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Brennende, begriffsstutzige Herzen
Lk 24,13-35
Das Lukasevangelium
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Ein grossartiges Erlebnis», «eine geniale Lesung»,
«das Evangelium lebt ganz neu in mir», «tief berührt»,
«überhaupt nicht langatmig». So lauteten einige
der Rückmeldungen zu einer besonderen Einführungsveranstaltung
ins Lesejahr C, die am 3. November 2006 in Osnabrück stattgefunden
hat.1 Dabei handelte es sich um eine Vigil zum Lukasevangelium.
In der vierstündigen Feier wurden weite Teile des Evangeliums
von einem professionellen Sprecher vorgetragen. Gemeindegesänge,
Chorstücke und liturgische Elemente gestalteten die Lesung
so, dass ruhige und bewegte Passagen sich abwechselten. Der Zeitraum
am Abend bis in die Nacht hinein schuf den Rahmen für eine
echte Nachtwache der Gemeinde nach dem Vorbild der Osternacht. So
wurde eine Grundform kirchlicher Existenz erfahrbar: Die wachende
Gemeinde, die beim Lesen der Schrift auf die Rückkehr ihres
Herrn wartet und dem Auferstandenen begegnet. Die Begegnung mit
dem Auferstandenen beim Auslegen der Schrift ist bereits im Lukasevangelium
selbst, in der Emmausgeschichte in Lk 24,1335, erzählerisch
entfaltet. Die Erzählung wiederum wird zum Vorbild für
die Gemeinde: Der Weg nach Emmaus ist der Weg der Gemeinde im kommenden
Lesejahr. Die Vigil in Osnabrück stand unter dem Titel «Brannte
nicht unser Herz?». So wurde dieser Schlüsselsatz der
Emmauserzählung auch zum Satz, der den Zugang zum ganzen Lukasevangelium
erschloss.
Ein Schlüsseltext für das ganze Evangelium
Auch die Exegetin Kerstin Schiffner erkennt in der Emmauserzählung
die hermeneutische Schlüsselstelle des Lukasevangeliums.2 Sie
steht genau im Zentrum des Osterkapitels Lk 24. Mit Blick auf das
ganze Evangelium wird deutlich, dass die Erzählung eine rahmende
Funktion hat. Sie korrespondiert mit der sogenannten «Antrittspredigt»
Jesu in der Synagoge von Nazaret in Lk 4. Die beiden Texte rahmen
die gesamte Erzählung vom Wirken Jesu. Die Emmausgeschichte
nimmt aber auch aus der Kindheitsgeschichte das Motiv der messianischen
Erwartung Israels auf. Insbesondere die Reden Simeons und Hannas
in Lk 2 werden auf dem Weg nach Emmaus wieder aufgegriffen: «Sie
[Hanna] sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung
Jerusalems warteten» (2,38) «Wir hatten gehofft,
dass er Israel erlösen werde» (24,21). «Meine Augen
haben das Heil gesehen (
), ein Licht, das die Heiden erleuchtet
und Herrlichkeit für dein Volk Israel» (2,3032)
«Musste nicht der Messias all das erleiden, um in seine
Herrlichkeit zu gelangen?» (Lk 24,26). Ja, das Paar Simeon
und Hanna spiegelt sich gewissermassen in Kleopas und seiner namen-
und geschlechtslos bleibenden Begleitung, die durchaus eine Frau
sein kann. Oder anders ausgedrückt: Kleopas und seine Begleiterin
stellen sich in eine Reihe mit Simeon und Hanna. Sie laden die Gemeinde,
die ihre Geschichte hört, ein, sich ihnen anzuschliessen. Gerade
die namen- und geschlechtslose Figur, die Kleopas begleitet, bietet
sich als Identifikationsfigur für Frauen und Männer an.
Lukas liest Exodus
Die Emmauserzählung bringt Jesus in besondere Nähe zu
Mose. Kleopas und seine Begleiterin sprechen mit dem Fremden über
Jesus. Sie stellen ihn vor als «mächtig in Wort und Tat»
(24,19). Im weiteren Verlauf des lukanischen Gesamtwerkes
in der grossen Rede des Stephanus in Apg 7,22 wird mit genau
diesen Worten Moses charakterisiert. Obwohl Mose zunächst vom
Volk verleugnet wird (Apg 7,35), macht ihn Gott zum Befreier, wörtlich
zum Loskäufer Israels (griech. lytrotes). Mit dem gleichen
Wortstamm formuliert Lukas auch in 24,21: «Wir hatten gehofft,
dass er Israel erlösen werde» (wörtlich: «loskaufen»,
griech. lytroo). Ausdrücke von diesem speziellen Wortstamm,
die in besonderer Weise mit Israel verbunden sind, durchziehen das
ganze Lukasevangelium im Unterschied zu den anderen Evangelien.
Lukas setzt den Wortstamm «lytr-» als Ausdruck für
befreiendes Handeln an Israel bewusst und gezielt ein. Offenbar
orientiert er sich dabei an seiner griechischen Bibelübersetzung,
der Septuaginta. Dort findet sich der Ausdruck erstmals in Ex 6,6:
«Ich bin JHWH: Ich werde euch herausführen aus der ägyptischen
Herrschaft und euch aus der Sklaverei losreissen und euch loskaufen»(Übersetzung
Kerstin Schiffner). Er steht also an einer zentralen Stelle der
Exoduserzählung. Und auch im weiteren Verlauf bleibt der Ausdruck
in der Septuaginta immer wieder auf den Exodus, die Befreiung aus
Ägypten bezogen und wird erst von dort aus in andere Kontexte
(kollektive und individuelle Befreiungserfahrungen und -hoffnungen)
übertragen.3
«Lukas liest Exodus« mit diesem Titel ihrer Dissertationsschrift
hat Kerstin Schiffner deutlich gemacht, wie sie das Lukasevangelium
(und die Apostelgeschichte) versteht: als Relecture der Exodusüberlieferung.
Sie zeigt diese Grundstruktur des lukanischen Werkes an verschiedenen
Elementen auf: an verwendeten Schlüsselwörtern, an strukturellen
Parallelen einzelner Passagen und vor allem an Personen der Geschichten.
So wird z. B. Maria, die Mutter Jesu, in besonderer Weise mit Mirjam,
der Prophetin des Exodus, verbunden.4
Begriffsstutzigkeit und Tun des Wortes
Kleopas und seine Begleitung (Kerstin Schiffner nennt sie »X»
und gibt ihr so einen Namen, der zugleich ein Platzhalter ist; sie
hält einen Platz frei für andere) nehmen die Hoffnung
Simeons und Hannas auf die Befreiung Israels auf. Das Wirken Jesu
in der Gegenwart ist die Aktualisierung und Vergegenwärtigung
der Exoduserfahrung. Aber stimmt das? Die Realität scheint
dagegen zu sprechen. Sind am Kreuz nicht alle Hoffnungen gestorben?
Auch die Erzählung der Frauen mit der Nachricht, dass Jesus
lebe, schafft nur mehr Verwirrung. Kleopas und X werden daraufhin
mit harten Worten kritisiert. Die Version der Einheitsübersetzung,
«begreift ihr denn nicht?», ist recht harmlos formuliert.
Die Bibel in gerechter Sprache übersetzt deutlicher: «Oh,
ihr seid ja unverständig und schwer von Begriff!» Im
Griechischen ist von kardia, dem «Herzen», die Rede.
In der Vorstellungswelt der hebräischen Bibel ist das Herz
ja das Organ des Denkens und Planens. Dieses Organ versagt völlig.
Schiffner spricht von «Begriffsstutzigkeit». Das Problem
von Kleopas und X liegt in der Unfähigkeit, das Geschehene
von der Schrift her zu deuten und zu verstehen, und genau das passiert
dann: Der Fremde, der sich den beiden anschliesst, verweist auf
die Propheten; er deutet ihnen ihre Erfahrungen im Licht der gesamten
Schrift, «beginnend bei Mose und allen prophetischen Schriften».
Es geht also nicht um einzelne, aus dem Zusammenhang gelöste
Textstellen oder Weissagungen, es geht um eine Hermeneutik der ganzen
Schrift.
Begriffsstutzigkeit angesichts der Bibel bzw. der Deutung von Erfahrungen
im Licht der Bibel ist so gesehen keineswegs nur ein Phänomen
unserer Zeit, sondern begleitet das Christentum seit seinen Anfängen.
Die arg kritisierten Kleopas und X sind auch in dieser Hinsicht
Identifikationsfiguren. Sie laden uns ein, uns gegenüber der
Schrift immer als Lernende zu verstehen. Schriftlernende zu sein
und Schriftgelehrte zu werden (was kein Nacheinander, sondern ein
gleichzeitiges Miteinander meint), ist für Christinnen und
Christen eine wesentliche Haltung und Eigenschaft. Denn, wie Frank
Crüsemann betont: «Es ist schon erstaunlich: Der Auferstandene
macht sich selbst kenntlich, indem er die Schrift liest und deutet,
er kann offensichtlich nur so und er will nur so erkannt werden.
Kein Glanz, kein Wunder, keine überwältigende Erfahrung
lösen Glauben und Erkennen aus, sondern allein der Horizont,
der durch die Auslegung der Schrift eröffnet wird, macht Erkenntnis
möglich.»5 Aber erkennen Kleopas und X den Auferstandenen
nicht erst beim Brotbrechen? Die Schrift lesen und das Brot brechen
sind keine Alternativen, sie sind aufs Engste verbunden, wie Lk
24 erzählt. Das gemeinsame Brotbrechen und Essen, das die gemeinsame
Geschichte erinnert und vergegenwärtigt, ist das «Tun
der Worte», ist gelebte Tora. Und gerade das Tun der Worte
über das Hören der Worte hinaus sorgt dafür,
dass die Augen aufgehen und der Auferstandene erkannt wird.
Glaubenserfahrung und Glaubensgespräch
Dadurch, dass der Auferstandene im selben Augenblick nicht mehr
gesehen wird, wird deutlich, worauf die Erzählung einen besonderen
Schwerpunkt legt: Das Erkennen des Auferstandenen ist flüchtig,
es entzieht sich der Fixierung in feste Bilder. Die unverfügbare
Erfahrung bleibt aber nicht einfach stehen, sondern mündet
ins Gespräch. In diesem Glaubensgespräch wird die Glaubenserfahrung
ins Wort gebracht, mitgeteilt und so letztlich erst realisiert.6
Kleopas und X sind so ein Modell für Kirche: Im Lesen, Hören,
Auslegen und Tun der Schrift ist der Auferstandene gegenwärtig,
wird erfahren und erkannt. Die Erfahrung wird im Glaubensgespräch
geteilt. Die Emmauserzählung zeigt: Ein solches Glaubensgespräch
kann durchaus eine vorsichtige Frage sein. Vielleicht ist eine Frage
sogar die geeignetste Form angesichts der Unverfügbarkeit der
Erfahrung. «Brannte uns nicht das Herz in der Brust?»
ist allerdings eine besondere Frage. Sie führt nicht von der
Erfahrung weg, sondern zur Erfahrung hin, und sie schafft zugleich
Verbindung untereinander. Das Gespräch über Glaubenserfahrungen
ist nicht abstrakt, sondern erfahrungsbezogen; es ist persönlich,
aber dabei verbindlich.
Sitzenbleiben und lernen
Die Emmauserzählung ist nicht nur die hermeneutische Schlüsselstelle
des Lukasevangeliums, sondern des gesamten lukanischen Doppelwerkes.
Im Zentrum steht die Überzeugung: Die Schrift ist die Basis
allen Erkennens. Insofern ist es ganz folgerichtig, dass die Anhängerinnen
und Anhänger Jesu, die in der Apostelgeschichte die Botschaft
von der befreienden Kraft Gottes zu allen Völkern tragen sollen,
damit beginnen, dass sie 40 Tage gemeinsam lernen (Apg 1,3). Es
gilt zu lernen, neu zu lernen, um lehren zu können. Die letzte
Weisung des Auferstandenen im Lukasevangelium hiess denn auch: «Bleibt
in der Stadt, bis ihr mit der Kraft aus der Höhe erfüllt
werdet» (Lk 24,49). Wörtlich ist hier die Rede davon
«in der Stadt sitzen zu bleiben». Gerhard Jankowski
hat festgestellt, dass mit dieser merkwürdigen Formulierung
wohl Dtn 1,6 eingespielt wird.7 Dort heisst es wörtlich. «Lange
genug ist eures Sitzens an diesem Berg.» Dieser Satz ist der
Beginn der Rede Moses, die er im vierzigsten Jahr der Wüstenwanderung
vor dem Volk Israel hält, um ihm die Tora zu erklären.
Danach ist das Volk endlich bereit, um in das verheissene Land der
Freiheit einzuziehen. Lukas lebt in anderen Zeiten. Das verheissene
Land ist verwüstet, die Stadt Jerusalem ist zerstört.
Da erinnert Lukas an das Volk Israel in der Wüste. Vierzig
Jahre lang, eine Generation lang, hatte das Volk in der Abgeschiedenheit
der Wüste Zeit, eine neue Lebensweise, ohne Herrschaft und
Versklavung, zu lernen.
Es hatte zu lernen, was Freiheit heisst und wie sie gelebt werden
kann. Das bleibt auch für Lukas die grosse Aufgabe seiner Gegenwart.
Wieder muss gelernt werden. Auf dem Fundament der einmal gegebenen
Weisung muss neu gelernt werden. Deswegen bleiben die Jüngerinnen
und Jünger Jesu in der Stadt sitzen und lernen, bevor der neue
Aufbruch beginnen kann. Da die Zeit drängt, dauert das Sitzen
und Lernen nicht mehr 40 Jahre, sondern 40 Tage. In diesen 40 Tagen
lernen die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu, dass die messianische
Hoffnung nicht erledigt, sondern trotz Zerstörung und Verwirrung
lebendig ist.
Mit Kleopas und X durchs Lesejahr C
Wir stehen vor dem Beginn des Lesejahres C mit dem Lukasevangelium
im Zentrum. Die Emmauserzählung ist seine Schlüsselstelle.
Der Weg nach Emmaus ist der Weg der Gemeinden im kommenden Lesejahr.
Kleopas und X laden uns ein, diesen Weg mit ihnen gemeinsam zu gehen.
Welche Anregungen können wir mitnehmen?
1. Es ist wichtig, das Evangelium nicht nur in der fragmentierten
Form der (sonn-)täglichen Lesungsperikopen, sondern in seiner
Gesamtheit wahrzunehmen.
Es stellt wie jedes andere biblische Buch einen literarischen
Zusammenhang her. Viele Sinnbezüge entfalten sich von vorne
nach hinten und durch Rückbezüge und Vorausverweise. Jede
Passage gewinnt durch ihren Kontext zusätzliche Bedeutung.
Eine Wahrnehmung des Lukasevangeliums im Gesamtzusammenhang verändert
die Wahrnehmung dieses Textes. Für eine Lese-Vigil vor Beginn
des Lesejahres, wie in Osnabrück, ist es jetzt schon etwas
spät. Eine solche liturgische Lesung des gesamten Lukasevangeliums
(bzw. dem Grossteil des Evangeliums im Gesamtzusammenhang) kann
aber auch ohne weiteres mitten im Lesejahr gestaltet werden.
Warum nicht die 40 Tage der Fastenzeit nutzen, um nach Apg 1,3 gemeinsam
Bibel zu lernen. Auch andere Formen sind denkbar, die das gleiche
Ziel verfolgen.8 Zuletzt haben die christlichen Gemeinden der Stadt
Aarau gemeinsam das Markusevangelium im Zusammenhang gelesen und
ausgelegt (www.aarauliestdiebibel.ch). Die Bibelpastorale Arbeitsstelle
nimmt Informationen über solche Projekte gerne entgegen und
macht sie über ihre Homepage (www.bibelwerk.ch) anderen Interessierten
zugänglich.
2. Genauso wichtig wie das Evangelium im Gesamtzusammenhang zu
lesen, ist es, die Geschichte von Jesus Christus «beginnend
bei Mose und den Propheten» zu lesen, also im Kontext der
ganzen Bibel.
Die biblischen Schriften stehen untereinander in einem intensiven
Gespräch. Das zeigen direkte und indirekte Zitate, aber auch
die Aufnahme von Motiven und Themen. Der Horizont der (ganzen) Schrift
schafft den Raum dafür, den Auferstandenen zu erkennen. So
und nur so, auf der Grundlage von Gesetz, Propheten und den anderen
biblischen Schriften macht die Geschichte von Jesus Christus Sinn.
Die kanonische bzw. intertextuelle Bibelauslegung hat in den letzten
Jahren das Bewusstsein für die Theologie der Einen Bibel geschärft.
Die Umsetzung der kanonischen Bibelauslegung in die bibelpastorale
Praxis ist allerdings noch wenig entwickelt. Im Herbst 2010 veröffentlicht
das Katholische Bibelwerk den 14. Band der Reihe WerkstattBibel.
Er wird in die kanonische Bibelauslegung einführen und entsprechende
Bibelarbeiten zum Matthäusevangelium vorstellen. In 6 Bibelarbeiten
werden über 20 biblische Texte miteinander ins Gespräch
gebracht. Wir hoffen, dass viele Menschen in der bibelpastoralen
Praxis von diesem Praxisbuch profitieren werden.
Das Lukasevangelium liest die Exodusüberlieferung neu. Die
Geschichte Jesu ist unlösbar mit der Geschichte Israels verbunden.
Die biblischen Texte «mit Israel zu lesen» war die zentrale
Zielsetzung der Auslegungen zum Lesejahr in der SKZ in den letzten
drei Jahren. Positive Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern
haben uns bestätigt, dass dieses Unternehmen wichtig war und
die (Predigt-)Praxis in den Gemeinden befruchtet hat. Meine Erfahrungen
als Autor von Beiträgen für diese Reihe lassen sich gut
mit «Begriffsstutzigkeit und brennendem Herzen» beschreiben.
Begriffsstutzig und als lernender Anfänger habe ich mich angesichts
der mir weitgehend unbekannten jüdischen Bibelauslegung gefühlt.
Und mit brennendem Herzen habe ich gelernt, was sich mir da an Neuem
und Bereicherndem auftat. Die Tradition des Bibellesens «mit
Israel» wird in der SKZ fortgesetzt. In den nächsten
drei Lesejahren werden die Perikopen der Sonntagsevangelien als
jüdische Schriften gelesen und mit den zwei Überschriften
«Was in den Schriften geschrieben steht
» und «Mit
Lukas im Gespräch», ausgelegt.
3. Die Reihe soll weiter daran mitwirken, dass wir Christinnen
und Christen mit einem Ausdruck von Emanuel Levinas
im Volk Israel und dem Judentum «eine vergessene Verwandtschaft
wiederfinden».
4. Kleopas und X als Platzhalterin laden uns ein, sie zu begleiten
und uns mit ihnen zu identifizieren.
Damit eröffnen sie uns Raum, um in der Schrift und ihrer Auslegung
dem Wort Gottes zu begegnen. In einer chassidischen Geschichte heisst
es. «Wisst ihr, das Wort Gottes ist keine Lehre. Wenn wir
es lesen oder hören, sind wir nicht gescheiter als vorher.
Es ist auch nicht einfach eine Stimme, obwohl die Stimme seiner
Wahrheit schon näher kommt. Nein! Das Wort Gottes ist eher
ein Raum. Und wir sind eingeladen, hineinzugehen, zu tasten, wahrzunehmen
mit allen Fasern unseres Lebens, was das Wort uns hier und heute
sagen will.»9 Darauf zielt jede erfahrungsbezogene Bibelarbeit
ab. Sie gibt es in zahlreichen Formen und Spielarten, von der lectio
divina und dem Bibel-Teilen bis zu Bibliodrama und Bibliolog. Im
Jubiläumsjahr des Schweizer Katholischen Bibelwerks wird ein
Kongress vom 10. bis 12. September 2010 die Vielfalt von erfahrungsbezogener
Bibelarbeit in der Schweiz sichtbar machen und einen Beitrag zu
ihrer Vernetzung leisten.
5. Kleopas und seine Begleiterin halten den Menschen, der ihnen
auf ihrem Weg begegnet, für einen in Jerusalem ansässigen
Fremden (Lk 24,18).
Es sind die Fragen dieses Fremden, die das Gespräch in Gang
bringen, das sie schliesslich zum Verständnis der Schrift und
zum Erkennen des Auferstandenen führen. Die Fragen leiten sie
zum entscheidenden Kern. Der Fremde fragt sie nach den Erfahrungen,
mit denen sie unterwegs sind (Lk 24,17), fragt genau nach (24,19),
fragt sie an direkt und persönlich (24,25). Er stellt
herausfordernde Fragen, die zu einem Weiterdenken führen, das
eingefahrene Verständnisgrenzen überschreitet (24,26).
Die Fragen des Fremden haben wegweisende Funktion in diesem Text.
Sie lassen sich durchaus auch als Wegweisung für Fragen der
Leitung in einer Bibelarbeit verstehen.
Auf der anderen Seite zeichnen sich Kleopas und seine Begleiterin
dadurch aus, dass sie sich von einem Fremden befragen und anfragen
lassen. Darin zeigt sich eine fruchtbare Haltung in der Bibelarbeit.
Die biblischen Schriften selbst sind für uns Fremde. Sie stammen
nicht aus unserer Zeit und aus unserer Kultur. Sie sind wenigstens
was die alttestamentlichen Schriften angeht, die ja den Grossteil
der Bibel ausmachen nicht einmal direkt an uns gerichtet.
Wir sind ihre Zweit-, nicht ihre Erstadressaten/-adressatinnen.
In der Fremdheit der Texte liegt die Chance, dass wir uns anfragen
lassen, gerade auch in unseren vorgeprägten Meinungen über
sie. In der Begegnung mit den fremden Anderen auch das eine
zentrale Einsicht von Emanuel Levinas kommen wir erst zu
uns selber. Deswegen liegt letztlich eine Chance darin, dass das
Wissen über Bibeltexte heute relativ gering geworden ist. So
können wir sie neu und auf überraschende Weise entdecken.
Das Schweizerische Katholische Bibelwerk führt 2010 eine Veranstaltungsreihe
zusammen mit der Pfarrei St. Antonius in Wallisellen durch. Sie
trägt den Titel «Die 20 wichtigsten Bibeltexte».
Menschen, die nur noch rudimentäre Kenntnis von Bibeltexten
haben, lernen 20 biblische Texte kennen, die bis heute unsere Kultur
prägen. Sie lernen die Texte genau zu lesen und wahrzunehmen.
Wir sind sicher, dass dieses Projekt Modellcharakter auch für
andere Kontexte hat.
1 Regina Wildgruber / Uta Zwingenberger: «Brannte nicht unser
Herz in uns?» Eine Liturgie der Heiligen Schrift Ein
Praxisbericht in: Bibel und Liturgie (
) in kulturellen Räumen.
Hrsg. vom Österreichischen Katholischen Bibelwerk Klosterneuburg,
Jubiläumsheft 80 Jahre Bibel und Liturgie, Heft 4/2007, 280284.
2 Kerstin Schiffner: Lukas liest Exodus. Eine Untersuchung zur Aufnahme
ersttestamentlicher Befreiungsgeschichte im lukanischen Werk als
Schrift-Lektüre. Stuttgart 2008, 6571.
3 Beispiele und Stellenangaben bei: Ebd., 67.
4 Das kann hier nicht im Detail ausgeführt werden. Das Buch
«Lukas liest Exodus» wird im Januar 2010 als Buch des
Monats der Bibelpastoralen Arbeitsstelle unter www.bibelwerk.ch
besprochen werden. Weiter empfehlen wir zum Lukasevangelium: Hermann-Josef
Venetz: Der Evangelist des Alltags. Streifzüge durch das Lukasevangelium.
Freiburg / Schweiz 2000.
5 Frank Crüsemann zitiert nach Schiffner(wie Anm. 2), 68.
6 Glaubenserfahrung und Glaubensgespräch sind wesentliche Elemente
des Bibliodramas als Seelsorge: www.bibliodramaundseelsorge.ch
7 Gerhard Jankowski: Und sie werden hören. Die Apostelgeschichte
des Lukas. Erster Teil (1,19,31) Eine Auslegung in:
Texte und Kontexte 91/92 34 / 2001, 24.
8 Eine Einführung in alle vier Evangelien in ihrem Gesamtzusammenhang
bietet Bibel heute 3/2007. Evangelien als Erzählwerke.
9 Zitiert nach: www.bibliodramaundseelsorge.ch
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