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Lesen!
Zu den Lesungen am 3. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Neh 8,24a.56.810
Evangelium: Lk 1,14; 4,1421
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Die Bibel wird gelesen. Menschen lauschen mit offenen Ohren und
Herzen. Sie wollen mehr wissen. Fachleute bringen ihr Wissen ein,
übersetzen, erklären, legen aus. Die Menschen sind tief
berührt. Einer bringt ins Wort, was alle erlebt haben: «Heute
ist ein heiliger Tag zu Ehren Gottes.» Er mündet in ein
Freudenfest, ein Festmahl mit gutem Wein. Alles wird geteilt, «denn
sie hatten die Worte verstanden». Das klingt wie die Erfüllung
meines Wunschtraums als Mitarbeiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle
und steht im heutigen Lesungstext Nehemia 8.
Mit Israel lesen
Die Bücher Esra und Nehemia, die ursprünglich ein einziges
Esra zugeschriebenes Buch bildeten, gehören christlicherseits
zu den unbekannteren biblischen Büchern. Auf jüdischer
Seite ist das ganz anders. Hier gelten sie als Gründungsdokumente.
Insbesondere die Figur des Esra geniesst hohes Ansehen. Er gilt
als erster Schriftgelehrter, als sein Schüler bezeichnet zu
werden, ist in rabbinischen Kreisen eine grosse Ehre (z. B. Babylonischer
Talmud Sota 48b). Die Bücher Esra und Nehemia erzählen
von einer entscheidenden Zeit in der jüdischen Geschichte,
dem Neuanfang nach dem babylonischen Exil. Die Perser, die neue
Grossmacht, erlaubten unterworfenen Völkern relativ grosse
Selbstbestimmung. Sie konnten ihre eigenen Gesetze behalten und
sich eine Art Verfassung geben. In Juda wird das «Gesetz des
Mose» zu diesem grundlegenden Text. Ob es sich dabei bereits
um die fünf Bücher Mose, den Pentateuch, oder um eine
Vorform davon handelte, ist unsicher. Neh 8 erzählt von der
öffentlichen Verlesung dieses Gesetzes (hebr. Tora). «Man
las aus dem Buch, dem Gesetz Gottes, in Abschnitten vor und gab
dazu Erklärungen, so dass die Leute das Vorgelesene verstehen
konnten» (8,8). Die spätere jüdische Tradition knüpft
daran die Gestaltung der Schriftlesung in der Synagoge an: das abschnittweise
Lesen, die Übersetzung in die aramäische Volkssprache
(Targum) und die Auslegung und Kommentierung des Gelesenen in Predigt
und Midrasch (eine Art der Bibelauslegung, oftmals in Form von Geschichten,
die im rabbinischen Judentum besondere Bedeutung gewann, die es
aber auch schon in der Bibel selbst gibt). Wie sich die Schriftlesung
in der Synagoge historisch entwickelte, ist kaum belegt. Eines der
frühesten Dokumente ist Lk 4. Sicher ist, dass die Schrift
im nachexilischen Judentum immer grössere Bedeutung erlangte.
Bis heute dient die Lesung der Schrift ihrer kontinuierlichen Vergegenwärtigung.
Aus Neh 8 erfahren wir wenig über die Inhalte des Gelesenen.
Dafür umso mehr darüber, was dazu beiträgt, dass
ein Bibeltext verstanden wird und wirkt. Dafür ist es sinnvoll,
etwas über die Textabgrenzung der Lesung hinauszublicken. Nach
Neh 8,1 versammelt sich das ganze Volk Jerusalems und bittet den
Priester und Schriftgelehrten Esra um das Buch des Gesetzes des
Mose, die Tora. Die Initiative geht also vom Volk aus. Esra liest
dem ganzen Volk vor, «den Männern und Frauen und allen,
die es verstehen konnten» (8,2). Es ist eine öffentliche
Lesung, der Text erschliesst sich in einer Gruppe. Ganz unterschiedliche
Menschen beschäftigen sich mit ihm und hören ihn vermutlich
auch unterschiedlich. Das Lesen braucht Zeit, Esra liest «vom
frühen Morgen bis zum Mittag» (8,3), es braucht Aufmerksamkeit,
die Menschen lauschen. Liturgische und rituelle Handlungen, die
auch den Körper einbeziehen, begleiten die Lesung, auch die
Raumgestaltung spielt eine Rolle (8,6). Der Text wird in Abschnitten
vorgelesen und erklärt (8,8), vermutlich in kleineren Gruppen,
daran wirken viele Menschen mit und bringen ihre Kenntnisse und
Fähigkeiten ein (8,7). Die Auseinandersetzung mit dem Text
zeigt Wirkung: «Die Menschen weinten, als sie die Worte des
Gesetzes hörten» (8,9).Warum weinen sie? Die Verantwortlichen
deuten die Tränen als Trauer. Menschen hören die überlieferten
Geschichten von der Befreiung aus Unterdrückung, von mühsamen
Wanderungen, Irrwegen und Rückschritten und von der Begleitung
Gottes auf diesen Wegen. Sie hören vom Bund zwischen Gott und
Menschen, von Weisungen, die dem Leben in Gerechtigkeit und Frieden
dienen, sie hören, dass ein Land verheissen ist, Raum für
das Leben miteinander. Für mich bedeuten die Tränen, dass
sie in den überlieferten Geschichten ihre eigene Geschichte
entdecken, sich selbst als Teil der Überlieferung erfahren
und davon tief berührt sind. Dazu gehört Trauer über
all das, was gescheitert oder doch nur bruchstückhaft gelungen
ist, vielleicht sind auch Tränen der Wut dabei über soviel
Leid früher und heute und auch Freudentränen,
weil die Geschichte weitergeht, weil die Verbindung mit dem geheimnisvollen
und lebendigen Gott nicht abgerissen ist, sondern sie jetzt und
hier mit einbezieht. Esra und die anderen Verantwortlichen bringen
die Erfahrung, die alle machen, ins Wort: «Heute ist ein heiliger
Tag zu Ehren eures Gottes» (8,9), heute sind die Worte der
Schrift lebendig und gegenwärtig geworden, heute haben sie
sich erfüllt. Das ist ein Grund zu Freude. Esra lädt zu
einem Fest ein. Die gemeinsame Erfahrung am Platz vor dem Wassertor
wirkt weiter in die Häuser der Menschen und ihre Küchen,
öffnet neben den Herzen auch die Speisekammern, ermöglicht
Geniessen und Teilen. «Denn sie hatten die Worte verstanden,
die man ihnen verkündet hatte» (8,12).
Mit der Kirche lesen
«Heute hat sich das Schriftwort, das ihr gehört habt,
erfüllt» (Lk 4,21). Jesus, der aus dem Propheten Jesaja
vorliest und das Gelesene in die Gegenwart holt, steht damit in
der Tradition Esras, in der jüdischen Tradition der Schriftlesung
und Schriftauslegung. Der Evangelist Lukas steht in der Tradition
der Autoren der Bücher Esra und Nehemia, wenn er sich entschliesst,
«allem von Grund auf nachzugehen, um es ... aufzuschreiben».
Sie alle schreiben in entscheidenden Zeiten, in Wendezeiten. Die
Autoren von Esra und Nehemia schreiben für das entstehende
Judentum unter der Herrschaft fremder Mächte und Kulturen (die
Perser zu der Zeit, in der die Bücher spielen, der Hellenismus
zu der Zeit, als sie entstehen). Für sie bezeugen Tempel und
Schrift die Kontinuität zur überlieferten Geschichte.
Klare Abgrenzungen sind wichtig, um die eigene Identität aufzubauen
und das Wesentliche zu bewahren. Lukas schreibt für das entstehende
Christentum unter den Bedingungen des römischen Reiches. Der
Tempel ist zerstört, die Trennung vom Judentum schreitet voran,
neue Wege eröffnen sich, andere Menschen finden Zugang zum
Gott der Bibel. Lukas sieht darin die Fortsetzung der früheren
Geschichte und ihr Wesentliches verwirklicht. Weder Lukas noch Esra
und Nehemia betreiben Geschichtsschreibung. Sie deuten im Licht
ihres Glaubens die Erfahrungen ihrer Zeit und fragen, wie sich die
Geschichte Gottes mit den Menschen darin fortsetzt. Sie sind eng
miteinander verbunden in der Suche danach, wie die Schrift heute
gelesen werden und wie sie sich heute erfüllen kann.
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