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Norbert Scholl, Ein Bestseller entsteht: das Matthäus-Evangelium. Verlag Friedrich Pustet 1998. |
Das ist eines der (wenigen) theologischen Bücher bei deren Lektüre ich innerlich (und je länger die Lektüre dauerte auch für Aussenstehende hörbar) ausgerufen habe: Ja, genau! Endlich schreibt mal jemand, wie es wirklich gewesen sein könnte! Und das auch noch spannend zu lesen und in einfachen Worten! Super! Natürlich klärt Norbert Scholl nicht die Frage, wie DIE Bibel entstanden ist. Diese Formulierung sollte sie nur zum Lesen meines Textes animieren. Er beschränkt sich auf das Matthäusevangelium des Neuen Testamentes. Natürlich ist auch seine Beschreibung der Entstehung dieses Evangeliums nur eine Vermutung, aber eine weitgehend gut begründete und wissenschaftlich untermauerte. Sicher ist ja nur,wie wenig wir eigentlich wissen. |
| Der Kaufmann Matthäus und seine Frau Pnina aus Antiochia | Aber Scholl räumt klar auf mit einigen frommen und naiven Vorstellungen, wie eine solche heilige Schrift entsteht: Kein Augenzeuge der Geschehnisse um Jesus von Nazareth, der seine Erinnerungen aufschreibt (die Zuschreibung des Textes an den Apostel Matthäus ist falsch), kein von Gott gesandter Engel, der sich über den Evangelisten beugt und ihm den Text in ie Feder diktiert, und auch kein isolierter, einzelner Autor, der in der stillen Kammer seinen Text aufschreibt. Nein, Scholl erfindet einen Mann mit Namen Matthäus, ein Christ, wohlhabender Händler und aktives Mitglied der noch jungen christlichen Gemeinde, der mit seiner jüdischen Frau Pnina um das Jahr 90 unserer Zeitrechnung in der multikulturellen Metropole Antiochia in der römischen Provinz Syria lebt. |
| Die Entstehung der Bibel als kollektiver Prozess | In dieser Gemeinde gibt es bereits Texte über Jesus Christus, Briefe von Paulus, eine Abschrift des Markusevangeliums, eine Sammlung von Aussprüchen und verschiedene einzelne Geschichten, die in schriftlicher oder mündlicher Form verbreitet werden. Es gibt intensive Gespräche, auch hitzige und kontroverse, innerhalb der christlichen Gemeinde und auch mit der jüdischen Gemeinde, die sich eng verbunden fühlen. Aber es fehlt ein Text, der über das Leben und die Botschaft dieses Jesus so schreibt, dass die aktuelle Situation in Antiochia sich darin spiegelt. Ein Text, der diesen Jesus sowohl Menschen mit einem jüdischen wie auch solchen mit einem heidnischen Hintergrund verständlich macht und nahebringt. Matthäus fängt an diesen Text zu schreiben. Er tut dies nicht still und heimlich, sondern in intensivem Dialog mit seiner Frau, mit der Nachbarschaft, mit anderen Mitgliedern der Gemeinde, mit Vertreterinnen und Vertretern der jüdischen Gemeinde: es entsteht ein kollektiver kreativer Prozess. Aktuelle Konflikte innerhalb der Gemeinde fliessen ein, literarische Vorbilder (etwa die Kindheitsgeschichten der römischen Kaiser )werden geprüft und Teile daraus verwendet, vor allem die Verbindung mit dem Tenach, den heiligen Schriften, die wir heute als Altes Testament und als jüdische Bibel kennen, ist für Matthäus ein zentrales Anliegen. Es wird viel frei gestaltet und "erfunden", die Erfindung ist aber immer getragen von dem ernsthaften Versuch die Erinnerung an diesen Jesus für die Gestaltung des eigenen Lebens fruchtbar zu machen, der Text soll nicht fürs Archiv geschrieben werden und nicht zur reinen Unterhaltung, sondern er will Resonanz finden in der Lebenspraxis der Leserinnen und Leser. |
| Die Gemeinde entscheidet, was ihr Jesus zur Ehescheidung gesagt hat. | Eine der spannendsten Passagen beschreiben Kapitel VII und VIII. Darin erfährt Matthäus von seinem Freund, dem jüdischen Arzt Ethan, dass dessen Frau Mirjam ihn verlassen hat und einen anderen Mann heiraten will. Ethan bittet Matthäus als Zeuge auf der Scheidungsurkunde zu unterschreiben. Das Private wird im Gespräch der beiden sehr schnell politisch. Sie diskutieren über die jüdischen Scheidungsregeln (der Mann entlässt die Frau aus dem Ehevertrag) und über radikale Sätze, wie sie von Jesus überliefert sind, wie etwa: "Jeder, der seine Frau entlässt, treibt sie in den Ehebruch." Einig sind sie sich, dass die jüdischen Scheidungsgesetze einseitig die Männer bevorteilen und dass die Radikalität Jesu zu einem guten Teil zum Schutz der Frauen wirkt. Einig sind sie sich auch, dass die Gesetze für das Leben da sind und es fördern oder doch zumindest das Schlimmste verhindern sollen.Trotzdem bleibt Matthäus gespalten, ob abstrakte Regeln nur einen Orientierungsrahmen darstellen, innerhalb dessen der jeweilige Einzelfall mit seiner Vorgeschichte beurteilt werden kann oder ob nicht nicht der Anspruch radikaler Forderungen zu gelten hat. Er unterschreibt zwar als Zeuge die Scheidungsurkunde, ruft dann aber eine Gemeindeversammlung ein und diskutiert über die Ansichten, die in den Aussprüchen Jesu überliefert werden. In der Gemeinde bilden sich zwei Lager: die Puristen wollen die radikalen Worte Jesu absolut und unverändert überliefern, andere wollen diese Worte zwar als Ideal hochhalten, sie aber nicht als kalte, mitleidslose Gesetze verstehen, sondern Freiraum für eigene Gewissensentscheidungen lassen. Die zweite Meinung findet eine Mehrheit, die Texte im Evangelium werden entsprechend geändert. In der Minderheitenmeinung ist aber die Position der kirchlichen Zukunft schon ausgeprägt. Egal auf welcher Seite man in dieser Frage stehen mag, die Form der Entscheidungsfindung fasziniert. |