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Die Opferung Abrahams

Gen 22

Innert Kürze entführen zwei Väter in der Schweiz ihre Kinder. In einem Fall steht zu befürchten, dass er sie umgebracht hat. Abraham macht sich mit seinem Sohn auf den Weg, um ihn zu opfern. Eine erschreckende Parallelität. Und eine Geschichte, die einen anderen Ausgang erzählt.
Innerhalb kurzer Zeit haben in der Schweiz zwei Väter ihre eigenen Kinder entführt und ins Ausland gebracht, einer hat seine beiden Töchter vermutlich sogar umgebracht. Hintergrund war jeweils eine Beziehungskrise.
Die Bibel erzählt in Genesis 22 die Geschichte des Vaters Abraham, der seinen eigenen Sohn mitnimmt, um ihn am Ende einer Reise umzubringen - als Opfer für seinen Gott, der genau das von ihm fordert. Harald Schweizer deutet die biblische Geschichte nach intensiver und ganz genauer Textlektüre auf eine Weise, in der die biblische Geschichte das aktuelle Geschehen erschreckend genau erhellt und gleichzeitig Interventions- und Veränderungsmöglichkeiten aufzeigt (Harald Schweizer, Fantastische "Opferung Isaaks". Textanalyse in Theorie und Praxis, Pabst Verlag Lengerich 2006).
Genesis 22 ist keine historische Erzählung, sondern eine Beschreibung innerer Prozesse in Menschen. Die einzelnen Figuren im Text stehen für innere Anteile einer einzelnen Person. Am Anfang der Geschichte steht ein Mann, der keinen Zugang zu seinen eigenen Gefühlen hat, der nicht mit anderen kommuniziert und nicht in Beziehung mit ihnen geht. Aus dieser leblosen Lage sieht er nur einen Ausweg, den eine Stimme ihm eingibt, der er die höchste Wertigkeit (Gott und im Hebräischen mit Artikel "der Gott", nicht mein Gott, das wäre ja eine Beziehung, sondern abstrakter) zuspricht: diesem höchsten, abstrakten Wert etwas opfern, nein, mehr als etwas: alles, die eigene lebendige Zukunft. Die Zukunft ist nur noch als Destruktion zu höheren Zwecken denkbar.
Dieser Mann, Abraham, macht sich auf, seinen Sohn zu opfern. Ein Psychologe, der zu den beiden aktuellen Fällen der Väter befragt wurde, die ihre Kinder entführten, sagte, dass diese Männer ihre Kinder wohl nur als Verlängerung ihres eigenen Ichs betrachten, nicht als eigenständige Persönlicheiten. So gesehen verschwimmt die Grenze zwischen dem Sohn als literarischem Ausdruck eines innerpsychischen Anteils des Vaters und dem Sohn als eigenständigem Menschen.
Jedenfalls. Abraham macht sich daran, seinen Sohn zu opfern und zwar emotionslos, gradlinig und effektiv. Ist der Entscheid einmal gefallen, kann der Mann seine Stärken voll entfalten.
So weit, so schlecht und so weit, so genau realisiert von den beiden erwähnten Vätern (und von vielen anderen Männern, die zu Gewalttätern werden gegenüber Menschen aus ihrem nächsten Umfeld).
Die biblische Geschichte endet aber nicht mit einem Mord - wenn auch nicht viel fehlt. Warum nicht? Was geschieht, damit der Mann von seiner Destruktivität abkommt? Etliche Kleinigkeiten, die zusammen ausreichen. Sie haben mit Kommuniation und Beziehung zu tun.
In Gen 22,5 verändert sich Abrahams Rede: aus "der Knabe und ich" wird "wir".
Abraham verwickelt sich im Gespräch mit anderen in Widersprüche: in Vers 2 soll er "opfern", in Vers 5 wollen sie "anbeten". Verwickelt er sich in Widersprüche oder macht seine Sprache seine inneren Widersprüche sichtbar?
In Vers 7 spricht sein Sohn Isaak, ihn explizit als "mein Vater" an und zwingt ihn beinahe dazu zu antworten. "Ja, mein Sohn". Ausserdem benennt Isaak ganz konkret die Gegenstände, die sie dabei haben: "Siehe: das Feuer und das Holz". Über diese realen Gegenstände können sie sich verständigen und auf dieser Verständigung baut die Frage auf: "aber wo ist das Tier zum Opfer?"
Daraufhin sagt Abraham: "Gott wird sich ein Tier ... ersehen". Man kann diesen Satz so verstehen, dass Abraham damit die Verantwortung für sein tun abgibt, man kann ihn aber auch so verstehen, dass er die Verantwortung damit an die Stelle gibt, wo sie wirklich hingehört und damit entsteht um ihn ein Raum der Freiheit, sich dazu zu verhalten.
In Vers 10 - dem Moment der höchsten Dramatik - ist die Rede vom "schlachten" des Sohnes. Nicht mehr vom opfern. Jetzt ist jede Verschleierung und jede Rationalisierung gefallen. Es liegt jetzt klar vor Augen, um was es eigentlich geht.
Da greift ein Engel ein. Er kommt nicht aus heiterem Himmel. Sein Eingreifen hat sich in all diesen Veränderungen rund um Abraham abgezeichnet und angebahnt. Es ist auch nicht der Engel DES Gottes vom Anfang. Es ist der Engel JHWHs. Und das Tetragramm JHWH das drückt eine Beziehung aus: Es ist der geheimnisvolle Namen Gottes in Beziehung ("Ich bin da").
Abraham hat angefangen in Beziehung zu gehen -zu sich und zu "anderen". Bruchstückhaft, mit kleinen Schritten, aber immerhin. Das setzte bei konkreten Dingen an und entwickelte sich weiter. Ein innerer Prozess ist entstanden. Dieser innere Prozess wird im Text gewürdigt. Der Engel spricht: "Nun weiss ich, dass du ein Gott-Fürchtender bist" (Vers 12). Kein emotionslos Gehorchender, sondern einer, der über Gefühle mit Gott in Beziehung steht und um diese Beziehung und um andere Beziehungen ringt.
Jetzt schaut Abraham auf (Vers 13) und sieht einen Widder, der sich im Gebüsch verfangen hat. Er sieht sich selbst, wie er sich verfangen hat im Gebüsch seiner Gefühls- und Beziehungslosigkeit, seinem blinden Gehorsam abstrakten, destruktiven Werten gegenüber.
Dieser Widder wird geopfert. Es wird etwas/jemand geopfert in dieser Geschichte. Es geht aber nicht um die Ablösung von Menschenopfern durch Tieropfer. Geopfert wird der Abraham vom Anfang der Geschichte. Damit ein neuer Abraham leben kann. Ein Abraham, der seine lebendigen, zuunftsträchtigen Seiten in sich integriert hat. Im Text tragen diese Seiten den Namen Isaak. Entsprechend kann dann Isaak aus der Geschichte verschwinden. Er ist im neuen Abraham integriert, der allein zurückkehrt und sofort in Beziehung zu seinen Knechten geht. "sie zogen zusammen nach Berscheba".
Jetzt hat der Ort, an dem Abraham lebt, einen Namen. Am Anfang des Textes hing er völlig in der Luft - auch ohne Beziehung zu dem Ort, an dem er lebte. Jetzt setzt er seine Erfahrungen auf dem Berg in den Alltag in der Ebene um und beginnt zu "wohnen" (Vers 19).
Dem einen Vater, der seine Kinder entführt hat, ist das nicht gelungen. Er hat sich selbst umgebracht. Möge es dem anderen und vielen anderen Vätern gelingen.