucht nach dem wahren Wissen, das spontane Freiheit ist, entkleidet jeder Ängstlichkeit. Wie sehr ist in unserer Kultur "Lernen", Fehler machen, angstbesetzt. Simons Pädagogik ist hochaktuell.

Wahres Wissen

Wahres Wissen liegt aber jenseits des Begreifbaren. Simon spricht vom wahren Wissen als Nichtwissen, in dem alles, was man als wahr annimmt oder zu wissen glaubt, an einer Wesenheit teilhat, die selber unbegreiflich ist. "Ein Teil dieses Wissens kommt durch schlussfolgendes Denken und die Bildung logischer Sätze zum Vorschein, ein anderer Teil wird nicht durch Worte, sondern allein durch die innere Stille des Geistes erfasst. Ein Teil davon erstreckt sich auf den Bereich der sichtbaren Dinge, und ein anderer erhebt sich zu den Dingen, die sich oberhalb der Sinneswahnehmungen befinden." Hier spricht der Mystiker Simon.

Kein Dualismus Simon hält die Spannung zwischen Körperlichem (Sinnlichem, Rationalem, Verbalem) und Spirituellen lebendig, er zieht eine zarte Grenze, ohne das eine über das andere zu erheben. Körper und Geist sind eng verbunden, Wissenschaft und Mystik, äussere und innere Einsicht ergänzen sich. Der Mensch ist vielfältig mit der Schöpfung und der schöpferischen Kraft darin verbunden.
Die Lehre von den drei Altären

Diese Verbundenheit, die enge sinnliche und spirituelle Verflechtung des Menschen soll nach Simon Ausdruck in einem Sakrament finden, das an drei Altären stattfindet. Die drei Altäre entsprechen drei Tagen, dem Freitag, dem Samstag und dem Sonntag. Der erste Altar, am Freitag, ist das Wissen um die Werke, die Erfüllung der Gebote; der zweite Altar, am Samstag, verkörpert das theoretische Wissen; der dritte Altar, am Sonntag, das Wissen der Hoffnung. An diesem dritten Altar lebt der Mensch, er bewegt sich, isst, schläft, verherrlicht und preist, ohne Unterlass.
Die drei Altäre sind mir ein Bild geworden für die Dimensionen meiner Religion und für die Fülle des Lebens.

Wie gelange ich zu den drei Altären? Der Anfang des Weges wurde bereits geschildert: Lernen durch Erfahrung und Fehlermachen. Die Erfüllung steht aus. Simon ist ein Theologe der Gnade. Die Erfahrung des Feierns an allen drei Altären, die Erfüllung des Lebens, kann durch unser Tun vorbereitet, ermöglicht, aber nicht gemacht werden. Sie bleibt Geschenk. Sie lässt sich auch nicht vermitteln und weitergeben. James Cowan erzählt dazu die folgende Geschichte:
"Ich kannte in Ninive einmal einen reichen Mann, der unbedingt Moschus besitzen wollte. Weil er diesen in der gewünschten Qualität nicht auftreiben konnte, stieg er über Gebirge, segetle über Meere und querte weite Landstriche, bis er nach Cathay kam, wo er dem Kaiser Geschenke darbot in der Hoffnung, dafür etwas Moschus zu erhalten. Der Kaiser war von dieser Geste so beeindruckt, dass er es dem Manne gestattete, mit eigener Hand Moschus zu schneiden. Nach angemessener Zeit kam der Mann nach Ninive zurück und übergab den Riechstoff seinen Kindern. Die wiederum vermischten ihn mit anderen Stoffen, bevor sie ihn an ihre Nachkommen weiterreichten. Mittlerweile hatte der Moschus seinen ganzen Duft eingebüsst, wie ihr euch vorstellen könnt." (Cowan, S. 83f.)