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Philip Pullman, Der Goldene Kompass; Das Magische Messer; Das Bernstein-Teleskop (Die Pullman-Trilogie) Heyne-Verlag |
Ich bin selbst auf dieses Buch durch die Empfehlung in der Zeitschrift
Chrismon gestossen (www.chrismon.de).
Deswegen schreibe ich nichts Eigenes, sondern zitiere den Artikel von
Brigitte Neumann aus Chrismon 9/2002. |
| Hotter than Potter! |
An einem britisch-grauen Tag mitten auf dem Campus des Exeter College in Oxford. Ein Herr hüpft über die Granitplatten: "Stellen Sie sich vor. Hier drunter stehen lauter Bücher. Berstend volle Kellerregale, nur Bücher." Der Herr heisst Philip Pullman und ist nach Joanne K. Rowling der erfolgreichste Kinderbuchautor Englands. Mehr als 2 Millionen Mal wurde seine Trilogie "His Dark Materials" verkauft, und das ehrenwerte Whitebread-Komitee vergab den angesehensten Literaturpreis Brittaniens an Pullman "Das Bernstein-Teleskop". "Hotter than Potter" titelte daraufhin die "Sunday Times".
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| Von Erbsünde und Experimentaltheologie | Pullman dreht sich mittlerweile mit ausgestreckten Armen um die eigene Achse. "Schauen Sie, diese Gemäuer, diese Gassen, diese Trutzburgen der Lehre und der Forschung. Das ist alles uralt. Richtiges, echtes Mittelalter. Exeter College wurde 1314 gegründet. Und in diesem College fängt meine Geschichte an." Sie erzählt von dem elternlosen Mädchen Lyra, das im Internat des College lebt. Es ist die Zeit, in der die Männer der Heiligen Kirche den Ton in Wissenschaft und Forschung angeben. Die Priester, Bischöfe und Religionsgelehrten im altehrwürdigen Oxford sind fanatische Gottesanbeter, die gegen die Erbsünde in der Welt und in den Kinderseelen kämpfen. Dabei ist ihnen jedes Mittel recht. Manche Forscher sind allerdings nicht einverstanden mit dem Diktum der Theologen. Wie Lyras Onkel Asriel, ein stattlicher Mann, von dem die 11jährige nur weiss, dass er "mit der hohen Politik, geheimen Forschungsreisen und fernen Kriegen zu tun hat". Lyra erfährt, dass beunruhigende Dinge vor sich gehen: Forscher verschwinden im Eis der Antarktis und Experimentaltheologen bauen einen "Seelenabschneider", der die Kinder vor der Erbsünde bewahren soll. Als Lyra von den Tugendterroristen der Kirche entführt wird, beginnt der Kampf des Mädchens gegen die Diener Gottes. Sie findet dabei Verbündete unter den Rebellenbrigaden aus allen Welten des Pullman'schen Kosmos. Zusammen mit ihrem Dämon Pantalaimon, ihrer Seele in Tiergestalt, und mit Hilfe ihres Freundes Will besiegt Lyra nach einer Odysee schliesslich sogar den Tod. |
| Das Mädchen Lyra stegit hinab in das Reich des Todes | Diese Bücher sind wie ein kalter Waschlappen ins müde Gesicht. Philip Pullman, der zum Bestsellerautor gewandelte, hemdsärmlige Exlehrer aus Oxford, hat ein Universum erschaffen, so gewaltig und so bunt, dass selbst unsere bewegstesten Träume davor verblassen. Mit seinen Dämonen, Helden und Hexen infiziert er die Phantasie und fürchtet sich vor nichts. Mit grusliger Hingabe widmet er sich der Welt der Toten: Pullman zeigt sie als Reich der Angst und Schuld, grau, kalt und von hysterischen Zuchtmeistern bevölkert. Der Tod selber: ein jederzeit dienstbarer, eigentlich freundlicher Begleiter Begleiter des Menschen. Auch wie die Erlösung aus ewiger Kälte und Einsamkeit im Reich der Toten vonstatten geht, hat er sich ausgedacht: Die Toten müssen ihre Lebensgeschichten erzählen, dann dürfen sie noch einmal hinauf in die Welt. Dort werden sie zu Wind, Gras und Licht. |
| Die Befreiung Gottes zu Wind, Gras und Licht |
Pullman ist besessen von dieser mittelalterlichen Welt, die er mit vielen Fantasy-Wesen bevölkert: mit Hexen und Harpyien, gepanzerten Kriegsbären und sprechenden Füchsen, mit zotteligen blauen Bisons und schwulen Engeln mit einer Vorliebe für Pfefferminzkekse. Hier leben die Mulefa, antilopenähnliche Kreaturen, die sich auf Rädern aus riesigen Samenkapseln fortbewegen und Gallivespier, stolze Spione, die auf Libellen reiten. In diesem Kosmos hat seine Phantasie selbst vor Gott nicht Halt gemacht, sondern ihn lediglich als eine weitere neben seine vielen anderen Figuren gestellt: Alt und krank siecht er in einer Art Schneewittchensarg dahin und weiss selbst nicht mehr, wer er ist, als Lyra ihn schliesslich befreit. Auch er entfleucht wie die Menschen aus dem Reich der Toten, mit einem glücklichen Seufzer und wird zu Wind, Gras und Licht |
| Die Paradieserzählung nach dem Tode Gottes neu gelesen | Pullman schreibt Kinderbücher für eine säkularisierte Gesellschaft, in der er die Kirche des Mittelalters als Gegner der Aufklärung und Moderne ins Feld führt. Aber er spielt auch mit dem alttestamentlichen Stoff der Genesis, befasst sich mit den Themen Sünde und Erkenntnis nach der Vertreibung aus dem Paradies. Sein Erfolg aber hat seine Ursache vor allem darin, dass er seine Welten nicht aus Buchstaben zu komponieren scheint, sondern aus Lärm, Gefühl, Fleisch und Blut. "Fantsay-Elemente baue ich immer dann in meine Geschichten ein, wenn sie mir helfen, mehr über wirkliche Menschen zu sagen", erklärt Philip Pullman im Büro seines Verlegers David Fickling und wiegt dabei seinen leeren Kaffeebecher nachdenklich in der Hand. "Das ist auch das Einzige, was an Fantasy-Literatur wirklich interessant ist: ob sie etwas Wahres und Realistisches über die menschliche Natur sagen kann." Gedankenverloren ordnet er ein paar Stifte vor sich auf dem Tisch im rechten Winkel an, bevor er weiterspricht und zu einem seiner Lieblingsthemen kommt: "Zum Beispiel über die fatale Sehnsucht des Menschen nach Religion. Mein grosses Thema in allen drei Büchern der "Dark Materials" war die Suche nach einem Weg, die grossen Fragen der Religion auf meine Weise behandeln zu können. Meiner Meinung nach ist Gott tot. Alle Phänomene der uns bekannten Welt lassen sich prima ohne ihn erklären." Als wolle er immer noch die Moderne gegen einen übermächtigen Klerus verteidigen, lässt er Lyra und Heerscharen von Fabelwesen gegen die mittelalterliche Welt der Kirche antreten. "Pullman hat die radikalste Sicht auf Religion, mit der subversivsten Botschaft, die je ein Kinderbuch enthielt, " lobte ihn deshalb der Observer. |
| Gebrauchsanleitung zu einem prächtigen und geheimnisvollen Leben |
Philip Pullman hat seine allerersten Jahre unter der Aufsicht seine Grossvaters verbracht, und der war Priester. Jeden Sonntag zur Kirche, die Bibel halbwegs auswendig lernen und vor dem Zu-Bett-Gehen ein Abendgebet sagen - das gefiel Pullman nicht. "Das Leben änderte sich schlagartig als Grossvater starb", erzählt er. "Nicht, dass ich unter ihm gross gelitten hätte, aber es war, als könnte ich plötzlich die Welt mit anderen Augen sehen. Ich fand es von da ab lächerlich, dass es heisst: Jesus wird von einer Jungfrau zur Welt gebracht. Und es schien mit überhaupt unglaublich, dass Jesus sowohl Mensch als auch nur gut gewesen sein soll." Statt der Bibel waren nun Nietzsche, Camus und Sartre seine Hauptlektüre. Heute sagt er: "Diese drei halfen mir, mich von jeglicher Religiosität zu befreien. Genauso wie später auch der amerikanische Physiker und Nobelpreisträger Stephen Weinberg. Er schrieb: Gute Menschen tun Gutes und schlechte Menschen Schlechtes - aber ohne dass Religion etwas damit zu tun hätte. Hingegen ist meist Religion im Spiel, wenn gute Menschen dazu gebracht werden, Schlechtes zu tun." Eine Sichtweise, die offenbar viele teilen. Der Reiz der Pullman'schen Geschichten aber liegt eher in seiner Lebensphilosophie, die er seinen jungen Lesern vermitteln will: "Lebe jetzt! Es gibt kein Später! Das Leben ist prächtig und geheimnisvoll!" Pullmans Lyra-Romane sind eine Art Gebrauchsanleitung dafür. |
| Die Macht des Geschichtenerzählens | Philip Pullman, der als Kind am liebsten Superman-, Batman-
und Sherlock-Holmes-Geschichten lasn, verbrachte seine Kindheit auf drei
Kontinenten. "Mein Vater war Pilot bei der Royal Air Force. Heimatlos
zogen wir dorthin, wo er stationiert war: Australien, Afrika, Sueskanal.
Es waren die langen, gemächlichen Schiffsreisen, die wir bei jedem
Umzug machen mussten, die meine Phantasie entfacht haben und mir einen Sinn
für die epischen Dimensionen der Welt gaben." Zwanzig Kinderbücher
hat Pullman seither geschrieben, zuletzt den Roman "Ich war eine Ratte".
Aber nun schreibt er wieder weiter an seinen "Dark Materials".
Es soll keine Fortsetzung werden, sondern eher eine Folge null: die Vorgeschichte. Philip Pullman glaubt an die Macht des Geschichtenerzählens, auch wenn er aus seinem früheren Leben als Lehrer weiss, dass Kinder heute weniger lesen. Und gegen diese Leseunlust hat er selbst, so glaubt er, das beste Gegengift erfunden. Schon erzählt er wie zum Beweis: "Eines Tages sollte ich unseren 5-jährigen Sohn Tom bei Laune halten, bis das Abendessen kommen würde. Ich erzählte ihm die Geschichte von Odysseus und seinen Irrfahrten. Auf dem Höhepunkt umklammerte Tom sein Glas, führte es zum Mund - und biss ein Stück heraus. Soviel zur Macht der Geschichten", lacht Philip Pullman. "Danke Homer!" |