Gedanken zu Gen 4,1-16

von Monika Lauper, Claudia Mennen, Ursula Vock zur Vorbereitung von Bibliodrama-Workshops bei den Dekeantsweiterbildungen des Bistums St. Gallen 2009

Parallelen zu Gen 3, Vertreibung aus dem Paradies
Wir lesen unseren Textschluss (Vers 16) so, dass Gott für Kain ähnlich wie für Adam und Eva präsent bleibt, auch wenn er vom Angesicht Gottes weggeht. In Gen 3 werden Adam und Eva von Adonaj weggeschickt, auch da versehen mit einem Zeichen von Zuwendung und Erbarmen. Analog dazu verstehen wir das Kainszeichen, nicht als Stigma, sondern als die Möglichkeit, trotz der schweren Schuld weiter zu leben.
Parallelen sehen wir auch zwischen Evas und Adams Abschieben der Verantwortung an die nächste Instanz und Kains Frage, ob er der Hüter seines Bruders sei. In beiden Texten ruft Gott die Menschen in die Verantwortung für ihr Handeln, erwartet erwachsene Gegenüber.
Die beiden Texte schliessen in den Vv.25ff mit dem Erwachsenwerden Evas.

Sehen und Gesehen werden bzw. Angesicht als Leitworte/Leitmotiv
Kain findet von Anfang an Beachtung - im Unterschied zu Abel, der nicht beachtet wird (ein Hauch, ein Nichts).
Adonaj unterbricht dieses Ungleichgewicht, indem er den Abel beachtet. Doch Kain bleibt auch hier direkter Ansprechpartner Adonajs. Adonaj möchte, dass Kain als der Angesehene mit ihm zu Abel schaut, dem Nichtbeachteten. Doch Kain erträgt es nicht, dass nicht immer er der Angesehene bleibt, sondern bleibt in einer kindlichen Erwartungshaltung stehen.
Seine Gesichstzüge gleiten, er lässt den Blick fallen, schaut weg.
Adonaj ermutigt ihn, das Gute im Auge zu behalten - dann könnte er wieder aufblicken.
Sogar die Sünde als Dämon hat es auf ihn abgesehen (EÜ).
"Habe ich etwa die Aufsicht über meinen Bruder?" (BigS) nimmt das Sehen wieder auf.
Ebenfalls nach der BigS sagt Kain, er sei vom Antlitz des Ackers und vom Antlitz Gottes vertrieben bzw. müsse sich davor verbergen.

Dazu das Gedicht "Es gibt dich" von Hilde Domin:
Dein Ort ist/ wo Augen dich ansehen/ wo sich die Augen treffen/ enstehst du/ von einem Ruf gehalten/ immer die gleiche Stimme/ es scheint nur eine zu geben/ mit der alle rufen/ du fielest/ aber du fällst nicht/ Augen fangen dich auf/ es gibt dich/ weil Augen dich wollen/ dich ansehen und sagen/ dass es dich gibt.

Sehen aber auch als Reaktion auf die Tat von Kain (nicht mit diesem Wort benannt): Gott sieht die Tat und da, wo niemand mehr hinschaut oder hinhört, schreit stellvertretend das Blut des Ermordeten vom Ackerboden. Hinschauen und reagieren als Teil menschlicher Verantwortung. Es ist nicht egal, was mit Abel passiert ist - wir sind "Aufseher" unserer Brüder und Schwestern. Wir sollen uns zeigen mit dem, was wir sehen und denken und uns einmischen, wo Unrecht geschieht.

Neid als Ursprung von Gewalt: Wenn ich dem/der anderen mehr Ansehen gebe, als mir (indem ich mich vergleiche) - dann mindert sich scheinbar das, was ich bin/habe.

Folgen der Tat
V.13:
Meine Strafe ist zu gross, als dass ich sie tragen könnte (ZB)
Meine Schuld ist zu gross, sie kann nicht aufgehoben werden (BigS)
dazwischen bewegen sich die verschiedenen Übersetzungen, je nachdem, ob ‚awon' als Schuld oder als Folge der Schuld verstanden wird.

Die Schuld, die nicht aufgehoben werden kann reduziert nicht auf die individuellen Tatfolgen für Kain, sondern hat die Folgen für Abel ebenso im Blick, wie die Tatsache, dass diese Schuld nicht wieder gut gemacht werden kann. Macht auch sozialpsychologisch eine Aussage über die Menschheit.

Diese Übersetzung würde auch bedeuten, dass Kain die Schwere seiner Tat einsieht und die Verantwortung dafür übernimmt. In diesem Moment bekommt er die Chance, weiter zu leben. Die Kain-Dynastie wird in der Folge sogar gross und stark.
Doch Gott ist nicht da,
sondern erst da, wo an das Opfer erinnert wird:
Da, wo Eva ihren dritten Sohn Set als Stellvertreter von Abel benennt, und darin erinnert, dass Kain ihn getötet hat. Das wäre wiederum ein Hinweis darauf, dass Schuld erst da gesühnt ist, wo das Opfer zu seinem Recht kommt bzw. erinnert wird.

Familiäre Situation
Zwischen Geschwistern wächst vermutlich in besonderer Weise die Frage: Wer hat mehr Ansehen bei den Eltern, wer wird am meisten geliebt. Gott ist in gewisser Weise in einer ähnlichen Position wie die Eltern und schafft einen Ausgleich zum Verhalten der Eltern.
Die Mutter stellt den einen Sohn ins Zentrum oder sogar an die Stelle ihres eigenen Mannes. Doch dieser ist in der Szene eigenartig abwesend und rückt die disfunktionale Familie nicht zurecht bzw. verursacht das Ungleichgewicht durch seine Abwesenheit gerade mit.

Weitere Gedanken
Kain und Abel als zwei Seiten der gleichen Person:
- Wie ist es, wenn ich einen Teil in mir, der Ansehen erhält, umbringen muss? Wenn dieser nicht leben darf?
- Abel als Es, Kain als Ich, Gott als Selbst