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Das Evangelium als Mobile

Mt 25,1-12; Mt 7,21-27

Ein Mobile ist ein frei hängendes, ausbalanciertes Gebilde, das schon von schwachem Luftzug bewegt wird. Alexander Calder, der das Mobile als Kunstform entwickelt hat, schreibt: "So wie man Farben oder Formen komponieren kann, so kann man auch Bewegungen komponieren". Lässt sich das Matthäusevangelium mit einem Mobile vergleichen?

Ja. Kein Text des Matthäusevangeliums steht für sich alleine. Jeder ist über Fäden mit anderen Texten verbunden und hängt mit ihnen in einem ausbalancierten Gleichgewicht. Das Gleichgewicht ist kein starres. Wenn wir einen der Texte im Mobile des Evangeliums anstossen, dann geraten auch die anderen in Bewegung, beginnen sich zu drehen und zeigen neue Seiten. Ich möchte das gerne an einem Text illustrieren, den ich hier schon einmal vorgestellt habe, dem Gleichnis von den 10 Jungfrauen in Mt 25. Damals habe ich es als Burn-on-Gleichnis gelesen, als Anfrage an uns, wie wir mit der unserer inneren Flamme umgehen, mit dem Leuchtenden, Brennenden und Nährenden, aus dem wir leben. Jetzt möchte ich den gleichen Text noch einmal neu lesen. Bei den Begegnungen mit Matthäus und seinem Evangelium ist immer wieder deutlich geworden, dass Matthäus für seine Geschichte von Jesus Christus alte Bibeltexte aufnimmt, sie zitiert oder auf sie anspielt. Er liest die alten, schon oft gelesen Texte noch einmal. Er liest sie neu und anders. Das tue ich jetzt mit einem Text aus dem Matthäusevangelium selbst.
Matthäus hat sein Evangelium auf eine bestimmte Art komponiert. So hält Jesus im Laufe des Evangeliums fünf grosse Reden. Die Zahl 5 ist natürlich nicht zufällig, sondern entspricht den 5 Büchern Mose, der Tora, den grundlegenden Texten der jüdischen Bibel. Die erste grosse Rede im Matthäusevangelium ist die Bergpredigt in den Kapiteln 5 bis 7. Die letzte grosse Rede ist die sogenannte Abschiedsrede Jesu in den Kapiteln 24 und 25. Das Gleichnis von den 10 Jungfrauen ist Teil dieser Abschiedsrede.

Die Bergpredigt und die 10 Jungfrauen

Zwei Verbindungen zwischen dem Gleichnis und der Bergpredigt sind besonders auffällig:
1. Der Gegensatz zwischen klug und töricht wie er im Gleichnis entfaltet wird, kommt auch am Ende der Bergpredigt wortwörtlich vor. Da heisst es: "Wer diese meine Worte hört, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen anfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein: denn es war auf Fels gebaut. Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört." (Mt 7,24-27). Leider verwendet die Einheitsübersetzung hier den Ausdruck "unvernünftig". Das Wort im griechischen Urtext (moros bzw. mora) ist aber das Gleiche wie im Gleichnis von den Jungfrauen.
2. Am Ende des Gleichnisses von Mt 25 entwickelt sich ein Dialog zwischen den törichten Jungfrauen und dem Bräutigam. Die Frauen rufen "Herr, Herr, mach uns auf". Der Bräutigam antwortet: "Ich kenne euch nicht". Direkt vor dem Gleichnis vom Hausbau spricht Jesus in der Bergpredigt darüber, wer ins Himmelreich gelangen kann und sagt: "Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr! Wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. Viele werden an jedem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten, und haben wir nicht mit deinem Namen viele Wunder vollbracht? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht." (Mt 7,21-23).

Ein Textmobile in Bewegung

Das Gleichnis von den 10 Jungfrauen hängt also im Mobile des Evangeliums an Fäden, die mit der Bergpredigt verknüpft sind. Stossen wir die verbundenen Texte an, dann wirken sie aufeinander und bringen sich gegenseitig in Bewegung:
1. Der Unterschied zwischen dem klugen und dem törichten Handeln ist dramatischer und im wahrsten Sinne des Wortes grundlegender als es in Mt 25 vielleicht erscheint. Ich habe das Gleichnis lange so gelesen, dass die 10 jungen Frauen zwar brennende Lampen mitnehmen, die Törichten aber das Ersatzöl vergessen. Dadurch richtete sich mein Ärger auf den Bräutigam. Warum kommt er so spät? Würde er rechtzeitig kommen, wäre das Versäumnis gar nicht aufgefallen. Jetzt aber lese ich genauer: Die törichten Frauen nehmen kein Öl für ihre Lampen mit (25,3). Sie haben von Anfang an völlig nutzlose Lampen dabei, die sie nicht entzünden können. Sie gleichen wirklich dem Mann, der sein Haus auf Sand baut.
2. Das Matthäusevangelium spielt auf zwei Zeitebenen. Die Zeit von der es erzählt, ist die Zeit Jesu und seiner Jüngerinnen und Jünger. Die Zeit für die es erzählt, ist die Zeit der christlichen Gemeinden 50 Jahre später. 50 Jahre warten sie nun schon auf die Wiederkunft Christi und das endgültige Anbrechen des Himmelreiches. Das Gleichnis von den Jungfrauen will deutlich machen: "Er kommt gewiss. Aber ihr wisst nicht wann. Deshalb bleibt wachsam, damit er euch erkennt". Die Stelle aus der Bergpredigt hingegen antwortet auf die Frage, wie sich Christinnen und Christen in der Zwischenzeit verhalten sollen. Ganz klar wird gesagt, was nicht dazu dient, für Christus kenntlich zu sein: Nicht der Gebrauch der "richtigen" Anrede, des "richtigen" Glaubensbekenntnisses ist entscheidend. Es nützt auch nichts von sich zu behaupten im Namen Christi aufzutreten, nicht einmal wenn man dabei Wunder wirkt. Entscheidend ist es, den Willen Gottes zu tun. Worin besteht der?
Die Bergpredigt stellt eine goldene Regel auf, wie der Willen Gottes zu erfüllen ist: "Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen." (Mt 7,12). Und sie verbindet diese Regel mit der gesamten biblischen Tradition: "Darin bestehen das Gesetz (die Tora) und die Propheten". Wie wir unsere Beziehungen zu anderen Menschen gestalten, ist also entscheidend. Darin werden wir für Christus kenntlich. Das Matthäusevangelium geht noch weiter: Im anderen Menschen können und sollen wir Christus erkennen. Mit diesem Gedanken schliesst die Abschiedsrede Jesu in Mt 25. Der Gedanke wird in einer grossen Erzählung vom Gericht entfaltet (25, 31-46). "Wann haben wir dich gesehen?" fragen die Menschen Christus, den Richter? Und sie erhalten zur Antwort, dass Christus in den Mitmenschen erkannt wird: "Was ihr meinen geringsten Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan."

Tanz der Lebensfreude

Hier geht es um etwas ganz Grundlegendes. Um den Grund, auf dem wir Menschen das Haus unseres Lebens bauen. Wir alle werden als hilfsbedürftige Wesen geboren und überleben nur dank der Zuwendung Anderer. Wir leben aus der Fülle, die uns andere schenken. Wir alle sind Zeit unseres Lebens auf die Beziehungen angewiesen. Als Kinder wissen wir das noch, später droht es vergessen zu gehen. Wer es vergisst, wer Selbständigkeit als Beziehungslosigkeit missversteht, bringt sich in Lebensgefahr. Wolkenbrüche und Stürme werden kommen. Wer in der Kenntnis lebt, auf andere existentiell angewiesen zu sein, gleicht selbst einem Mobile und macht die Erfahrung, die der Mobile-Künstler Alexander Calder so formuliert: "Wenn alles klappt, ist ein Mobile ein Stück Poesie, das vor Lebensfreude tanzt und überrascht".
Christus erkennen wir in erster Linie in unseren "geringsten Brüdern und Schwestern". Sie sind kenntlich in ihrer Bedürftigkeit. Sie können uns unsere Bedürftigkeit nach Beziehung erkennbar machen und sie können uns dadurch den Willen Gottes kenntlich machen, der in Jesus Christus Gestalt angenommen hat: Leben in Beziehung, die sich gegenseitig trägt und bereichert.