Hans-Christian Kirsch,
Martin Buber. Biografie eines deutschen Juden, Herder Spektrum 2001

"Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch". Dieser Satz von Martin Buber beschreibt, einen Grossteil meiner Faszination von diesem jüdischen Gelehrten. Lehren und Lernen im Gespräch, in einem offenen Prozess, in dem die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner sich ernst nehmen und würdigen. So möchte ich auch gerne lehren und lernen. Deswegen soll dieser Satz, den auch Hans-Christian Kirsch in seiner Biografie von Martin Buber ganz zu Beginn zitiert, auch meine Vorstellung dieses Buches einleiten. Gespräch und Dialog machen das Zentrum von Bubers Leben und Werk aus.

Biografische Notizen Martin Buber lebte von 1878 bis 1965. Er wurde in Wien geboren, lebte ab 1916 in Heppenheim in der Nähe von Frankfurt/Main als Lehrer, Übersetzer, Herausgeber, Lektür, von und mit Büchern, emigrierte 1939 nach Israel, wo er eine Professur innehatte.Hans Christian Kirsch zeichnet alle diese Lebensphasen Martin Bubers nach. Ich möchte mich hier auf einen einzigen Einblick beschränken, in denen ich mehr von meiner Faszination erzähle.
Die Bibel-Übersetzung Buber übersetzte gemeinsam mit seinem Freund Franz Rosenzweig die hebräische Bibel ins Deutsche. Als "Die Buber-Übersetzung" kannte ich dieses vierbändige Werk. Ich wusste wenig von der intensiven freundschaftlichen und streitbaren Zusammenarbeit von Buber und Rosenzweig. Kirsch schreibt: "Die Zusammenarbeit der beiden Männer spielt sich gewöhnlich so ab, dass Buber Seiten seiner Textübersetzung an Rosenzweig schickt und Rosenzweig mit Kommentaren, Kritik und Änderungsvorschlägen reagiert. Sofern es Stellen gibt, bei denen grosse Divergenzen bestehen, versuchen sie diese jeden Mittwoch bei Bubers Besuchen in Frankfurt zu klären." (Kirsch Seite 119). Ich kann mir die mittwöchlichen Treffen der beiden richtiggehend vorstellen, wenn sie manchmal um die Bedeutung eines einzelnen Wortes streiten. Ihr Ziel ist es, das Hebräische der hebräischen Bibel auch in der deutschen Übersetzung les- und hörbar zu machen. Die Zusammenarbeit dauert 4 Jahre, bis zum Tod von Franz Rosenzweig 1929.
"Ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut" (Jesaja 52, 3) Rosenzweig war schwer krank. 1921 wurde bei ihm amytrophe Lateralösklerose diagnostiziert, eine Krankheit, die mit fortschreitender Störung der gesamten Motorik, also auch der Fähigkeit zu sprechen, einhergeht. Die Ärzte geben ihm noch ein Jahr zu leben, er macht 8 Jahre daraus. Ab 1926 kann er nicht mehr sprechen, er beteiligt sich an der Übersetzungsarbeit mittels einer speziell für ihn konstruierten Schreibmaschine. Er stirbt als die Übersetzung beim 53. Kapitel des Buches Jesaja angekommen ist.
Leidenschaft kennt keine Pausen Bubers Leidenschaft für diese Übersetzung dürfte für seine Umgebung nicht nur angenehm gewesen sein, wie die folgende Episode, die seine Enkeltochter berichtet, deutlich macht. Ich gestehe aber wie fasziniert ich bin von dieser leidenschaftlichen Beschäftigung bin, die keine Pausen kennt, von der Lust auf heftige Diskussionen um einzelne Worte.
"Jeden Sommer wanderten wir, entweder in den Schweizer Alpen oder in den Dolomiten. Hier war Buber ganz bei der Sache. Er studierte die Karten, entschied wo wir Rast machen sollten und gab stets die Richtung an. Aber wenn wir uns dann ausruhten, konnte er nicht dasitzen und die Aussicht bewundern oder sich an dem Proviant freuen, den wir mit uns führten. Er zog dann die Bibelübersetzung aus der einen Tasche und aus der anderen ein Hebräisch-Deutsches Wörterbuch. Dann konnte er inmitten der Pracht der Dolomitenlandschaft mit meiner Grossmutter eine lange Diskussion beginnen, welches Wort als Übersetzung für einen bestimmten Vers angemessen sei." (Kirsch 125)
Die Hebräische Bibel

Ich möchte einige Elemente aufzeigen, die Bubers Verständnis der Bibel und ihrer "hebräischen Weltsicht" ausmachen. Die Bibel ist für Buber gesprochenes Wort, dazu bestimmt, vorgelesen und vorgetragen zu werden. Das muss die Übersetzung zum Ausdruck bringen. Man muss sie sprechen und hören. Sie ist ein Sprechen. Deswegen ist auch die Rhythmik der Sprache und Texte von grosser Bedeutung.
In vielen biblischen Texten sind einzelne Textstellen aufeinander bezogen. Sie stehen sozusagen im Gespräch miteinander und dieses Gespräch kreist um bestimmte Leitwörter. Diese Leitwörter müssen deutlich gemacht werden, sie dürfen nicht durch vielfältige Übersetzungsvarianten verschwinden; Wiederholung dient der Verdeutlichung, der gegenseitigen Erläuterung. Die eigentliche Aussage steckt nicht in einem dieser Wörter oder Aussagen, sondern wird durch das Gespräch, durch die wiederkehrende Beschäftigung mit dem Thema angedeutet. Buber formuliert es so: "Die biblische Lehre trägt ihr Höchstes nicht vor, sondern lässt es sich auftun." Es gibt nicht die eine (dogmatisch) richtige Aussage, sondern es wird im Gespräch ein Raum zum Verstehen eröffnet.
Auf der anderen Seite ist es auch von Bedeutung die Verschiedenheit von Worten zu wahren. Das war vor allem Rosenstocks Beitrag. Ein Beispiel: die hebräischen Wörter zadak und schafat werden oft mit Recht und Gerechtigkeit, also mit dem gleichen Wortstamm übersetzt. Nur schafat stammt aber aus dem rechtlichen Kontext. Zadak dagegen steht mit zedaka - "Bewährung" - in Verbindung, also nicht mit Recht, sondern mit dem Wortstamm "wahr". Dies müsse die Übersetzung abbbilden. Eine Übersetzung wechselt den kulturellen Hintergrund eines Textes. Deswegen kann sie nicht Abbildung des Ursprungstextes sein, sondern muss manchmal auch Neuschöpfung von Worten beinhalten, um den ursprünglichen Sinn zu wahren. Das Wort qorban zum Beispiel, wird gewöhnlich mit Opfer übersetzt. "Opfer" hat im Deutschen den Charakter von Verzicht. Im Hebräischen steht im Mittelpunkt aber eine Beziehung, eine Überbrückung von Distanz durch qorban. Deswegen übersetzt Buber qorban mit "Nahung" oder Darnahung.

Den Text von der "Plage der Bekanntheit" erlösen Erst Simon sieht in Bubers und Rosenzweigs Übersetzung 3 Eigenschaften verwirklicht: das gesprochene Element,das sinnliche Element und die grösstmögliche Erhaltung der hebräischen Sprachform in einer fremden Sprache. Ausserdem sei der Text von der "Plage der Bekanntheit" erlöst (nach Kirsch, S. 125). Gerschom Scholem hat gegenüber jeder Übersetzung - darauf aufmerksam gemacht, dass nichts das Lernen des Hebräischen ersetzen kann, wenn es um den Zugang zur hebräischen Bibel geht. Scholem hat ausserdem vorgeschlagen vor jeder Übersetzung den Urtext auswendig zu lernen, um auch den Ton des Textes zu treffen. Solche Gedanken machen mich demütig bei meinen eigenen Arbeiten an und in der Bibel.
Politische Übersetzung Wie wir gesehen haben, ist auch Bubers Frau Paula an der Übersetzungsarbeit beteiligt. Das macht sie sensibel für die Sprache der Gegenwart. 1937 sitzt ein Gestapobeamter in einem Vortrag Bubers, ist beeindruckt und wünscht ihm zum Schluss: "Bleiben Sie gesund!" Buber erzählt dies seiner Frau, die den Satz folgendermassen übersetzt: "Gott gebe, dass wir Dich nicht totschlagen müssen!" (nach Kirsch 131).
Ein Bezug zur Karsamstags-theologie Ich habe in Martin Bubers Bibelverständnis etwas gefunden, dass mich für mein eigenes Theologietreiben - die Karsamstags-theologie - motivert. Buber versteht die Bibel als "Urkunde der wahren Geschichte der Welt ... in der die Wet einen Ursprung und ein Ziel" hat. Es ist die "Geschichte einer Welt, die zwischen Schöpfung und Erlösung schwingt." (nach Kirsch 115)
 

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