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Talente fordern heraus

Mt 25,14-30, Mt 25,31-46

Kennen Sie das Gleichnis von den Talenten? Ein Mann geht auf Reisen und vertraut sein Vermögen seinen Dienern an. Einer bekommt 5 Talente, ein anderer 2, ein Dritter 1 Talent. Das Talent war in der Antike eine Währungseinheit. Als der Mann zurückkommt, verlangt er Rechenschaft von den Dienern. Der Erste hat 5 Talente hinzugewonnen, der Zweite 2, der Dritte aber hat sein Talent vergraben - aus Angst vor dem Herrn. Die beiden Ersten werden gelobt, ihnen werden grössere Aufgaben übertragen. Der Dritte wird bestraft: "Du bist ein schlechter und fauler Diener! ... Werft ihn hinaus in die äusserste Finsternis." Sein Talent wird ihm abgenommen und dem gegeben, der schon 10 hat, "denn wer hat, dem wird gegeben" (Mt 25,29).
Wie geht es Ihnen mit diesem Gleichnis? Ist das ein Gleichnis für das Reich Gottes? Ist hier von dem Gott die Rede, der nach biblischem Zeugnis auf der Seite der Armen und Schwachen steht?
In der Auslegung ist das Gleichnis oft aus der Ökonomie herausgelöst worden. Das drängt sich im Deutschen und Englischen geradezu auf, weil das Wort "Talent" eine andere Bedeutung hat. Das Gleichnis wird verstanden als Aufruf, unsere von Gott gegebenen Talente, unsere Begabungen und Fähigkeiten zu nutzen. Für mich war das zunächst eine Entlastung gegenüber der ökonomischen Brutalität. Richard Rohr aber schreibt: "Ich habe diese Geschichte nie leiden können, denn ich bin in Amerika in eine katholische Schule gegangen und am ersten Schultag pflegten uns die guten Schwestern erst einmal diesen Text vorzulesen. Und dann hat der Priester ... uns ermahnt, gute und fleissige Schüler zu sein ... Wir sollten so sein wie der erste und der zweite Mann in der Geschichte, aber bloss nicht wie der dritte Mann."
In Lateinamerika wird das Gleichnis anders gelesen. Menschen, die geprägt sind von der Erfahrung grösster sozialer Gegensätze und von der Theologie der Befreiung mit ihrer biblischen Option für die Armen, lesen darin, was Jesus über das wirtschaftliche und politische System seiner Zeit denkt: "Das römische Imperium ist gnadenlos auf Geld und Gewalt aufgebaut ... Wer aufbegehrt wird umgebracht." So fasst es Luise Schottroff zusammen. In dieser Auslegung sind nicht die ersten beiden Diener die Helden, sondern der Dritte, der zum Opfer des tödlichen Systems wird. Es ist kein Reich-Gottes-Gleichnis, der Reiche hat nichts mit Gott zu tun, höchstens als radikale Kritik und Gegenentwurf. "Gott identifiziert sich nicht mit den Investoren, die ernten, wo sie nicht gesät haben" aktualisiert der argentinische Theologe Alejandro Zorzin.

Es geht nicht um die Frage, welche Auslegung die "Richtige" ist. Jede ist von dem Kontext abhängig, in dem sie entsteht. Wir können von Anderen lernen und uns herausfordern lassen - in unserer politischen Haltung, unserem Gottesbild und auch in unserer Bibellektüre. Legen wir die Auslegung aus Lateinamerika doch einmal dem Evangelisten Matthäus vor.

Lieber Matthäus, schärft diese Auslegung den Blick für das, was Sie geschrieben haben? - Ja, wenn andere Texte mitgelesen werden. Ich habe direkt danach eine Rede Jesu über das Weltgericht eingefügt (Mt 25,31-46). Da werden die Hungernden, die Flüchtlinge und Gefangenen als die Menschen angesehen, in denen Jesus gegenwärtig ist. Den ersten beiden Dienern ist es egal, wie sie ihr Geld vermehren. Sie fragen nicht, wer den Preis dafür bezahlt. Der Dritte, der sich dem ausbeuterischen System verweigert, durchschaut seine Folgen und hat zurecht Angst davor. Er steht denen nahe, die im Gericht erstaunt fragen: "Wann haben wir dich, Jesus, hungrig oder obdachlos oder im Gefängnis gesehen?" (Mt 25,37-39). Er dient Gottes Gerechtigkeit.
Und schliesslich folgt dem Gleichnis die Passion. Auch Jesus wird zum Opfer des menschenverachtenen Systems. Der dritte Diener im Gleichnis ist ein Bild für den Gekreuzigten. Die Geschichte Jesu, die ich erzähle, spricht von der Hoffnung, dass die herrschende Realität nicht die letzte und entscheidende Wirklichkeit ist. Gott lehnt sie ab, bestätigt den Weg Jesu und überwinder die Todesmächte.

Alle Zitate aus: Bibel und Kirche 2/2008 Die Gleichnisse Jesu.