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Mit Brüchen leben Ein Grund zum jubeln
Zu den Lesungen am 3. Adventssonntag
Alttestamentliche Lesung: Zefanja 3,1417
Evangelium: Lk 3,1018
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Was macht es uns Menschen möglich zu handeln und unser Leben
zu gestalten? Für die Philosophin Hannah Arendt sind es zwei
Fähigkeiten: verzeihen und versprechen zu können. Verzeihen
befreit davon, auf die vergangenen Taten festgelegt zu bleiben;
Versprechen zu machen und zu halten, macht es möglich, sich
halbwegs sicher der unabsehbaren Zukunft zu stellen. Für beides
sind wir auf Andere angewiesen. Verzeihen und Versprechen ermöglichen
es, das Leben verbindlich zu gestalten, auch über unausweichliche
Brüche hinweg. Wenn das gelingt, ist es ein Grund zu grosser
Freude.
Mit Israel lesen
Der Lesungstext ruft das Volk Israel zur Freude auf. Es wird im
Bild der Stadt Jerusalem als Frau angesprochen, als Tochter Zion.
Der Aufruf eine wahre Fülle davon gründet
in einer Zusage: Gott freut sich an den Menschen, jubelt über
sie und erneuert seine Liebe. Der Text steht im dritten Kapitel
des Buches Zefanja. Die ersten beiden Kapitel sind von ganz anderen
Gefühlen geprägt. Im Zentrum steht hier nicht der Tag
der Freude, sondern der Tag des Zorns. Die Unterschiede, ja Brüche
im Buch Zefanja haben damit zu tun unter welchen Umständen
die Texte entstanden sind. Das Buch selbst datiert das Wirken des
Propheten in die Zeit Joschijas als König von Juda (640609
vgl. Zef 1,1). Sie gilt als letzte Phase der Stärke und Blüte
Judas. Zefanja sieht das anders. Er beklagt Gewalt, Ausbeutung und
die Anpassung an fremde Kulte. Er klagt alle in Jerusalem an, besonders
aber die, die Macht haben in Religion, Politik und Wirtschaft (1,413).
Zefanja ruft zur Umkehr, erfolglos. Schliesslich verändert
sich die politische Lage zu Ungunsten Judas. Zefanja liest die Zeichen
der Zeit und folgert für die Zukunft Schreckliches: den Tag
Gottes als Tag des Zorns «ein Tag der Not und der Bedrängnis,
ein Tag des Krachens und Berstens» (Zef 1,15) in der
Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier und
der Deportation der Oberschicht ins Exil werden diese Tage Wirklichkeit.
Im Exil werden die Worte Zefanjas erinnert, vielleicht von
Schülerinnen und Schülern. Sie helfen wenn auch
schonungslos und schmerzhaft das, was geschehen ist, zu deuten.
Mit Hilfe Zefanjas stellen sich Menschen ihrer Vergangenheit und
ihrer Mitverantwortung für das Geschehene. Sie sehen Zeichen
der Umkehr, mindestens bei einem «Rest von Israel» (3,13).
Und schliesslich beginnen sie wieder an eine Zukunft zu glauben.
Sie entwerfen diese Zukunft und nehmen das Bild vom Tag Gottes wieder
auf, jetzt als Tag der Freude, als Festtag. Sie schreiben Texte,
die Gottes Verzeihung und seine erneuerte Liebe zu den Menschen
verkünden und fügen diese Texte an die ersten beiden Kapitel
des Buches an. Sie schreiben keinen Anti-Zefanja, schreiben nicht
unter einem anderen Namen, sie sprechen nicht im Namen eines anderen
Gottes. Im Gegenteil: Sie schreiben den bestehenden Text weiter.
Das Neue hebt das Frühere nicht auf, sondern setzt es fort.
Als Einheit legt der Text Zeugnis ab von der einen, ununterbrochenen
Geschichte Gottes mit den Menschen ohne die Brüche darin
zu verschweigen oder klein zu reden. Die Brüche und der heftige
Streit sind Teil dieser Geschichte, genauso wie die Liebe. Die Zuversicht,
dass die Liebe nicht zu Ende ist, sondern sich erneuern kann, gründet
für die Zefanja- Schule darin, dass Gott in der Mitte des Volkes
ist. Zweimal wird dieser Satz wiederholt (3,15 und 3,17). Er ist
Zusage und Versprechen für die Zukunft. Gott ist gegenwärtig
in allen Teilen des Zefanja-Buches, über alle Brüche hinweg.
Im Jubel und im Zorn bleibt Gott in Beziehung leidenschaftlich.
Das ist manchmal kaum auszuhalten für das Buch Zefanja
aber ein Grund zum Jubeln und die Grundlage von neuem Leben. Wie
dieses neue Leben gestaltet wird, im Alltag nach dem grossen Fest,
das wird nur angedeutet: «Der Rest von Israel wird kein Unrecht
mehr tun», heisst es in Zef 3,13. Was das konkret heisst,
muss zu jeder Zeit neu gefragt werden. So wie es im Evangelium passiert.
Mit der Kirche lesen
Das Evangelium setzt genau hier ein. «Was sollen wir also
tun?», fragen die Leute. Sie fragen Johannes den Täufer,
der genau wie Zefanja einen leidenschaftlichen Gott verkündet,
der den Menschen nahe kommt, beängstigend nahe. Johannes wendet
sich wie Zefanja an Menschen, die aufgrund ihres Besitzes oder ihrer
Macht besondere Verantwortung tragen: Menschen, die mehr als das
Lebensnotwendige besitzen, Zöllner, Soldaten. Seine Aufforderungen
liegen auf der Linie aller alttestamentlichen Lesungstexte im Advent.
Sie richten sich an Menschen, die über Macht verfügen
mit der Überzeugung, dass Unrecht verhindert und Gerechtigkeit
gefördert wird, wenn Menschen ihr Machtpotential zügeln
und zum Segen für andere einsetzen. So kommen Nächsten-
und Gottesliebe zusammen, denn im Verhalten gegenüber den Nächsten
und besonders gegenüber den Schwachen zeigt sich
Gott bei den Menschen, ist Gott mitten unter uns. In den Anweisungen
des Johannes wird aber auch ein Blick auf die christlichen Gemeinden
möglich, in denen das Lukasevangelium entsteht. Sie sind in
der Realität des römischen Reiches angekommen. Zu ihnen
gehören jetzt auch Wohlhabende und Soldaten. «Was also
sollen wir tun in der Nachfolge Jesu?», lautet ihre Frage.
Im Lukasevangelium finden sich dazu verschiedene Positionen im Streit
miteinander. Auch das Evangelium ist ganz und gar nicht frei von
Brüchen. An unserer Stelle wird Begrenzung im Interesse der
Armen und Machtlosen gefordert. Damit sind aber nicht alle Fragen
beantwortet: Ist das dann schon die messianische Zeit? Das Reich
Gottes? Entsprechen wir so dem leidenschaftlichen Gott in unserer
Mitte? Heiliger Geist und Feuer verweisen die Menschen damals und
uns heute auf mehr. Wenn Gott mitten unter uns ist, ist uns mehr
versprochen, ist alles möglich, ein nicht endender Festtag
der Gerechtigkeit und grenzenloses Jubeln.
Historische Informationen: Tochter Jerusalem
In der Umwelt Israels wurden Städte oftmals als Frauen stilisiert
und je nach Situation gelobt, beklagt oder beschimpft. Die Städte
gehörten Stadtgottheiten. Der religiöse Kult versorgte
die Gottheit und bewirkte so Segen. Die Verbindung Gottes mit Jerusalem/Zion
wird in vielen biblischen Texten ausgedrückt (Ps 46; Ps 48;
Jes 4; Jer 14; Hos 11, Joel 2; Sach 2). Die Zerstörung einer
Stadt, die Deportation der Bewohnerinnen und Bewohner galt als Fluch
Gottes. Auch das bezeugt die Bibel (Lev 26,33; Dtn 28,52), Eine
solche Stadt ist von Gott verlassen, sie wird zur Ruine (Zef 2,7.13
f.). In der Stadt für Recht und Gerechtigkeit zu sorgen, ist
Aufgabe des Königs. In Israel vor allem nach dem Ende
des Königtums im Exil wird die Sorge für Recht
und Gerechtigkeit immer stärker als Sache jedes Einzelnen,
jeder Gerechten betrachtet, die oder der in den Augen Gottes, des
einzigen Königs, Gnade finden will (vgl.Thomas Staubli: Gott
unsere Gerechtigkeit. Begleiter zu den Sonntagslesungen aus dem
Ersten Testament Lesejahr C. Luzern 2000).
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