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Die grösste Verrücktheit des Lebens

Mt 26,6-13

 

"Mitten auf der Strasse habe ich plötzlich angefangen zu weinen. Ich weiss ja nicht mal, warum. Was sollen denn die anderen von mir denken?" - Mit diesen Worten beschreibt eine Frau, was sie in Zeiten der Trauer um ihren Mann erlebt hat. Tränen, Gefühle, überschwänglich ausgegossen in der Öffentlichkeit - für sie selbst und für andere unverständlich. Ich stelle mir vor, dass manche von Ihnen das aus eigenem Erleben kennen.

Überschwängliches Vergiessen

Die Theologin Martina S. Gnadt verbindet die Erfahrung dieser Frau mit einem Text aus dem Matthäusevangelium, der Erzählung von der Salbung in Betanien (Mt 26,6-13). "Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen bei Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabastergefäss voll kostbarem, wohlriechenden Öl zu ihm und goss es über sein Haar". Auch hier überschwängliches Ausgiessen, das keine Rücksicht auf die passende Zeit und den passenden Ort nimmt. Auch hier weitgehendes Unverständnis: "Die Jünger wurden unwillig, als sie das sahen und sagten: Wozu diese Verschwendung? Man hätte das Öl teuer verkaufen und das Geld den Armen geben können." Sie haben ja völlig Recht, die Jünger. Ihre Empörung entspricht dem, was Jesus kurz zuvor selbst gepredigt hat, als er vom kommenden Weltgericht sprach: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." (Mt 25,40). Und doch: Sie haben etwas Entscheidendes nicht wahrgenommen. Die Zeiten haben sich dramatisch geändert. Matthäus weiss darum, er lässt Jesus zu Beginn des letzten Teils seines Evangeliums, der Passionsgeschichte, folgendes sagen: "Ihr wisst, dass in zwei Tagen das Paschafest beginnt; da wird der Menschensohn ausgeliefert und gekreuzigt werden" (26,1f.). Und in Betanien sagt er: "Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer" (26,11). "Nicht immer" - "in zwei Tagen" - diese Frist sind das dramatisch Neue. Sie haben nicht mehr alle Zeit der Welt. Sie stehen an der Schwelle vom Leben zum Tod. Der geliebte Freund, der sie berufen, gelehrt und ermächtigt hat, verlässt sie. "Im Bereich von nicht-alle-Zeit sind andere Antworten gefordert als in dem von alle-Zeit ... Die Jünger haben sich von dieser Zeitenwende nicht bewegen lassen zu einer neuen Antwort, einem neuen Tun, das der neuen Zeit entspräche, sie stecken in dem fest, was gerade noch Gegenwart war, jetzt aber, in dieser Situation, überholt worden ist." Die namenlose Frau kommt und giesst kostbares Öl über Jesu Kopf aus. Es hat Unsummen gekostet, vielleicht ihr gesamtes Erspartes - alles in einem kurzen Moment dahin. Sie handelt genauso verrückt, wie die Frau, die auf offener Strasse in Tränen ausbricht. Was sie tun, ist völlig fehl am Platz, es sprengt jedes normale Mass.

Die grösste Verücktheit des Lebens

Aber ist die eigentliche Verrücktheit, die jedes Mass sprengt und völlig fehl am Platz ist, nicht etwas Anderes? Die grösste Verrücktheit unseres Lebens ist der Tod? Das Leben geht zu Ende - das ist das Allerverückteste, das uns passieren kann. Die salbende Frau nimmt Jesu Tod und Begräbnis vorweg - er versteht das (Mt 26,12). Darum beginnt Matthäus mit ihr die Passionsgeschichte. Sie gibt der neuen Zeit, die angebrochen ist, einen Namen: Zeit, Abschied zu nehmen. Sie gibt auch Jesus einen neuen Namen: Er ist nicht mehr der Helfer aller, er ist der, dem jetzt geholfen werden muss. Er ist nicht mehr der, der das Wohl der Geringsten im Blick hat, er ist selbst einer der Geringsten geworden. Matthäus stellt die Rede vom Weltgericht und die Salbung in Betanien bewusst nebeneinander. Was Jesus über das Gericht gesagt hat, ist weiterhin gültig, aber die Rollen haben sich umgekehrt: Was die Frau einem der geringsten Geschwister Jesu hätte tun können, das tut sie ihm selbst. So legt sie die Weisung Jesu in einer veränderten Situation neu aus. Sie macht es wie Jesus, der in der Bergpredigt sagt: "Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen" (Mt 5,17) und der - deswegen! - fortfährt: "Euch ist gesagt worden ... Ich lege euch das heute so aus..." Mt 5,21f nach der Bibel in gerechter Sprache). Matthäus zeigt sie als die wahre Schriftgelehrte.

Der Wahrheit auf der Spur

Matthäus erkärt mit der Geschichte dieser Frau auch genauer, was für ihn Evangelium, gute Nachricht, bedeutet. "Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat" (Mt 26,13). Dieses Evangelium erzählt von der Trauer um das vorzeitige Ende des Lebens. Es erzählt davon, dass diese Trauer Raum braucht, überfliessend und überschwänglich Raum, auch wenn das dazu führt, dass Trauernde scheinbar verrückt und masslos reagieren und nicht verstanden werden. "Dabei sind sie der Wahrheit auf der Spur." Die Wahrheit - worin besteht sie? In der unausweichlichen Tatsache unserer Verletzlichkeit und Sterblichkeit einerseits. Und einer geheimnisvollen Erfahrung andererseits: Der Erfahrung, wie Menschen mit dem Tod, dem Sterben und dem Verlust umgehen; der Erfahrung, dass in der Trauer trotz allem der Glaube an das Leben und seine Schönheit zum Ausdruck kommen; der Erfahrung, dass Trauer eine Regung des Lebens in uns ist und damit Widerspruch gegen die Macht des Todes. Dieses Geheimnis ist erfahrbar und bleibt gleichzeitig unfassbar. Es lässt sich nicht auf eine Formel bringen. Es gibt kein Rezept für Trauer und Trauernde. Es lassen sich allerdings Geschichten davon erzählen, wie Matthäus das tut. Auch Gedichte und Lieder sind geeignete Sprachen für Geheimnisse. Ich möchte mit Blick auf die kommende Adventszeit ein Lied zitieren, dessen Text vor genau 70 Jahren - im Advent 1938 entstand. Der Dichter, Jochen Klepper, musste in ständiger Angst davor leben, dass seine jüdische Frau Johanna und ihre beiden Töchter von den Nationalsozialisten ermordet werden. "Die Nacht ist vorgedrungen" ist ein "in die Nachterfahrungen des eigenen Lebens hinein "geweintes" Loblied" (Heinz-Günther Schöttler). Es ist Ausdruck der Passionsgeschichte jüdischer Menschen. Es verbindet die Passionsgeschichte am Ende des Matthäusevangeliums mit seinem Anfang: der Erzählung von der Geburt neuen Lebens.
"Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen,
dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
Auch deine Angst und Pein."

Das Matthäusevangelium selbst stellt die Verbindung zwischen Ende und Anfang des Evangeliums auch her: Es endet mit dem Satz Jesu: "Seid gewiss: ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20). Es beginnt damit, dass sich ein Prophetenwort erfüllt: "Seht, die junge Frau wird ein Kind gebären ... und man wird ihm dem Namen Immanuel geben, das heisst übersetzt: "Gott ist mit uns" (Mt 1,23 und Jes 7,14). Das ist das Geheimnis unseres Lebens: Gott, die lebendige Kraft, ist bei uns. Sie "will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt."