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Die eherne Schlange
Num 21,4b-9

Vortrag zu den Altarbildern der Stadtkirche Baden

Das Volk Israel ist unterwegs in der Wüste. Es ist schon lange unterwegs. Die Erfahrung der Befreiung aus der Unterdrückung, des Exodus, ist schon beinahe Geschichte. Eine alte Erinnerung. Sie trägt kaum noch auf den gegenwärtigen Wegen. Das Ziel, das gelobte Land ist eine Verheissung. Aber nichts davon ist sichtbar und spürbar. Eine Situation wie wir Sie wohl auch kennen.
In dieser Situation steigen tiefsitzende Fragen und Ängste auf, verkörpert von den Schlangen. Die Ur-Frage, das Ur-Misstrauen: Steckt wirklich ein Sinn hinter all dem? Sind wir wirklich Gottes geliebte Kinder oder sind wir von allen Göttern verlassene Waisen?
In diese Situation hinein steckt Mose die kupferne Schlange auf die Stange.

Ich möchte aber lieber dem Hinweis des Altarbildes von der Sintflut folgen. Es stellt ja die Menschen in den Vordergrund, Menschen, die Täter sind und Opfer werden. Auch hier auf diesem Bild stehen Menschen im Vordergrund, eine bunte Schar von Männern, Frauen und Kindern. Menschen wie sie nun mal sind. Menschen wie wir.

Auch die jüdische Bibelauslegung hat in der Geschichte die Gefahr gesehen, das Schlangenbild magisch misszuverstehen. Darum hat auch sie den Blick von der Schlange weg auf die Menschen gerichtet. In der Mischna heisst es: „Konnte die Schlange töten oder am Leben erhalten? Sie war nur dazu da, euch zu lehren, dass sobald die Israeliten ihre Gedanken in die Höhe richteten und ihre Herzen in Unterordnung unter ihren himmlischen Vater hielten, wurden sie geheilt; anderenfalls wurden sie vernichtet.“ (Mischna rosch ha-Schana 3,8).
Die Schlange ist also ein Wegweiser für den Blick nach oben, für unsere Beziehung zu Gott.

Eine andere Stelle in der Mischna liest den Text ganz genau und bemerkt, dass die Menschen nach den Bissen der Schlangen sehr schnell reagieren und vor Mose ihr Fehlverhalten bekennen und dass Mose daraufhin sofort für das Volk zu Gott betet. Die Mischna legt das so aus: „Kaum noch hatten die Menschen gegen Mosche rebelliert, als sie auch schon bereuten und ihn baten, für sie zu beten, was er seinerseits nicht zögerte zu tun (21,7). Daraus lernen wir zweierlei: die Bescheidenheit Mosches und die Kraft der Reue. Und auch, dass derjenige, der ernsthaft um Vergebung gebeten wird, nicht zornig bleiben sollte“ (Midrasch BemidbarRabba 19,26).

Die Geschichte von der ehernen Schlange handelt also nach dieser Auslegung von Reue und Umkehr, und von der Bereitschaft anderen die Möglichkeit zur Umkehr einzuräumen. So ist die Erzählung von der ehernen Schlange die Auslegung eines anderen Bibeltextes, der von den Namen Gottes spricht: „Gott ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue“ (Ex 34,6)

Das ist ein zentrales Wort im Raum Gottes: Du hast jederzeit die Möglichkeit, dich zu ändern, ein anderer, eine andere zu werden. Keine Entscheidung, die du getroffen hast, kein Umweg oder Irrweg, den du gegangen bist, ist endgültig und macht die Beziehung zu Gott und zu deinen Mitmenschen unmöglich. Du kannst umkehren und du kannst Umkehr gewähren. Die Bibel unterscheidet sich radikal von der antiken Tragödie. Nichts ist unausweichlich. Es gibt kein unabwendbares Verhängnis. Es gibt nichts im persönlichen Leben und nichts in der Politik, was nicht auch hätte anders sein können. Nichts, was nicht anders werden kann. Das ist begründet in der wesentlichen Eigenschaft Gottes: der Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit lässt Gott umkehren und eröffnet den Menschen die Möglichkeit neu anzufangen. Das hebräische Wort für Barmherzigkeit Rachamim ist mit dem Wort rechem verwandt. Rechem bedeutet Mutterschoss. Zu diesem Mutterschoss der göttlichen Barmherzigkeit können wir jederzeit zurückkehren. Ein Neuanfang, eine neue Geburt, ist immer möglich. Das bedeutet: Gott rettet.