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Maria und Elisabet
Lk 1,39-45
seit dem 09.03.2010
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16.5.2010
"Gott erbarmt sich ... über alle, die ihn fürchten"
(Lk 1,50). Im Psalm 103,17, auf den sich dieser Vers bezieht ist
die Rede von "allen, die ihn fürchten und ehren".
Das Ehren ist hier weggefallen, nur die Furcht ist geblieben. Warum?
Ist die Verehrung Gottes nach dem Ende des Tempels und des Tempeldienstes
in der traditionellen Weise nicht mehr möglich und ene neue
Weise zeichnet sich noch nicht ab? Ist das zu weit hergeholt?
In Ps 103,17 ist auch nicht die Rede von Erbarmen, sondern von Huld.
Warum dieser Wechsel?
Heute habe ich nur Fragen, keine Antworten.
13.5.2010
"Gott erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht" (Lk
1,50). Das Erbarmen ist die göttliche Seite der Beziehung zu
Menschen, die im Bewusstsein der Nativität als Geborene leben.
Das hebräische Wort für Erbarmen, das dem Gottesbild hier
wohl zugrundeliegt, ist ein ganz und gar körperlicher Begriff.
Er bezeichnet die Eingeweise als Sitz eines zärtlichen Mitgefühls,
er bezeichnet aber auch den Mutterschoss, in dem neues Leben heranwächst
und aus dem heraus es geboren wird. Erbarmen ist die göttliche
Seite der Nativität. Im Erbarmen setzt Gottsein/ihr schöpferisches
Wirken fort, lässt neues Leben entstehen.
9.5.2010 (2)
"Denn der Mächtige hat Grosses an mir getan und sein
Name ist heilig" (Lk 1,49). Im Psalm 111 (Vers 9), den Maria
hier zitiert, wird der Name Gottes als heilig und furchtgebietend
bezeichnet. Die Furcht ist hier aus dem Bereich der Heiligkeit verschwunden.
Psalm 111 erzählt von den grossen Werken Gottes an "allen,
die sich an ihnen freuen" (Vers 2). Vielleicht verschwindet
die Furcht eher, wenn ich die grossen Taten Gottes direkt und persönlich
in meinem Leben, an mir, erfahre. Wenn ich in erster Linie Teil
des Kollektivs bin, das die grossen Tagen Gottes bezeugt, ist vielleicht
"die Furcht des Herrn ... der Anfang der Weisheit" (Ps
111,10). Bei Maria ist es das Vertrauen in die lebenschaffende Beziehung.
9.5.2010
"Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter"
(Lk 1,48b). Am heutigen Muttertag gelesen, lässt sich dieser
Satz als Lobpreis der Natalität (oder Nativität) verstehen.
Den Begriff hat Hanna Arendt geprägt, in der Theologie ist
er vor allem durch feministische Theologinnen wie Ina Prätorius
bekannt und fruchtbar gemacht worden. Natalität, das ist das
Denken und Handeln aus dem Bewusstsein, dass wir alle Geborene sind.
Dass wir uns alle Menschen verdanken, die uns vorausgegangen sind
und die uns ins Leben gebracht haben. Das sind in erster Linie unsere
biologischen Mütter, aber längst nicht nur. Auf die Welt
bringen uns viele Menschen, Männer und Frauen. Durch Entscheidungen,
durch Zärtlichkeiten, durch Ansprache, durch Unterstützungen,
durch Begleitung, durch Anleiten und Lehren undundund. Dass wir
geboren wurden, dass wir uns nicht unserer eigenen Leistung verdanken,
dass uns unser Leben geschenkt wurde, lenkt den Blick darauf, dass
letztlich unser ganzes Leben ein nicht zu verdienendes Geschenk
ist. Ohne das Geschenk der Luft um uns herum, würden wir keine
5 Minuten leben können. Ohne geschenkte Beziehungen würde
das Leben keinen Tag lang Sinn machen. Das Leben-Schenken und das
Geboren-Werden preisen durch alle Geschlechter (Generationen) hindurch,
das heisst, das Bewusstsen um die Grundtatsache des Lebens nicht
abreissen zu lassen und eine Kultur der Dankbarkeit für die
Grundlagen des Lebens schaffen und weitergeben, das ist eine lohnende,
eine lebensnotwendige Aufgabe.
5.5.2010
"Die Niedrigkeit einer Magd" verweist wieder auf eine
andere biblische Stelle, eine andere biblische Frauengestalt: auf
Hanna in 1 sam 1,11. Hier ist die Rede vom Elend einer verheirateten,
aber kinderlosen Frau. Sie denkt und hofft im ahmen der herrschenden
patriarchalen Welt und Wertvorstellungen auf "einen männlichen
Nachkommen". Allein mit einem Sohn ist in dieser Welt die ökonomische
und soziale Zukunft einer Frau gesichert. Marias Hoffnung ist freier
von dieser patriarchalen Weltsicht. Sie zahlt aber auch den Preis
dafür, dass ihr Sohn sich frei fühlt von familiären
Verpflichtungen. Maria spricht davon, dass sie von allen kommenden
Geschlechtern selig gepriesen wird (Lk 1,48b). Das erfüllt
sich aber mindestens in der allerersten Generation nicht. In 11,27-28
gestaltet Lukas ein Gespräch zwischen Jesus und einer Frau
aus der Menge. Sie ruft: "Selig die Frau, deren Leib dich getragen
und deren Brust dich genährt hat." Er antwortet: "Selig
sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen."
Die Jesusbewegung bricht offenbar radikal mit den familiären
Bindungen. Stimmt das? Sie gibt dem Leben nach den Weisungen Gottes
eine höhere Wertigkeit als der familiären Herkunft. Aber
ist das nicht zutiefst biblisch? Lesen wir doch die Weisung in den
10 Geboten genauer: "Du sollst Vater und Mutter ehren"
(Ex 20,12 und Dtn 5,16). Wörtlich steht hier, den Eltern kawod
zukommen zu lassen. Kawod ist ein zentraler Begriff der hebäischen
Bibel. Er wird oftmals - vor allem in Bezug auf Gott - als "Herrlichkeit"
übersetzt. Besser wäre eine Übertragung mit "Bedeutung,
Ansehen". Es geht also darum, den Eltern das Ansehen und die
Bedeutung zu geben, die ihnen zukommt. Es geht nicht darum, sie
als gottgleich zu verherrlichen und zu verehren. Die Bedeutung,
die ihnen zukommt, ist im Text der Zehn Gebote mit dem verheissenen
Land in Verbindung gebracht. "Ehre deinen Vater und deine Mutter,
damit du lange lebst in dem Land, das der Herr dein Gott, dir gibt"
übersetzt die Einheitsübersetzung Ex 20,12. Das Land,
das Gott gibt, ist das Land, in dem freie Menschen miteinander leben
nach den Weisungen Gottes zum Leben. Es ist das Land, in dem das
Leben als freie und aufrechte Menschen umgesetzt wird, das in der
Zeit der Wüstenwanderung erprobt wurde und dass sich der Befreiung
aus der Sklaverei in Ägypten verdankt. Mit der Erinnerung daran
beginnen ja auch die Zehn Gebote im Buch Exodus: "Ich bin YHWH,
dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.
Du sollst neben mir keine anderen Götter haben" (Ex 20,2-3).
Auch nicht die Eltern. Ihnen kommt Bedeutung zu, denn sie haben
die Wege ihrer Eltern fortgesetzt ins Land der Freiheit. Und dafür
gebührt ihnen Ansehen. Aber nur für das, was wirklich
dem Weiterleben im Land der Freiheit gedient hat - für Anderes
nicht. Für das, was dem Leben als freie und aufrechte Menschen
nach den Weisungen Gottes zum befreiten Leben dient - für anderes
nicht. Insofern steht Jesus genau in dieser Tradition, wenn er sagt:
Selig, die das Wort Gottes hören und es befolgen. Selig also
auch die Eltern, wenn sie das tun. Das auf die Welt bringen und
nähren von Kindern ist der Anfang einer Wegbegleitung und Wegleitung
ins Land der Freiheit. Der Freiheit in dankbarer und kritischer
Beziehung zu den Generationen, die voraus gegangen sind.
4.5.2010
"die Niedrigkeit seiner Magd" (Lk 1,48). Das griechische
Wort tapeinos, das hinter dem Ausdruck steht, der hier mit Niedrigkeit
übersetzt ist, kann zweierlei bedeuten. Einerseits die Beschreibung
eines gesellschaftlichen Zustandes von geringer Macht und geringem
Ansehen und zweitens eine Denkweise oder einen Gemütstzustand.
Die zweite Bedeutung kann positiv (demütig, bescheiden) oder
negativ (fügsam, unterwürfig) gebraucht werden. Wenn man
die folgenden Aussagen der Maria liest ("er stürzt die
Mächtigen vom Thron...) fällt die negative Bedeutung der
Unterwürfigkeit wohl weg. Maria erkennt hier Gottes unterstützende
Beziehung (schauen) zu jemanden, der gesellschaftlich nicht viel
zählt und bescheiden ist. Der Ausdruck "Magd", griechisch
doulä, hat in der männlichen Form oftmals den Charakter
eines Ehrentitels. Der Knecht Gottes ist jemand, der kene andere
Herrschaft über sich anerkennt als Gott und deswegen alle menschliche
Herrschaft grundsätzlich relativiert. Paulus gebraucht ihn
in diesem Sinn. Das passt gut zu Maria in ihrem alle menscliche
Herrschaft relativierenden Gebet. Gott schaut also auf Menschen,
die in aller Bescheidenheit und aus der Beziehung zu Gott heraus
alle Herrschaft von Menschen über Menschen in Frage stellen
und relativieren.
30.4.2010
"über Gott, meinen Retter" (Lk 1,47). Der Grund
für die Freude liegt darin, dass Gott sich als Retter erweist.
Hier snd sich Maria und Habakuk einig. Hier berühren sich ihre
Texte am stärksten. Gott als Retter, das kommt auch im Namen
zum Ausdruck, den Maria ihrem Kind geben wird: Jesus, hebräisch
Joschua, Gott rettet. Gott rettet in diesem Kind, Gott rettet in
jedem Kind, Gott rettet, wenn das Leben sich fortsetzt, wenn es
Zukunft gibt, wenn neues Leben geboren wird. Gott rettet unspektakulär
und alltäglich. Seit Menschengedenken auf die gleiche Weise.
Gott rettet spektakulär und auf wunderbare Weise. Eine Geburt,
jeder Neuanfang im Leben ist beides: Alltag und Wunder.
28.4.2010
"und mein Geist jubelt über Gott" (Lk 1,47). "Mein
Herz ist voll Freude über Gott", betet Hanna in 1 Sam
2,1. "Von Herzen will ich mich freuen über Gott",
schreibt Jesaja (61,10) und "dennoch will ich jubeln über
Gott und mich freuen über Gott", schreibt Habakuk obwohl
er zittert vor diesem Gott (Hab 3,18 und 16).
Lukas lässt Maria hier gleich drei biblische Texte einspielen.
Am engsten lehnt sie sich an Habakuk an. Vielleicht ist ihr, der
jungen werdenden Mutter angesichts der Fülle der Möglichkeiten,
die vor ihr liegen, das Zittern des Habakuk, das die Freude durchdringt
bzw. die Freude, die das Zittern durchdringt, am Vertrautesten.
Anders als Hanna und Jesaja ist es bei Maria, der Geist (griech.
pneuma), der überquillt vor Jubel, nicht das Herz. Geschlechtsspezifisch
ist das eine schöne kleine Aufmerksamkeit des Lukas. Der Geist
war auch in der Antike schon etwas, was die Männer gerne für
sich reklamierten. Der Geist hat im Lukas- und im Matthäusevangelium
aber eine besondere Vorliebe für Frauen und ist ihnen ganz
besonders verbunden. Nicht als Ersatzmann!!! Das wäre ein völliges
Missverständnis. Viel mehr als eine Kraft, die anders ist und
anderes möglich macht, als es bisher nach der vorherrschenden
Art und Weise von statten ging. Angefangen beim Schwangerwerden
bis... wer weiss.
26.4.2010
Megalunei hä psychä mou ton kyrion - "gross macht
meine Seele den Herrn" übersetzt Osborne, wie die Neue
Zürcher Bibelübersetzung: "Meine Seele erhebt den
Herrn".
Das Tun der Maria, ihr Loben ist es, das Gott gross macht und erhebt.
Anders die Einheitsübersetzung: Meine Seele preist die Grösse
des Herrn. Die Wirkung des menschlichen Tun ist zurückgenommen.
Gott ist an sich gross und wird ob dieser Grösse gepriesen.
Vermutlich ist es würdig und recht, sich in der Spannung zwischen
diesen beiden Polen zu bewegen.
Allerdings ist die Einheitsübersetzung doch relativ weit weg
vom Urtext, den Lukas bewusst so geschrieben hat. Die Aktivität
des Grossmachens liegt bei der Beterin des Psalmes. Wie wir Gott
sehen, ist eben doch unsere Sache. Wir können uns Gott ja auch
klein vorstellen ohne ihn damit gleich abzuwerten. Das Gottesbild
liegt im Mund der Beterin/des Beters.
Hanna, an deren Lied sich das Magnificat vor allem orientiert, betet:
"Mein Herz ist voll Freude über Gott, grosse Kraft gibt
mir Gott" (1 Sam 2,1). Die Grösse ist auch hier beim Menschen,
es ist die grosse Kraft, die Hanna empfindet. Sie kommt von Gott,
aber entscheidend ist, dass sie beim Menschen ankommt und wirkt.
26.4.2010
Bevor ich mich den einzelnen Worten und Versen des Psalmes zuwende,
den das Lukasevangelium Maria sprechen lässt (Lk 1,46-55),
zitiere ich die zusammenfassende Darstellung von Thomas P. Osborne:
"Als Maria Gott für sein Eingreifen in ihrem Leben lobt,
geschieht dies in der Form eines Psalmes, von vielen Psalmen des
Alten Testamentes sowie vom Loblied Hannas bei der Geburt Samuels
in 1 Sam 2 inspiriert. Der Psalm Marias - bekannt nach seinem Anfangswort
als Magnificat - wiederholt einige Elemente aus der Akklamation
Elisabets (1,25). Er bleibt nicht auf der Ebene des Lebens Marias
stehen, sondern erzählt, wie Gott sich in der langen Heilsgeschichte
des Volkes Israel verwirklicht hat; von der Verheissung an Abraham
angefangen bis in alle Ewigkeit schenkter seine Gunst. Die Niedrigen
und Hungrigen erhöhen, die Überheblichen und die Mächtigen
erniedrigen - so wird allezeit die göttliche Barmherzigkeit
verwirklicht.
Kunstvoll ist die Form des Liedes: die erste Hälfte (VV. 46b-50)
- bestehend aus zwei Abschnitten - besingt das individuelle Schicksal
Mariens, in der zwieten Hölfte (VV. 51-55) sieht sie sich als
Teil eines umfassenden Wirkens Gottes im Volk Israel, duchr alle
Schichten und auch in der ganzen zeitlichen Dimension. Beide Tele
akzentuieren am Schluss das Erbarmen Gottes als zentrale Deutung
seines Handelns (VV. 50.54)." (Thomas P. Osborne, Die lebendigste
Jesuserzählung. Das Lukasevangelium, Verlag Katholisches Bibelwerk
Stuttgart 2009, S. 26).
25.4.2010
"was der Herr ihr sagen liess" (Lk 1,45). Thomas P. Osborne
weist in seinem Lukaskommentar in einer schöne Formulierung
darauf hin, dass Maria in zweifacher Weise "in Erwartung ist".
Ihre biologische Schwangerschaft korrespondiert gleichsam mit ihrer
theologischen Erwart an die Erfüllung von Gottes wirkmächtigem
Wort. Mit ihrer Haltung "in Erwartung" steht sie in Spannung
zum werdenden Vater Zacharias, der von Zweifeln und Stummheit geprägt
ist. Nach meiner eigenen Erfahrung "in Erwartung" bzw.
als werdender Vater sind beide Pole dieser Spannung angesichts der
Zukunft mit ihren Möglichkeiten und der damit einhergehenden
Veränderungen und neuen Verantwortungen mehr als verständlich
und der Situation angemessen.
18.4.2010
"...dass sich erfüllt..." (Lk 1,45). Was bedeutet
"sich erfüllen" im biblischen Sprachgebrauch? Vor
allem im Matthäusevangelium ist immer wieder davon die Rede,
dass "sich erfüllt, was Gott durch die Propheten gesagt
hatte". Insgesamt 10 sogenannte Erfüllungszitate ziehen
sich durch das ganze Evangelium. Erfüllen meint hier weniger,
dass eine einmal gemavhte Vorhersage möglichst wortwörtlich
eintrifft. Erfüllung meint, dass Gottes Verheissungen (und
mitunter auch Drohungen), die bereits einmal die Wirklichkeit geprägt
haben wieder neu gegenwärtig werden. Dabei geht es nicht um
eine reine Wiederholung, denn die Zeiten haben sich verändert
und so verändert sich auch die genaue Gestalt, in der die Verheissung
Gegenwart und Wirklichkeit wird. Denn Geschichte wiederholt sich
nicht. Aber es wird wieder erfahrbar, was bereits früher einmal
erfahrbar war oder doch zumindest ersehnt wurde.
Letztlich gehen alle Verheissungen auf die eine grosse Verheissung
Gottes zurück: Ich bin da. Verheissen ist die Gegenwart Gottes
in unserem Leben, ist Beziehung, in der Heil und Rettung gründet
und erfahren werden kann. Darum geht es auch in der Verheissung,
an deren Erfüllung Maria glaut. Die Gegenwart Gottes nimmt
in ihrem Fall die Gestalt ihres Kindes an, dem sie den Namen Jesus,
Gott rettet, gibt. Maria vertraut darauf, dass dies ihre Zukunft
und die Zukunft ihres Volkes ist: Gott rettet. So beginntsie auch
ihr Loblied auf diesen Gott: ""Mein Geist jubelt über
Gott, meinen Retter" (Lk 1,47).
17.4.2010
"Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt,
was der Herr ihr sagen liess" (Lk 1,45). Die Seligpreisung
des Lukasevangeliums, auf die Maria in ihrem anschliessenden Lied
selbstbewusst reagiert: "Siehe, von nun an preisen mich selig
alle Geschlechter" (Lk 1,48). Eine weniger religiös-spirituell
eng führendeÜbersetzung des griechischen Wortes makarios
ist "glücklich". Glücklich ist, wer wie Maria
glaubt, dass sich Gottes Verheissungen erfüllen.
14.4.2010
"Als ich deinen Gruss hörte, hüpfte das Kind vor
Freude in meinem Leibe" (Lk 1,44). Warum erwähnen Lukas
/ Elisabet das Hüpfen des Kindes im Leib ein zweites Mal, nach
1,41 vgl. Eintrag vom 26.3.? Neu ist jetzt, dass Elisabet das Hüpfen
interpretiert. Es sei vor Freude geschehen. Das Wort, das Lukas
/ Elisabet hier verwenden, agalliasei, von agallao, ist eine Neuschöpfung
eines griechischen Wortes, die sich nur im biblischen und kirchlichen
Sprachgebrauch findet, u.a. in den Psalmen nach der Septuaginta
(z.B. Ps 51,10). Das Jubeln, Frohlocken, sich Ergötzen des
Kindes bzw. die entsprechende Deutung durch den Text haben also
hier sprachlich beinahe eine eine liturgische oder rituelle Qualität.
Der 1. Petrusbrief gebraucht den Ausdruck in vergleichbarer Weise
(1 Pt 1,6 und 8). Im biblischen Sprachgebrauch z.B. im Psalm 51,
der in der kirchlichen Tradition den Namen Miserere trägt,
geht es um den Jubel nach der Sündenvergebung, nach dem Befreitwerden
aus dem Todesbereich.
9.4.2010
"Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?"
(Lk 1,43), fragt Elisabet. "Wer bin ich, dass ich zum Pharao
gehen und die Israeliten aus Ägypten herausführen könnte"
(Ex 3,11, hatte Moses gefragt, als Gott ihn am brennenden Dornbusch
beruft. Anders als Moses bekommt Elisabet keine direkte Antwort
von Gott. Mose hört: "Ich bin mit dir. Ich habe dich gesandt."
Elisabet dagegen spürt das Kind in ihrem Leibe hüpfen.
Aber ist das nicht das Gleiche, die gleiche Botschaft? Denn was
ist ein Kind anders als die Aussage Gottes: ich bin mit dir/euch.
Das Matthäusevangelium entfaltet das ausdrücklich mit
einem Zitat aus dem Buch des Propheten Jesaja: "...einen Sohn
wird sie gebären und dem wird man den Namen Immanuel geben,
das heisst übersetzt: Gott ist mit uns." (Mt 1,23; Jes
7,14).
Elisabet ist wie Mose berufen, darin mitzuwirken, Gottes Gegenwart
und Gottes Art der Beziehung zu den Menschen erfahrbar zu machen,
Wirklichkeit werden zu lassen.
Elisabet zweifelt wie Mose (und wie viele seitdem) daran, ob sie
geeignet ist, für diese Berufung.
Elisabet richtet ihren Blick dabei auf die Beziehungsebene (die
Mutter meines Herrn kommt zu mir?), Mose richtet seinen Blick auf
die Sachebene, den Auftrag (zum Pharao gehen und das Volk herausführen).
Geschlechtsspezifische Unterschiede, die die 2000 Jahre Distanz
zwischen uns und der Bibel verschwinden lassen. Beide Ebenen sind
nicht voneinander zu trennen.
8.4.2010
Ein zweifacher Segen (Lk 1,42): Gesegnet bist du ... und gesegnet
ist die Frucht deines Leibes. Segen im biblischen Sinn bedeutet,
gut zu nennen, was gut ist. Und gut ist in erster Linie das Leben.
Am Besten das Leben in Fülle. Dementsprechend sind schwangere
Frauen in der Bibel ein oft gebrauchtes Realsymbol für Segen.
In schwangeren Frauen und in der Frucht ihres Leibes kommt zum Vorschein,
dass das Leben gesegnet ist, dass es weitergeht,dass es Zukunft
gibt, dass nicht der Tod das letzte Wort behalten wird, sondern
das Leben. So gesehen sind schwangere Frauen und die Frucht ihres
Leibes eine Auferstehungserfahrun, wenn wir Auferstehung in einem
grösseren Kontext verstehen, nicht auf eine individuelle Existenz
begrenzt, sondern ins Gesamt des Lebens eingebunden.
5.4.2010
Erinnern wir uns daran, dass Elisabet und Maria die alttestamentlichen
Frauengestalten Sara und Hagar einspielen. Elisabet/Sara segnet
hier Maria/Hagar und die Frucht ihres Leibes. Lukas schreibt hier
eine Szene der Versöhnung in einem uralten Konflikt, zwischen
zwei Frauen, zwischen zwei Völkern, zwischen Menschen/Gruppen,
die um Segen und Verheissung rivalisieren generell.
28.3.2010
"Gesegnet bist du unter den Frauen" (Lk 1,42). Wo die
Einheitsübersetzung den Komparativ "mehr als alle Frauen"
her hat, erschliesst sich mir im Urtext nicht.
Der Segensruf ist ein biblisches Zitat und bringt Maria mit zwei
anderen Frauen in Verbindung: Über Jael heisst es in Ri 5,24:
Gesegnet sei Jael unter den Frauen, die Frau des Keniters Heber,
gepriesen unter (oder vor, wie die Bibel in gerechter Sprache übersetzt?)
den Frauen im Zelt." Zu Judit sagt ihr Vater Usija im Buch
Judit (13,18): "Meine Tochter, du bist von Gott, dem Allerhöchsten
mehr gesegnet, als alle anderen Frauen auf der Erde." Es geht
hier offenbar gleichzeitig um beides: Um die Benennung von etwas
Aussergewöhnlichem gegenüber allen anderen und um die
Verbindung und Solidarität mit allen anderen Frauen. Die Bibel
hat keine Mühe beides zusammen zu bringen, was widersprüchlich
scheinen mag. Das ist durchaus ein roter Faden durch die Bibel,
dass die besonderen Qualitäten und Taten von Menschen benannt
und gewürdigt werden und gleichzeitig auf ihre Verbindung zum
gesamten Gottesvolk hin betrachtet werden. Die Bibel ist ein Raum
für besondere Menschen. Ihre Besonderheit ist jedoch immer
auf ihr soziales Umfeld bezogen.
27.3.2010
Deswegen ruft Elisabet auch mit lauter Stimme (1,42). Sie ruft
einen Segen auf Maria herab. Sie nennt gut, was gut ist. Segnen
ist im biblischen Verständnis das Mitwirken an Gottes Schöpfungskraft.
Elisabet wirkt wie hier durchaus wie ein Bild Gottes.
26.3.2010
Als das Kind in ihrem Leib hüpft, wird Elisabet vom Heiligen
Geist erfüllt (Lk 1,41). Die Verheissung von Lk 1,15 erfüllt
sich: "schon im Mutterleib wird er [Johannes] vom Heiligen
Geist erfüllt sein". Allerdings nicht nur er, sondern
auch seine Mutter, erzählt Lk 1,41. In Lk 1,67 wird dann auch
Zacharias vom Heiligen Geist erfüllt. Die ganze Familie aus
dem Geschlecht Aarons ist vom Geist Gottes erfüllt. Der Geist
Gottes ist die göttliche Kraft, die Leben schafft. Also kein
Ende mit dem aaronitischen Priestergeschlecht nach dem Lukasevangelium.
Kein Ende, sondern eine geisterfüllte Neuschöpfung, die
Geschlechter- und Generationengrenzen überschreitet.
20.3.2010
Eine Woche Pause im Lukastagebuch. Und auch der vorige Eintrag
ist ein Torso. In den letzten Tagen waren andere Themen und Fragen
vorherrschend. Jeden Tag liefert die katholische Kirche Schlagzeilen
in der Presse. Jetzt ist der Skandal um sexuelle Gewalt gegen Kinder
und Jugendliche durch Priester auch hier bei uns in Baden angekommen.
So wie der Priester Zacharias aus der Geschichte des Lukas verschwindet
und in den Hintergrund tritt, sind die Priester in meiner Kirche
in den Vordergrund getreten und zum eigentlichen Thema geworden.
Stehen dahinter die gleiche Entwicklung und die gleichen Fragen?
Die Zeit der Priester ist vorbei. Was kommt nach ihnen?
13.3.2010
In der Kapelle in Freienwil AG gibt es ein Altarbild vom Besuch
der Maria bei Elisabet. Im Vordergrund begrüssen und umarmen
sich die beiden Frauen. Im Hintergrund, in der Tür seines Hauses,
steht Zacharias und schaut zu.
10.3.2010
"Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüsste Elisabet"
(Lk 1,40). Wo ist Zacharias? Bis Vers 59 wird er keine Rolle mehr
spielen. Interessant ist im Moment nicht er, sondern allein sein
Haus. Ist das Haus des Zacharias nicht der Tempel? Spielt die ganze
Geschichte zwar im Bergland von Judäa, meint aber eigentlich
den Tempel in Jerusalem? Jerusalem, das ist ja DIE Stadt im Bergland
von Judäa schlechthin. In Lk 1,23 war die Rede davon, dass
Zacharias nach Ende seines Dienstes nach Hause zurückkehrt
und Elisabet anschliessend zurückgezogen lebt. Aber warum sollte
das nicht alles in Jerusalem selbst möglich sein? Stehen Maria/Josef
und Elisabet/Zacharias auch für die spannungsvolle Polarität
Galiläa und Judäa, Kleinstadt Nazaret und Hauptstadt Jerusalem,
Rand und Zentrum?
Nichts spricht dagegen. Gehen wir also davon aus, dass Maria nach
Jerusalem hinauf geht und das Haus des Zacharias in Jerusalem steht.
Dass es beim Besuch im Haus des Zacharias auch um die Frage geht,
was in Jerusalem und im Tempel geschehen kann.
9.3.2010
Schon die vorhergehende Episode der Begegnung zwischen dem Engel
und Maria war ja auf die Beziehung zwischen Maria und Elisabet hin
geordnet gewesen. Jetzt wird diese Beziehung erzählerisch entfaltet.
Nach einigen Tagen macht sich Maria auf den Weg und eilt in eine
Stadt im Bergland von Judäa (Lk 1,39). "Nach einigen Tagen"
und "eilte" - ein merkwürdiger Widerspruch. Warum
wartet sie einige Tage wenn es doch so eilig ist, zu Elisabet zu
kommen?
Wer ist noch eilig unterwegs im Lukasevangelium? Die Hirten eilen
nach Betlehem und finden eben diese Maria und Josef (Lk 2,16). Die
besondere Beziehung zwischen Maria und den Hirten wurde schon angesprochen.
Und Zachäus steigt eilends vom Baum herunter (Lk 19,5). Auf
eine Verbindung zwischen Maria und Zachäus ist noch zu achten.
Vielleicht verkörpert Zachäus die notwendige Haltung der
Reichen und Mächtigen angesichts von Gottes wirkenden Worten,
die Maria im Magnificat besingt: Er stürzt die Mächtigen
vom Thron und erhöht... Zumal ja auch die Zachäusgeschichte
mit den Ausdrücken oben/unten spielt.
In der Bibel ist die Eile oftmals den Handlungen von Frauen eigen:
Sara soll eilen und Mehl mengen (Gen 18,6); Rebekka lässt eilend
den Krug herab und eilt und giesst den Krug aus und steigt eilends
vom Kamel (Gen 24,18.20.64) und ); Abigail eilt und nimmt 200 Brote
(1 Sam 25,18); Maria von Betanien eilt und kommt zu Jesus (Joh 11,29);
und auch die Tochter der Herodias hat es eilig, sich von ihrem Vater
Herodes den Kopf des Täufers zu wünschen (Mk 6,25). Aber
auch Gott wird in Gebeten immer wieder mit Eile in Verbindung gebracht,
um nicht zu sagen, zur Eile angetrieben: "Eile mir zu helfen..."
(Ps 22,20 und viele andere Psalmstellen). Entsprechend eilen auch
die Betenden Gott und seinen Geboten entgegen (Ps 119,60).
Die Eile der Frauen ist auf Beziehungen ausgerichtet. Sie will in
Beziehung bringen, Beziehungen fördern und geht dabei manchmal
"sogar über Leichen". Auch die erwünschte Hilfe
Gottes besteht darin eine heilende und rettende Beziehung herzustellen,
auch das ist mitunter mit Aggressivität anderen gegenüber
verbunden (z.B. Ps 40,14-15).
Eile ist auf Beziehung ausgerichtet, ihr wohnt eine gewisse Aggressivität
inne. So kommt Maria in die Stadt im Bergland von Judäa.
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