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Lukas war voll Erwartung
Zum Evangelium am Fest Taufe des Herrn
Lk 3,15-16.21-22
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was in den Schriften geschrieben steht
1. Die Vorgeschichte
Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes
und er zog in die Gegend am Jordan (Lk 3,2-3). Geografie ist
in der Bibel oftmals Theologie. Hier wird die Geschichte Israels
eingespielt: In der Wüste hört das Volk das Wort Gottes,
am Jordan betritt es das verheissene Land. Johannes inszeniert gleichsam
geografisch einen Neustart und sagt: Gehen wir noch einmal
zurück zum Jordan. In der Wüste haben wir die Weisungen
für ein solidarisches Miteinander empfangen, uns auf sie verpflichtet
und das Leben nach diesen Weisungen erprobt. Im verheissenen Land
gilt es nun, das Erprobte und Erlernte umzusetzen. Ein Blick auf
unsere Geschichte zeigt, wie oft das Zusammenleben in Freiheit und
Solidarität misslungen ist. Aber wir sind nicht dazu verdammt,
die Geschichte zu wiederholen. Sie ist zukunftsoffen. Wir können
noch einmal neu beginnen. Jede Generation betritt das verheissene
Land aufs Neue. Das Lukasevangelium gestaltet sozusagen mit
Johannes ein Bibliodrama. Es schafft bei seinen Leserinnen und Lesern
Raum für die biblische Geschichte. Menschen werden eingeladen,
in diesen Raum hineinzugehen und die biblische Geschichte mit ihrer
Lebensgeschichte zu verbinden.
2. Ein roter Faden durchs Evangelium
Das Volk war voll Erwartung (Lk 3,15). Erwartung ist
ein zentrales Motiv der ersten Kapitel des Lukasevangeliums. Bis
zur Predigt des Johannes wird sie immer mehr gesteigert. Da ist
die Rede von der erwartungsvollen Haltung des Volkes vor dem Tempel
(1,21), da ist Simeon, der auf die Rettung Israels wartet (2,25)
und da ist Hanna, die zu allen spricht, die auf die Erlösung
Jerusalems warten (2,38). In 3,15 gebraucht Lukas das griechische
Wort prosdokan, das er schon in 1,21 verwendet hatte. Später
wird er so die Menschenmenge beschreiben, zu der Jairus gehört,
der Synagogenvorsteher, dessen 12jährige Tochter im Sterben
liegt (8,40). In 12,46 gebraucht er das Wort, wenn er ein Gleichnis
von Knechten erzählt, die auf die Rückkehr ihres Herrn
warten (12,35-48). Ein Knecht, der die Abwesenheit des Herrn ausnutzt,
um die anderen Knechte und Mägde zu schlagen, den wird die
unerwartete Rückkehr des Herrn ins Verderben stürzen.
Bei all diesen Texten geht es um die Erwartung des Volkes Israel
auf Rettung und Befreiung. Die messianische Hoffnung ist das grosse
jüdische Thema dieser Zeit. Das katastrophale Scheitern des
militärischen Kampfes um Befreiung im Jahr 70 hat alle messianischen
Überzeugungen in eine tiefe Krise gestürzt. Was ist die
Rede vom Messias Jesus wert, angesichts der Leichenberge in Jerusalem?
Es treibt die verantwortlichen Kreise im Judentum, die Synagogenvorsteher
um, dass die, für die sie verantwortlich sind, ihre Tochter,
die Tochter Zion, das jüdische Volk, im Sterben liegt. Was
bedeutet die Rede vom gekreuzigten Messias für das gekreuzigte
Volk Israel? Im Gleichnis von den Knechten und Mägden zieht
Lukas gleichsam die Lehre aus dem innerjüdischen Bürgerkrieg,
den der Krieg gegen die Römer in den Jahren 66 bis 70 auch
war: Auf keinen Fall dürfen sich die Knechte und Mägde
Gottes untereinander entzweien, sich gegenseitig schlagen . Sonst
stürzen sie ins Verderben. Die Zukunft liegt in der Solidarität
der verschiedenen jüdischen Gruppen untereinander. Die Verbundenheit
mit dem Judentum aufzulösen ist eine der grossen Versuchungen
der Gruppen, die Jesus als Messias bekennen. Lukas ist voll Erwartung,
dass das nicht geschieht leider wird er enttäuscht.
3. Synoptischer Vergleich
Zusammen mit dem ganzen Volk liess auch Jesus sich taufen
(Lk 3,21). Nur Lukas bindet in der Taufszene Jesus ausdrücklich
ins Volk Israel ein (anders als Mk 1,10 und Mt 3,16). Und nur Lukas
macht das Geschehen zu einem ganz und gar öffentlichen: Der
Heilige Geist kommt sichtbar (Lk 3,22) auf Jesus herab
(in Mk 1,11 und Mt 3,17 sieht und hört nur Jesus, wie das Geschehen
am Jordan mit dem Himmel verbunden wird). Das stellt auch das kombinierte
Zitat aus Psalm 2,7 und Jes 42,1 in ein besonderes Licht: Du
bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden
(Lk 3,22). Ps 2 nennt den gesalbten König Sohn Gottes. Der
König steht stellvertretend für das ganze Volk. Jes 42
spricht vom Gottesknecht und meint damit ebenfalls das Volk Israel.
Das Volk Gottes ist der Sohn Gottes. Das gilt auch für Jesus
als Teil dieses Volkes und das wird in Lk 3 in aller Deutlichkeit
und Öffentlichkeit herausgestellt. Moses Mayordomo findet dafür
ein wunderschönes Bild: Der Gottessohntitel spannt sich
somit wie ein Schirm über Israel und Jesus .
Lukas schliesst an die Taufe Jesu seinen Stammbaum an und zählt
Söhne Gottes bis zurück zu Adam auf. Er ruft so in kürzest
möglicher Form die gesamte Geschichte Israels in Erinnerung.
Schade, dass die Frauen aus dieser Aufzählung völlig herausfallen.
Wer jedoch die gesamte Geschichte des Volkes Israel erinnert, erinnert
auch die Frauen.
Mit Lukas im Gespräch
Nur bei Lukas öffnet sich der Himmel, während Jesus betet
(Lk 3,21). Das verknüpft die Taufe Jesu mit dem Geschehen an
Pfingsten. Dort verharren die Anhängerinnen und Anhänger
Jesu einmütig im Gebet (Apg 2,14) bis vom Himmel
her Sturm und Feuerzungen erscheinen und sie mit Heiligem Geist
erfüllt werden (Apg 2,1-4). Apg 2 ist die erzählerische
Einlösung der in Lk 3,16 von Johannes angekündigten Taufe
mit Heiligem Geist und Feuer. Sie steht in Lk 3 im Kontext einer
Gerichtsankündigung. Wie verhalten sich das Feuer der Taufe
und das Feuer, in dem die Spreu verbrannt wird (Lk 3,17), zueinander?
Keineswegs so, wie es in der abendländischen Geschichte des
Christentums immer wieder auf entsetzliche Weise praktiziert wurde,
indem jüdische Menschen vor die Wahl gestellt wurden,
sich taufen zu lassen oder im Feuer ermordet zu werden. Die Taufe
des Johannes ist eine Taufe zur Umkehr auf den ursprünglichen
Weg Israels mit Gott. Mit dieser Taufe lässt auch Jesus sich
taufen gemeinsam mit dem ganzen Volk. Die Taufe im Heiligen
Geist und Feuer ist stärker als diese Wassertaufe. Stärker,
aber nicht anders!! Auch sie ist eine Taufe auf Umkehr zum Weg Israels:
aus der Unterdrückung in die Wüste, wo freie Menschen
die Weisungen Gottes zum Leben erhalten, sie lernen und sich auf
sie verpflichten. Die Anhängerinnen und Anhänger Jesu
kürzen die 40 Jahre in der Wüste auf 40 Tage ab. So lange
bleiben sie in Jerusalem zusammen, erhalten Weisungen und lernen
sie zu verstehen (Apg 1,1-3). An Pfingsten und am Jordan ist die
Zeit des Lernens vorüber. Jetzt steht der Übergang ins
verheissene Land an. Dort gilt es, das in der Wüste Erlernte
in die Praxis des gemeinsamen Lebens umzusetzen. Das verheissene
Land der Apostelgeschichte ist die ganze Welt. Das steht schon in
der Vorgeschichte der Taufe Jesu. In der Taufe durch Johannes erfüllt
sich das Wort Gottes, das durch den Propheten Jesaja verkündet
worden war: Alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott
kommt. Vom Gott Israels.
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