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Peter Zürn, Kain und Abel
Vortrag zu den Bildern der Seitenaltäre der Stadtkirche Baden AG
am 6.8.2008
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Wir kennen die Geschichte wohl alle und trotzdem oder gerade deswegen
ist es sinnvoll einen genauen Blick auf den Text zu werfen.
Das Bild stellt ins Zentrum wie Abel Gott opfert und der Rauch seines
Opfers, ein Lamm aus seiner Herde, gerade nach oben in den Himmel aufsteigt.
Auf den ersten Blick scheint das nicht durch den Text gedeckt zu sein,
denn der handelt in erster Linie von Kain und Gott.
Die eigentliche Erzählung umfasst 17 Verse. In 15 davon kommt Kain
vor. Abel kommt nur in 5 Versen vor. 9 Verse, also mehr als die Hälfte
des Textes, besteht aus dem Gespräch zwischen Kain und Gott.
Der uns so vertraute Titel der Geschichte Kain und Abel
trifft also nicht, worum es eigentlich geht. Die Geschichte sollte besser
heissen: Kain und Gott. Auf dem Bild müsste also Kain aus dem Hintergrund
in den Vordergrund treten.
Im Text ist Kain der Handelnde, der Mächtige und Starke. Abel entspricht
voll und ganz seinem Namen, denn Habel bedeutet im hebräischen Hauch.
Im dem bekannten Vers aus dem Buch Kohelet wird dieses Wort verwendet:
Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, das ist alles Windhauch.
(Koh 1,2)
Abel ist nur ein Hauch von einem Menschen. Zart, flüchtig, zerbrechlich,
ohne Einfluss und Kraft, stärkeren Mächten ausgeliefert.
Kain ist der ältere, der stärkere Bruder Abels. Der Bibeltext
richtet sich an die Menschen, die eine starke Position in der Gesellschaft
haben, Macht und Einfluss.
Die Bibel richtet sich oft an die älteren Geschwister, an die Menschen
mit Macht und erinnert sie an ihre besondere Verantwortung, den Schwächeren
gegenüber.
Damit werden sie aufgefordert, Gott selbst nachzuahmen. Denn Gott achtet
besonders auf die Abels, auf die schwachen und zerbrechlichen Menschen.
Gott sagt den Mächtigen: Schau besonders auf die Schwachen. So habe
ich es gemacht, als ich besonders auf Abel und sein Opfer schaute.
In der Anwaltschaft für die Schwachen, für die Opfer der Geschichte,
kommt die Gottebenbildlichkeit des Menschen zum Ausdruck. Das haben wir
letzte Woche bereits in der Geschichte von Noah gelesen.
Historisch gesehen entstand die Erzählung von Kain und Abel vielleicht
in der Königszeit. Sie fordert die Könige und andere Mächtige
zur gerechten Herrschaft auf.
Gerechtigkeit nach Gottes Sinn erweist sich darin, ob sie den Schwächsten
der Gesellschaft gerecht wird. In der Geschichte von Kain und Abel wird
also deutlich, was Gott unter Gerechtigkeit versteht. Auch das haben wir
schon beim letzten Mal gesehen.
Im Zentrum des Textes werden zwei Fragen gestellt. Gott fragt Kain: Wo
ist dein Bruder Abel? Und Kain fragt zurück: Bin ich der Hüter
meines Bruders? Nach der bisherigen Argumentation wäre zu erwarten,
dass Gott hier klar sagt: Ja, du bist der Hüter deines Bruders. Du
bist für ihn verantwortlich, gerade weil er der Schwächere ist.
Diese Antwort gibt Gott aber gerade nicht. Vielleicht können wir
aus diesem auffallenden Schweigen Gottes etwas herauslesen: Kann wirklich
jemand der Hüter seines Bruders oder seiner Schwester sein? Wäre
das nicht einerseits eine völlige Überforderung und andererseits
eine Art Entmündigung?
Für die Beziehung von Eltern und minderjährigen Kindern stimmt
es. Aber ab der Zeit, in der die Kinder mit Hilfe und Anleitung der Eltern
autonome Persönlichkeiten geworden sind, stimmt es nicht mehr. Als
Erwachsene sind wir Hüter unserer selbst. Wir sind für
uns selbst verantwortlich und diese Verantwortung kann uns niemand abnehmen.
In der Beziehung zwischen dem erwachsenen Kain und dem erwachsenen Abel
ist klar: Kain ist nicht der Hüter seines Bruders.
Interessanterweise hat sich die jüdische Bibelauslegung nicht sehr
für die Frage Kains bin ich der Hüter meines Bruders
interessiert. Sie hat etwas von der Gefahr der Überforderung und
Entmündigung, die darin liegt, verstanden. In der christlichen Tradition
sind wir dieser Gefahr oft erlegen, fürchte ich.
Die jüdische Tradition hat sich viel mehr für die Frage Gottes
interessiert: Wo ist dein Bruder Abel? Das Wort Ach
Bruder, kommt 7x im Text vor. Es ist entscheidend wahrzunehmen, dass ich
Brüder und Schwestern habe. Dass ich nicht alleine auf der Welt bin
und sich die Welt nicht um mich alleine dreht. Dass da andere sind, mit
denen ich ob ich will oder nicht, zusammen lebe. Und dass diese anderen
anders sind als ich. Dass es Unterschiede zwischen uns gibt, auch Interessenkonflikte.
Und dass wir diese real bestehenden Unterschiede und Interessenkonflikte
regeln müssen. Dass wir Absprachen treffen und Grenzen setzen müssen,
um uns in unserem Verhältnis zueinander vor unserem Gewaltpotential
zu schützen. Als Einzelne, als Nationen, als Religionen. Mit der
Setzung solcher realistischer Grenzen und Regeln endet ja auch die Sintflutgeschichte.
So ist die Geschichte von Kain und Abel eine Geschichte, die uns darauf
hinweist, wie lebensförderlich es ist, wenn wir die Unterschiede
und Interessenkonflikte zwischen Menschen als Grundtatsache des Lebens
akzeptieren lernen und realistisch nach Regeln des Ausgleichs von Interessen
suchen, ohne einander umbringen zu müssen.
Das ist der Anfang eines gerechten Zusammenlebens. Auf dieser Grundlage
ist dann noch mehr möglich. Es ist möglich, dass wir die Unterschiede
nicht nur akzeptieren lernen, sondern anfangen in den Unterschieden eine
kreative und fruchtbare Kraft zu sehen. Der wirklich fruchtbare Ort der
Erkenntnis ist die Grenze, an der wir uns von Angesicht zu Angesicht begegnen
ohne unsere Grenzen zu verletzen. Eine Beziehung, die die Grenzen nicht
verletzt, wird beiden Seiten gerecht. Sie erkennt die Würde des Gegenübers
an und bewahrt sein Geheimnis. Die Frage Gottes: Wo ist dein Bruder Abel?
Ruft danach sich dem Bruder bzw. der Schwester gegenüber zu stellen.
Sie ist die Frage nach Beziehung unter Wahrung der Grenze. Für die
jüdische Tradition ist die Achtsamkeit für den Anderen, der
Respekt vor seinem Andersseins identisch mit Gottesdienst. Das drückt
sich in einer ganz besonderen Form jüdischer Bibelauslegung aus:
Im Hebräischen steht jeder Buchstabe gleichzeitig auch für eine
Zahl. So kann für jeden Satz oder jedes Wort ein Zahlenwert ermittelt
werden. Im Judentum gibt es die Überzeugung, dass Ausdrücke,
die den gleichen Zahlenwert haben, eng miteinander verbunden sind. Die
Frage Wo ist dein Bruder Abel? Hat den Zahlenwert 87. Und die rabbinischen
Gelehrten haben darauf hin gewiesen, dass das Wort avodah, Gottesdienst,
genau den gleichen Zahlenwert hat. Achtsamkeit für die Geschwister
ist Gottesdienst.
Die Geschichte von Kain und Abel löst oft Empörung aus: Warum
schaut Gott nicht auf Kain und sein Opfer? Warum missachtet er ihn grundlos,
stellt ihn wie auf dem Bild in die zweite Reihe? Warum ist Gott so ungerecht?
Warum schenkt er nicht beiden die gleiche Aufmerksamkeit?
Genesis 4 gehört wie die Sintflutgeschichte zu den biblischen Urgeschichten.
Die Urgeschichten gehen von grundlegenden menschlichen Erfahrungen aus.
Hier ist es die Grunderfahrung jedes Menschen: Wir alle wollen mit dem
was uns wichtig ist, gesehen werden. Und wir alle bekommen weniger Aufmerksamkeit
und Zuwendung als wir gerne hätten. Die Erfahrung Kains, dass Gott
nicht auf sein Opfer schaut, ist unser aller Ur-Erfahrung. Und mehr noch:
Wir erleben Tag für Tag, dass die Güter dieser Welt Materielles,
aber auch Schönheit oder Liebe nicht gleich verteilt sind.
Immer hat eine oder einer mehr und selten gibt es dafür einen erkennbaren
Grund. Noch schmerzlicher: Auch das Unglück das uns tritt, eine Krankheit
zum Beispiel, hat selten einen klaren Grund, der alle Fragen nach dem
Warum unerheblich macht.
Diese Erfahrungen lösen heftige Gefühle aus. Der Bibeltext bringt
sie klar zum Ausdruck: Da überlief es Kain ganz heiss und sein
Blick senkte sich (Gen 4.5).
Grundlos benachteiligt zu werden, ist sehr schwer zu ertragen.
Als Mensch heranzuwachsen, erwachsen zu werden, macht es aber nötig,
sich zu solchen Erfahrungen und zu den Gefühlen, die sie auslösen,
zu verhalten. Nur wie?
Der Bibeltext weist uns einen Weg. Die Geschichte von Kain ist eine Aufforderung
zu einem reifen, erwachsenen Umgang mit den Grundtatsachen des Lebens.
Der Text gibt eine ganz konkrete und lebensfreundliche Anweisung.
Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht
recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon.
sagt Gott zu Kain (4,7).
Es geht um Selbstwahrnehmung und Selbstvertrauen. Prüfe dich selbst
und mach dich nicht von den Wertungen anderer abhängig.
Wer sich sicher ist, nicht willentlich Schaden angerichtet zu haben, kann
Neues beginnen, auch wenn die erwartete Belohnung ausgeblieben
ist. Gerade für den erwachsenen Gottesglauben ist eine solche Haltung
zu empfehlen. Die muslische Mystikerin Rabia, die im 8. Jahrhundert in
Basra, im heutigen Irak lebte, lief einmal durch die Strassen der Stadt
und trug in den Händen eine brennende Fackel und einen Eimer voll
mit Wasser. Als sie gefragt wurde, was sie da tue, sagte sie: Ich will
mit dem Wasser die Flammen der Hölle löschen und mit der Fackel
das Paradies anzünden, damit die Menschen aufhören Gott nur
aus Angst vor Strafe in der Hölle oder wegen der Aussicht auf Belohnung
im Paradies anzubeten.
Eine solche Gottesbeziehung wäre eine wahrhaft erwachsene Art zu
glauben.
Die Geschichte von Kain geht aber bekanntlicherweise anders weiter. Kain
erschlägt seinen Bruder. Und er übernimmt keine Verantwortung
für sein Tun. Er weist die Verantwortung zurück in dem er sagt:
Bin ich der Hüter meines Bruders?
Mehr noch: der Täter macht sich zum Opfer. Er klagt über die
Folgen seiner Tat:
Du hast mich heute vom Ackerland verjagt und ich muss mich vor deinem
Angesicht verbergen; rastlos und ruhelos werde ich auf der Erde sein und
wer mich findet, wird mich erschlagen. (Gen 4,14)
Dass die Täter sich zu Opfern machen ist bis heute bekannt, ist aber
keine Lösung. Es ist der Versuch, sich ins Paradies der verantwortungslosen
Kindheit zurückzuziehen. Ein Versuch, der nicht gelingt. Der Rückweg
ins Paradies ist uns versperrt. Wir leben jenseits von Eden. Die Verheissung
weist uns nach vorne, nicht zurück. Als Erwachsene leben und glauben
bedeutet, dass Täter mit ihrer Tat leben und sie verantwortlich zu
sich nehmen. Wie schwer das ist, davon handelt fast die gesamte Bibel.
Denn eine Gewalttat hat Folgen, sie zerstört die Beziehung des Menschen
zu den anderen, zur Natur, zu sich selbst, zu Gott. Das sieht Kain sehr
genau.
Und trotzdem geht es weiter. Ein neuer Anfang ist möglich durch
die Barmherzigkeit Gottes. Die Barmherzigkeit Gottes zeigt sich in dem
Zeichen, das er Kain gibt. Das Kainsmal ist in der Geschichte oft missverstanden
worden. Es ist keine Strafe, kein Zeichen der Aussonderung von Verbrechern.
Es ist ein Zeichen des Lebens. Gott macht dem Kain ein Zeichen, dass er
nicht erschlagen werden soll, Kain soll leben. Er soll geschützt
sein vor tödlicher Rache. Gott unterbricht mit dem Kainszeichen die
tödliche Spirale von Gewalt und Gegengewalt.
Die Bibelgeschichte geht weter, die Geschichte Gottes mit den Menschen
ist nicht fertig, auch nicht, wenn Menschen zu Gewalttätern werden
und auch nicht wenn sie ihre Verantwortung dafür nicht übernehmen.
Von den Folgen und Wirkungen der Tat wird nichts zurückgenommen.
Kein Gott sagt: es war gar nicht so schlimm. Das Kainszeichen ist aber
trotzdem ein Lebenszeichen. Es steht für das Leben mit und trotz
Schuld. Wir können das, was wir getan haben, nicht mehr rückgängig
machen, aber wir sollen damit leben können. Unser Verhalten bleibt
nicht ohne Folgen. Kain trägt die Folgen seines Tuns. Aber die Erinnerung
an die Schuld soll nicht das eigene Leben verhindern. Das mutet und traut
Gott Kain und uns zu.
Gottes Anwaltschaft für die Opfer steht nicht dem Lebensrecht für
die Täter gegenüber. Die Geschichte von Kain ist letztlich auch
ein deutliches Votum gegen die Todesstrafe. Das Kainszeichen bedeutet:
der Täter muss weiterleben können, seine Tat wird nicht vergessen,
aber sie darf ihm nicht das weitere Leben verunmöglichen. Die Bibel
erzählt, wie Kains Leben weitergeht, er liebt und zeugt Kinder, unter
seinen Nachkommen sind sogar Musiker. Die Täter werden ihr Zeichen
nicht los. Aber die Erinnerung an die Opfer darf den Tätern nicht
das Leben und die Lebensfreude verunmöglichen. Zum Erinnern gehört
auch das Vergeben und Neuanfangen.
Am Ende der Geschichte sieht also Gott durchaus auf Kain und tritt für
ihn ein. Gilt das auch schon für den Anfang: Sieht Gott Kain und
sein Opfer doch? Tritt Gott etwa für Kain ein, indem er nicht auf
sein Opfer, sondern auf das Opfer Abels schaut? Schauen wir nochmals auf
das Bild hier über dem Altar: Wir haben ja schon an anderen Altarbildern
gesehen, dass das, was sie in den Vordergrund rücken, durchaus von
Bedeutung ist. Was ist, wenn das Bild zu Recht das Opfer Abels ins Zentrum
stellt? Gibt es wirklich keinen Unterschied zwischen den beiden Opfern?
Schauen wir den Text genau an: Bei Abel heisst es, er opfert von den Erstlingen
seiner Herde und ihrem Fett. Bei Kain ist nichts dergleichen erwähnt.
Dort heisst es unbestimmt, er opfert von den Früchten des Feldes.
Erstlinge und Fett das verweist auf die Opferregeln der Bibel,
wie sie vor allem in den Büchern Exodus, Leviticus und Numeri formuliert
sind.
Da heisst es z.B. in Ex 13,2:
Der Herr sprach zu Mose: Erkläre alle Erstgeburt als mir geheiligt!
Alles, was bei den Israeliten den Mutterschoss durchbricht, bei Mensch
und Vieh, gehört mir.
Num 18,15 schränkt diese Regelung ein:
Du musst aber den Erstgeborenen bei den Menschen auslösen.
Das Prinzip bleibt in Kraft: Alle Erstgeburt gehört Gott. Aber Menschenopfer
sind in der Beziehung zwischen Gott und seinem Volk unvorstellbar. Deswegen
wird die menschliche Erstgeburt ausgelöst (durch die Zahlung eines
Geldbetrages).
Abel. Der die Erstgeburt opfert, opfert also ohne sie zu kennen, schon
nach diesen Weisungen der Tora, der fünf Bücher Mose.
Schaut Gott also auf Abels Opfer, weil er die Gesetze genau befolgt? Ist
Gott an Menschen interessiert, die Vorschriften erfüllen?
Nein, die Gesetze in der Bibel sind kein Selbstzweck. Wir können
genauer nachfragen: Wofür stehen die Regelungen?
Das Opfer der Erstlinge bzw. ihre Auslösung erkennt an, dass alles
Leben letztlich Gott gehört. Symbol dafür ist die Erstgeburt,
die als Bestes, Wertvollstes und Liebstes gilt. Wir schulden und verdanken
alles Gott, nichts haben wir selbst geleistet und verdient. Wir sind nicht
die Herren unseres Lebens und wir sind nicht die Herren der Welt. Wer
sich für den Herrn über das Leben hält, stellt einen Götzen
auf. Das Opfern der Erstgeburt ist Götzenkritik.
Das wird wunderbar durch eine jüdische Erzählung illustriert,
die die Geschichte von Kain und Abel nacherzählt. Dabei füllt
sie die Leerstellen im Bibeltext.
Kain und Abel obwohl fast allein auf der Erde, lebten doch nicht
in Eintracht und Frieden. Schon regten sich die Begier, der Neid, der
Ehrgeiz in ihren Gemütern. Abel, mässiger und weiser, schlug
dem Bruder ein mittel vor, jeden Grund der Zwietracht unter sich zu beseitigen.
Teilen wir alle Dinge unter uns und geniessen wir jeder in Frieden seinen
Teil. Der Vorschlag gefiel dem Kain und sofort schritt man zur Teilung.
Kain wurde die Erde zugewiesen und alles, was beweglich ist auf der Erde,
wurde dem Abel zugewiesen.
Aber der heftige Neid, der sich in dem Herzen Kains eingenistet hatte,
liess ihm keinen Frieden. Und gestachelt und getrieben von jener Wut,
nähert sich eines Tages jener Ruchlose dem Abel und schreit: Wo setzest
du deine Füsse hin? Du setzest die Füsse auf mein Reich. Hinaus
die Erde ist mein.
Von dieser unerwarteten Aufforderung betroffen, antwortet ihm der Bruder
mit sanften Worten also: Aber auch das Kleid, das du trägst, ist
von der Wolle meine Schafe gemacht.
Hinaus, wiederholt wütend der Bruder, hinaus aus diesem Felde, die
Erde ist mein.
Von dem grässlichen und drohenden Blicke Kains erschreckt, geht Abel
rasch aus dem Felde und springt auf einen Hügel. Kain folgt ihm und
ruft: Was machst du auf jenem Hügel? Die Erde ist mein. Abel flieht
und springt auf einen Berg, der Bruder hinter ihm drein und ruft: Was
machst du auf jenem Berge? Die Erde ist mein. Und er holt ihn ein und
tötet ihn. (Jalkut s.11a zitiert nach Texte und Kontexte 3/93,
S. 16).
Wird hier etwas in den Text hineingelesen, das gar nicht drinsteht? Wenn
wir wie bei Abel die Bedeutung der Namen ernst nehmen, haben wir einen
Hinweis, dass diese Auslegung durchaus etwas mit dem Text zu tun hat.
Der Name Kain kommt von dem hebräischen Wort, das erwerben, nachjagen,
besitzen wollen bedeutet. Es passt zu Kain zu sagen: Die Erde ist mein.
Die Erde ist mein Damit machen sich Menschen zu Herren der Welt
und setzen sich an die Stelle Gottes. Die Opferung der Erstgeburt bringt
dagegen zum Ausdruck: Gott allein ist der Herr der Welt und des Lebens.
Im Opfer der Erstgeburt wird Abel also dem biblischen Gott gerecht.
Die Opferung der Erstgeburt bringt zum Ausdruck, dass wir uns nicht selbst
das Leben gegeben haben, sondern Geborene und Geschaffene sind. Ein solches
Opfer wird also auch uns als Menschen gerecht.
Die Art wie Abel opfert ist also nicht die reine Erfüllung von Vorschriften.
Das Opfer Abels bringt seine Haltung Gott und dem Leben gegenüber
zum Ausdruck, also seinen Glauben. Bei Kain ist davon nichts zu erkennen.
Der Hebräerbrief im Neuen Testament deutet die Erzählung entsprechend:
und sagt: Im Glauben brachte Abel ein reicheres Opfer dar als Kain.
(11,4).
Abel wird Gott als Gott und sich als Mensch gerecht. Er lebt nach den
Weisungen der Tora als Gerechter. Und Abel wird erschlagen. Darin kommt
viel von den Erfahrungen des Volkes Israel zum Ausdruck: Wer nach Gottes
Gerechtigkeit lebt, steht in dieser Welt wie sie ist in der Gefahr zu
leiden und zu sterben. Das hat der Prophet Jesaja in seinen Liedern vom
Gottesknecht formuliert und das haben die Jüngerinnen und Jünger
Jesu aufgenommen, um seinen Tod im Licht der Heiligen Schrift zu deuten.
In der herrschenden Ordnung der Welt muss der Gerechte leiden und sterben.
Die Geschichte der Menschen geht mit Kain weiter. Wir alle tragen etwas
von Kain in uns. Wir alle sind Nachkommen Kains, wir alle sind Kainiten.
Die Geschichte geht aber auch anders weiter. Mit Set. Eva bekommt noch
ein Kind. Sie gebar einen Sohn und nannte ihn Set (Setzling); denn
sie sagte: Gott setzte mir anderen Nachwuchs ein / für Abel, weil
ihn Kain erschlug (Gen 4,25). Set erinnert an Abel. Er ist sein
Stellvertreter. Wir sind auch Sets Nachkommen. Die Hoffnung für die
Welt besteht darin, dass Gott immer wieder Stellvertreter für die
ermordeten Gerechten setzt. Als Sets Nachkommen leben wir in den Spuren
der Toten, der Opfer, die nicht vergessen werden sollen.
Zu Anfang sind es in der Bibel einzelne gerechte Menschen, Abel, Seth,
Henoch, ein Ururenkel von Seth, von dem es heisst, er wandelte mit Gott.
Diese Reihe geht bis Noach. Nach Noah entwickelt Gott eine neue Strategie
für die Gerechtigkeit unter den Menschen: er wendet sich nicht mehr
nur an Einzelne, sondern beruft ein Volk zum Segen für alle Völker.
Abraham und Sara sind die Keimzelle dieses Volkes. Gott hat etwas gelernt
und lehrt es uns in der Schrift: Einzelne allein und mögen sie noch
so gerecht sein, haben keine wirklich dauerhafte verändernde Wirkung.
Die Welt gerechter und friedlicher machen, können Menschen nur, wenn
sie sich untereinander verbinden. Gottes Plan mit der Welt läuft
über eine Gruppe von Menschen, ein ganzes Volk. Es geht um ein Volk
nach der Art Abels, das Gott gnädig ansieht.
Dieses Volk ist und bleibt das Volk Israel, das Judentum. Wir Christinnen
und Christen sind die jüngeren Geschwister in dieser Gottesfamilie.
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