|
«Es gibt Zeiten, in denen sich die Distanz
verringert»
Zu den Lesungen am Fest der Heiligen Familie
Alttestamentliche Lesung: Sir 3,26.1214
Evangelium: Mt 2,1315.1923
|
Vor einem Jahr hat Winfried Bader an dieser Stelle (SKZ 50/2006,
837) die aktuelle Situation von Familien beschrieben: vielfältige
neue Formen des Zusammenlebens, völlig überzogene gesellschaftliche
Ansprüche . . . Daran hat sich nichts geändert. Ich möchte
hier den Blick besonders auf die Väter richten. Sie sind Teil
der Familie, auch sie leben ihre Väterlichkeit in vielfältigen
Formen, auch sie stehen (und leiden) unter hohem Erwartungsdruck.
Gibt es biblische Orientierungshilfen für heutige Väter?
Mit Israel lesen
Im Lesungstext schreibt Jesus Sirach über das richtige Verhalten
von Söhnen gegenüber ihren Eltern. Der Schriftgelehrte
und Weisheitslehrer schreibt als Mann für Männer. Dabei
legt er das Gebot der Elternehrung aus dem Dekalog aus (Ex 20,12;
Dtn 5,16). Die biblischen Weisungen zum Umgang mit den Eltern richten
sich nicht an kleine Kinder, sondern an Erwachsene. Ihr Ziel ist
es, die Versorgung der Eltern auch im Alter zu sichern. Die Voraussetzungen
dafür werden aber bereits in der Kindheit geschaffen. Der Sohn,
der als Kind einer autoritären und demütigenden Lebensschule
unterzogen wurde, wird später seinen alten Eltern die Ehre
erweisen, sprich, sie angemessen versorgen. Die autoritäre
Pädagogik des Jesus Sirach war im alten Orient allgemein verbreitet,
auch wenn er sie besonders scharf formuliert: «Wer seinen
Sohn liebt, hält den Stock für ihn bereit . . . Beug ihm
den Kopf in Kindes tagen; schlag ihm aufs Gesäss so lange er
klein ist, sonst wird er störrisch und widerspenstig gegen
dich» (vgl. Sir 30,113).
Thomas Staubli hat Sir 3,116 und seine «theologisch-pädagogische
Entfaltung des Gebotes der Elternehrung»1 analysiert. Er hebt
hervor, dass für Sirach die Erfüllung der Schuldigkeit
gegenüber den Eltern sündentilgende Wirkung hat
wie ein Sündopfer (Sir 3,3.14 vgl. Lev 4,27 ff .). Jesus Sirach
setzt sich für die Rechte alter Menschen ein, die sich nicht
mehr selbst versorgen können. Er fragt, wie sich Beziehungen
über die Generationen hinweg gerecht gestalten lassen, richtet
seinen Blick dabei konsequent auf die schwächere Seite und
steht damit in der biblischen Tradition, die sich auf den Gott der
Gerechtigkeit und der Parteilichkeit für die Armen ausrichtet.
Ist es aber, um die Absicherung der Alten zu gewährleisten,
nötig, die Kinder systematisch mit Gewalt zu demütigen
und zu brechen? Braucht es für das solidarische Anliegen von
Sir 3 die Gewalt von Sir 30? Muss hier nicht Sirach mit Sirach widersprochen
werden? Die Auslegung von Sir 35 (SKZ 42/ 2007) hat gezeigt, dass
im Zentrum seiner Botschaft der «Gott des Rechts» steht,
der parteiisch ist für die Armen. Jesus Sirach formuliert radikal:
«Man schlachtet den Sohn vor den Augen des Vaters, wenn man
ein Opfer darbringt vom Gut der Armen» (Sir 34,24). Gott ist
der Vater, der nicht will, dass seinen Kindern Gewalt angetan wird.
Gilt diese politische Überzeugung nicht auch innerhalb der
Familie? Wenn die Ehrung der Eltern sündenvergebend wirkt wie
ein Opfer, kein Opfer aber «vom Gut der Armen» genommen
werden soll, darf dann die Gerechtigkeit für die Alten auf
der Gewalt an den Kindern basieren? Auch sie sind ja ein schwächerer
Teil der Beziehung, die sich über drei Generationen erstreckt.
Die Verbindung dreier Generationen, die Jesus Sirach hier schaff
t, führt mitten hinein in die biblische Theologie. Tovia Ben
Chorin, von 1996 bis 2007 Rabbiner der Jüdischen Liberalen
Gemeinde in Zürich, erkennt die generationenübergreifende
Kontinuität in der häufig gebrauchten Formel vom «Gott
unserer Väter, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs»
(Ex 3,6 u. A.). «Das soll dich lehren, dass das Gottesverständnis
Abrahams, der das Gehe aus deinem Vaterland (Gen 12,1)
hörte und ging, unterschieden ist von dem Isaaks, das . . .
mit den Worten der Gott Abrahams und der Schrecken Isaaks
(Gen 31,42) gekennzeichnet wird. Natürlich baut sich auch Jakob
seine eigene Theologie auf, was mit der Gottesbezeichnung . . .
der Gott, der dir in Beth-El erschienen ist (Gen 31,13)
zum Ausdruck kommt. Und doch hatten alle drei Erzväter den
einen Gott im Sinn. Nur ihre Perspektive war subjektiv. Sie rührte
von ihren existentiellen Erfahrungen her.»2 Tovia Ben Chorin
schreibt diese Sätze in Erinnerung an seinen Vater, Schalom
Ben- Chorin. Ihre Beziehung war nicht immer einfach. Der Sohn beendet
seine Erinnerungen mit den Worten: «Vater, wenn ich heute,
etwas leichter, deine Schriften lese, höre ich deine Stimme
und treffe mich mit dir, immer wieder. Vielleicht, wenn du da bist,
fühlst du dann etwas von den Wellen der Hochachtung des Schülers
gegenüber seinem Lehrer, von der Liebe des Sohnes zu seinem
Vater. Es gibt Zeiten, in denen sich die Distanz verringert.»3
Die Distanz verringert sich, wenn Väter und ihre Kinder ihre
unterschiedlichen existentiellen Erfahrungen wahrnehmen und würdigen
können, selbst wenn sie so belastend darin verstrickt sind
wie Abraham in den Schrecken Isaaks (Gen 22). Die Distanz verringert
sich, wenn Väter und ihre Kinder sich die eigenen, unverwechselbaren
Wege gehen lassen und dabei miteinander verbunden bleiben im Bewusstsein
der gemeinsamen Wurzeln und der Ausrichtung auf das eine göttliche
Geheimnis des Lebens. Die Distanz verringert sich, wenn die Beziehung
beiden Seiten gerecht wird.
Mit der Kirche lesen
Im christlichen Kanon endet das Alte Testament mit dieser Verheissung:
«Gott wird das Herz der Väter wieder den Söhnen
zuwenden und das Herz der Söhne ihren Vätern» (Mal
3,24a). Das sind die letzten Worte des Alten Testaments. Von der
Erfüllung dieser Verheissung hängt sehr viel ab. Die Gestaltung
dieser Beziehung kann das Land vor dem Untergang bewahren (3,24b).
Offensichtlich gab es schon damals eine Einsicht in die zerstörerische
Kraft unerfüllter Vater-Sohn-Beziehungen. Heute wächst
das Bewusstsein für die Folgen abwesender Väter und fehlender
Väterlichkeit (nicht nur biologischer, auch sozialer) für
Kinder und Jugendliche. Es braucht lebensnotwendend Zeiten und Räume,
damit sich bestehende Distanzen verringern können. 1475 entstand
die flämische Buchmalerei «Die Flucht nach Ägypten».
Das Bild zeigt Maria, die auf einem Esel sitzt und liest. Und es
zeigt Josef, der vorangeht und dabei das Kind in seinem Arm hält.
«Maria liest und Josef trägt das Kind» ist Leitbild
für das kirchliche Engagement am Schweizer Vätertag 2008.
Der Vätertag am 15. Juni 2008 will die Aufmerksamkeit auf gelebte
Väterlichkeit in ihren vielfältigen Formen lenken. Biologische
und soziale Väter suchen nach Unterstützung und Anregungen
für ihr Vatersein auch nach spirituellen und religiösen
Formen4 . Es gibt Zeiten, in denen sich die Distanz verringert
der Vätertag ist dafür ein Zeichen und eine Chance. Die
Kirche kann an diesem Tag und darüber hinaus Räume öffnen,
in denen Gott das Herz der Väter den Töchtern und Söhnen
zuwendet und das Herz der Kinder ihren Vätern.
1 Thomas Staubli: Gott, unsere Gerechtigkeit. Begleiter zu den
Sonntagslesungen aus dem Ersten Testament. Luzern 2000, 47.
2 Tovia Ben Chorin: Ein Lob auf Schalom Ben-Chorin, meinen Vater,
sein Andenken sei mir und für viele zum Segen!, in: lamed.
Zeitschrift Stiftung Zürcher Lehrhaus Nr. 3, November 2007,
7 f.
3 Ebd. 12.
4 Mehr dazu unter www.vaetertag.ch (im Ideenpool) und www.bibelwerk.ch.
|