|
Eine Transplantation ins Meer
Zum Evangelium am 27. Sonntag im Jahreskreis: Lk
17,5-6 (statt 5-10)
|
Kann man Bäume im Meer einpflanzen? Das Lukasevangelium tut
es. Warum?
Was in den Schriften geschrieben steht
"Wenn euer Glaube auch nur so gross wäre, wie ein Senfkorn,
würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deiner
Wurzeln aus dem Boden und pflanz dich ins Meer! Und er würde
euch gehorchen" (Lk 17,6). Vielen von uns ist das Bildwort
aus Mt 17,20 vertrauter: "Wenn euer Glaube auch nur so gross
ist, wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück
von hier nach dort!, und er wird wegrücken." Im Markusevangelium
heisst es: "Wenn jemand zu diesem Berg sagt: hebe dich empor,
und stürz dich ins Meer!, und wenn er in seinem Herzen nicht
zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dann wird
es geschehen" (Mk 11,23). Bei Markus steht diese Aussage ebenfalls
im Kontext der Begegnung mit einem (Feigen-)Baum, einem, der bis
zu den Wurzeln verdorrt ist (Mk 11,20). Die Bildrede vom "Berge
ausreissen" ist sprichwörtlich geworden.
Lukas spricht nicht von einem Berg, sondern von einem Baum, der
seinen Ort wechselt. Wie bei Markus findet er seinen neuen Ort im
Meer, wird aber nicht gestürzt, sondern neu eingepflanzt. Besondere
Aufmerksamkeit gilt dabei den Wurzeln ("samt deiner Wurzeln"),
die das Weiterleben am neuen Ort ermöglichen. Die Vulgata übersetzt
"eradicare et transplantare in mare". Der Vorgang ist
radikal und zugleich eine lebenserhaltende Transplantation.
Es gibt auch die Vorstellung vom Entwurzeln eines Berges, die im
rabbinischen Judentum sprichwörtlich geworden ist. Wer im Lehrhaus
Berge entwurzelte und sie aneinander verrieb, verstand es, alle
Schwierigkeiten bei der Auslegung eines Bibeltextes durch Scharfsinn
zu beseitigen. Der "Bergentwurzler" wurde geradezu zu
einem bestimmten Gelehrtentypus, nämlich einem, der scharfsinnig
zu disputieren verstand. Ihm gegenüber stand ein anderer Typ,
der über die umfassende Kenntnis der überlieferten Tradition
verfügte, aber nicht so scharfsinnig im Streit war. Diesen
Typ nannte man "Sinai", nach der Vorstellung, dass nicht
nur die Tora, sondern auch die gesamte Auslegungstradition dem Mose
bereits am Sinai offenbart worden war. Die rabbinische Tradition
hält beide Typen für wichtig.
Auch das Entwurzeln eines Baumes spielt hier eine Rolle. Bei einem
Streit zwischen Rabbinen befahl Rabbi Eliezer - zur Untermauerung
seiner Position - einem Johannisbrotbaum, sich mit seinen Wurzeln
aus dem Erdreich loszureissen. Nach dem Talmud sagte er: "Wenn
die Halakha (die gesetzliche Bestimmung) so ist, wie ich sage, so
möge dieser Johannisbrotbaum Beweis sein. Da wurde der J[ohannisbrotbaum]
100 Ellen weit von seinem Standort ausgerissen; einige sagen 400
Ellen weit." (Traktat Baba Mecia 59b. zitiert nach Strack/Billerbeck
I, S. 127). Rabbi Eliezer kann sich trotz dieser wunderbaren Unterstützung
nicht durchsetzen. Die anderen Rabbinen argumentieren: "Man
bringt keinen Beweis von einem Johannisbrotbaum".
Das Entwurzeln von Bergen im übertragenen Sinn gilt also als
eine wirksame Form der Toraauslegung, das "reale" Entwurzeln
von Bäumen als Ersatz für Argumente nicht. Ist die Rede
vom eradicare et transplantare des Baumes in Lk 17 auch im übertragenen
Sinn als Form der Toraauslegung zu verstehen? Transportiert die
Vorstellung von einem Baum, der mit seinen Wurzeln ins Meer gepflanzt
wird, eine Botschaft, die im Bild vom Berg nicht enthalten ist?
Mit Lukas im Gespräch
Von welchem Baum im Lukasevangelium die Rede ist, ist nicht eindeutig.
Der griechische Ausdruck sykaminos in Lk 17,6 meint den Maulbeerbaum,
einen Verwandten der Feigenbäume. In der Septuaginta bezeichnet
der Ausdruck aber oftmals den Maulbeerfeigenbaum, der griechisch
sykomorea (dt. Sykomore) heissen müsste. Beide Baumarten haben
allerdings vieles gemeinsam. Sie waren aufgrund der Haltbarkeit
ihres Holzes in biblischer Zeit begehrtes Bauholz und - das ist
hier von entscheidender Bedeutung - sie sind aufgrund ihrer tiefen
und starken Wurzeln nur sehr schwer auszureissen. Das verbindet
sie übrigens mit dem Johannisbrotbaum. Entsprechend müssen
Johannisbrot- und Maulbeer(feigen)bäume nach der rabbinischen
Tradition doppelt so weit vom Brunnen des Nachbarn entfernt gehalten
werden wie andere Bäume, damit ihre Wurzeln den Brunnen nicht
gefährden. Ausserdem heisst es, dass ihre Wurzeln unendlich
tief in die Erde eindringen. Die Rabbinen haben sich deswegen gefragt,
woher die tiefen Wurzeln denn Feuchtigkeit beziehen, da das Regenwasser
oftmals gar nicht so tief dringt. Die Antwort von Rabbi Chanina
mit Bezug auf Jes 27,3: Alle dreissig Tage steigt einmal die Urtiefe
auf und tränkt sie. Nach einer anderen Tradition reichen die
Wurzeln der Bäume sogar bis zur Urtiefe hinab (nach Strack/Billerbeck
II, 234).
Der Baum, der mit seinen Wurzeln die Verbindung zur Urtiefe herstellt,
sich mit seinem Stamm in der Welt der Menschen befindet und mit
seiner Krone bis in den Himmel reicht, ist nach Vorstellung der
Bibel (und vieler anderer Kulturen) der Weltenbaum. Die Bäume
in der Mitte des Gartens Eden in Gen 2 und im Zentrum des messianischen
Jerusalems in Offenbarung 22 sind davon geprägt. Gen 2 und
Offb 22 bilden in der christlichen Bibel gleichsam einen Rahmen
aus dem Holz des Weltenbaumes um die Bibel. In Lk 17,6 ist der Weltenbaum
ebenfalls sichtbar. Er wird ins Meer gepflanzt. Das Motiv des Meeres
übernimmt Lukas aus dem Markusevangelium. Bei Markus symbolisiert
es die feindlichen und lebensbedrohlichen Chaosmächte. An den
Ufern des Sees Genezaret, des galiläischen Meeres, fanden während
des Vormarsches der römischen Truppen im Jüdisch-Römischen
Krieg Kampfhandlungen statt. Tausende sind in den Wassern des Meeres
ertrunken. Verkörpert in den römischen Truppen haben gleichsam
die Chaosmächte, die Gott in der Schöpfung geordnet und
zum Teil des Lebensraumes gemacht hatte, den Sieg davon getragen.
Es ist fraglich geworden, ob das Leben als Volk Gottes und nach
den Weisungen Gottes eine Zukunft hat. Dem Bild vom entwurzelten
und ins Meer stürzenden Berg in Mk 11,22 spürt man das
verzweifelte Ringen um den Glauben an diese Zukunft ab.
Das Lukasevangelium steht an einem anderen historischen Ort. Auch
hier ist die Rede von Entwurzelung. Auch hier hat sich ein Bruch
ereignet. Aber zugleich ist die Überzeugung da, dass die Wurzeln
lebendig geblieben sind und der Baum einen neuen Ort zum Leben gefunden
hat. Er wurzelt - ausgerechnet - im Meer, im Bereich der Chaosmächte,
mitten im römischen Imperium, unter Heidinnen und Heiden. Dort
wächst der Weltenbaum und hält die Schöpfung zusammen.
Dort - radikal neu und doch tief verwurzelt - wird die Tora ausgelegt
als Weisung zum Leben in Fülle. Vielleicht ist es kein Zufall,
dass Lukas ab 17,5 die Apostoloi, die Ausgesandten, ins Spiel bringt.
Vorher in 17,1 war die Rede von mathätais, Schülerinnen
und Schülern, gewesen. Es gilt Tora zu lernen, aber auch Tora
weiter zu geben. Das ist das Mehr an Glauben, um das in 17,5 gebeten
wird.
|