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Tobit 2,4-6

Erfahrungen in der Bibliodramawoche in der Propstei Wislikofen (20.-23.6.2011) mit Amos


"Nach meiner Rückkehr wusch ich mich und aß voll Trauer mein Mahl. Ich erinnerte mich an das Wort des Propheten Amos: Eure Feste sollen sich in Trauer verwandeln und alle eure Freudenlieder in Totenklage. Und ich begann zu weinen" (Tob 2,4-6). Der hier spricht, ist Tobit, eine der Hauptfiguren des gleichnamigen Buches. Eigentlich hätte er Grund zur Freude gehabt. Er überlebte politische Unruhen und Nachfolgestreitigkeiten am Hof des assyrischen Grosskönigs. Seine Frau und sein Sohn veranstalten ihm zu Ehren ein Festmahl und er: siehe oben. Tobit rechtfertigt sein Verhalten mit einem Zitat aus dem Buch des Propheten Amos. Im Bibliodramaspiel war ich der Prophet Amos. Ich fühlte Ärger und Trauer. Ärger, weil Tobit einen Satz von mir aus dem Zusammenhang reisst und so missbraucht. Ich hatte mich nicht gegen Feste und Feiern ausgesprochen. Im Gegenteil. Ich hatte die Reichen und Mächtigen angeklagt, die die Festzeiten möglichst schnell beenden wollten, um wieder ihren Geschäften nachgehen zu können, um noch mehr Reichtum und noch mehr Macht auf Kosten vieler Anderer anzuhäufen. Ich kritisiere Machtmissbrauch und Ungerechtigkeit, nicht das Feiern an sich. Lesen Sie nach bei Amos 8. Tobit benutzt meine Worte, um seine Depression zu rechtfertigen, seine Fixierung auf alles Tote und seine Missachtung der lebendigen Beziehungen in seiner Familie. Traurig war ich, weil wieder einmal etwas, was als Wort des Lebens gemeint war, zu einem Wort des Todes gemacht wurde.
Hier berührte sich die Geschichte des Amos mit meiner eigenen Lebensgeschichte, mit meinen Erfahrungen in der Bibelpastoral. Wie oft erlebe ich das, dass biblische Worte, die dem Leben in Fülle dienen wollen, dazu gebraucht werden, Menschen klein zu machen, sie an der Entfaltung zu hindern, ihre Aufmerksamkeit auf Totes statt auf Lebendiges zu richten.
In diesem Fall braucht es nur die Bereitschaft und die Fähigkeit, die zitierte Stelle im Buch Amos nachzuschlagen und nachzulesen. Im Besten Fall wird so die Bibel als Gespräch zwischen Texten erkennbar, durchaus auch als Streitgespräch, als Ringen um die Bedeutung und Wirkung eines Textes. Die Bibel nicht als monolithischer Block ewiger Wahrheiten, sondern als lebendige Diskussion mit offenem Ende. Wir sind eingeladen und herausgefordert, dieses Gespräch fortzusetzen.