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Glauben und Rechnen
Mk 9,14-29
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Glauben und Rechnen
In unserer Alltagssprache ist glauben gleichbedeutend
mit etwas für wahr halten. Und zwar etwas, das
sich nicht beweisen, nicht logisch begründen lässt. Ich
möchte in aller Deutlichkeit sagen: Für mich ist diese
Gleichung verheerend. Sie geht nicht auf für den einzelnen
Menschen, der versucht, gläubig zu sein. Und sie ist eine Katastrophe
für das gesamte Christentum in unserer Kultur, von dem man
annimmt, dass diese Art zu glauben dort zuhause ist und verlangt
wird. Die Gleichssetzung von Glauben und Für-wahr-halten ist
nicht zuletzt völlig unbiblisch. Wenn Sie von diesem Artikel
nur einen einzigen Inhalt behalten, dann bitte diesen: Die Bibel
erzählt Glaubensgeschichten. Aber dabei geht es NICHT um das
Für-wahr-halten-von-Etwas.
Um was geht es dann?
Mir hat zur Klärung dieser Frage ein Vergleich geholfen, der
Vergleich zwischen Glauben und Rechnen. "Glauben heisst nicht,
dass einer die Frage, ob es einen Gott gibt, wacker mit Ja beantwortet.
Das wäre zu wenig. Damit fängt Glauben überhaupt
erst an. Auch Rechnen heisst nicht, dass einer die Existenz von
Zahlen anerkennt, sondern dass er addiert, substrahiert, multipliziert
und dividiert, wo und wann es nötig ist. Glauben heisst, dass
ich mich von Gott, dieser Wirklichkeit, die der Ursprung von allem
ist und der ich mein Dasein verdanke, tragen lasse und mich an ihr
festhalte, weil ich darauf vertraue, dass sie mich trägt -
egal, in welche Hochs oder Tiefs mich das Leben führt."
(Josef Dirnbeck, Gott lacht. Ein fröhlicher Crashkurs des christlichen
Glaubens, Pattloch 2006, S. 31)
Glauben ist also eine Art und Weise zu leben, eine Art und Weise
sich dem Leben gegenüber zu verhalten. Glaube ist eine Fähigkeit,
die Fähigkeit zu rechnen, mit etwas zu rechnen, mit einer Wirklichkeit,
die mir vorausgeht und die mich trägt. Glauben im biblischen
Verständnis bedeutet dem Leben und dem göttlichen Geheimnis
des Lebens zu vertrauen. Glauben ist ein Verb, ein Tätigkeitswort
genau wie Rechnen. Beide müssen gelernt werden. Beides kann
gelernt werden und zwar durch Anleitung und durch Übung. Das
klingt nach Schule und das passt auch: Glaubenlernen geschieht in
der Schule des Lebens. Glauben ist dabei eine ganz besondere Tätigkeit.
Sie besteht letztlich darin, nicht alles von sich selbst zu erwarten,
sondern sich voller Vertrauen in einen grösseren Zusammenhang
hineinzubegeben, in dem nicht alles von mir abhängt, sondern
ich getragen bin von Anderen und Anderem.
Glauben = Vertrauen
Glaube ist die Fähigkeit zu vertrauen und Vertrauen
wäre die viel bessere Übersetzung von Glauben als das
Für-wahr-halten. Mit der Gleichsetzung von glauben und vertrauen
kommen wir dem biblischen Verständnis viel näher. Die
Bibelübersetzung in gerechter Sprache, die in diesem Jahr erschienen
ist, übersetzt an vielen Stellen des Neuen Testamentes das
griechische Wort pistein, glauben, mit vertrauen und
erschliesst so einen neuen und zugleich ursprünglichen Zugang
zum Text. Ein Beispiel dafür. Im Markusevangelium wird im Kapitel
9 (Verse 14-29) die Geschichte einer Heilung erzählt. Ein Junge,
der an Epilepsie leidet, wird geheilt und wenn man die Geschichte
genau liest, auch sein Vater. In der Heilungsgeschichte geht es
wie bei den meisten biblischen Heilungsgeschichten
weniger um medizinische Fragen als um Beziehungen. Die Beziehung
zwischen dem Vater und seinem Sohn und die Beziehung des Vaters
zum Leben bedarf der Heilung. Ich würde sogar sagen, dass die
Symptome, die der kranke Sohn zeigt, sehr genau die Probleme all
der anwesenden Personen zum Ausdruck bringen. Die Geschichte erzählt
von gestörter, ja eigentlich verhinderter Kommunikation. Die
Kommunikation der Menschen untereinander, ihre Beziehung zueinander
bedarf der Heilung. Aber zurück zu unserem Thema, dem Glauben.
In dieser Geschichte fallen zwei Sätze, die in der Formulierung
de Einheitsübersetzung zu den bekanntesten biblischen Zitaten
gehören. Alles kann, wer glaubt, sagt Jesus (9,23).
Und der Vater des kranken Jungen reagiert darauf mit den Worten:
Ich glaube, hilf meinem Unglauben (9,24).
In der Übersetzung der Bibel in gerecher Sprache lauten diese
Verse so:
Alles ist möglich für die, die vertrauen und
ich vertraue, hilf meinem Mangel an Vertrauen. Der zweite
Satz klingt sperrig. Der Ausdruck Mangel an Vertrauen
ist im Alltag kaum gebräuchlich, auch damals nicht. Schade,
dass nicht übersetzt wurde: Ich vertraue, hilf meinem
Misstrauen. Oder für mich noch treffender: Hilf
meiner Angst vor dem Leben! Entscheidend ist die Ersetzung
von Glauben durch Vertrauen. Alles ist möglich für
die, die vertrauen alles, das ganze Leben mit seinen
Hochs und Tiefs ist möglich für die, die vertrauen. Alles
kann gelebt, durchlitten, gefeiert werden. Und zwar nicht als blindes
Schicksal, nicht als Zufallsprodukt der Evolution, nicht als fremdbestimmtes
Leben bei dem ich nur das Opfer der Umstände bin, sondern als
MEIN Leben, in das ich mit meinem Namen gerufen wurde und zu dem
ich berufen bin, als mein Leben, in dem ich begleitet bin vom göttlichen
Geheimnis. Das Vertrauen darauf wird mich vor nichts bewahren. Alles
kann mir zustossen, vieles wird mir zustossen. Es wird nicht einfach
werden. Die Schule des Lebens hält überraschend viele
Unterrichtsfächer bereit und sie dauert ein Leben lang. Ich
glaube daran, dass heisst ich vertraue darauf, dass ich in meinem
ganzen Leben, von Anfang an, so wie ich bin und egal, wie ich mich
entwickle, getragen bin von der Wirklichkeit, die religiöse
Menschen Gott nennen und dass diese lebendige Beziehung auch
mit dem Tod nicht endet, wie immer sie sich dann auch gestalten
wird.
Glauben + Zweifeln
Auf die tragende Kraft Gottes, der in der Bibel mit seinem Namen
Ich-bin-da (Exodus 3) bekannt gemacht wird, vertraue
ich immer wieder. Und daran zweifle ich immer wieder. Beides
gehört untrennbar zusammen. Und so leihe ich mir die Worte
des Vaters im biblischen Text aus und bete: Ich vertraue,
hilf meinem Misstrauen.
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