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Richtig leben in der Krise
Zu den Lesungen am 28. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Weish 7,711
Evangelium: Mk 10,1730
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Die beiden Lesungen aus Weisheit 7 und Markus 101 haben etwas gemeinsam:
Sie fragen nach dem richtigen Leben in einer Weltordnung, die in
die Krise geraten ist. Damit sprechen sie auch in unsere krisenhafte
Welt hinein.
Mit Israel lesen
Als das Buch der Weisheit entstand (1. Jhdt. v. Chr. in Alexandria
in Ägypten) waren grosse politische Umwälzungen im Gange.
Octavian und Marcus Antonius rangen um die Macht im Römischen
Imperium. Die Aufteilung von Einflussspähren zögerte den
Bürgerkrieg nur hinaus, den schliesslich Octavian, der spätere
Kaiser Augustus, für sich entschied. Die ägyptische Herrscherin
Kleopatra aus der Dynastie der Ptolemäer war mit Marcus Antonius
verbündet. Beide nahmen sich kurze Zeit später das Leben.
Alexandria, das in der Folge als persönlicher Besitz des Octavian
unter römische Besatzung geriet, war eine multikulturelle Grossstadt
mit grossen sozialen Gegensätzen. Die meisten der Bewohnerinnen
und Bewohner waren Zugewanderte unterschiedlicher Kulturen und Religionen.
40% der Menschen lebten in Sklaverei. Ca. 20% der Bevölkerung
waren Jüdinnen und Juden und bildeten die bedeutendste jüdische
Gemeinschaft ausserhalb Israels. Die politische Lage war instabil.
Der Bürgerkrieg führte zu Leid und Flucht. Was die neue
Herrschaft für die Stadt und speziell für die jüdische
Gemeinde bringen würde, war ungewiss.
Das Buch der Weisheit formuliert in diese Situation hinein eine
fiktive Mahnrede des Königs Salomos an die Machthaber der Welt.
Ihr zentrales Thema ist das der Gerechtigkeit. «Liebt Gerechtigkeit,
ihr Herrscher der Erde», heisst es programmatisch in 1,1.
Dabei ist das Buch wohl in erster Linie an die jüdischen Menschen
in der Stadt und im ganzen römischen Imperium gerichtet. Es
geht um eine Auseinandersetzung innerhalb des Volkes Israel. Gefragt
wird, wie in dieser Situation, in der bestehenden krisenhaften Weltunordnung,
nach der Gerechtigkeit Gottes, d. h. nach den Weisungen der Tora,
gelebt werden kann. Die «Könige und Herrscher»
sind diejenigen im Volk, die über Grundbesitz, Reichtum und
Macht verfügen trotz der Krise oder gerade deswegen,
als Profiteure der Krise. Ihnen steht eine immer grösser werdende
Gruppe ohne materielle Absicherung und politischen Einfluss gegenüber.
Die Mächtigen werden ermahnt, mit dem Volk als Ganzem verbunden
zu bleiben und ihren Besitz und ihren Einfluss zugunsten der Armen
und Machtlosen einzusetzen.
Der Lesungstext ist in einen grösseren Kontext eingebunden.
In den Kapiteln 68 lehrt König Salomo die Könige
der Welt die Weisheit. Im literarischen Ich Salomos relativiert
der Text selbstbewusst die Macht der Herrscher und unterstellt sie
Gottes Gericht. Massstab des Urteils sind die Weisungen Gottes,
die Tora (6,45). Kapitel 7 beginnt damit, dass Salomo sich
und alle Mächtigen daran erinnert, dass sie genau wie alle
anderen Geborene und Sterbliche sind (7,16). Den so auf ein
menschliches Mass Zurechtgerückten preist der Text die Weisheit
als unvergängliches und leicht zu findendes Gut an (6,1216).
Weisheit steht dabei nicht im Widerspruch zu Machtpositionen, sondern
leitet zu wahrer Herrschaft an (6,20). So wird die Weisheit gleichermassen
den Mächtigen und ihrem Volk «von Nutzen sein»
(6,2425). In 7,711 erzählt Salomo werbend von seinen
eigenen Erfahrungen mit der Weisheit. Sie hat für ihn Vorrang
vor Reichtum, Gesundheit und Schönheit. Gleichzeitig erhielt
er aber mit der Weisheit «alles Gute» und «unzählbare
Reichtümer» (7,11). Leider lässt die Leseordnung
Vers 12 weg, wo dieser scheinbare Widerspruch aufgelöst wird:
«Ich freue mich über sie alle [die Reichtümer],
weil die Weisheit lehrt, sie richtig zu gebrauchen.» Der richtige
Gebrauch besteht in Uneigennützigkeit: «Neidlos gebe
ich weiter, ihren Reichtum behalte ich nicht für mich»
(7,13).
Mit der Kirche lesen
Das Markusevangelium entsteht ebenfalls in einer Zeit der Krise.
Schon zur Zeit Jesu spaltete die römische Besatzung das Volk.
Manche kooperierten und kollaborierten mit der Besatzungsmacht,
die grosse Mehrheit litt unter ihr, vereinzelt kam es zu Widerstand.
Zur Zeit des Markusevangeliums ist aus Aufständen in Galiläa
ein Krieg geworden, in dessen Folge Jerusalem und der Tempel von
den römischen Truppen zerstört wurden. Tausende wurden
getötet oder in die Sklaverei verkauft. Der Krieg gegen die
Römer war zugleich ein innerjüdischer Bürgerkrieg.
Die einen wollten den Kampf bis zum Letzten und erwarteten das baldige
Eingreifen Gottes, die anderen wollten sich den Römern unterwerfen.
Im von den Legionen belagerten Jerusalem werden alle zu Opfern des
Krieges. Aber wie in jedem Krieg gab es auch in diesem Profiteure.
Einer von ihnen war der Historiker Josephus, der zu den Römern
überlief und sich nach dem römischen Kaiserhaus der Flavier
benannte. Er verkörpert geradezu die Frage, wie man als Jude
im römischen Imperium überleben und richtig leben kann.
Der reiche Mann im Evangelium ist ebenso eine Verkörperung
dieser Frage und spitzt sie noch zu: Reicht es, die Gebote der Tora
zu halten, um das Leben zu gewinnen, das wirklich von Dauer ist?
Jesus antwortet im Geist des Königs Salomo aus dem Weisheitsbuch:
Alles hängt daran, mit wem du verbunden bist. Entscheidend
ist die Solidarität mit den Menschen im Gottesvolk, in erster
Linie mit den Armen und Machtlosen, die durch die herrschenden Verhältnisse
besonders bedroht sind. Darin besteht die Gerechtigkeit, zu der
die Weisheit Gottes anleitet. «Ihren Reichtum behalte ich
nicht für mich», formuliert Salomo mit Blick auf die
Situation der jüdischen Gemeinde in Alexandria. «Geh,
verkaufe was du hast, gib das Geld den Armen», verschärft
der Jesus des Markusevangeliums die Aussage unter dem Eindruck der
jüdischen Katastrophe des Jahres 70.
Gefragt, was zu tun ist, um das Leben zu gewinnen, erinnert Jesus
an die 10 Gebote. Allerdings erwähnt er nur Gebote, die mit
der Beziehung zwischen Menschen zu tun haben. Die Gebote, die auf
die Beziehung zu Gott ausgerichtet sind, fehlen. Sie fehlen so augenfällig
wie die Bereitschaft des reichen Mannes, sich solidarisch mit den
Armen des Volkes zu erweisen. Aber genau in dieser Solidarität
zeigt sich die Beziehung zu Gott. Die Solidarität mit den Geringen
ist die Gerechtigkeit Gottes (vgl. Weish 6,6). Wer Solidarität
übt, wird der Beziehung Gottes zu den Menschen gerecht.
Nach der Katastrophe des Jahres 70 ist offen, wie es mit dem Volk
Gottes weitergeht. Mk 10,29 ist ein Echo auf die schmerzhaften Trennungen
innerhalb des Judentums dieser Zeit ein Bruch ist bis heute
geblieben. Mk 10,30 aber atmet Vertrauen, dass sich auch unter den
Bedingungen der Krise Menschen solidarisch miteinander verbinden
und dem Evangelium folgen. Die gute Nachricht Gottes berichtet von
der besonderen Gerechtigkeit, in der die 10 Gebote, ja die gesamte
Tora, die Weisung zum Leben, gründen: «Ich bin JHWH,
dein Gott, der dich aus dem Sklavenhaus geführt hat»
(Ex 20,2).
1 Der Paralleltext bei Lk 18,1830 ist der Text des Bibelsonntags
2009. Im Zentrum steht das Bild vom Kamel und dem Nadelöhr,
in dem unsere Frage nach dem richtigen Leben in der Krise zugespitzt
ist. Die Ökumenischen Unterlagen zum Bibelsonntag finden sich
unter: www.bibelwerk.ch/index.php?&na=1,5,0,0,d
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