|
Rupert Sheldrake und Matthew Fox, Die Seele ist ein Feld, 1999 |
|
| Gespräche |
Dieses Buch besteht aus Gesprächen zwischen dem Dominikanerpater und Theologen Matthew Fox und dem Biologen und Philosophen Rupert Sheldrake. Lesen Sie von diesem Buch wenigstens die Einführungen. In ihnen stellen sich die beiden Autoren auf eine sehr persönliche Art vor. Sie beschreiben den Weg, der sie aus ihrem jeweiligen Lebens- und Denksystem herausgeführt hat, zu den Fragen, über die sie in diesem Buch miteinander sprechen. Bei Matthew Fox war dieses System die akademische Theologie und die katholische Kirche, bei Rupert Sheldrake die universitäre Biologie. |
|
Kindheitserinnerungen
|
Beide erinnern sich an Erlebnisse, die sie als Kind hatten, in denen sie die Wurzeln ihrer heutigen Weltsicht wiederfinden. Fox erinnert sich daran, dass er als 12jähriger Kinderlähmung bekam, "die Ärzte hatten keine Ahnung, ob ich je wieder würde laufen können. Und als ich nach ein oder zwei Jahren wieder meine Beine spürte, war ich voller Dankbarkeit für etwas, das ich 12 Jahre lang für selbstverständlich gehalten hatte. Dieses Erlebnis hat mich gelehrt, nichts für selbstverständlich zu halten, und das ist etwas Mystisches." (Seite 9). Sheldrake erinnert sich an seine Leidenschaft für alles Lebendige, die ihn bereits als Kind wissen liess, dass er Biologe werden wollte. Und diese Erinnerung verstört ihn immer wieder, wenn es in der universitären Biologie darum geht, das Lebendige zu sezieren, zu objektivieren, kurz zu töten, um es zu erforschen und beherrschbar zu machen. Beide beschreiben den Lernprozess, der sie zu ihren heutigen Ansichten und Fragen geführt hat, benennen ihre LehrerInnen und gesellschaftlichen Lernsituationen. Ihr Denken entsteht in einem offenen Prozess. |
| Zwei Sprachen |
Faszinierend ist dann auch das Gespräch der beiden. Beide sprechen in ihrer Sprache, in der der Biologie Sheldrakes und in der der Mystik und Theologie von Fox. Sie sprechen über gemeinsame Erfahrungen und verbindende Einsichten in die Natur. Dadurch gewinnen beide Sprachen neue Bedeutungshorizonte. Mich interessieren dabei natürlich vor allem die neuen Bedeutungshorizonte der Sprache der Theologie. Ich möchte es an einem Beispiel deutlich machen. Sheldrake grenzt sich ab von einer Vorstellung der Natur als unbeseelter Maschine, die nach ewigen Gesetzen läuft. Stattdessen zeichnet er ein Bild der Natur als sich entwickelnder, lebendiger Organismus, von dem Menschen nur etwas wissen können, wenn sie sich als ein Teil davon verstehen und an ihm partizipieren. Die Entwicklung dieses Organismus geschieht auf der Grundlage von Gewohnheiten, einer Art innerem Gedächtnis der Natur. Diese Gewohnheiten bilden sich aus einer Grundstruktur der Natur, der Sheldrake den Namen "Feld" gibt. Felder "sind formbildende Prinzipien, die auf dem basieren, was zuvor geschehen ist. Es sind die Träger der Gewohnheit, die Träger des Erbes ... Ich sehe im Universum ein Zusammenspiel zwischen dem Gewohnheitsprinzip, das durch Felder repräsentiert wird, und einem Kreativitätsprinzip, das durch den fortlaufenden Fluss der Dinge repräsentiert wird, der stets für Überaschungen sorgt. |
|
Transzendenz = Überraschung |
Das Wort "Überraschung" übersetzt Fox daran anschliessend mit "Transzendenz". "Es ist das, was der Geist bringt." (Fox, Seite 46). Daraus entsteht ein neues Verständnis von Schöpfungslehre (im kosmischen Masstab): der theologische Ausdruck für die Felder, die formbildenden Prinzipien wäre "Logos", der Ausdruck für das Kreativitätsprinzip wäre "Heiliger Geist". Die Transzendenz realisiert sich im Zusammenspiel der beiden Prinzipien. |
| Weitere Beispiele |
Ich möchte weitere Bereiche, in denen sich neue Verstehenshorizonte für alte theologische Begriffe auftun, hier nur anführen und mit einigen kurzen Zitaten versehen, um sie neugierig aufs Lesen zu machen: - die Seele als Feld (Seite 41ff.): "Unsere Seelen sind nicht in unseren Körpern, unsere Körper sind in unseren Seelen". - Maria als Mutter Natur (Seite 47ff.): "Im 12. Jahrhundert hatte Kathedrale die Bedeutung des Throns, auf dem die Muttergöttin sitzt und über das Universum herrscht, mit Weisheit und Mitgefühl und voller Gerechtigkeit für die Armen und Unterdrückten." - Eucharistie (Seite 58): "das eucharistische Gesetz des Universums...: Alles in diesem Universum isst und wird auf die eine oder andere Art gegessen. So war beispielsweise die Supernovaexplosion vor fünfeinhalb Millionen Jahren, die die Elemente unseres Körpers hervorbrachte, ein eucharistisches Ereignis. Dinge sterben, geben aber ihrer Nahrung und ihre Nährstoffe für andere Augenblicke der Evolution weiter." - Gnade und Lobpreis (Seite 59ff.): Eine Theologie, die in der Natur die Sünde sieht, also die Natur von der Gnade trennt, schafft eine "Gnadenknappheit", die die Vermittlung der knappen Gnade an ein klerikales System bindet. Dagegen ist "das Universum 15 Milliarden Jahre ein Segen und eine Gnade gewesen." "Gnade hat etwas mit Schenken zu tun. Gnade ist bedingungslose Liebe... eine Gnade ist etwas Gutes, ist ein Segen, ist ein Geschenk." "Gnadenbewusst zu sein, heisst dankbar zu sein. Die Reaktion auf die Gnade ist das Lobpreisen." Wir aber sind "eine Zivilisation, die nicht singt." - eine Theologie der Gnade von Tieren mit einem wundervollen Vorschlag für Gottesdienste mit Tieren (Seite 65ff.): "Ich hatte siebzehn Jahre lang einen Hund als spirituellen Führer, weil er wahrhaft begnadet war. Er hat nie daran gezweifelt, dass er ein Recht hatte, dazusein, und daran, dass er ein Hund war... Wenn Merton sagt, jedes nichtzweibeinige Wesen sei ein Heiliger, dann will er damit sagen, dass es voller Gnade ist. Menschen sind die einzigen Wesen, die nicht voller Gnade sind. Wir müssen sozusagen noch daran arbeiten." Sich in der Gnade fühlen heisst "psychologisch gesprochen: ein starkes Selbstwertgefühl besitzen." |
|
Andre Worte für Karsamstags-Theologie: Mystik und Prophetie
|
Für mich besonders schön war es, ein anderes Bild für das zu finden, was ich mit "Karsamstags-Theologie" ausdrücken wollte. Matthew Fox versucht das Wesen der Spiritualität am Beispiel des Betens zu ergründen: "Was ist Beten? Am Ende habe ich dargelegt, dass Beten eine radikale Reaktion auf Leben ist". Denn Gott ist Leben. Es gibt zwei Reaktionsformen: Mystik, das Prinzip Freude, unser Ja zum Leben und Prophetie, das Nein zu den Todesmächten, die das Leben bedrohen. Diese "Dialektik von Mystik und Prophetie, von Ja und Nein", entspricht der Spannung zwischen Ostersonntag und Karfreitag. Dabei hat das Bild von Mystik und Prophetie sogar einen Überschuss gegenüber der Zuteilung auf Tage im Jahreslauf. Die Todesmächte werden nicht zu einem quasinatürlichen Bestandteil des Ganzen. Ihnen kann widersprochen werden, es kann ein Standpunkt gegen sie bezogen werden, ihre Agenten können identifiziert und angeklagt werden. Gerade der Tod am Kreuz ist ein natürliches Ereignis, sondern eine Gewalttat von Menschen gegen das Leben. |
|
Weitere Infos zu Matthew Fox: |