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Dein Garten entstehe

Die Du-Bitten des Vaterunsers als Teilhabe am Beruf der Sorge (Mt 6,9-10)

Wer einen Garten anlegt, bringt etwas zum Vorschein, das wesentlich für das menschliche Leben ist: die Sorge für die Welt und das Leben darin. Das ist die Überzeugung des Literaturwissenschaftlers Robert Harrison in seinem Buch "Gärten. Versuch über das Wesen des Menschen". Die Sorge der Gärtnerinnen und Gärtner stellt der Gewalt, dem Leid und dem Tod, von denen die Menschheitsgeschichte angefüllt ist, eine Alternative entgegen. Harrison schreibt: "Wenn die Geschichte letztlich aus dem schreckenerregenden, fortlaufenden und endlosen Konflikt zwischen den Kräften des Zerstörens und Kräften des Kultivierens besteht, dann bringt sich dieses Buch auf Seiten der letzteren ein. Damit möchte es an dem Beruf der Sorge teilhaben, die den Gärtner auszeichnet" (S. 11). Ich verstehe auch die drei ersten Bitten des Vaterunsers als Teilhabe am Beruf der Sorge. Die Bitten bringen sich ebenfalls auf Seiten der Kräfte des Kultivierens ein. Sie legen gleichsam einen Garten an. Sie tun das, indem sie an wesentliche biblische Traditionen anknüpfen. Grundlegend ist der Rückbezug auf den Gott der Schöpfung, der in Eden einen Garten für die Menschen anlegt (Gen 2,8). Wir kommen diesen Verknüpfungen näher, wenn wir in die Schule des Judentums gehen.

"geheiligt werde dein Name"

Im Judentum hat der Ausdruck "Heiligung des Namens" (kiddusch ha-schem) eine besondere Bedeutung. Der Name Gottes wird geheiligt, wenn Gott in der Welt präsent gehalten wird; durch das Einhalten der Gebote und das Sprechen der Gebete und wenn es sein muss sogar durch das Opfer des eigenen Lebens. "Kiddusch ha-schem" wurde zum Begriff des jüdischen Martyriums bis hin zur Shoah. Das Leben bis in den Tod hinein als Heiligung des Namens zu verstehen, ist der Versuch, angesichts der Gewalt in der Geschichte nicht in Wahnsinn zu verfallen. Etty Hillesum, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde, hat das in ihrem Tagebuch so ausgedrückt: "Es ist das Einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott" (Eintrag vom 12.7.1942). Hillesum beschreibt den Ort Gottes in der Welt nicht als Garten - das Leben im niederländischen Lager Westerbork stand dem wohl entgegen. Aber sie sieht den Jasmin hinter dem Haus, dessen Blüten vom Regen und Sturm verweht sind und in schmutzigen schwarzen Pfützen treiben. "Irgendwo in mir blüht der Jasmin unaufhörlich weiter ... Und sein Duft verbreitet sich um deinen Wohnsitz in meinem Inneren, mein Gott. Du siehst, ich sorge gut für dich." Etty Hillesum legt - trotz allem - für Gott einen Garten an.

Den Namen Gottes zu heiligen, indem Gott in der Welt präsent gehalten wird, das ist die Theologie des Propheten Ezechiel. Im Kapitel 36 des Ezechielbuches ist vom entheiligten Namen Gottes die Rede. Er wurde entheiligt durch das Volk Israel, das nicht nach den Weisungen Gottes, des Schöpfers, lebte. Eine Gesellschaft, die gegen Schöpfungsordnung lebt, zerstört sich selbst. Als Folge davon wurde Israel unter die Völker zerstreut. Doch dadurch wird der Name Gottes noch mehr entheiligt. Denn jetzt spotten die Völker über dieses Volk und seinen Gott. "Dieser Gott sorgt ja nicht für sein Volk!" Deswegen - so verkündet Ezechiel - wird Gott jetzt eingreifen und das Verspotten seines Namens beenden. Er heiligt seinen Namen wieder, indem er das Volk Israel sammelt, es zurückführt in sein Land und ihr Herz und ihren Geist erneuert, so dass sie jetzt nach den Weisungen Gottes leben können. So erneuert sich auch das Land: "Das verödete Land wird bestellt, es liegt nicht mehr öde vor den Augen all derer, die vorübergehen. Dann wird man sagen: Dieses verödete Land ist wie der Garten Eden geworden" (Ez 36,35-35).
Die erste Vaterunser-Bitte fasst die Theologie von Ezechiel 36 zusammen. Wenn wir sie beten, bitten wir darum, dass es auf Erden einen Ort gibt, an dem Gott für Menschen sorgen kann und einen Ort, an dem Menschen aus dieser Beziehung heraus leben. Einen Ort, der "wie der Garten Eden" ist. Der erste dieser ganz konkreten "Orte" in der Geschichte ist für die biblische Tradition das Volk Israel. Wenn wir diesen Ort nicht achten, jüdischen Menschen ihren Glauben oder gar ihr Lebensrecht absprechen, entheiligen wir den Namen Gottes. Die heiligende Sorge Gottes für sein Volk strahlt nach Ezechiel auf die anderen Völker aus und bezieht sie ein.

"dein Reich komme"

Die beiden anschliessenden Bitten des Vaterunsers sprechen davon, welche Qualitäten der Ort hat, an dem Gott gegenwärtig ist. Sie machen die Dimensionen dieses Ortes sichtbar. Aus dem Ort wird ein Raum.
Die Bitte "dein Reich komme" macht die soziale Dimension des Ortes erkennbar. Sie knüpft wie die erste Bitte an eine biblische Tradition an, die in einer der prophetischen Schriften besonders zum Ausdruck kommt. Die Rede vom Reich Gottes (bzw. dem Königtum Gottes) ist verbunden mit dem Buch Daniel. In Daniel 7 ist vom Kommen eines "Menschensohnes" die Rede, dem das "Königtum" gegeben wird (Verse 13-14). Der Text entsteht in einer Zeit der Krise und der Bedrohung und formuliert seine Botschaft deshalb verschlüsselt. Er spricht von vier Tieren, die aus dem Meer aufsteigen und die Welt terrorisieren. Die Tiere stehen für die Könige von Weltreichen, die sich im Laufe der Geschichte abgelöst haben. Sie stammen aus dem Meer, aus dem Bereich der Chaosmächte. Sie sind das gesellschaftliche Chaos. Ihnen wird im Himmel das Gericht gemacht. Eine neue Form der Herrschaft tritt an ihre Stelle. Sie hebt sich von allen vorangehenden Gewaltherrschaften ab. Sie kommt aus dem Himmel, ist nicht von Menschen gemacht, sondern von Gott geschenkt. Aber sie ist ganz und gar irdisch und menschlich. Denn das Königtum wird "dem Volk der Heiligen des Höchsten" gegeben (Dan 7,27). Der Menschensohn ist also das neue, das wahre Israel, das Volk mit dem die neue und wahre Menschheit beginnt. Es ist eine "Herrschaft" ohne Gewalt und Unterdrückung - sie wird auch unsere Sprache herrschaftsfreier machen.
Das jüdische Kaddischgebet, dem das Vaterunser nahe steht, bittet darum, dass das Reich Gottes "schnell und in nächster Zeit" ersteht. Die Vaterunser-Bitte ist ebenfalls von dieser Naherwartung geprägt. Zeichen des Gottesreiches sind schon erfahrbar. Es hat bereits begonnen und will noch mehr Raum einnehmen. Es ist da seit der Schöpfung, bei der Gott aus dem Tohuwabohu der Chaosmächte einen Raum für die Fülle des Lebens schuf.

"dein Wille geschehe"

Diese Bitte richtet unseren Blick auf die zeitliche Dimension des Ortes, auf die Geschichte. Sie ist angefüllt mit Gewalt, Tod und endlosem Leiden. Wenn je die Geschichte alles werden sollte, schreibt Robert Harrison, würden wir samt und sonders in Wahnsinn fallen. Die Bitte "dein Wille geschehe" spricht aus, dass diese Geschichte nicht alles ist. Sie drückt die Überzeugung aus, dass es einen Willen Gottes mit der Welt gibt, einen Heilsplan, der zum Leben in Fülle führt, trotz aller Verstrickungen in Schuld und Tod. Der jüdische Schriftgelehrte Matthäus beschäftigt sich in seinem Evangelium immer wieder mit dem Willen Gottes. "Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht an mir vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, dann geschehe dein Wille", betet Jesus in Mt 26,42. Von der Einwilligung in den Willen Gottes ist auch das Tagebuch von Etty Hillesum geprägt. Sie betet: "Mein Gott, hab Dank, dass ich alles ertragen kann und dass du so wenig an mir vorbeigehen lässt" (19.7.1942). Das ist keine Rechtfertigung der herrschenden Gewalt, das ist auch nicht einfach ein Einwilligen in ein blindes Schicksal, sondern Ausdruck einer Würde und einer Freiheit, die niemand nehmen kann. Für Etty Hillesum ist es die Erfahrung, "dass man in niemandes Klauen ist, wenn man in deinen Armen ist" (12.7.1942).

"wie im Himmel so auf Erden"

Der Wille Gottes, sein Heilsplan für das Leben in Fülle, ist im Himmel bereits verwirklicht. Gleiches soll auch auf Erden geschehen. Aber durch wen? Die drei ersten Vaterunser-Bitten formulieren offen: "Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe". Wer soll handeln, damit das geschieht? Gott oder die Menschen? Das Gebet ist meiner Meinung nach gewollt offen. Die Bitten richten sich an Gott und die Menschen. Gott sorgt sich um das Leben in der Welt. Er sorgt für das Leben in seiner Schöpfung. Wir Menschen sollen einschwingen in das göttliche Wirken. Wir sollen teilhaben am Beruf der Sorge. Gottes Schöpfung ist uns geschenkt. Gottes Wille wirkt darin weiter. Und dafür braucht Gott Menschen, die diesen Willen zu ihrem Willen machen. Die in Gottes Garten leben und für Gott einen Garten anlegen. So entstehen Orte für Gottes Gegenwart. Darum bitten wir im Vater unser. Dein Garten entstehe...

Peter Zürn

Verwendete Literatur:
Robert Harrison, Gärten. Versuch über das Wesen des Menschen, Carl Hanser Verlag München 2010.
Etty Hillesum, Das denkende Herz. Die Tagebücher 1941-1943, Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek bei Hamburg 1985.
Gerhard Lohfink, Das Vaterunser neu ausgelegt, Verlag Urfeld Bad Tölz 2. Aufl. 2008.
Bettina Wellmann, "So sollt ihr beten…" Das Vaterunser und die Frömmigkeit (Mt 6,1-18) in: Wolfgang Wieland, Jetzt verstehe ich die Bergpredigt, Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart 2009, S. 60-68.