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Der Prolog des Evangeliums Lk 1,1-4
29.11.-12.12.2009
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Samstag, 12.12.2009
Es geht im Prolog des Lukasevangeliums um zwei Anfänge. Allerdings
um Anfänge, die zugleich Fortsetzungen einer bereits seit langem
erzählten und gelebten Geschichte sind, der Geschichte Gottes
mit den Menschen, wie sie die Bibel erzählt. Die Geschichte
dieser Beziehung soll weiter geschrieben werden. Nicht einfach kopiert;
nicht nur als historisches Dokument erhalten, sondern in Gespräch
und Auseinandersetzung mit dem überlieferten Wort/Leben "deinen
Vers dazu beitragen" (Walt Whitman). Die alten Geschichten
so weiter erzählen, dass sie jetzt/heute - unter veränderten
Bedingungen - ihren Sinn wieder entfalten und tragender Boden für
neue Häuser und neue Wege sein können. Das heisst wohl
Dienerin und Diener des Wortes zu sein.
Freitag, 11.12.2009
Im Prolog des Lukasevangeliums werden Beziehungen hergestellt.
Lukas stellt sich in eine bestimmte Tradition von Menschen und nimmt
Theophilus mit in diese Traditionskette hinein. Was sich früher
bereits bewährt hat im Leben von Menschen, das soll Menschen
auch in Zukunft einladen und herausfordern. Keine objektive Wahrheit,
die man feststellt, ohne dass es eine Auswirkung auf das eigene
Leben hat. Sondern das Einstehen von Zeuginnen und Zeugen und von
Schriftgelehrten für etwas Zuverlässiges, Bewährtes,
Tragendes. Der zweifache Anfang einer Geschichte: der Geschichte,
die jetzt erzählt wird und der Geschichte, die das Leben von
Theophilus, das Leben aller Lesenden ist.
Donnerstag, 10.12.2009
Was Lukas durch sein Schreiben für Theophilus ermöglichen
will, ist, dass er sich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen
kann, in der er unterwiesen worden ist (Lk 1,4). Ist es Zufall,
dass Lukas hier nicht von "der Wahrheit" der Lehre spricht.
Heute ist es ein grosses Bedürfnis zu klären, ob die Erzählungen
der Bibel wahr sind oder nicht. Und wir meinen damit: ob sie sich
auch genau so zugetragen haben, wie sie in der Bibel stehen. Lukas
ist Zuverlässigkeit wichtiger. Auf das, was er berichtet, soll
sich Theophilus verlassen können. Es soll ihm Sicherheit geben,
einen festen Boden unter den Füssen, ein Fundament. Entscheidend
ist dann, was Theophilus auf dieses Fundament baut, denn auf einem
Fundament allein lässt sich nicht wohnen. Entscheidend ist,
welchen Weg er - getragen von dem festen Boden unter seinen Füssen
- geht. Entscheidend ist, dass sein Selbstvertrauen gestärkt
wird, und er seinem Weg traut; dass aber auch sein Vertrauen in
andere Menschen gestärkt wird, damit er sich traut, sie in
sein Haus einzuladen. Dass er nicht nur ein Gottesfürchtiger
ist, sondern auch Gottvertrauen bekommt.
Dienstag, 8.12.2009
"...für dich, hochverehrter Theophilus" (Lk 1,3).
Im gleichen Vers wie vom Ich ist auch von einem Du die Rede. Das
Evangelium ist ein Beziehungsgeschehen zwischen Menschen. Theophilus,
der Gottliebende. Und wenn die Liebe mit Achtung und Ehrfurcht vor
dem Gegenüber verbunden ist, wie es zu erwarten ist, dann auch
ein Gottesfürchtiger. Gottesfürchtige, so werden die Menschen
bezeichnet, die im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung als nichtjüdische
Menschen starkes Interesse am Judentum zeigten und sich im Umfeld
der Synagogengemeinden bewegten. Es waren Heidinnen und Heiden,
hebräisch Gojim, Menschen aus den Völkern, auch Griechen
genannt, in den Paulusbriefen zum Beispiel, denn die griechisch-hellenistische
Kultur war die "weltweit" vorherrschende Kultur der Zeit.
Alle, die über ihr engstes Umfeld hinaus mit anderen in Kontakt
kommen wollten, sprachen Griechisch, aus welcher Gegend oder welchem
Volk sie auch stammten. Theophilus ist wohl ein solcher Grieche,
ein Goj, ein Heide, ein Mensch aus den Völkern, kein Jude,
aber am Judentum interessiert. Einer, der von einem Diener des Wortes
etwas lernen will, einer der das Wort Gottes verstehen will, der
Tora lernen will im jüdischen Lehrhaus des Rabbi Lukas.
Montag, 7.12.2009
"Nun habe auch ich mich entschlossen..." (Lk 1,3) Das
25. Wort des Lukasevangeliums ist "ICH". "Auch ich"
um genau zu sein. Lukas stellt sich in eine Tradition. Er ist einer
von vielen, der etwas fortsetzt, was andere begonnen haben. Aber
er ist auch eine individuelle unverwechselbare Stimme. Ein Subjekt.
Er erzählt eine subjektive Geschichte. Andere Geschichten gibt
es gar nicht. Grade nicht in Glaubensfragen. Die müssen mit
dem Leben verbunden sein. Meine Glaubensfragen mit meinem Leben.
Von da aus können sie sich mit anderen Glaubensfragen und anderen
Leben verbinden, können zu unseren Glaubensfragen werden. Wer
in Glaubensfragen vermeidet "Ich" zu sagen und damit eine
scheinbare Objektivität erzeugen will, verschleiert etwas Wesentliches.
Leider ist das in viel zu vielen Texten der Theologie der Fall.
Schade drum.
Ergänzung am 25.1.2009
Die Wahrnehmung der Ereignisse als Kriegsereignisse verschärft
diesen Absatz: Die Deutung der Kriegsereignisse, der Lukas sich
verpflichtet fühlt, wird sich radikal von anderen Deutungen
dieser Ereignisse unterscheiden. Der zum flavischen Kaiserhaus übergelaufene
Josephus Flavius deutet die Kriegspragmata aus der Sicht der siegreichen
römischen Macht.
Mittwoch, 2.12.2009
"Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die
von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren" (Lk
1,2). Hier wird die gleiche Spannung auf andere Begriffe gebracht:
Augenzeugen sehen das, was sich ereignet. Dass nicht alle im gleichen
Geschehen auch das gleiche sehen, davon legt jedes Unfallprotokoll
der Polizei ein beredtes Zeugnis ab. Spätestens jemand das
was er als Augenzeuge verfolgt hat, in Worte fasst, fängt die
Deutung an. Wahrscheinlich schon früher. Wahrscheinlich sehen
wir nie das Gleiche wie jemand anders. Schon unser rein körperliches
Sehen wird von unseren Vorerfahrungen geprägt. Aber wenn wir
etwas in Worte fassen, dann müssen wir deuten, es geht nicht
anders. Jedes Wort, das wir wählen, ist eine Entscheidung gegen
andere Möglichkeiten und somit eine Deutung. Lukas hält
sich an Augenzeugen und an Diener des Wortes. Er bevorzugt eine
bestimmte Deutung. Eine, die sich am Wort orientiert. Am Wort Gottes
bezeugt in der Bibel. Die Deutung des Geschehenen im Licht der Bibel
- das ist die Tradition, in die Lukas sich stellt. Was bedeutet
es, diesem Wort zu dienen?
Ergänzung am 25.1.2010
Die Lektüre von Gerhard Jankowski, In jenen Tagen. Der politische
Kontext von Lukas 1-2 in Texte und Kontexte 12/1981 hat mir den
Audruck "ereignet" neu erschlossen. Im Griechischen ist
hier die Rede von Ereignissen. an dieser Stelle steht ein Substantiv,
pragmata. In einem Buch, das zeitgleich mit dem Lukasevangelium
entstand und auch in anderer Hinsicht mit ihm vergleichbar ist,
im Bellum Judaicum des Josephus Flavius, taucht der Ausdruck pragma
ebenfalls aus. Hier bezeichnet es eindeutig die Ereignisse und Tatsachen,
die zum Krieg der Judäer gegen Rom führten und die sich
während des Krieges abspielten. Die pragmata sind Kriegsereignisse.
Lukas gebraucht das Wort pragma ausser in 1,1-4 nur noch in Apg
5,4. Dort bedeutet es eine böse Tat. Damit folgt er der Septuaginta
z.B. in Gen 44,5 und Jer 44,2. In Jer 44,22 ist pragma die Übersetzung
des Hebräischen ma'alal, Böses, und bezieht sich auf die
Zerstörung Jerusalems und die Lage der nach Ägypten geflohenen
Judäer. Die Ereignisse, auf die das Lukasevangelium sich bezieht,
sind also wohl negative Ereignisse, die mit dem Krieg gegen die
Römer zu tun haben. In diesen Ereignissen, in der realen Geschichte
vor und nach dem jüdischen Krieg tritt etwas anderes zu Tage,
etwas Leben Schaffendes und Ermöglichendes.
Dienstag, 1.12.2009
"Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über
all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt
hat." So übersetzt die Einheitsübersetzung den ersten
Vers des Lukasevangeliums. "Ereignet und erfüllt"
- schön, dass hier zwei Wörter gebraucht werden. Dass
sich etwas ereignet und dass sich etwas erfüllt, ist keineswegs
dasselbe. Ein Ereignis, das ist alles, was geschieht. Erfüllung,
das ist eine Deutung dessen, was geschieht. Nicht für alle
ist das, was sich ereignet, eine Erfüllung. Und nicht alles,
was sich ereignet, ist Erfüllung.
Sonntag, 29.11.2009
Epeideper (dt. da nun einmal) - mit diesem griechischen Wort beginnt
das Lukasevangelium. Epeideper ist eine Konjunktion, die auf eine
bereits bekannte Tatsache Bezug nimmt. Das Wort ist in der antiken
griechisch-sprachigen Philosophie und Geschichtsschreibung bezeugt.
Thukidides braucht es genau wie Aristoteles, Diodor, Philo von Alexandria
und Josephus Flavius. Wer mit diesem Wort beginnt, erscheint gleichermassen
bescheiden und selbstbewusst. Selbstbewusst, weil er sich unter
die grossen Namen seiner Kultur einreiht und bescheiden, weil er
nur einer von vielen ist und sein will. Lukas nimmt auf eine bereits
bekannte Tatsache Bezug. Darauf, dass "schon viele es unternommen
haben, einen Bericht über all das abzufassen" (Lk 1,1).
Er hat nicht den Anspruch der Erste zu sein, sondern stellt sich
in eine bereits bestehende Tradition. Dabei bleibt im Moment noch
offen, wie er sich in diese Tradition stellt: vor Ehrfurcht erstarrend,
alles über den Haufen werfend? Einer, der gleichzeitig bescheiden
und selbstbewusst ist, wird vielleicht einen dritten Weg finden:
das Vorausgehende würdigend ohne es zu idealisieren... Können
wir davon etwas lernen für unseren eigenen Umgang mit Traditionen?
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