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Weisheit: Keine Angst vor Vielstimmigkeit

Mt 11,16-19; Spr 8,22-31

 

Sassen Sie schon mal vor einem Bibeltext und waren mit Ihrer Weisheit am Ende? Mir ging es so mit folgender Rede Jesu im Matthäusevangelium: "Mit wem soll ich diese Generation vergleichen? Sie gleicht Kindern, die auf dem Marktplatz sitzen und anderen Kindern zurufen: Wir haben für euch auf der Flöte Hochzeitslieder gespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen. Johannes ist gekommen, er isst nicht und trinkt nicht und sie sagen: Er ist von einem Dämon besessen. Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt; darauf sagen sie: Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder! Und doch hat die Weisheit durch die Taten, die sie bewirkt hat, recht bekommen." (Mt 11,16-19)

Ich hatte nur noch Fragen: Was sind das für Kinder mit denen Jesus seine Generation vergleicht? Warum sitzen sie ausgerechnet auf dem Marktplatz und was tun sie da eigentlich genau? Was haben sie mit Johannes dem Täufer und mit Jesus, der von sich als Menschensohn spricht, zu tun? Und warum ist am Ende von der Weisheit die Rede, die durch ihre Taten recht bekommt? Dieser Text hat zu ganz verschiedenen Auslegungen angeregt. Eine davon lesen Sie in diesem Heft in der Rubrik "Bibeltext zum Thema". Jede Auslegung beantwortet einige der Fragen, die sich in diesem Text stellen. Andere Fragen bleiben offen. Achten Sie es nicht gering, wenn Sie nach der Auseinandersetzung mit einem Bibeltext vor offenen Fragen stehen. Im Gegenteil. Vertrauen Sie ihnen. Je genauer und leidenschaftlicher Sie fragen, desto sicherer werden Sie Antworten bekommen. Mit meinen Fragen im Kopf entdeckte ich einen Artikel von Thomas Staubli über diesen Text aus dem Matthäusevangelium. Und dadurch stiess ich auf die Arbeiten von Silvia Schroer über die Frau Weisheit, ein weibliches Gottesbild in der Bibel. Ohne die Fragen, die meine Aufmerksamkeit schärften, hätte ich das vielleicht überlesen. So empfehle ich Ihnen jetzt Thomas Staubli und Silvia Schroer , die übrigens miteinander verheiratet sind, als Lehrerin und Lehrer aus eigener guter Erfahrung und gebe Ihnen weiter, was ich von ihnen gelernt habe.

Die Herrin des Gesangs und des Tanzes

Die beiden sind Fachleute für die altorientalische Umwelt der Bibel und was von ihr heute noch an Spuren zu finden ist: Tontafeln, Statuen, Siegel, Zeichnungen. Die Bibel ist Teil dieser Umwelt - mit ihr auf vielfältige Weise verbunden und von ihr geprägt. Bis hinein in unseren Text aus dem Matthäusevangelium. So gab es z.B. im Alten Ägypten eine uralte Tradition von Festspielen zur Ehre von Göttinnen und Göttern. Dazu gehörten neben Ballspielen und Ringkämpfen auch Tänze und Musik. Für die Göttin der Liebe gab es Jubelmusik, für die Göttin der Trauer Klagemusik. Die zentrale Göttin war Maat, die Göttin der gerechten Weltordnung. In griechisch-römischer Zeit wird in Ägypten die Göttin Isis zur alles dominierenden Figur. In ihr verschmelzen praktisch alle Aspekte anderer Göttinnen. So trägt sie den Titel "Herrin des Gesangs und des Tanzes", aber auch den der "guten Klagefrau". Musik spielt in ihrem Kult eine grosse Rolle. Immer wieder werden musizierende Kinder neben ihr dargestellt. Diese Kinder verkörpern die Aspekte, die Isis im Laufe der Zeit von anderen Göttinnen übernommen hat. Priesterinnen tragen mit ihrem Singen und Musizieren bei den liturgischen Festspielen zur Verwirklichung von Maat, der umfassenden Gerechtigkeit in der Welt, bei. Sie verkörpern die Göttinnen, sie sind - in der Sprache des alten Orients ausgedrückt - ihre Kinder.

Frau Weisheit

In Israel hatte sich nach dem babylonischen Exil (also ab ca. 500 vor unserer Zeitrechnung) die Vorstellung von der göttlichen Weisheit entwickelt. Hebräisch heisst sie Chokmah, griechisch Sophia. Die Weisheit ist eine schillernde Gestalt. Sie ist Mitschöpferin Gottes und erfreut ihn durch ihr Lachen und Scherzen. Sie tritt als Lehrerin und Predigerin an öffentlichen Plätzen auf. Sie geht mit Menschen, die sich um Wissen und Weisheit bemühen eine Liebesbeziehung ein. Sie lädt als göttliche Gastgeberin in ihr Haus ein und berät als Ratgeberin die Machthaber. In die Gestalt der Weisheit gehen Aspekte der altorientalischen Göttinnen ein und werden im Rahmen des biblischen Gottesglaubens weiter entwickelt. In ihr spiegeln sich aber auch reale Tätigkeiten der Frauen in Israel. Frau Weisheit taucht in verschiedenen biblischen Schriften auf, im Buch der Sprüche, in Teilen der Bücher Hiob und Jesus Sirach, sowie in der Weisheit Salomos. Die Verfasserinnen und Verfasser dieser Bücher hatten keine Angst vor den Göttinnen in ihrer Umwelt, sie versuchten die Wahrheit und Weisheit in diesen anderen Glaubensvorstellungen in den Glauben Israels miteinzubeziehen. Damit unterscheiden sie sich von der Mehrheit der Prophetinnen und Propheten, die vor allem die scharfe Abgrenzung von fremden Göttern und Kulten forderte. Beide Haltungen sind Teil der Bibel.

Das Buch der Sprüche beschreibt, wie die urzeitliche Weisheit im scherzenden Spiel Gott erfreut und ihn zu schöpferischem Tun anregt (Sprüche 8,22-31). In liturgischen Feiern wird dieses Handeln der Weisheit vergegenwärtigt, etwa beim Vortrag der Psalmen. Viele Psalmen, die gesammelten Gebete der Bibel, wurden im Tempel gesungen und mit musikalischer Begleitung vorgetragen. Die Beterinnen und Beter der Psalmen spielen mit ihrem Gesang die Rolle der Weisheit, sie verkörpern sie. Sie sind Kinder der Weisheit. Sie tragen dazu bei, dass Gott seine schöpferische Kraft entfaltet und die Welt nach seiner Gerechtigkeit gestaltet.

Anderssein gelten lassen

Die göttliche Weisheit wirkt an öffentlichen Orten, im Tempel und am Platz vor dem Tor, dem Ort der öffentlichen Gerichtsverhandlungen. Das waren die beiden zentralen öffentlichen Orte im Alten Orient. In der griechisch-römischen Welt kam der Marktplatz hinzu. Damit sind wir wieder bei unserem Gleichnis aus dem Matthäusevangelium. Es geht hier also um die Kinder der Weisheit, die in der Öffentlichkeit wirken. Die Kinder tragen mit ihrer Musik - jubelnd oder klagend - dazu bei, dass sich die göttliche Gerechtigkeit entfaltet.
Was haben nun Johannes der Täufer und Jesus damit zu tun? Sie stehen im Kontrast zu den Kindern. Die Kinder beschweren sich, dass ihre Musik bei den Zuhörenden nicht die erwartete und erwünschte Reaktion hervorruft. Sie spielen Jubelmusik, aber die Menschen tanzen nicht; sie spielen Klagemusik, aber die Menschen schlagen sich nicht auf die Brust. Die Kinder wollen den Takt vorgeben, sie wollen, dass alle nach ihrer Pfeife tanzen, sie wollen, dass alle sind wie sie. Johannes und Jesus sind da anders. Auch sie unterscheiden sich. Der eine - Johannes - ruft zur Busse auf und fastet. Er spielt gleichsam die Klagemusik. Jesus geniesst Essen und Trinken und wird dadurch als Fresser und Säufer hingestellt. Er spielt die Jubelmusik. Aber sie wollen nicht, dass der eine so wird wie der andere. Sie werten sich gegenseitig nicht ab, sondern erkennen sich in ihrer Unterschiedlichkeit an. Jesus liess sich von dem Bussprediger Johannes taufen. Johannes erkannte in dem Geniesser Jesus den Messias. Indem sie das Anderssein des Anderen anerkannten, erweisen sich gerade Johannes und Jesus als Kinder der Weisheit. Der Mensch wird der göttlichen Weisheit, der Weltordnung Gottes gerecht, wenn er die eigenen Grenzen überschreiten kann. Die Kinder auf dem Markt dagegen sind gefangen in ihren Werturteilen. Sie bestehen auf ihrer Art, das Heil zu erreichen. Sie sind nur Möchtegern-Kinder der Weisheit.

Alle sind Kinder der Weisheit

Jesus spricht über seine Generation. Er meint wohl in erster Linie die Menschen, die in religiösen Dingen den Takt angeben. Er spricht über die Schriftgelehrten, die Pharisäer und die anderen religiösen Gruppierungen seiner Zeit. Der Jude Jesus streitet mit anderen jüdischen Gruppen um den weiteren gemeinsamen Weg. Der Evangelist Matthäus schreibt 50 Jahre später. Er sieht, dass aus der innerjüdischen Auseinandersetzung immer mehr eine Spaltung in zwei getrennte Religionen wird. Er sieht vermutlich auch verschiedene Gruppierungen innerhalb der christlichen Gemeinde, die sich gegenseitig den rechten Glauben absprechen. Vielleicht ahnt er sogar voraus, dass solche gegenseitigen Abwertungen und Verurteilungen die Kirche dauerhaft beschäftigen und beschädigen werden.
Die göttliche Weisheit wirkt in dieser Welt wo sie will. Sie bekommt durch die Taten, die sie bewirkt, recht. Taten im Geist der göttlichen Weisheit sind solche, die den Menschen in ihrer Verschiedenheit gerecht werden. Auch im Lukasevangelium spricht Jesus die merk-würdigen Worte von den Kindern auf dem Markt. Der letzte Satz bei Lukas aber lautet: "Und doch hat die Weisheit durch alle ihre Kinder recht bekommen" (Lk 7,35). Alle, die sich um Gott bemühen, sind Kinder der Weisheit. Niemand ist von vorneherein ausgeschlossen. Entscheidend ist nicht das Bekenntnis zu einem bestimmten Gott, entscheidend ist nicht eine bestimmte Form zu glauben, entscheidend ist das Verhalten den anderen gegenüber. Wer die Andersheit der anderen Kinder Gottes, ihre andersartige Bemühung um die göttliche Weisheit, missachtet, verurteilt oder gar durch Ausschluss bestraft, disqualifiziert sich selbst. Kinder der Weisheit musizieren in Vielstimmigkeit, die andere einschliesst und nicht in Einstimmigkeit, die andere ausschliesst. Das lehrt uns Jesus im Gleichnis von den musizierenden Kinder auf dem Marktplatz. Seine Lehre wird weiter getragen von vielen verschiedenen Lehrerinnen und Lehrern, die an Universitäten und Arbeitsstellen über die Bibel und ihre Welt forschen und ihre Erkenntnisse weitergeben. Es ist ein grosser Gewinn und Genuss mit ihnen verbunden zu sein. Die Auslegung der Bibel ist - wie die Bibel selbst - ein grosses Gespräch. Wie langweilig wäre dieses Gespräch, wenn es nur eine Meinung und nur eine richtige Auslegung eines Textes gäbe. Weisheit im biblischen Sinne hat keine Angst vor Vielstimmigkeit.