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Demut und Ermächtigung
Zu den Lesungen am 23. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Weisheit 9,1319
Evangelium: Lk 14,2533
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Demut und Ermächtigung Wir sind gewohnt, dass sich
das gegenseitig ausschliesst. Ist es weise, beides miteinander zu
verbinden?
Mit Israel lesen
Dieser Abschnitt müsste eigentlich leer bleiben. Das Buch
der Weisheit wird im rabbinischen Schrifttum nie zitiert oder auch
nur erwähnt, im heutigen Synagogengottesdienst wird nicht daraus
gelesen. Es ist obwohl ohne Zweifel eine jüdische, vorchristliche
Schrift nur in der christlichen Kirche überliefert worden
(zu den Gründen siehe unten). Dass ich hier den Lesungstext
aus dem Buch der Weisheit mit einer anderen jüdischen Überlieferung
verbinde, ist denn auch meine Lesart der Texte eine Übung
in Demut und Ermächtigung.
Kapitel 9 ist als Gebet Salomos gestaltet. Die Auswahl der Leseordnung
stellt die Verse heraus, die von der Begrenztheit menschlicher Erkenntnis
sprechen:
«Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht / und finden
nur mit Mühe, was doch auf der Hand liegt» (9,16).
Aus dieser Einsicht heraus, die auch heute noch trotz aller
Erfolge der Wissenschaften gültig ist, liegt die Folgerung
nahe:
«Wer kann dann ergründen, was im Himmel ist?»
(9,16b).
«Welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen / Wer begreift,
was Gott will?» (9,13).
Ist das die Botschaft? Wenn wir schon beim Begreifen dessen, was
doch greifbar «auf der Hand liegt», an unsere Grenzen
kommen, dann sollen wir uns doch nicht anmassen, etwas von Gottes
Plan mit der Schöpfung verstehen zu wollen. Mir ist diese Botschaft
aus meiner religiösen Sozialisation vertraut. Mit dem Buch
der Weisheit hat sie indes wenig zu tun. Denn das spricht klar davon,
dass der Plan Gottes für Menschen erkennbar ist, dass die Menschen
lernfähig sind und dass das Lernen gottgefällig ist. Durch
den Heiligen Geist, durch die Weisheit, die Gott schenkt, ist das
Menschen möglich (9,1719).
Der Lesungstext ist geprägt von einer echten Demut angesichts
der komplexen Geheimnisse und Rätsel des Lebens. Er ist aber
genauso geprägt vom Vertrauen in die Möglichkeiten der
Menschen, Wesentliches über das Leben zu lernen, Gottes Wirken
in der Welt zu verstehen und ihr Leben entsprechend zu gestalten.
Nicht aus eigenem Verdienst die Demut ist echt und bleibt
die tragfähige Grundlage von allem sondern mit dem Geschenk
der Weisheit. Dieses Geschenk ist eine grosse Ermächtigung.
Davon sprechen die Verse des Gebetes, die die Leseordnung weglässt.
Sie gründen in der biblischen Schöpfungstheologie:
«Die Menschen hast du durch deine Weisheit erschaffen / damit
sie über deine Geschöpfe herrschen» (d. h. Macht
und Verantwortung haben) Sie sollen die Welt in Heiligkeit und Gerechtigkeit
leiten / Und Gericht halten in rechter Gesinnung» (9,23).
Die Weisheit Gottes ist von allem Anfang an in uns, sie ist unser
schöpferisches Prinzip. Sie verbindet uns durch die Zeiten
hindurch mit Gott, denn «mit dir ist die Weisheit, die deine
Werke kennt» (9,9a). Sie zeigt sich in der Gestaltung von
Beziehungen zwischen den Geschöpfen Gottes. In Weisheit gestaltete
Beziehungen werden denen gerecht, die in der einen Welt miteinander
verbunden sind. In Weisheit gestaltete Beziehungen schaffen Raum
für Berührungen mit dem heiligen Geheimnis allen Lebens.
Solche Beziehungen können scheitern und zerbrechen. In gerechter
Gesinnung darüber Gericht zu halten, Verantwortung zu übernehmen
und Entscheidungen zu treffen, macht neue Anfänge möglich.
Die Weisheit «weiss, was dir (Gott) gefällt und was recht
ist nach deinen Geboten» (9,9b), sie ist gegenwärtig
in den überlieferten Weisungen für das Leben der Menschen
und in ihrer je aktuellen Auslegung und Vergegenwärtigung.
Zu all dem sind wir Menschen durch die Weisheit Gottes ermächtigt.
Demut und Ermächtigung sind keine Widersprüche, sondern
eng miteinander verbunden. Sie machen zusammen uns Menschen aus.
Das drückt für mich die folgende jüdische Geschichte
aus:1
«Rabbi Bunam sprach zu seinen Schülern: «Jeder
von euch muss zwei Taschen haben, um nach Bedarf in die eine oder
andere greifen zu können: in der rechten liegt das Wort: «Um
meinetwillen ist die Welt erschaffen worden» und in der linken:
«Ich bin Erde und Asche». Martin Buber gibt als Beleg
für den Satz in der rechten Tasche das Talmud- Traktat Sanhedrin
(37) an, der Satz in der linken Tasche bezieht sich auf Gen 18,27.
Dort gibt Abraham ein eindrucksvolles Beispiel für die Verbindung
von Demut und Ermächtigung in Heiligkeit und Gerechtigkeit,
wenn er mit Gott um das Leben der Menschen in Sodom ringt (vgl.
SKZ 2930/2007).
Mit der Kirche lesen
Die enge und unauflösbare Verbindung zwischen Demut und Ermächtigung
kommt auch im Text aus dem Lukasevangelium zum Ausdruck. Leider
haben in der Wirkungsgeschichte die «Texte in der linken Tasche»,
die die Nachfolge Jesu mit dem Tragen des Kreuzes und dem Verzicht
auf Besitz verbinden (Lk 14,27.33), viel stärker gewirkt. Werden
nur sie wahrgenommen, fällt weg, was in der rechten Tasche
zum Greifen nahe liegt und in der Perikope der Leseordnung das Zentrum
des Textes bildet. Menschen werden in der Nachfolge Jesu ermächtigt,
indem sie mit Bauunternehmerinnen und Bauunternehmern verglichen
werden, die für das Projekt eines Turmbaus Verantwortung tragen
sowie mit Königinnen und Königen, die Entscheidungen treffen
müssen, die Krieg und Frieden und das Schicksal Tausender betreffen.
Wahrlich Bilder, die demütig machen ohne dadurch irgendetwas
von der Ermächtigung und der Verantwortung wegnehmen.
Das Buch der Weisheit in Judentum und Christentum
Das Buch des Weisheit ist ein Werk des Judentums in Ägypten,
das hellenistisch geprägt war (vgl. SKZ 3132/2007). Das
Verhältnis zwischen dem griechischsprachigen Diasporajudentum
und dem pharisäisch-rabbinisch geprägten Judentum in Palästina,
bei dem die hebräische Bibel im Zentrum stand, war gespannt.
Es ging um Abgrenzung oder Inkulturation gegenüber der hellenistischen
Kultur. Die Kriege und Aufstände gegen die römische Herrschaft
im 1. und 2. Jahrhundert hatten verheerende Folgen für das
Judentum in Palästina und in der Diaspora. Der Wiederaufbau
nach den Katastrophen ging von pharisäisch- rabbinischen Kreisen
in Palästina aus. Die Hebräische Bibel wurde zum Kanon,
hellenistisch- jüdische Traditionen wurden kaum aufgegriffen.
Parallel dazu erlangte die griechische Bibel, die Septuaginta (und
darin das Buch der Weisheit), in der entstehenden christlichen Kirche
immer grössere Bedeutung. Und als die Trennung zwischen Judentum
und Christentum voranschritt und die jeweils andere Seite immer
massiver abgelehnt wurde woraus sich im Christentum schon
bald ein militanter Antijudaismus entwickelte gab es im Judentum
immer weniger Raum für die eigene hellenistische Tradition
und ihre Schriften. So verschwand dieser Zweig des antiken Judentums
und wirkte nur in der christlichen Überlieferung und Verarbeitung
weiter. Fordert diese Geschichte für uns Christinnen und Christen
nicht Demut und ist zugleich auch eine Ermächtigung?
1 Zitiert nach Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim.
Zürich 1949, 746.
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