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"Und ich sah ein Lamm…"

Offb 5,6


"Und ich sah…" - sieben goldene Leuchter, ein Tier aus dem Meer, das neue Jerusalem. Das Buch der Offenbarung ist voller Bilder. Der Autor, Johannes, sieht auch vor dem Thron Gottes ein Lamm. "Es sah aus wie geschlachtet" (Offb 5,6). Wie hat Johannes gesehen? Durch Erscheinungen am Himmel oder innere Bilder? Wenn Jürgen Ebach die Offenbarung verfilmen müsste, würde er Johannes "in alten Texten lesen und hin und her blättern lassen, ihn Zitate suchen und zusammenstellen lassen. Das Lesen und Blättern würde bald langsam, bald rasch und zuweilen in hektischen Blicken auf die Texte erfolgen" (SchriftStücke 217). Die Bilder sind Zitate, Textcollagen. Der Seher zitiert aus der Schrift, aus der Bibel, die wir Altes Testament nennen. Woraus zitiert er, wenn er das geschlachtete Lamm sieht? Aus den Büchern Jesaja und Jeremia. Bei Jesaja wird das Volk Israel mit verirrten Schafen verglichen. Einer von ihnen, der unschuldige Knecht Gottes, leidet besonders. Er ist "wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seines Scherers" (Jes 53,7). Der Prophet Jeremia sagt über sich selbst: "Ich war wie ein zutrauliches Lamm, das zum Schlachten geführt wird, und ahnte nicht, dass sie gegen mich Böses planen" (Jer 11,17). Das Bild des Lammes steht für Menschen, die leiden. Den Ausdruck "schlachten" braucht das Buch der Offenbarung dort, wo Menschen einander abschlachten (Offb 6,4; 6,9). Das Lamm, das Johannes sieht, ist Opfer von Gewalttätern. Sicher hat er dabei die Hinrichtung Jesu im Blick. Wie der unschuldig leidende Knecht Gottes aus Jesaja steht auch Jesus stellvertretend für all die anderen Opfer von Gewalt.
Das Buch der Offenbarung ist auch unter dem Namen Apokalypse bekannt und weckt Bilder von Katastrophen bis hin zum Weltuntergang. Apokalypse bedeutet aber Enthüllung. Johannes ist ein antiker Vorläufer der Medienorganisation wikileaks, die enthüllt, was die Mächtigen gerne verbergen würden. Seine Schrift enthüllt Wahrheiten über die Macht. Etwa, dass die damalige Weltmacht, das Römische Imperium, keineswegs das Friedensreich war, als das es sich gerne darstellte. Die Offenbarung zerreisst die Verschleierung, zeigt die Gewalt, macht Täter und Opfer sichtbar und gibt den Opfern ihre Würde zurück. Denn Johannes sieht: Allein das Lamm, das aussieht wie geschlachtet, ist würdig, das Buch zu öffnen, das die Gestalt auf dem Thron in der Hand hält. Ob dieses Buch die Bibel ist, ist unklar. Klar ist: Johannes liest die Bibel aus dem Blick der Opfer der Geschichte. Ihre Wunden bleiben sichtbar, die Gewalt-Geschichte bleibt in Erinnerung. Aber die Geschichte kommt damit nicht an ihr Ende. Neue Seiten werden aufgeschlagen. Die neuen Seiten der Geschichte werden von Menschen aufgeschlagen, die ihre Wunden nicht verstecken. Nicht mehr verstecken müssen. Die Bibel erzählt auch: Auferstandene erkennt man/frau an ihren Wunden.