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Unterscheiden und verbunden bleiben
Zum Evangelium am 3. Fastensonntag
Lk 13,19
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Der Erwerb von Schlüsselqualifikationen ist in der modernen
Bildungsgesellschaft von grösster Bedeutung. Eine biblische
Schlüsselqualifikation heisst Unterscheidung.
«
was in den Schriften geschrieben steht»
Im Lukasevangelium spielen Bäume entscheidende Rollen. Am
1. Adventsonntag (SKZ 47/2009) war der Feigenbaum, der Blätter
treibt, das Zeichen für den nahen Sommer so wie andere
Zeichen für die Nähe des Reiches Gottes (Lk 22,2536).
Die Auslegung verband ihn mit dem Baum der Erkenntnis von Gut und
Böse im Garten Eden. Heute ist die Rede von einem Feigenbaum
in einem Weinberg, der seit Jahren keine Früchte trägt.
Der Besitzer des Weinbergs beauftragt den Gärtner, den Baum
umzuhauen. Damit wird eine dritte Stelle eingespielt, in der «schon
die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt» ist
die Gerichtspredigt Johannes des Täufers: «Jeder Baum,
der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer
geworfen» (Lk 3,9). Die Bäume im Lukasevangelium verbinden
offenbar das Paradies mit dem Gericht. Ins Paradies weist auch der
Gärtner des Gleichnisses von Lk 13, der bereit ist, den Boden
um den unfruchtbaren Baum herum aufzugraben und zu düngen.
Er folgt dem Schöpfungsauftrag von Gen 2,15: «Gott der
Herr nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden,
damit er ihn bebaue und hüte.»
Wie sind Paradies und Gericht, Schöpfungshandeln und Gerichtshandeln,
miteinander verbunden? Ist nicht die Fähigkeit, gut und böse
zu erkennen und damit unterscheiden zu können, die Grundlage
jedes (Gerichts-)Urteils? Wer gut und böse unterscheiden kann,
kann auch das eigene Handeln prüfen und es ändern, also
umkehren. Unterscheiden ist das grundlegende Schöpfungshandeln
in Gen 1. Gott scheidet Licht von Finsternis, Wasser von Wasser
und Wasser vom Trockenen. Umkehr verbindet Paradies und Gericht.
Umkehren ist Schöpfungshandeln und Gerichtshandeln zugleich.
Der Baum im Gleichnis von Lk 13 steht ja für Menschen, die
umkehren sollen. Er verkörpert dank dem Schöpfungshandeln
des Gärtners ihre letzte Chance zur Umkehr.
Umkehr gründet in der Fähigkeit zur Unterscheidung. Unterscheidung,
hebr. hawdala, ist ein zentraler Ausdruck der Tora. Er wird für
die Unterscheidung von rein und unrein bzw. heilig und profan, für
die Unterscheidung der Zeit in Arbeitstage und Sabbat und auch für
die Auserwähltheit Israels unter den Völkern gebraucht.
Unterscheiden zu können ist eine Art biblische Schlüsselqualifikation
und dient dazu, das Leben aufmerksam und differenziert wahrzunehmen
und zu gestalten. Jesus wendet sich in Lk 13 in der Tradition
der hawdala nicht gegen unterscheidendes und urteilendes
Verhalten an sich. Im Gegenteil. Er wendet sich gegen pauschalisierende
Urteile wie dieses: Wenn Menschen etwas Schlimmes widerfährt,
ist das Strafe für ihre Sünden. Deswegen fragt er: «Glaubt
ihr, diese seien grössere Sünder gewesen als alle anderen,
weil ihnen das widerfahren ist?» (Lk 13,2). Das pauschale
Urteil wird der Komplexität der Wirklichkeit nicht gerecht.
Es gilt viel genauer hinzusehen und zu unterscheiden. Jesus sagt
ein Zweites: Die hawdala, die genaue Unterscheidung, darf nicht
dazu führen, Zusammenhänge aufzulösen. Gottes Schöpfungshandeln
scheidet; aber Licht und Finsternis, Wasser und Trockenes sind und
bleiben Teil der Schöpfung. Gleiches gilt für die anderen
biblischen Unterscheidungen: rein und unrein, heilig und profan,
die sechs Tage und der Schabbat, Israel und die Völker sind
Teil der Schöpfungs- und Lebensordnung Gottes. Und sind miteinander
verbunden. Das überträgt Jesus auf das Gerichtshandeln:
Urteilt nicht pauschal und trennt euer eigenes Leben nicht von denen
ab, über die ihr urteilt. Ihr seid mit ihnen verbunden, ihr
Schicksal berührt auch eures. «Wenn ihr nicht umkehrt,
werdet ihr ebenso zugrunde gehen» (13,3).
Mit Lukas im Gespräch
Das Evangelium beginnt mit dem Bericht von Galiläern, die
Pilatus beim Opfern ermorden liess. Bei Josefus finden sich Belege
für Gewalttaten des Pilatus gegen jüdische Gruppen. Keine
davon passt aber genau zu den hier geschilderten Vorgängen.
Das spricht aber nicht gegen ihre Historizität. Im Tempel mit
seinen Menschenmassen konnten leicht Unruhen und blutige Gegenreaktionen
entstehen. Mit dem Ausdruck «Galiläer» ruft Lukas
etwas in Erinnerung: den Aufstand gegen die römische Besatzung
unter Führung von Judas, dem Galiläer. Er lag zurzeit
Jesu zwar bereits dreissig Jahre zurück, aber damals entstand
die Bewegung der Zeloten, die seitdem mit militärischen Aktionen
gegen die Römer vorging. Die Anhänger des Judas wurden
als «Galiläer» bezeichnet und der Ausdruck hatte
seitdem den Beigeschmack «Unruhestifter» und «Aufständische».
Lukas weiss darum, dass sich die Guerillaaktionen der Zeloten zum
Krieg ausgeweitet hatten und um seine katastrophalen Folgen. Es
weiss auch um den blutigen innerjüdischen Bürgerkrieg
in dieser Zeit. Und um die Versuche, die Katastrophe des Krieges
als Strafe Gottes für begangene Sünden zu verstehen. Bereits
die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier wurde so gedeutet.
Die Deutung erwies sich damals offenbar als hilfreich, auch wenn
sie innerbiblisch nicht unwidersprochen blieb. Nach dem Jahr 70
drohte das Auseinanderbrechen des Volkes Israel in verschiedene
Gruppen, die sich gegenseitig die Schuld für die Katastrophe
zuschoben. Das Christentum, das aus den innerjüdischen Auseinandersetzungen
dieser Zeit hervorging, verstand die Zerstörung Jerusalems
als Strafgericht Gottes gegen «die Juden», die Jesus
nicht als Messias anerkennen wollten. Lukas setzt sich mit solchen
Vorstellungen auseinander und grenzt sich unter Berufung auf Jesus
klar davon ab. Die Verurteilung einzelner Gruppen ist nicht sinnvoll
die Umkehr des ganzen Volkes ist notwendig und notwendend.
Darin liegt die Zukunft des Volkes Gottes. In der Umkehr aller setzt
sich das Schöpfungs- und Gerichtshandeln Gottes und der Menschen
fort, das unterscheidet und dabei doch in Verbindung bleibt.
Die Situation zur Zeit des Lukasevangeliums ist offenbar prekär,
das macht das Feigenbaumgleichnis deutlich. Seit dem Krieg sind
bereits etliche Jahre vergangen, ohne dass Fruchtbares für
die gemeinsame Zukunft von Feigenbäumen und Weinreben entstanden
ist. Zwar dienen Feigenbäume den Reben, die sich an den Stämmen
hinauf ranken können. Aber zugleich beanspruchen sie mit ihren
kräftigen Wurzeln viel Nahrung und saugen den Boden aus. Macht
es wirklich noch Sinn, an der gemeinsamen Zukunft festzuhalten?
Wäre es nicht besser, sich von den Feigenbäumen zu trennen,
damit wenigstens die Weinstöcke überleben können?
Das letzte Wort im Text hat der Gärtner, der Gottes Schöpfungsauftrag
ausführt allerdings nur «dieses Jahr noch»
(Lk 13,8). Lukas gibt die Hoffnung aber noch nicht auf. Im nächsten
Text erzählt er von der Heilung einer verkrümmten Frau,
die 18 Jahre (!) lang von einem Dämon geplagt wurde.
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