Tova Mirvis, Die Schabbatbraut, Piper 1999

Ein kollektives "Wir" verfolgt jeden Schritt, den die junge Batseba, gerade neu zugezogen, in der orthodoxen jüdischen Gemeinde von Memphis, Tennessees, macht.

Ein Leben in Sicherheit, "in sich verschlungen wie ein sorgsam gehäkelter Pullover". Dieses Wir ist die kollektive Wahrnehmung, das kollektive Bewusstsein der Frauen dieser Gemeinde. Deswegen erfährt man durch das Lesen dieses Buches auch so viel über das alltägliche Leben dieser Frauen, über das Leben in der Sicherheit jahrhundertealter, alle Lebensbereiche durchdringender, religiöser Traditionen. In einer visionären Schau am Ande des Buches wird das folgendermassen ausgedrückt: "Da war Memphis auf seiner Klippe, die sich über die Stadt erhob, und der Mississippi, der uns umfloss. Unsere Häuser standen in ordentlichen Reihen, und die Lichter brannten, als wären wir drinnen und gingen unserem Tagwerk nach. ... Im Himmel darüber war eine Kette aus Händen, auf der einen Seite hielten unsere Ahnen einander, unsere Grossmütter und Urgrossmütter, bis hin zu Sarai, Ribka, Rahel und Leah. Wir waren Teil dieser Reihe von Frauen, mit ihnen verbunden durch die täglichen Pflichten unseres Lebens, die Schabbat-Mahlzeiten, die wir zubereitet, die Feiertage, die wir zelebriert, die Haushalte, die wir geführt hatten." (Seite 389)
Memphis und New York: innen und aussen

Die junge Autorin Tora Mirvis, die in ebendieser orthodoxen jüdischen Gemeinde von Memphis aufwuchs, bevor sie nach New York ging, beschreibt mit grosser Sympathie das engmaschige Frauennetzwerk, zusammengehalten durch unablässige Telefonate, durch aufwendige Sabbatessen und gegenseitige Einladungen, durch die jährlichen Festrituale und durch die Gewissheit, im "Jerusalem des Südens" zu leben. Sie sprengt aber dieses Gewebe in Umkehr ihres eigenes Weggangs, indem sie eine Neuzuzügerin aus New York in die Gemeinde kommen lässt, Batseba, eine junge Frau, die wegen ihres Mannes zum Judentum konvertierte, dort erlebte, dass ihre religiösen Bedürfnisse erwachten und die jetzt, nach seinem Tod, in seiner Heimatgemeinde mit ihrer Tochter leben will.

25 Stunden im Paradies Die Faszination des orthodoxen jüdischen Lebens in einer religiösen Gemeinschaft, die Zeit und Raum sprengt, empfindet man am eindrücklichsten bei den Schilderungen des Schabbat und der Gebete an diesem Tag. "Unsere Wochen warteten auf den Freitag...Wir behalten diesen Tag ausschliesslich Gott und unseren Familien vor, verbringen die fünfundzwanzig Stunden zwischen dem Sonnenuntergang am Freitag und der Abenddämmerung am Samstag in einem friedlichen Rhythmus aus Gebeten, Mahlzeiten und Entspannung. Die Welt da draussen versinkt, wenn auch nur für diesen Tag.... Wir hatten das Gefühl vor Gott zu stehen... Wir schlossen die Augen, das Wohl der Welt in unserer Hand...Die Worte drangen aus unserem Mund und flogen aus unseren Häusern, bildeten einen Chor von Gebeten, der sich zum Himmel erhob...Um den Tisch versammelt, sangen wir das Schalom alechem, um Gott und seine Engel in unserem Haus zu begrüssen." (21f.)
Religiöses Leben aus Tradition oder aus freier Entscheidung?

Batseba bringt diese Gemeinschaft in die Krise. Und zwar nicht, weil sie gegen die Regeln und Gebote revoltiert, sondern weil sie sie mit Leben füllt. Sie feiert die jährlichen Feste nicht, weil sie seit Generationen auf die gleiche Weise gefeiert wurden, sondern weil sie sie jetzt feiern will. Ihr jüdisches Leben ist ihre freie Entscheidung. Sie beginnt beim Sohn des Rabbi die religiösen Überlieferungen zu studieren, weil sie ihre Religion verstehen will. Sie ist auf der Suche und von dem, was sie findet, begeistert. Sie geniesst das, was für die anderen oftmals reine Gewohnheit ist. Das wirkt verstörend und ansteckend zugleich, weil sie dabei doch auch immer sie selber bleibt. Sie versteckt ihre Andersartigkeiten nicht. Das weibliche Kollektiv beobachtet sie misstrauisch. Aber bald gibt es innerhalb des einen, unhinterfragten "Wir" Einzelne, die sich von Batsebas Art ermutigt fühlen, ihre eigenen Wege zu suchen und zu gehen. Die jungen Frauen in der jüdischen Schule, die von Batseba in Kunst unterrichtet werden, zum Beispiel, oder Rena Reinhard, die Batseba von ihren Eheproblemen erzählt, die in der herrschenden Inszenierung der heilen Gemeindewelt nicht sein dürfen, denn "sie hatte ein Image aufrechtzuerhalten." (98) Batsebas Wirkung sprengt die Gemeinschaft, es kommt zur Eskalation. Mehr soll hier nicht verraten werden.

Rut und Noomi

Das Buch ermöglicht tiefe Einblicke in das Leben einer jüdischen Gemeinde. Es zeigt die Art und Weise, wie Frauen das Judentum gestalten und prägen, eine Sicht, die ein eventuell vorhandenes Klischee vom Judentum als patriarchal geprägter Religion verändern kann. Ich habe erst nach dem ersten Lesen des Buches überrascht festgestellt, wie wenig von den Männern die Rede ist, ja wie wenig es die Männer für das intensive Leben der Gemeinde eigentlihc braucht. "Die Schabbatbraut" zeigt in einer Fülle von Details das religiös geprägte jüdische Alltagsleben. Es ist für mich aber in einem allgemeineren Sinn ein Buch über jede religiöse Gemeinschaft. Über die Schönheit und die Sicherheit gebende Kraft von Traditionen und über die damit verbundene Gefahr der Erstarrung. Über die Faszination eigener, selbstverantworteter Entscheidung in Fragen der Religion, der Lebensführung, der Moral und über die damit verbundene Gefahr, verbindende Gemeinsamkeiten aufzulösen. Das Buch endet mit einem Frauenbibelabend zur Geschichte von Rut und Noomi, mit einem engagierten Vortrag der Frau des Rabbi, Mimi, der die Gemeinschaft der Frauen fruchtbar verunsichert. Rut, die Fremde, die sich frei entschieden hatte, das Leben mit ihrer jüdischen Schwiegermutter Noomi zu teilen, wird zur Ahnin des jüdischen Königs David. "Alles, was uns einst so klar erschienen war, hatte seine scharfen Konturen verloren. Wir sahen uns als Charaktere, die wir nicht sein wollten, und wir wünschten, wir könnten etwas ändern an dem, was wir gesagt und getan hatten." (388) Diese Verunsicherung in der Wahrnehmung und Bewertung des Bestehenden bietet die Chance zu einer neuen Lebendigkeit. Wenn die Tradition weiterleben soll und eine ununterbrochene, lebendige Kette über die Generationen hinweg bilden soll, eine Kette, die Leben weitergibt und nicht fesselt, dann ist es nötig an die Grenzen heranzugehen und sie durchlässig zu halten. Die oben bereits geschilderte Vision endet denn auch folgendermassen: "Aber als wir zur anderen Seite der langen Kete blickten, sahen wir unsere Töchter irgendwo in der Ferne, manche näher, manche weiter weg, und nur, wenn wir unsere Hände so weit ausstreckten, wie wir nur konnten, bestand die Möglichkeit, dass wir sie erreichen würden." (389f.) Wer die Hände so weit ausstreckt, tut sich leichter, wenn er oder sie sicher steht und sich gehalten fühlt.