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Wie Männer in der Bibel beten - Das Buch Tobit
als heilsamer Weg für Männer
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Das Buch Tobit steht in der Bibel. Die Geschichte von Tobit, dem
frommen Israeliten und seiner Familie spielt im 8. Jahrhundert v.u.Z.,
ist aber erst viele Jahrhunderte später entstanden. Die Personen
der Geschichte dienen als Vorbilder und Modelle für das eigene
Verhalten. Sind die Männer der Geschichte, Tobit und sein Sohn
Tobias, Modelle für Männer heute? Ich denke ja. Wir können
an Tobit und Tobias etwas über den heilsamen Umgang mit Krisen
lernen. Und wir können mit den beiden beten lernen. Ich möchte
dies durch 5 Zugänge zu der Geschichte erschliessen.
1. Das Buch Tobit ist eine märchenhafte Geschichte
Sie erzählt von einer Lebenskrise und einem heilsamen Weg
aus der Krise heraus. Tobit gerät mit seiner Art zu leben zunehmend
in Schwierigkeiten. Er verliert seinen Besitz, gerät in Lebensgefahr
und erblindet bei einem Unfall. Schliesslich schickt er seinen Sohn
Tobias auf eine Reise, um Geld zu holen, das er früher für
Notzeiten hinterlegt hatte. Tobias findet einen Begleiter, Rafael
mit Namen, und besteht unterwegs gefährliche Abenteuer. Er
fängt einen Fisch, entnimmt ihm Herz, Leber und Galle und benutzt
sie als wunderbare Heilmittel. Zunächst vertreibt er damit
im Haus eines Verwandten, in dem die Reisenden einkehren, einen
Dämon, der die 7 Ehemänner der Tochter des Hauses, Sara,
jeweils in der Hochzeitsnacht getötet hatte. Dadurch gewinnt
Tobias Sara zur Frau. Schliesslich heilt er damit nach ihrer Rückkehr
zu Tobit auch dessen Blindheit. Und nachdem sich Rafael als von
Gott gesandter Engel geoffenbart hat, leben alle glücklich
miteinander bis ins hohe Alter.
2. Das Buch Tobit ist eine Bibelgeschichte
Sie erzählt, was den Kern der biblischen Botschaft ausmacht.
Nach jüdischem Verständnis ist das Herzstück der
Bibel die Tora. Oft wird Tora mit den Fünf Büchern Mose
gleichgestellt oder mit "Gesetz" übersetzt. Tora
ist aber mehr. Für mich ist die schönste Umschreibung
von Tora der Ausdruck "Reiseführer ins gelobte Land".
Sie beschreibt einen Weg zum Leben in Fülle, einen way of life,
und sie motiviert dazu, ihn zu gehen. Das Buch Tobit nennt dies
den "Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit". Er besteht für
Tobit wesentlich darin, die Gebote Gottes im Alltag zu halten und
damit - wie er es ausdrückt - "den Brüdern aus meinem
Stamm zu helfen". Ich glaube, es ist im Sinne der biblischen
Botschaft dies weiter zu entwickeln und die geschlechtsspezifischen
und ethnischen Verengungen aufzubrechen. Damit erweist sich der
Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit darin, den Mitmenschen zu helfen,
also in solidarischem Handeln. Tobits Solidarität erweist sich
vor allem gegenüber den Toten, die er begräbt. So weitet
sich die Solidarität auf eine Gemeinschaft von Lebenden und
Toten.
3. Das Buch Tobit ist eine Vater-Sohn-Geschichte
Sie erzählt von einem scheinbar übermächtigen Vater,
neben dem der Sohn kaum in Erscheinung tritt. Sie erzählt wie
die Krise des Vaters eine Chance für den Sohn eröffnet,
seinen eigenen Weg zu gehen. In Rafael, seinem Begleiter auf dem
Weg, findet Tobias ein anderes Modell einer väterlichen Rolle,
einen älteren Mann, der seine Eigenständigkeit fördert
und ihn neben sich wachsen lässt. Mit Hilfe dieses Begleiters
entdeckt er seinen Mut, seine Sexualität und seine heilsamen
Kräfte. Er kehrt zu seinem Vater zurück und heilt seine
Blindheit. Der Vater sieht ihn mit neuen Augen.
Die Ähnlichkeit der Namen von Vater und Sohn, Tobit und Tobias
(in der lateinischen Bibel heissen gar beide Tobit), eröffnet
noch eine andere Deutungsmöglichkeit: Vater und Sohn sind zwei
Seiten der gleichen Person, ein Erwachsenen- und ein Kind-Ich.
Vielleicht steht Tobias, der zu Beginn der Geschichte kaum eine
eigene Kontur hat, für die Seiten Tobits, denen er in seinem
Leben wenig Raum gibt, etwa für die zweckfreien Seiten des
Lebens, Genuss, Spiel und Fest. Tobit lässt auch wenig Raum
dafür etwas Neues auszuprobieren, Fehler zu machen und so zu
lernen.
Es ist bis heute nicht einfach für Männer, in Verbindung
mit dem Jungen in sich zu kommen und die Erinnerung an die eigene
Kindheit zu bewahren. Es ist nicht einfach, aber heilsam, eine Beziehung
zu Kindern, vor allem zu Jungen, zu gestalten, in der sich Männer
auch hilfsbedürftig zeigen können.
4. Das Buch Tobit ist eine Männergeschichte
Sie erzählt von einem Mann mit klaren Werten, der konsequent
seinen Überzeugungen folgt und seinen Weg geht. In Zeiten politischer
Unruhen in Assyrien, bemüht sich Tobit vor allem darum, die
jüdischen Toten zu begraben. Als er sogar während eines
Festes zu seinen Ehren aufspringt, um einen Toten zu begraben, bevor
er noch einen Bissen gegessen hat, nimmt sein Verhalten zwanghafte
Züge an. Das biblische Ziel des Weges, das verheissene Land,
das Leben in Fülle, droht verloren zu gehen. Tobits Handeln
fördert nicht mehr das Leben, sondern gefährdet es. Als
er spät nachts nach Hause kommt und sich an der Hofmauer zum
Ausruhen niederlegt, fällt ihm der Kot von Vögeln in die
Augen und es bilden sich weisse Flecken, die ihn erblinden lassen.
Tobits blinde Flecken sind der dramatische Höhepunkt seiner
Krise. Seine Aufmerksamkeit und Energie richteten sich vor allem
auf Tote und Totes. Er wurde schliesslich blind für das Leben
in ihm und um ihn herum. Darin kommt viel von meiner heutigen Erfahrung
als Mann zum Ausdruck. Auch von Ihrer?
5. Das Buch Tobit ist eine spirituelle Geschichte
Sie erzählt von Menschen, vor allem von Männern, die
beten. An allen entscheidenden Wendepunkten des Erzählungsverlaufs
stehen lange Gebete. Die Handlung wird unterbrochen, die handelnden
Personen nehmen sich Zeit und Raum, um sich mit einer grösseren
Wirklichkeit zu verbinden und auf eine andere Stimme zu lauschen.
Zwei dieser Gebete möchte ich genauer anschauen. Zum einen
das Gebet Tobits im Moment seiner grössten Verzweiflung (Kapitel
3) und zum anderen das Gebet des Tobias mit seiner Frau in der Hochzeitsnacht
(Kapitel 8).
Tobit: Beten statt Krisen vermeiden
Nach seiner Erblindung gerät Tobit in eine tiefe Verzweiflung.
"Da wurde ich traurig und begann zu weinen. In meinem Schmerz
betete ich." (Kapitel 3, Vers 1). Er wünscht sich in seinem
Gebet in dramatischen Worten den Tod und dennoch beginnt damit der
Ausweg aus seiner Krise. Ein Widerspruch? Zu erkennen und anzuerkennen,
dass ich mich in einer Krise befinde, dass ich an meine Grenzen
gekommen und hilfsbedürftig bin, ist Voraussetzung dafür,
Wege aus der Krise zu finden.
Ich neige eher zur Krisenvermeidung und habe dafür unterschiedlichste
Strategien entwickelt: Wegschauen, Nichtwahrhabenwollen, die bisherigen
Anstregungen verdoppeln... Kennen Sie ähnliche Strategien?
Heilsamer ist sicherlich ein anderes Verständnis von Krisen.
Krisen als wesentlicher und notwendiger Teil unseres Lebens, als
lebenswichtige Signale. Sie zeigen Veränderungsbedarf an, wollen
Wachstumsprozesse auslösen. Meine bisherige Lebensform kommt
an ihre Grenzen, ist zu eng geworden. Krisenvermeidung ist kontraproduktiv.
Tobits Weg aus der Krise beginnt mit einem Gebet, in dem er sich
seiner Lebenskrise stellt. Tobit selbst sieht seinen Tod als einzigen
Ausweg. Er sieht keine Wege zurück ins Leben. Und doch beginnen
sie bereits beim Beten. Darin drückt sich eine Erfahrung aus,
die in der Bibel in vielen Gebeten Gestalt angenommen hat. Selbst
das Beten ohne Hoffnung, auch die Klage ohne Zuversicht, sogar die
Anklage Gottes hält an der Beziehung fest. An der Beziehung
zu Gott und damit zu den Kräften des Lebens. Wer klagt und
schreit, bleibt in der Beziehung. Tödlich wird es, wenn die
Beziehung abgebrochen wird, wenn nur noch Schweigen herrscht.
Ein anderer Aspekt von Tobits Gebet ist mir schwerer zugänglich:
Er deutet seine Situation als Strafe Gottes. Zum Thema des strafenden
Gottes gäbe es viel zu sagen, etwa dass es das Wort "Strafe"
im Hebräischen so gar nicht gibt. Entscheidend ist, dass die
Bibel die Verantwortung der Menschen sehr ernst nimmt, konsequent
darauf beharrt, dass das menschliche Verhalten Folgen hat, manchmal
sogar über Generationen hinweg. Was wir tun oder unterlassen,
bewirkt etwas, zu unserem Heil oder Unheil. Wenn Tobit davon redet,
von Gott bestraft worden zu sein, dann bringt er damit eben auf
der anderen Seite seine Verantwortung ins Spiel. Und wer verantwortlich
ist, hat auch die Möglichkeit etwas zu ändern. Das Gebet
ist Ausdruck von Tobits Verantwortung für seine Situation.
Tobias: Beten führt ins Paradies
Die Szene der Hochzeitsnacht von Tobias und Sara im Kapitel 8 des
Tobitbuches ist ein wunderschönes Beispiel für die enge
Verbindung von Spiritualität und Sinnlichkeit. Zunächst
verbrennt Tobias in einem Räucherbecken Herz und Leber des
Fisches, den er unterwegs gefangen hatte. Vor diesem Geruch flieht
der Dämon, der die junge Liebe bedroht, "in den hintersten
Winkel Ägyptens" (8,3). Das kann als Form von Magie missverstanden
werden. Ich denke aber, dass damit ausgedrückt ist, dass jede
Liebe bedroht ist. Die Bedrohungen, die hier im Dämon Gestalt
annehmen, stellen innere und äussere Kräfte dar, die Liebe,
Vertrauen, Offenheit, lustvolle Sexualität verhindern. Kennen
Sie solche Dämonen aus Ihrer Erfahrung?
Danach betet Tobias mit Sara und dann "schlafen sie die Nacht
über miteinander" (3,9). Ein Gebet vor der Liebesnacht
kommt uns wahrscheinlich seltsam vor. Was bewirkt es? Tobias vergleicht
sich und Sara mit Adam und Eva. Im Christentum sind Adam und Eva
leider vor allem mit "Sündenfall" verbunden. Davon
ist in der Bibel keine Rede und davon ist auch hier keine Spur zu
finden. Ich habe die Szene der Hochzeitsnacht einmal in einem Bibliodrama
gespielt. Ich war Tobias und habe mich "wie im Paradies"
gefühlt. Das Leben lag neu und offen vor mir, voller Möglichkeiten
und Verheissungen. Wir Liebenden waren in diesem Moment wirklich
die ersten Menschen. Diesen weiten Raum voller Wunder schuf die
Erinnerung an Adam und Eva im Gebet.
Beten kann Wege aus der Krise eröffnen und unseren Lebensraum
lustvoll weiten. Das können wir von den betenden Männern
im Buch Tobit lernen.
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