Synesios

370-413 n.u.Z.

Ich habe bis jetzt keine Darstellung von Synesios finden können. Diese hier zeigt Desiderius, den Abt des Klosters Monte Cassino aus dem 11. Jahrhundert, wie er dem Gründer des Klosters und des Benediktinerordens, Benedikt, Bücher und Besitzungen überreicht. Im benediktinischen Mönchtum lebt aber meiner Meinung nach etwas von der Art des Synesios fort, die Pragmatik in der Lebensführung statt radikaler asketischer Ideale, die Hochschätzung und Bewahrung von Kulturleistungen... (Abbildung in: Peter Bamm, Welten des Glaubens, 1959, S. 342)

 

 

 

Ein christlicher Bischof mit Zweifeln an der Auferstehung. Ein christlicher Bischof mit einer "erklärten Schwäche für Vergnügungen". Ein christlicher Bischof im religiösen Pluralismus des römischen Reiches, der "ohne irgendeinen Glauben zu zerstören oder aufzubauen, jedem seine überkommene Meinung lassen" möchte. (alle Zitate aus: Michel Clevenot, Geschichte des Christentums, Band 3)

 

"Es gibt verschiedene Weisheiten. Ich bin für die Weisheit, bei der Felder verteilt werden." (Der Bauer Sen in Bertolt Brecht, Turandot oder der Kongress der Weisswäscher) Synesios ist ein adeliger Gutsherr, ein Landedelmann im römischen Reich, genauer in der Kyrenaika in Libyen. Er studiert Literatur sowie die Philosophie des Neuplatonismus bei der Mathematikerin und Philosophin Hypatia in Alexandria. Wie Hypatia sich als Gelehrte und Politikerin zugleich versteht, engagiert sich auch Synesios für seine Heimatprovinz. Anstelle der unfähigen und habgierigen Beamten organisiert er die Verteidigung gegen Überfälle von Nomaden aus der libyschen Wüste, er lässt die Dörfer befestigen, hebt Milizen aus, kauft Waffen und konstruiert eine Wurfmaschine, obwohl all diese Initiativen zur Selbstverteidigung durch das Gesetz verboten sind. Synesios wird schliesslich von der Regierung seiner Provinz als Botschafter zum Kaiser nach Konstantinopel gesandt, um Steuersenkungen und stärkere Militärzuteilungen zu erreichen, allerdings ohne Erfolg. Zurück in Alexandria macht er die Bekanntschaft des christlichen Bischofs Theophilus, den man den "Pharao von Äegypten" nennt. 403 heiratet Synesios eine junge Christin, er selbst bleibt aber "Heide". Bischof Theophilus hat erkannt, über welche Fähigkeiten Synesios verfügt und dass diese in der noch jungen christlichen Staatskirche gut zu gebrauchen wären. Synesios hat mit seiner Frau derweil 3 Kinder, leitet die Bewirtschaftung seiner Güter, engagiert sich weiterhin im Kampf gegen die Plünderer aus der Wüste, schreibt Bücher, z.B. eine "Abhandlung über die Träume", die sich mit verschiedenen Jenseitsvorstellungen beschäftigt, geht regelmässig auf die Jagd und freut sich daran, schon von weitem "den Gesang der Vögel, das Gebell der Hunde, die Stimme der Freunde, derjenigen, die wir lieben und die uns lieben" zu hören, wenn er nach Hause zurückkehrt.
Ein anderes Bild von einem Bischof... Als der Bischof von Ptolemais, der Hauptstadt der Kyrenaika, 410 stirbt, will die christliche Gemeinde einstimmig Synesios zum Bischof haben. Dieser führt in einem Brief all das an, was gegen ihn spricht, jedenfalls wenn er sich mit dem Bild eines Bischofs vergleicht, das damals schon in den Köpfen (und wohl auch in der Realität) vorherrschend war, "nämlich erhaben über alle menschlichen Schwächen, gleichgültig wie Gott selbst gegenüber jeder Art von Vergnügungen und unaufhörlich seine Würde bewahrend." Synesios Wahlprogramm dagegen lautet: "Wenn ich wirklich ins Bischofsamt berufen werde, werde ich in gar keiner Weise, und ich rufe Gott und die Menschen zu Zeugen an, irgendwelche Glaubenssätze vertreten, an die ich selber nicht glaube." 411 wird Synesios Bischof und leitet die Diözese wie zuvor die Provinz. Er findet für das Ziel seiner Tätigkeit Bilder, die mich im Stil und der Wortwahl an Bertolt Brecht erinnern: "Nützlich zu sein denen, die mein Leben teilen, den einzelnen und der Stadt den bestmöglichen Dienst erweisen, damit, wenn man so sagen kann, die Freundschaft unter all den Passagieren auf meinem Schiff herrsche."

Was heisst "Leben nach dem Evangelium"?

Christus legt dem Heiligen Menas, einem Zeitgenossen von Synesios aus der Nähe von Alexandria in Ägypten, den Arm um die Schulter. Für mich auch ein Bild für Synesios (Koptisches Bild aus dem 6. Jahrhundert, Abb. Peter Bamm, S. 247).

Dabei übt er auch die Macht seiner Leitungsfunktion aus, etwa als er den Statthalter Andronikus, der sich willkürlicher Festnahmen und Folterungen schuldig gemacht hat, exkommuniziert. Als der Statthalter dann aber durch die Lynchjustiz einer aufgebrachten Menge bedroht ist, stellt er ihn unter bischöflichen Schutz. Seine Begründung: "Andronikus, der gestern ein Unterdrücker war, ist heute ein Verfolgter ... Aber unsere Aufgabe liegt niemals darin, für die vom Schicksal Begünstigten Partei zu ergreifen, sondern zu weinen mit den Weinenden."