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Das Wunder der Geburt
Mt 27,31-56; Ps 22
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Heute komme ich das letzte Mal gemeinsam mit Matthäus zu Ihnen.
Ein Jahr lang haben Sie uns aufgenommen. Dafür danke ich Ihnen
ganz herzlich. In 10 Artikeln haben wir über das Matthäusevangelium
gesprochen. Matthäus und ich hoffen, dass in diesen Gesprächen
genügend Raum für Ihre Erfahrungen, Ihre Fragen und Ihre
Meinungen war. In den Begegnungen mit Matthäus und seinem Evangelium
haben wir uns mit der Heiligen Schrift beschäftigt. Denn Matthäus
ist ein Schriftgelehrter. Er erzählt die Geschichte von Jesus,
indem er immer wieder aus der Schrift, der jüdischen Bibel,
aus der später das Alte Testament wurde, zitiert. Er erzählt
davon, dass sich die Schrift "erfüllt": Die Geschichte
Gottes mit seinem Volk geht weiter, die Gegenwart Gottes ist auch
heute erfahrbar. Matthäus ist überzeugt davon, dass die
alten Texte, in denen Glaubenserfahrungen unserer Vorfahrinnen und
Vorfahren Ausdruck gefunden haben, wegweisend sein können für
heute. Ob diese Überzeugung des Matthäus stimmt, erweist
sich besonders in Lebens- und Glaubenskrisen.
Die grosse Glaubenskrise
Die grösste Krise der Menschen, die in Jesus den Messias und
den Sohn Gottes erkannten, war der entsetzliche Tod Jesu am Kreuz,
die brutale Hinrichtung des Hoffnungsträgers durch die römische
Besatzungsmacht. Kann das die Weiterführung der Geschichte
Gottes mit seinem Volk sein? Ist am Kreuz die Gegenwart Gottes erfahrbar?
Erfüllt sich darin die Schrift?
Um die Kreuzigung Jesu zu beschreiben und zu deuten, liest Matthäus
in der Schrift. Vor allem in den Psalmen und besonders im Psalm
22 wird er fündig. Schon Markus hatte seine Passionsgeschichte
mit Hilfe von Zitaten und Motiven aus dem Psalm 22 gestaltet. Matthäus
baut das noch aus. Er webt ein Tuch, das den Gekreuzigten zeigt.
Er webt mit Webfäden aus Psalm 22.
"Sie verteilen unter sich meine Kleider / und werfen das Los
um mein Gewand" - klagt die Beterin von Psalm 22 (Vers 19).
Das zitiert Matthäus in 27,35. Der Beter von Ps 22 wird verhöhnt:
«Er wälze die Last auf den Herrn, / der soll ihn befreien!
Der reiße ihn heraus, / wenn er an ihm Gefallen hat.»
Das zitiert Matthäus in 27,43. Wenn Jesus in Mt 27,34 und 48
zu trinken bekommt, dann klingt die Klage aus Ps 22,16 an: "Meine
Kehle ist trocken wie eine Scherbe, / die Zunge klebt mir am Gaumen,
/ du legst mich in den Staub des Todes" (hier zitiert Matthäus
auch noch Ps 69,22). Weitere Verse aus Ps 22 sind uns aus der Erinnerung
an den Tod Jesu vertraut: "Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,
/ der Leute Spott, vom Volk verachtet" (Vers 7). "Viele
Hunde umlagern mich, / eine Rotte von Bösen umkreist mich.
/ Sie durchbohren mir Hände und Füße. Man kann all
meine Knochen zählen; / sie gaffen und weiden sich an mir"
(Verse 17-18). Der stärkste Webfaden aus Ps 22 ist der Ruf
Jesu am Kreuz: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen"
(Mt 27,46). Das ist gleichsam die Titelzeile von Ps 22. Matthäus
beschreibt den gewaltsamen Tod Jesu also mit Hilfe eines Klagepsalms.
Was gottgläubigen Menschen schon früher widerfahren ist
und womit sich sich klagend und verzweifelt an Gott wandten, das
ereignet sich auch jetzt wieder. Am Ende scheint die Verzweiflung
in der Gottferne zu siegen: "Mein Gott, warum hast du mich
verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage?"
(Ps 22,2).
Das Gebet der Mutter
Wir können davon ausgehen, dass Matthäus und seiner Gemeinde
der Psalm 22 bekannt war. Und zwar der gesamte Psalm. Wenn Jesus
am Kreuz den ersten Vers von Ps 22 betet, dann ruft er sich damit
den gesamten Psalm ins Bewusstsein. Ps 22 beginnt mit der Klage
über die Gottesferne, er endet aber nicht damit. Er endet mit
Zeilen, die Jesus an ein Gebet seiner Mutter erinnern, an das Magnificat,
den Lobgesang Mariens:
"Die Armen sollen essen und sich sättigen; den Herrn sollen
preisen, die ihn suchen ... Vor ihm werfen sich alle Stämme
der Völker nieder. Denn der Herr regiert als König; er
herrscht über die Völker. Vor ihm allein sollen niederfallen
die Mächtigen der Erde ... Vom Herrn wird man dem künftigen
Geschlecht erzählen, seine Heilstat verkündet man dem
kommenden Volk; denn er hat das Werk getan."
Wie kommen die Beterin oder der Beter des Psalms von der verzeifelten
Frage des Anfang zu diesem vertrauensvollen Schluss? Bevor wir diesen
Weg nachgehen, eine Bemerkung: Bibeltexte bringen Erfahrungen oftmals
sehr verdichtet zum Ausdruck. Der Weg von der Verzweiflung zum Vertrauen
ist lange, wenn er denn überhaupt gelingt. Der Psalm verdichtet
einen Weg, der sich vielleicht über Monate und Jahre erstreckte.
Unser Leben braucht diese Zeit. Der Psalm ist keine Abkürzung,
er kann aber ein Wegweiser und Wegbegleiter sein.
Das Gebet von Geborenen
Welchen Weg nimmt der Psalm? Er erinnert uns angesichts des Todes
an unsere Geburt. Vielleicht erinnert sich Jesus auch deswegen in
der Todesstunde an diesen Psalm, der dem Gebet seiner Mutter gleicht:
"Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog,
mich barg an der Brust der Mutter. Von Geburt an bin ich geworfen
auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott." (22,10-11).
Wer diesen Psalm betet, macht sich das eigene Geborensein bewusst
und erinnert Urerfahrungen jedes Menschen: Geborgenheit und Schutz
in der Gebärmutter, das Gehaltensein bei der Geburt, das nährende
und Leben erhaltende Stillen. Gott tritt hier in der Rolle einer
Hebamme auf. Wir leben aus dem Wunder des Geborenseins. Wir leben,
weil wir in der grössten Schutzlosigkeit des Anfangs Hilfe
erfahren, Geburtshilfe. Wir leben aus der Quelle geteilter Lebenskraft.
Durch die Erinnerung an diesen Anfang finden betende Menschen im
Psalm in einer äusserst beklemmenden Situation wieder Zuversicht.
Sie hoffen darauf, dass Gott sich auch jetzt wieder als Hebamme
erweisen wird. Wenn wir die Hinweise auf die Geburtssituation ernst
nehmen, könnten wir das Matthäusevangelium so verstehen:
"Das Leiden Jesu in seinem Tod ist wie die Mühsal einer
gebärenden Frau, überwunden und erlöst durch die
Freude und Erfüllung, eine anstrengende aber lebenswichtige
Aufgabe vollendet zu haben." Das schreibt die kanadische Theologin
Margret L. Hammer. Und sie erinnert daran, dass die Heilige Schrift
an mehreren Stellen von der Geburtsarbeit Gottes spricht. "Es
ist eine zielgerichtete, produktive Geburtsarbeit, die einem neuen
Leben, einer neuen Hoffnung, einem neuen Volk das Leben schenkt."
Jesu Todesschmerzen sind Geburtsarbeit für eine neue Zeit,
für das Hereinbrechen des Reiches Gottes. Und wie eine Geburt
nicht aufgehalten werden kann, so kann Jesus nicht vom Tod festgehalten
werden. Im Ergriffensein vom Geburtsgeschehen feiern wir Auferstehung
und begegnen der Gegenwart Gottes. Dieses Wunder will uns der Schriftgelehrte
Matthäus wegweisend zeigen.
Rückblick und Ausblick
Ich freue mich sehr, wenn die Begegnungen mit dem Schriftgelehrten
Matthäus Ihnen Wege in die Heilige Schrift hinein erschlossen
haben. Die Schrift ist selbst ein Wegweiser, ein Reiseführer
ins Land der Verheissung. Ich hoffe, dass Ihnen diese Artikelserie
Lust und Mut gemacht hat, auf diesem Weg weiter zu gehen.
Im nächsten Jahr werden wir uns mit dem Evangelisten Markus
und seinem Evangelium auf den Weg machen. Auch in der Leseordnung
der katholischen Gottesdienste wird dann intensiv aus dem Markusevangelium
gelesen. Im Zentrum wird die Frage stehen, in welchen Zeiten und
an welchen Orten die Geschichte von Jesus spielt, die uns Markus
erzählt. Und was das mit uns zu tun hat. Ich lade Sie ein,
diesen Weg mitzugehen.
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