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Josef Holub, Der rote Nepomuk, Beltz und Gelberg 1994 |
Der rote Nepomuk ist ein Buch, das eine wunderschöne Freundschaft, ja eine tiefe Liebe zwischen 2 Jungs beschreibt. Nein, "beschreiben" stimmt nicht, ist zuweit weg, miterleben lässt, mit Körper, Geist und Seele, das stimmt schon eher. Es ist auch ein Buch der Zeitgeschichte, es erzählt vom Leben in der Tschechoslowakei, genauer in Böhmen, kurz vor dem Einmarsch der Nazis. Es ist aber auch - und als solches stelle ich es hier vor, ein Buch, das von der Lust am Katholischsein erzählt, von einem alltäglichen magischen Volkskatholizismus, der ernsthaft und tief, aber augenzwinkernd gelebt wird. Ich möchte Ihnen einfach einige meiner Lieblingsstellen aus diesem Buch genussvoll zitieren. |
| Die schiere Lust katholisch zu sein... | Die Geschichte beginnt am Ende des Winters mit der dramatischen
Szene beim "Eisschinakeln". Josef und sein Schulkollege, der Lutsch
Charwat, haben sich einen bösen Streich mit dem unbekannten Tschechenbuben
erlaubt und ihn mit Gewalt auf eine treibende Eisscholle gesetzt. Als er
aufs Wehr zutreibt, packt sie die Panik. "Wenn der Tschech über
das Wehr stürzt, ist er hin!". Es kann nur noch ein Wunder helfen
oder ein Heiliger. Dem Lutsch fällt der Richtige ein: "Der Nepomuk!
sagt er. Der heilige Nepomuk! Wenn ihn wer rauszieht, dann der. Der kennt
sich aus im Wasser. Er war selber drin und er weiss, wie das Versaufen ist.
Das sagt der Charwat, wo seine ganze Sippschaft nicht in die Kirche geht.
Ich sage, ich stifte die grüne und die rote Kaiserfranzjosefmarke für
die Heidenkinder und laufe barfuss bis zur Brücke zurück. Der
Lutsch verspricht Barfusslaufen und einen Regenwurm. Den will er, ohne dafür
Geld zu nehmen und ihn durchzubeissen, aufessen. Und weil das für ihn
nicht besonders viel ist, will er sich in der Schule einen ganzen Vormittag
lang auf einen Reisnagel setzen. Dann kommt die Biegung und das Wehr. Egal, ob der Nepomuk oder die Briefmarken für die Heidenkinder oder etwas anderes schuld sind, vor dem Wehr haben sich ein paar Eisschollen gestaut. Sie bremsen sich gegenseitig ab und bleiben etliche Sekunden hängen. Das Wunder ist geschehen. Der Tschechenbub springt von Eisplatte zu Eisplatte, und bevor diese in die Tiefe stürzen, steht er am Ufer." (Seite 20-21) |
| Ostern ist der Höhepunkt der Jahres und Beichten setzt ein gutes Gedächtnis und detaillierte Kenntnisse im Katechismus und in biblischer Geschichte voraus. | "Am Karsamstag gehen alle Menschen zum Heiligen Grab. Das ist in der Seitenkapelle der Pfarrkiche nachgebaut und dunkelrot beleuchtet. Der Stein vor der Grabeshöhle ist aus Pappendeckel, und er wird am frühen Ostersonntagmorgen vom Mesner Chaloupek wegen der Auferstehung weggewälzt ... Man müsste noch viel über die Prozession und das gute Essen an Ostern sagen und dass man Ostern auch zum Beichten gehen muss. Ich habe so ziemlich alle Sünden ausser Messeversäumnis, Totschlag und ein fremdes Weib begehrt .. Meine schlimmste Sünde ist das Stehlen. Es dauert immer lange, bis ich alles aufgezählt habe: beim Schofferbauern Kornäpfel, beim Gärtner Pschribek Radieschen, Ribiseln und Ringolo, im Pfarrhausgarten Stachelbeeren und Zwetschgen. Wenn ich die Stachelbeeren und Zwetschgen im Pfarrhausgarten beichte, schnauft der Herr Deckant immer ganz zornig ... Ich habe lange überlegt, ob der Tschechenbub sündhaft behandelt worden ist. Bestimmt ist es eine Todsünde, aber im ganzen Katechismus gibt es derartiges nicht, und auch die biblische Geschichte hat niemanden, der so was auf dem Kerbholz hat. Am ehesten passt noch die Geschichte von Kain und Abel, aber der Tschech und ich sind wiederum keine Brüder und deswegen kommt ein Brudermord nicht in Frage. Ich kann also trotz starkem Herzklopfen den Herrn Dechant mit meinem Verbrechen in Ruhe lassen." (Seite 28-29) |
| Ein Gebet nach der Versöhnung |
Josef und der Tschechenbub treffen sich am Ostermontag in Emmaus wieder ("Emmaus liegt weiter im Böhmischen drinnen und heisst nur am Ostermontag so. Sonst heisst es ganz gewöhnlich Putzeried"). Josef hat grosse Angst davor, dass dieser jetzt die Gendarmen holt, oder eine Bande andrer Tschechen, die ihn verprügeln oder dass er gedemütigt wird, wie es wohl der Lutsch Charwat machen würde. Aber der Tschechenbub besiegt ihn einfach in einem zwar brutalen, aber fairen Kampf - wunderschön die Szene, als sie nach und nach ihre schöne österliche Kleidung ausziehen, weil sie nicht wollen, dass der andere mit den Eltern Ärger bekommt, denn darum geht es nicht - und nach dem Kampf sind sie quitt. Josef geht zu seinen Eltern zurück. Die "warten schon vor der Kirche. So komme ich um einen längeren Kirchenbesuch herum, und auch der Blick meiner Mutter über meine neue österliche Gewandung scheint zufriedenstellend. Ich bete das anlässlich einer Wallfahrt dringend gebotene Avemaria und schicke noch ein zw.eites hinterher, weil das erste in der Geschwindigkeit garantiert nicht anerkannt worden ist. Das zweite hat jedoch einige Teile, die fast andächtig sind." (Seite 35) |
| Eine Taufe, die nach Apfelstrudel mit ganz viel Zimt und Zucker
schmeckt |
Jetzt beginn die Freundschaft der beiden. Sie erfüllt
Josef mit so grosser Freude und Glück, dass er Gottes Lob und den Preis
der Schöpfung singt aus übervollem Herzen. "Auf einmal ist er da. Der Tschechenbub ... Mir pumpert das Herz, ganz von selber und nicht, weil ich Angst habe. Mehr wegen dem Zufall, dass der liebe Gott es so hingekriegt hat, dass wir zusammengekommen sind. Einfach so, wo die Welt doch so riesengross ist, und wir sind winzig klein." (Seite 56) "Wir machen einen Wettlauf über die Wiesen, und keiner gibt einen Zentimeter her. Wir fliegen ganz leicht über das Gras, bis uns die Luft ausgeht, und das ist erst kurz vor Chudiwa. Dann liegen wir im warmen Ufersand, dass die Lunge auskühlt. Da sagt der Tschechenbub zum ersten Mal etwas. Er sagt, dass er Jirschi heisst. Ich denke, das ist ein schöner Name, und er passt auch zu ihm, und wenn er anders getauft worden wäre, hätte man sicher einen Fehler gemacht. Ich sage, dass ich der Josef bin, ganz einfach der Josef. Wie mein Vater, mein Grossvater, mein Urgrossvater und so weiter. Er schaut eine Weile, dann meint er, du bist der Pepitschek, und das sagt er so weich, dass ich an einen gezogenen Apfelstrudel mit viel Zimt und Zucker denken muss. Dann springen wir in den Fluss und balgen mit dem Wasser und mit uns. Wir legen uns in die Wiese. Sie ist schön warm, und die Sonne leckt uns das Wasser von der Haut. Das kitzelt und beisst sanft wie eine brave Brennessel. Zwei Kohlweisslinge wackeln hintereinander her, und eine Lerche hängt direkt über uns im Himmel. Die Welt ist unendlich durchsichtig und wieder auch nicht. Mann weiss nicht, woe sie aufhört, ob sie überhaupt aufhört, und wenn sie aufhört, weiss kein Mensch, was dahinter kommt. Ist das ein Tag. Ein Allelujatag! (Seite 58) |
| Seit ich Pepitschek kenne, weiss ich was Demut heisst: sich von der Freude streicheln lassen... | "Gott ist gross. Weil er alles auf der Welt so schön gemacht hat. Man bedenke, was allein ein Gänseblümchen für Arbeit macht oder ein Buntspecht oder der Schnittlauch, bis er schnittlauchig schmeckt. Und es gibt Blumen und Viecher, ein ganzes Lexikon voll, und es gehört unheimlich viel Phantasie im Kopf dazu, mit immer neuen Ideen, die vielen Sorten zu erfinden. Wie schön Gott den Jirschi gemacht hat. Das muss ein ganz besonderer Tag gewesen sein. Jeder Zentimeter ist genau richtig, in der Länge und Breite und überhaupt. Es ist gewiss keine Gotteslästerung, wenn ich den Jirschi schöne finde als den Himmelsknaben in der Kirche in Diwischowitz. Gott ist gross, und er hat sich bei dem Jirschi besonders angestrengt. Ich kann nichts dafür, dass mich immer eine Freude streichelt, wenn der Tschechenbub da ist." (Seite 70) |
| Eine Gegend heiligsprechen? Jirschi und Pepitschek zuliebe nicht! |
"Wahrscheinlich sind wir im Paradies. Wo sollte es sonst auch sein?
Die Menschen und der Herr Dechant wissen es nur nicht, sonst hätte
der Papst die Gegen schon heilig gesprochen." (Seite 71) |
| Ausserhalb des Paradieses ist die Kirche | "In der Kirche gibt es eine Männer- und eine Frauenseite. Dort sitzen die Frauen. Ausser ganz vorne. Da stehen die kleinen Schulkinder. Die dürfen nicht sitzen. Erst wenn sie in die Bürgerschule gehen, sitzen sie auch, aber auf der Treppe zum Chor, wenn Platz ist. Weil man einige zum Orgeltreten braucht. Hier sind auch die Männer und hinten bei der Tür, damit sie zwischendurch hinauskönnen, um eine Pfeife zu rauchen oder wenn die Predigt zu lange dauert. Der Herr Dechant predigt schon eine halbe Stunde, und er findet das Amen nicht ... Der Weihrauch, der noch vom Gloria übriggeblieben ist, kriecht zum Jüngsten Gericht in die Kuppel hinauf. Dort steht eine Weile, wie eine heilige Wolke, sinkt auf die Vierzehnnothelfer ab und zieht dann am Sankt Florian vorbei zur offenen Tür hinaus. Zwischen den Linden und Akazien löst er sich auf." (Seite 72-73) "Der Herr Dechant predigt jeden Sonntag, die Leute sollen sich vertragen. Das ist soviel wert wie eine Predigt, in der er verlangt, man darf keine Hosenknöpfe in den Klingelbeutel werfen." (Seite 85) |
| Die Vertreibung aus dem Paradies | Und weil es so ist, hört die Geschichte von Jirschi und Pepitschek auch nicht im Paradies auf. Sie werden daraus vertrieben. Durch das gestohlene Maschinengewehr und das Verschwinden der Nepomukfigur aus plattgewaltzem Eisen vom schiefen Steg an der Strasse nach Hadruwa, durch ihre Entdeckung der Diebe - böhmische Anhänger der Nazis - die nachts damit einen Menschen erschiessen und dadurch, dass die Leiche im Fluss im Paradies versenkt wird. Alles scheint wieder gut zu werden, als sie entdecken, dass die Leiche kein Mensch, sondern ein Heiliger ist, der Nepomuk aus platt gewalztem Eisen. |
| Heiligenverehrung ganz praktisch oder wie der Nepomuk rot wurde | "Der Heilige Nepomuk steht jetzt neben unserer Hütte auf der Insel. Das ganze Gold (goldfarbene Steine aus dem Fluss) ist um seine Füsse geschichtet. Er soll merken, was er uns wert ist, und dass er nicht umfällt. Die Löcher in seinem Bauch haben wir mit Lehm zugeschmiert und mit Schmirgelpapier den Rost von ihm heruntergemacht. Der Heiligenschein ist leicht lädiert; beim Zurückbiegen ist er halb abgebrochen. Er war schon mehr Rost als Draht. Der Jirschi hat zu Hause eine rote Ölfarbe gefunden. Seine Babitschka hat gemeint, die Farbe eignet sich gut für rostiges Blech. Damit haben wir den heiligen Nepomuk auf beiden Seiten angestrichen, und jetzt ist er schöner als vorher. Nur eben anders. Bestimtm gibt es keinen so sauberen in der ganzen Gegend, einen roten schon gar nicht. Dass der Heilige selber recht froh ist über seine neue Schönheit, kann jeder leicht daran erkennen, dass sich schon zweimal ein Schmetterling auf seinen Kopf gesetzt hat. Wenn das kein gutes Zeichen ist." (Seite 114) |
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Aber dann sind erstens die Ferien zu Ende und der Hitler kommt. "Es
gibt Dinge" sagt der Pepitschek. "die entwickeln sich einfach
von selbst, wie der dreissigjährige Krieg, der Tod des Winnetou oder
das Schulzeugnis." |