|
Mani Matter über Dorothee Sölle
in: Tagebuch IV 1969-71 in: Sudelhefte. Rumpelbuch, Ammann Verlag
Zürich 2003, S. 130f.
"...eine Nachfolge Christi, die keinen Stil hat .. ist ...
eine schreckliche Askese..."
|
"Dorothee Sölle gelesen: "Atheistisch an Gott glauben".
Es sind einige sehr schöne Aufsätze in diesem Buch, ich
bin mit fast allem einverstanden, wahrschenlich würde ich eine
ähnliche Position einnehmen, wenn ich protestantischer Theologe
wäre. Und doch scheint mir diese Position irgendwie unmenschlich:
Der Christ wird auf seine geschichtliche Position beschränkt,
er soll seine Pflichten gegenüber der Gesellschaft wahrnehmen,
politisch tätig sein, heilend die Welt verändern, das
ist alles. Da liegt etwas Verkrampftes darin, die frohe Botschaft
ist, so verstanden, entsetzlich unfroh, oder dann von einer heilsarmeehaften
erzwungenen Fröhlichkeit. Ich wurde den Gedanken nicht los,
dass die Verfasserin eine schrecklich unattraktive Frau sein muss.
Obschon intelligent und alles, was man will. Aber irgendwie fehlt
mir im ganzen Protestantismus etwas, ohne das ich mir einen humanen
Glauben nicht vorstellen kann. Man kann die Mystik, das Symbol,
den Kultus, mit einem Wort, die äusseren Form, einfach nicht
ganz entbehren, sonst bleibt die Sache letztlich doch ein unfroher
Moralismus, eine deutsche Innerlichkeit ... Dorothee Sölle
ist gegen die Askese. Gut. Aber eine Nachfolge Christi, die keinen
Stil hat, keine Gleichnisse, keine symbolischen Handlungen, nur
lautet guten Willen zur Weltveränderung, ist eben auch eine
schreckliche Askese; verglichen mit ihr ist ein Asket wie Franz
von Assisi geradezu ein Bonvivant.
|
| |
Matter hat nur einen kleinen Ausschnitt von Dorothee Sölles
Werk gekannt. Schade, dass sich die beiden nicht persönlich
kennengelernt haben. Ich nehme Matters Anregung mit, eine Nachfolge
Christi mit Stil anzustreben. Gerade sein Stil, seine kleine sprachachtsame
Form spricht mich sehr an.
|