|
|
Karsamstags- Theologie
|
Alles was entsteht, entsteht
in Zeit und Raum. Ich entwickle meine Theologie zu Beginn des 3.
Jahrtausends in der Schweiz. Ich entwickle sie ausserdem in einem
ganz besonderen Zeit-Raum.
|
| Menschliche
Erfahrungen in christlicher Sprache ausgedrückt |
Ihre Zeit ist der Karsamstag.
Dieser Tag liegt in der christlichen Einteilung des Jahres zwischen
dem Karfreitag und dem Ostersonntag. Der Karsamstag bildet einen
Zwischenraum zwischen den Erfahrungen, die an den beiden anderen
Tagen verdichtet Ausdruck finden. Es sind Erfahrungen, die alle
Menschen machen und für die wir Christinnen und Christen spezifische
Ausdrucksformen entwickelt haben. Der Karfreitag steht für Erfahrungen
der Ungerechtigkeit, des Leides, der Einsamkeit, des Abschieds,
der Grenzen unseres Handelns, letztlich für das Rätsel des Todes.
Der Ostersonntag steht für Erfahrungen des Aufbruchs, der Befreiung
aus Unterdrückung und Entfremdung, des Glücks, von Liebe und Lebensfreude
und der Hoffnung auf die Fülle des Lebens bis weit über den Tod
hinaus.
Martin
Buber spricht von der "Geschichte einer Welt, die zwischen
Schöpfung und Erlösung schwingt." Welches sind Ihre
Bilder, Ihre Worte für solche Erfahrungen?
|
|
Spannung aushalten
|
Der Karsamstag steht
in der Spannung zwischen diesen Erfahrungen. Es ist die "Spannung
zwischen den Erinnerungen an Grauenhaftes, das nicht verdrängt werden
kann, und der Hoffnung auf eine Erfüllung, die nur erahnbar ist"
(Zitat von Karl-Josef Kuschel siehe unten). Der Karsamstag hält
diese Spannung aus und bietet mir Raum, um die Frage nach dem Sinn
meines Lebens zu stellen, um zur Besinnung zu kommen; er ist ein
Zeitraum des Nachdenkens, von Gesprächen, ein Zeitraum der Erwartung
und des Träumens, ein stiller, aber schöpferischer Raum. Einer Kollegin
verdanke ich wunderschöne Gedanken zum Karsamstag.
Auch Bertolt Brecht hat über den Karsamstag eine Legende
geschrieben.
|
| Eine Werkstatt
um Theologisches zu schaffen |
Am Karsamstag, im Erfahrungsraum,
den er eröffnet, möchte ich Theologie treiben, möchte ich schöpferisch
und produktiv sein. Und ich möchte meinen Raum auch Ihnen öffnen,
meine Werkstatt für Sie offenhalten. Nehmen Sie sich darin Zeit
und Raum. Ich lade Sie ganz herzlich dazu ein. Dass der Karsamstag
ein produktiver Tag sein kann, auf diesen Gedanken hat mich der
Theologe Karl-Josef Kuschel gebracht. In seinem Buch "Im Spiegel
der Dichter. Mensch, Gott und Jesus in der Literatur des 20. Jahrhunderts"
(Patmosverlag 1997) nimmt er einen Namen auf, den der Literaturwissenschaftler
George Steiner für Künstlerinnen und Künstler gefunden hat: Karsamstags-Existenzen.
Kuschel meint, am Karsamstag werden nicht nur Kunstwerke, sondern
wird auch Theologie geschaffen. Das hat mich angeregt, meine Homepage
Karsamstags-Theologie zu nennen.
|
| Auch Papst
Sixtus VI. orientiert sich an der liturgischen Stille des Karsamstags |
Es hat mich sehr gefreut
zu lesen, dass auch Adolf Holl vom Karsamstag fasziniert ist. In
seinem Buch "Falls ich Papst werden sollte" (List Verlag
1998) spielt er mit spürbarer Lust das Szenario seiner Wahl
zum Papst durch und wählt den Namen Sistosesto, "was gut
über die Zunge geht". Holl, dem 1973 die kirchliche Lehrerlaubnis
entzogen und der 1976 als Priester suspendiert wurde, wäre
ein wunderbarer Papst. Bei seinem Antrittsbesuch beim italienischen
Staatspräsidenten erklärt sein Pressesprecher: "Die
Theologie Seiner Heiligkeit orientiert sich an der liturgischen
Stille des Karsamstags." "Und was heisst das genau?"
fragt eine Journalistin. "Dass eine der heutigen Zeit entsprechende
Spiritualität die Mitte zwischen Karfreitag und Ostersonntag
zu halten hat." (Seite 47) Auch nach Formen dieser Karsamstags-Spiritualität
möchte ich gerne suchen. Eine Spiritualität schwebt mir
vor, die nicht vor dem kritischen Denken flieht, sondern es ergänzt.
|
| Gott ist
eine schlechte Antwort, aber eine gute Frage. |
Theologie ist für mich
die kritische Rede von der Wirklichkeit, die Menschen mit dem Namen
"Gott" bezeichnen. Am Karsamstag steht hinter "Gott" ein Fragezeichen.
Eine Grundüberzeugung meiner Theologie lautet: Gott ist eine schlechte
Antwort, aber eine gute Frage. Eine gute Frage ist für mich eine,
die mein Leben berührt, die mich umtreibt, mich an vorschnellen
Antworten zweifeln lässt, mich mit anderen Fragenden in Kontakt
bringt, zum Suchen und Handeln motiviert. Meine Theologie lebt von
der Spannung guter, offener Fragen, vom Zweifel, von der Suche...
|
 |
Wer sucht, macht sich
auf den Weg. Karsamstags-Theologie entsteht unterwegs, an einem
Zwischenhalt. Der Kreuzgang von San Pedro de la Rua, den Sie auf
dem Foto sehen, liegt an einem Weg, am Camino de Santiago, dem Wegnetz,
das sich durch Europa zieht. Er war früher Teil eines Klosters,
ein Ort, an dem christliche Mönche gegangen sind, zwischen den Zeiten
des Chorgesanges und der Arbeit, ein Ort, an dem sie gebetet, gelesen,
geredet und zur Ruhe gefunden haben. Heute stehen das Kloster (vom
lat. claustrum = Riegel) und sein Kreuzgang offen. Heute kommen
Passantinnen und Passanten vorbei, Pilger auf dem Jakobsweg. Sie
laufen auf den alten Wegen und machen Halt an Orten, die ihnen Raum
bieten. Sie begegnen Traditionen, lassen sich anregen von dem, was
sie brauchen können und füllen die Räume mit ihrem Leben. Auch ich
bin als Pilger auf dem Jakobsweg durch Estella gekommen und habe
im Kloster San Pedro de la Rua Halt gemacht.
Ich möchte weiter unterwegs
sein in der jüdisch-christlichen und religiösen Tradition.
|
|