|
Lebensfreude
Phil 4,4-7
|
Friede! Freude! Eierkuchen?
Spricht die Bibel von Lebensfreude? Der Apostel Paulus tut es.
Mit Nachdruck. Am Ende seines Briefes an die Gemeinde in Philippi
schreibt er:
"Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut
euch!
Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt,
wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus
Jesus bewahren" (4,4 und 7).
Freude! Und Friede! Fehlt bloss noch der sprichwörtliche Eierkuchen,
dann würde der Text völlig ins Lächerliche abkippen.
Warum schreibt der Apostel Paulus so vehement von der Freude? Warum
empfiehlt er die Freude gerade den Menschen, die sich in Philippi
von der Botschaft Jesu Christi haben ansprechen lassen? Und warum
wünscht er ihnen den "Frieden Gottes, der alles Verstehen
übersteigt"?
Kommen Sie mit nach Philippi. Wir werden uns die Stadt und die Gemeinde
dort etwas näher anschauen. Und vielleicht werden wir dort
neben so manchen, was uns sehr fremd vorkommt, auch etwas entdecken,
das mit uns zu tun hat.
Die Lieblingsgemeinde des Paulus
Zwischen Paulus und der Gemeinde in Philippi gab es eine besonders
enge Beziehung. Das zieht sich durch den gesamten Brief. Paulus
spricht von der Verbundenheit im Gebet (Phil 1,3), in der Solidarität
(1,7), im gemeinsamen Kampf (1,27-30), in der Sorge umeinander (2,26-28)
und in seiner Sehnsucht, die Gemeinde wiederzusehen (1,8). Die Beziehung
besteht in einem wechselseitigen Geben und Nehmen (4,15). Entsprechend
stehen Paulus und die Gemeinde auch in einem vielfältigen und
langen Kommunikationsprozess, aus dem der Brief nur einen Ausschnitt
darstellt. In der Apostelgeschichte (16,11-40) ist der erste Besuch
des Paulus in Philippi beschrieben. Später gingen Boten mit
Nachrichten und Unterstützungsgaben hin und her (Phil 2,26;
4,18). Paulus plant Mitarbeiter nach Philippi zu senden und kündigt
seinen eigenen Besuch an (2,19 und 24). Kein Wunder, dass die Bibelwissenschaft
davon spricht, dass es sich bei Philippi um die "Lieblingsgemeinde
des Paulus" handelt.
Die Stadt Philippi
Was ist das Besondere an Philippi? Dazu müssen wir uns die
Geschichte der Stadt etwas näher anschauen. Der Name der Stadt
leitet sich vom makedonischen König Philipp ab, dem Vater Alexanders
des Grossen. Stadtgründer war aber der römische Kaiser
Augustus. Philippi war ihm direkt unterstellt und hiess offiziell
Colonia Iulia Augusta Philippensis. Nach dem Sieg über seinen
Rivalen um die Macht im Römischen Reich, Antonius, siedelte
Augustus dort ehemalige Soldaten seines Gegners an, verlieh ihnen
das Bürgerrecht und verteilte Privilegien an sie. Aus Feinden
wurden so Freunde. Das diente der Befriedung des Reiches und schuf
eine direkte Abhängigkeit der neuen Stadtelite vom Kaiser.
Philippi wurde zu einem Hort der Dankbarkeit und Treue Rom gegenüber.
Wer etwas war und werden wollte in Philippi, der war für den
Kaiser und seine Herrschaft, die sogenannte Pax Romana, den römischen
Frieden. Alles was die herrschende Ordnung stören könnte,
wurde in Philippi argwöhnisch beobachtet und mit militärischer
Disziplin abgewehrt. Das lässt sich z.B. an den in Philippi
geprägten Münzen belegen. In keiner anderen Stadt Makedoniens
sind derart viele Kaiserbilder und militärische Symbolen auf
den Münzen zu sehen wie hier.
Neben ihrer politischen hatte die Stadt Philippi auch eine starke
wirtschaftliche Bedeutung. Sie lag an einer der wichtigsten antiken
Handelstrassen, der Via Egnatia. Wer gute Geschäfte macht und
will, dass das so bleibt, der ist an Ruhe und Ordnung interessiert.
Und daran, dass niemand das herrschende System in Frage stellt.
Religiös schliesslich war die Stadt von einer Vielzahl von
Kulten geprägt. Man kann etwas aktualisierend von einem Markt
der religiösen Möglichkeiten sprechen. In diesem Rahmen
nahm aber der Kaiserkult eine besondere Rolle ein. Ihm konnte man
sich nicht ohne soziale Nachteile entziehen. Wer nicht dem Kaiser
opferte und huldigte, der wurde zum verdächtigen Aussenseiter.
Zusammengefasst also man sagen, dass in Philippi Recht und Ordnung
herrschten und vermutlich mit militärischer Disziplin dafür
gesorgt wurde, dass alles so blieb wie es war. Wobei mit Recht und
Ordnung "natürlich" das herrschende Recht und die
Ordnung der Herrschenden gemeint sind. Die Sklavinnen und Sklaven
in Philippi wurden nicht um ihre Meinung gefragt. Sie mussten sich
der herrschenden Ordnung fügen genau wie all die Völker
rings um das Mittelmeer, die vom Römischen Imperium unterworfen
worden waren und jetzt in der "Pax Romana" lebten. Wer
dagegen aufbegehrte, endete am Kreuz. Kreuzigung war die römische
Strafe für alle, die gegen die römische Herrschaft aufbegehrten.
Die Gemeinde in Philippi
In Philippi gab es eine jüdische Gemeinde, allerdings wohl
keine Synagoge. Die junge christliche Bewegung war mit den jüdischen
Gemeinden eng verbunden. Die Apostelgeschichte erzählt davon,
dass Paulus und Timotheus am Sabbat auf der Suche nach einer Gebetsstätte
die Stadt Philippi verlassen und am Flussufer jüdische Frauen
treffen, die sich zum Gebet eingefunden haben (Apg 16,13). Warum
beteten die jüdischen Frauen ausserhalb der Stadt? Und wo waren
die Männer?
Das Zentrum des Judentums ist die Tora, die Heilige Schrift. Sie
stellt Gott über alle menschlichen Herrscher - auch über
den vergöttlichten römischen Kaiser. Und sie fördert
das solidarische Zusammenleben von freien Menschen. Solche Überzeugungen
hatten in der kaisertreuen Stadt Philippi mit ihren klaren militärisch
geprägten Rangordnungen wenig Raum. Wer öffentlich aus
dieser Tora vorlas, tat das besser ausserhalb der Stadt. Und wer
auf die Akzeptanz durch die Mächtigen in der Stadt und die
Nachbarn ringsum angewiesen war - als Händler oder Handwerker
- zeigte sein Jüdischsein wohl nicht allzu gerne in der Öffentlichkeit.
Deswegen blieben die jüdischen Männer mitunter sogar am
Sabbat zu Hause.
Eine Bewegung gar, die an eine Messias (=Christus, der Gesalbte)
glaubt, der als politischer Aufrührer gegen Rom gekreuzigt
wurde, muss in dieser Stadt auf massive Widerstände stossen.
Und das nicht nur bei den Mächtigen, sondern auch innerhalb
der jüdischen Gemeinde, die darin eine Gefahr sah für
die zerbrechliche Akzeptanz, die sie sich mühsam erarbeitet
hatte.
Es war also ein Wagnis in dieser Stadt der Botschaft der Tora und
der Botschaft Jesu Christi nachzufolgen. Wer es dennoch tat, hatte
vermutlich wenig Grund zur Freude. Und schon gar keinen Frieden.
Freude und Friede
Den Menschen in dieser Gemeinde also schreibt Paulus:
"Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut
euch!
Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt,
wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus
Jesus bewahren."
Was meint er mit den beiden Ausdrücken "Freude" und
"Friede"? Es sind zwei Worte aus der biblischen Tradition.
Beginnen wir mit dem Ausdruck "Frieden":
Frieden im biblischen Sinn ist mehr als das Fehlen kriegerischer
Handlungen. Der alttestamentliche Ausdruck schalom umfasst sehr
viel mehr. Die griechische Übersetzung des Alten Testamentes
braucht mehr als 25 Worte, um die verschiedenen Bedeutungen von
schalom wieder zu geben. Schalom ist ein dynamischer Ausdruck und
bedeutet, "vollkommen, heil, unversehrt zu leben". Mit
schalom wird das materielle und geistige Gedeihen Einzelner und
der Gesellschaft ausgedrückt. Das Gegenteil von schalom ist
denn auch nicht Krieg, sondern all das, was dem allseitigen Wohlergehen
schaden kann.
Biblische Begriffe sind oftmals Beziehungsworte. So auch hier. Wesentlich
für schalom ist das gute Verhältnis zwischen Personen,
Familien, Stämmen, Völkern und das Verhältnis von
Menschen zu Gott. "Dabei bedeutet schalom' nicht einen
Frieden, der Unterschiede auflöst, sondern eine Fülle',
in der die unterschiedlichen Heilsgeschichten der Menschen ... zu
einer vollen Geltung kommen", wie die Rabbinerin Elisa Klapheck
formuliert.
Dieser Friede ist nicht die Pax Romana. Die besteht darin, dass
sich alle unter die römische Herrschaft unterordnen. Der dient
in allererster Linie dem Wohlergehen einiger weniger. Wenn Paulus
also der Gemeinde von Philippi den Frieden Gottes wünscht,
dann wünscht er ihnen einen Gegenentwurf zur herrschenden Ordnung.
Ein solcher Friede/schalom übersteigt alles Verstehen. Ein
solcher Friede ist unter den herrschenden Bedingungen von Philippi
nicht vorstellbar, völlig widersinnig, verrückt. Und trotzdem
ist ein solcher Friede/schalom unter Menschen und in der Schöpfung
erfahrbar. In der Gemeine in Philippi, die aus Menschen aus unterschiedlichen
sozialen Schichten und unterschiedlicher Herkunft bestand, zu der
auch Sklavinnen und Sklaven und Fremde gehörten, in der die
Tora gelesen und die Geschichte Jesu erzählt wurde, die von
Gottes- und Nächstenliebe als den höchsten Geboten erzählen,
höher als alle Gesetze Roms, in dieser Gemeinde ist dieser
Friede schon da. Zu diesem Friede tragen Menschen bei. Aber machbar
ist er nicht. Letztlich ist er ein Geschenk Gottes. Und wenn es
gelingt, diesen Frieden über die Gemeindegrenzen hinaus in
die ganze Stadt Philippi zu tragen, dann ist das ein echtes Wunder
Gottes.
Über solche Schalom-Erfahrungen, über solche Geschenke
und Wunder, da ist die Freude gross. Es ist die Freude über
gelungene Beziehungen im biblischen Sinn, über Beziehungen,
in denen unterschiedliche Lebens- und Heilsgeschichten anerkannt
werden und zur Erfüllung kommen. Über Beziehungen, die
im Kleinen beginnen und die ganze Stadt und den Weltkreis verändern
können.
Philippi ist eine Stadt aus der Antike. 2000 Jahre weit entfernt.
Sie ist eine extreme Stadt in ihrer Kaiser- und Ordnungstreue. Aber
sagen Sie selbst! Kommt Ihnen nicht auch heute und hier in der Schweiz
so manches in Philippi ganz vertraut vor? Können wir die Sehnsucht
nach dem Friede Gottes und der Freude darüber in der Gemeinde
nicht nachvollziehen? Bräuchten wir nicht auch manchmal jemand,
der uns in einem Brief diesen Frieden wünscht und uns an das
erinnert, worüber wir uns freuen können? Dafür könnte
ich gut und gerne auf Eierkuchen verzichten.
Peter Zürn
Diesem Artikel liegt ein Beitrag in folgendem Buch zugrunde.
Brigitte Schäfer (Hg.), Mitten im Glauben. Die mystische Seite
des Apostels Paulus. Reihe WerkstattBibel Band 15, Verlag Katholisches
Bibelwerk Stuttgart 2011. Erhältlich unter: http://www.bibelwerk.ch/d/shop
|