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Im Anfang verband Gott Himmel und Erde
Zu den Lesungen am 13. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Weish 1,1315; 2,2324
Evangelium: Mk 5,2143
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Die Leseordnung setzt uns wieder einmal ein Häppchen von einem
Bibeltext vor. Dabei bilden die beiden Textfragmente aus dem Buch
der Weisheit (1,1315 und 2,2324) nur die Ränder
eines umfangreichen Gedichts, in dessen Zentrum die Denk- und Lebensweise
von Menschen vorgestellt wird, die als Frevler bezeichnet werden.
Eine Interpretation des gesamten Textzusammenhangs findet sich bei
Thomas Staubli.1 Darauf sei hier verwiesen.
Mit Israel lesen
Ich möchte der Leseordnung folgen und in ihrer Verkürzung
des Textes keine Verstümmelung, sondern eine Konzentration
erkennen. Die konzentrierte Aufmerksamkeit auf kleinere Bestandteile
des Textes, einen Abschnitt, einen Vers, ein Wort, einen Buchstaben
ist typisch und wesentlich für die jüdische Bibelauslegung.
Dafür werden wir nachher ein Beispiel sehen. Ich folge der
Leseordnung und werde durch ihre Kurzfassung auf einen Satz verwiesen,
der die Mitte des Lesungstextes bildet. «Denn die Gerechtigkeit
ist unsterblich» lautet er (1,15). Mit diesem Satz sind wir
dem theologischen Zentrum des Weisheitsbuches sehr nahe gekommen.
Es beginnt ja emphatisch mit dem Aufruf: «Liebt die Gerechtigkeit!»
(1,1). Ja, es hat geradezu das «Werbeziel Gerechtigkeit».2
Im Zentrum des zentralen Verses des Lesungstextes steht das Wort
«Gerechtigkeit», griechisch dikaiousynee. Das Buch der
Weisheit entstand in der griechischsprachigen Metropole Alexandria
in Ägypten. Es ist von jüdischen Menschen auf Griechisch
geschrieben worden und sucht nach dem jüdischen Weg in einer
nichtjüdischen Umwelt. Ein Weg, der sich der Sprache und Kultur
der Umwelt nicht verschliesst, sondern sie aufnimmt und nutzt. Und
gleichzeitig ein Weg, der diese Kultur kritisch an den eigenen Traditionen
misst. Es ist der Versuch jüdischer Menschen, «in ihrer
griechisch-hellenistischen Umgebung ein modernes Leben zu führen,
ohne dabei ihren Glauben aufzugeben».3 Angesichts der überraschenden
Aktualität, in der das Tun der Frevler in Weish 1 und 2 beschrieben
wird, wäre es ein lohnendes Unternehmen, die Predigt an dieser
Thematik auszurichten. Hier soll aber ein anderer Weg gegangen werden.
Hinter dem griechischen Begriff dikaiousynee steht der hebräische
Wort zedakah.
Die Übersetzerinnen und Übersetzer der hebräischen
Bibel ins Griechische (Septuaginta) verwendeten die Ausdrücke
dikaiousynee/dikaios für die hebräischen Worte zedakah
bzw. zedek/zaddik, weil sie ihnen sowohl inhaltlich als auch klanglich
nahekommen. Auch der griechisch verfasste Text des Weisheitsbuches
geht auf diese hebräischen Wurzeln zurück. Für den
jüdischen Bibelübersetzer Martin Buber ist Zedek ein Ausdruck
der Übereinstimmung und Zuverlässigkeit. Es «bedeutet
die Zuverlässigkeit eines Handelns einem äusseren oder
inneren Sachverhalt gegenüber; einem äusseren gegenüber,
indem es ihn zur Geltung bringt, ihm Raum schafft, ihm sein Recht
werden lässt; einem inneren, indem es ihn verwirklicht, ihn
aus der Seele in die Welt setzt.»4 Buber schlägt vor,
die hebräische Wurzel zdk mit Hilfe des deutschen Wortstammes
«wahr» zu übersetzen: Bewahrheitung, Bewährung,
bewährt. Es geht um Zuverlässigkeit bzw. Treue in Beziehung.
Demnach steht also im Zentrum des Lesungstextes aus dem Buch der
Weisheit der Satz: «Die Bewährtheit in Beziehung ist
unsterblich.» Oder anders ausgedrückt. Das Leben gründet
und besteht in bewährten, verbindlichen Beziehungen. Beziehung,
Verbindung, Bund ist die Grundlage des Lebens. Deswegen ist der
zentrale Vorwurf des Weisheitstextes in 1,16 eben der: «Die
Frevler aber holen winkend und rufend den Tod herbei
sie
schliessen einen Bund mit ihm.» Der Weisheitstext argumentiert
dagegen schöpfungstheologisch: «Gott hat den Tod nicht
gemacht
zum Dasein hat er alles geschaffen» (1,13).
Hat diese Schöpfung etwas mit Verbindung und Beziehung zu tun?
Elsa Klapheck, die später Rabbinerin wurde, lernte erst als
Erwachsene Hebräisch. Sie erzählt von ihrer ersten Begegnung
mit der hebräischen Bibel und der kreativen jüdischen
Bibelauslegung, die nach Verbindungen zwischen Worten sucht. «Lange
sprechen wir über die ersten drei Worte der Hebräischen
Bibel: Bereschit bara Elohim
(«Im Anfang schuf Gott
»). Rita bemerkt, dass das hebräische bara («schaffen»)
etymologisch mit dem Wort berit («Bund») zu tun haben
könnte
Ich frage in die Runde hinein, ob dieses «Schaffen»
oder «Schöpfen» nicht zugleich auch als ein Akt
des «Verbindens» zu verstehen sei: «Im Anfang
verband Gott Himmel und Erde.» Nicht dass die Elemente des
Alls nicht schon da gewesen wären. Sie bekämen jedoch
erst eine Existenz in der Zeit, wenn sie als miteinander verbunden,
in ihrer Beziehung zueinander gesehen würden: Leben entsteht
in Beziehungen.»5 Ob die Etymologie der Worte bara und brit
wirklich stimmt, ist fraglich. Die Verbindung der Worte bara und
brit ist aber die Nachahmung des freien und kreativen Schöpfungs-,
also Verbindungsaktes Gottes. Und zu dieser Nachahmung sind wir
berufen, ja dazu sind wir erschaffen. So der Lesungstext in Auslegung
von Gen 1: «Gott hat den Menschen zum Bild seines eigenen
Wesens gemacht» (Wsht 2,23).
Mit der Kirche lesen
Wenden wir die Methode der Konzentration auf ein Wort auch bei
der Lektüre der langen Erzählung aus dem Markusevangelium
(Mk) an, die von zwei Begegnungen Jesu mit Frauen erzählt.
Auffällig ist das Zahlwort 12, das bei der Charakterisierung
beider Frauen eine wichtige Rolle spielt. Die Tochter des Synagogenvorstehers
Jairus ist 12 Jahre alt. Die Frau, die Jesu Gewand berührt,
leidet seit 12 Jahren an Blutungen. Wenn von den 12 Jüngern
die Rede ist, oder wenn beim Speisungswunder 12 volle Körbe
erwähnt werden, wird das zurecht als Hinweis auf die 12 Stämme
Israels, auf die Gesamtheit des Volkes Gottes, gedeutet. Warum sollte
es hier anders sein? Gehen wir also davon aus, dass die beiden Frauen
im Evangelium das Volk Israel verkörpern. Im Kontext des Mk,
der die Katastrophe und das Trauma des Krieges gegen die Römer
zu verarbeiten sucht,6 steht die blutflüssige Frau dann für
Israel, das im Krieg auszubluten droht. Und die Tochter des Synagogenvorstehers
verkörpert eben die Synagoge, d. h. das Volk Israel, der er
vorsteht und für die er Verantwortung trägt.7 Mk erzählt
von der Verbindung zwischen Jesus und dem Volk Israel über
das Leid und das Blut des Krieges und über den Tod so vieler
Kinder, Frauen und Männer in diesem Krieg hinaus. Markus erzählt
von einer zweifachen Bewegung aufeinander zu: Die blutende Frau
(Israel) geht auf Jesus, Jesus auf das 12-jährige Mädchen
(auf Israel). Vermutlich ist das eher Ausdruck einer Hoffnung als
Realität. Die Menschen um Jesus und über sie die
markinische Gemeinde sollen diese Zuwendung fortsetzen und
dem Mädchen, d. h. dem Volk Israel, zu essen geben. Wer Jesus
nachfolgt, muss der Beziehung zu Israel gerecht werden, muss sich
in dieser Beziehung bewähren. Die Beziehung zum Judentum darf
nicht sterben. In ihr gründet das Leben der christlichen Gemeinde.
1 Thomas Staubli: Teufelspakt in: Ders.: Erinnerung stiftet Leben.
Begleiter zu den Sonntagslesungen aus dem Ersten Testament. Luzern
2002, 176179.
2 Helmut Engler: Das Buch der Weisheit. NSKAT Bd. 16. Stuttgart
1998, 28.
3 Silvia Schroer: Glücklich, wer Lust hat an der Weisung JHWHs.
Illustrierte Kurzkommentare zur ersten Sonntagslesung. Freiburg
/ Schweiz 1998, 129.
4 Martin Buber: Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift. Beilage
zu: Die Schrift Bd. 1, Heidelberg 1976, 32.
5 Elsa Klapheck: So bin ich Rabbinerin geworden. Jüdische Herausforderungen
hier und jetzt. Freiburg im Breisgau 2005, 11.
6 Vgl. Peter Zürn: Das Karsamstags-Evangelium in: SKZ 176 (2008),
Nr 46, 760763.
7 Vgl. Andreas Bedenbender: Markusevangelium III in: Texte und Kontexte
77/78 1+2/98, 3340.
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