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Allmächtig oder hilfsbedürftig?
Zu den Lesungen am 16. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Weish 12,131619
Evangelium: Mt 13,2443
Neutestamentliche Lesung: Röm 8,2627
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«Was kann Gott damit beabsichtigen, dass er dieses schreckliche
Elend nicht verhindert?
Was für ein Ziel kann Gott mit
all dem, was uns in dieser furchtbaren Zeit widerfährt, verfolgen?»
Das sind Fragen gläubig leidender Menschen aller Zeiten. Auch
heute. Auf Schärfste zugespitzt sind es die Fragen jüdischer
Menschen während der Schoah.1
Mit Israel lesen
Dieser Abschnitt müsste eigentlich leer bleiben, habe ich
schon einmal (SKZ 175 [2007], Nr. 35, 571) mit Blick auf das Buch
der Weisheit geschrieben. Das jüdische Buch ist nur im christlichen
Alten Testament überliefert worden. Es gehört nicht zu
den Lesungstexten in der Synagoge, die rabbinische Tradition beschäftigt
sich nicht damit. Es entstand wohl in der 1. Hälfte des 1.
vorchristlichen Jahrhunderts in Alexandria. Die Metropole Ägyptens
war geprägt von Multikulturalität und extremen sozialen
Gegensätzen. Die jüdische Gemeinde bildete mit ca. 20%
der Bevölkerung die grösste jüdische Gemeinschaft
ausserhalb Israels und litt unter Diskriminierungen und Verfolgungen.
Der dritte Teil des Buches (Kap. 1019) erinnert an die Anfangsgeschichte
Israels, den Auszug aus Ägypten und die Wüstenwanderung.
Ziel der Erinnerung ist Vergegenwärtigung. Die Geschichte der
Ahninnen und Ahnen wird zur Geschichte der gegenwärtigen Generation.
Gottes damals erfahrenes Handeln begründet Hoffnung für
heute und morgen. Die Darstellung folgt einer Struktur und stellt
den Strafen für die Gottlosen die entsprechenden Wohltaten
an den Gerechten gegenüber (vgl. Jes 65,915). Die Strafen
stehen im Verhältnis zu den begangenen Sünden (11,16).
Ganz überzeugend scheint das aber nicht gewesen zu sein. Darum
reagieren Exkurse auf Anfragen der Leserinnen und Leser: Warum muss
das Volk Gottes warum müssen wir heute trotzdem
leiden? Warum ist Gott so langmütig gegenüber seinen Feinden?
Warum kommt er nicht schneller zu Hilfe? Der Lesungstext gehört
zum zweiten Exkurs (11,1712.22) und reagiert zusätzlich
auf folgende Anfragen: Ist Gott wirklich gerecht? Ist es erlaubt,
Gott zur Rede zu stellen, gar gegen ihn zu rechten? Das Buch der
Weisheit antwortet mit dem Bild des allmächtigen Gottes, der
nicht aus Schwäche, sondern aus Liebe zu seinen Geschöpfen
seine Macht zurückhält. Die Zurückhaltung ist pädagogisch
begründet. Sie gibt den Ungerechten Gelegenheit zur Umkehr
und ist den Gerechten Vorbild für Menschenfreundlichkeit und
Feindesliebe (12,1922). So lautet denn auch das Leitwort des
etwas willkürlich zusammengestellten Lesungstextes «Stärke».
In den ungerechten Verhältnissen zeigt sich gerade nicht die
Schwäche Gottes. Seine Milde und Nachsicht sind Ausdruck von
Stärke und Gerechtigkeit. Gottes Handeln soll das Volk lehren,
ebenso zu handeln, also menschenfreundlich zu sein auch den
Feinden gegenüber. Darin erweist sich die Gerechtigkeit der
Gerechten und ihre Stärke. Hier wird nicht nahegelegt, Ungerechtigkeit
passiv und schweigend zu erdulden. Es geht um aktives Handeln
12,22 weist dem Volk die Rolle des Richters zu ein Handeln,
das Unrecht beim Namen nennt und Menschen für ihre Taten verantwortlich
macht. Dies allerdings im Bewusstsein, selbst einmal vor (Gottes)
Gericht zu stehen und auf Erbarmen angewiesen zu sein. Dahinter
steht die Weisung der Tora aus Lev 19,18, die wörtlich heisst:
«Liebe deinen Nächsten er ist wie du.» Das
menschenfreundliche Verhalten dem Nächsten auch dem
Feind gegenüber, gründet im Bewusstsein der Gemeinsamkeit:
Alle Menschen sind lebensnotwendig auf Menschenfreundlichkeit angewiesen.
Das Buch der Weisheit hat keine Resonanz in der jüdischen
Tradition gefunden, wohl aber die dahinterstehenden Anfragen. Das
Buch Ijob ist ein grosses Streitgespräch darüber. «Kein
König und kein Herrscher kann dich zur Rede stellen»,
formuliert Weish 12,14. Trotzdem haben sich «gewöhnliche»
gläubige Menschen dieses Recht nicht nehmen lassen. Jüdisches
Klagen vor Gott, Ringen mit Gott, Beziehung mit Gott gerade im Streit
und der radikalen Anfrage kann uns Vorbild sein. Die holländische
Jüdin Etty Hillesum, die im Gefangenenlager Westerbork ein
Tagebuch und darin ein intensives Gespräch mit Gott führt,
ist mit dem Buch der Weisheit einig, von Gott keine Rechenschaft
zu fordern. Sie entwirft aber ein offenbar ganz anderes Gottesbild.
Am 12. Juni 1942 notiert sie: «Dies eine wird mir immer deutlicher:
dass du [Gott] uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen
müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es
ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns
zu retten. Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst auch du
nicht viel ändern zu können, sie gehören nun mal
zu diesem Leben. Ich fordere keine Rechenschaft von dir, du wirst
uns später zur Rechenschaft ziehen. Und mit fast jedem Herzschlag
wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir
dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Innern bis
zum Letzten verteidigen müssen.»2
Aus dem allmächtigen Gott im Buch der Weisheit ist bei Hillesum
der hilfsbedürftige Gott geworden, der an den Umständen
nichts ändern kann. Als Hilfsbedürftiger wirkt er auf
die Menschen: Er braucht unsere Hilfe. Indem wir Gott helfen, helfen
wir uns selbst. Indem wir Gott retten, retten wir uns selbst. Indem
wir Gott Wohnsitz in uns geben, d. h. die grund legende Hilfsbedürftigkeit
in uns anerkennen, verteidigen wir Gott und Menschen gegen die drohende
Vernichtung. Etty Hillesum denkt Lev 19,18 theologisch radikal weiter:
Liebe Gott als deinen Nächsten er ist wie du, der Liebe
und der Hilfe bedürftig. Darin liegt unsere Stärke und
darin gründet letztlich Gerechtigkeit.
Mit der Kirche lesen
Das Matthäusevangelium knüpft im Gleichnis vom Unkraut
und seiner Deutung an die Frage nach der Langmut Gottes an. Die
Frohbotschaft von bleibender Umkehrmöglichkeit und Feindesliebe
tritt aber hinter die Drohbotschaft vom Endgericht zurück.
Die Gleichnisse von Samenkorn und Sauerteig sprechen von der besonderen
Stärke des göttlichen und des menschlichen Handelns in
seiner Wirkung auf andere. Die Frau, die Sauerteig unter das Mehl
mischt, verkörpert Frau Weisheit, die Lern- und Veränderungsprozesse
anstösst und darum weiss, dass sie sowohl tatkräftiges
Wirken als auch Zeit zum Gehenlassen brauchen. Backende und aussäende
Menschen wirken mit am Entstehen von Lebensmitteln, derer wir alle
bedürfen. Sie sind Bilder dafür, wie wir Gott und dadurch
uns selbst helfen.
Der Lesungstext aus dem Brief an die Gemeinde in Rom schliesslich
nimmt die Anfragen derer ernst, die in Not sind, sich nicht vorschnell
vertrösten lassen, aber die Beziehung zu Gott und der göttlichen
Weisheit auch nicht einfach aufgeben wollen. «In unserer Ohnmacht
steht uns die Geistkraft bei, wenn wir keine Kraft mehr haben, so
zu beten, wie es nötig wäre. Die Geistkraft selbst tritt
für uns ein mit wortlosem Stöhnen. Gott kennt unsere Herzensanliegen
und versteht, wofür die Geistkraft sich einsetzt, weil sie
im Sinne Gottes für die heiligen Geschwister eintritt.»3
1 Diese Fragen stellt der 16-jährige Mosche Flinker in seinem
Tagebuch: Auch wenn ich hoffe. Berlin 2008, 18 f. unter dem Datum
vom 26. 11. 1942.
2 Zitiert nach Christoph Gellner / Georg Langenhorst (Hrsg.): Herzstücke.
Texte, die das Leben ändern. Ein Lesebuch zu Ehren von Karl-Josef
Kuschel. Düsseldorf 2008, 166 f.
3 Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache.
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