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Der Umgang mit Reichtum keine einfache Sache
Zum Evangelium am 18. Sonntag im Jahreskreis
Lk 12,1321; Koh
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Das Evangelium ist eine Vorlage für eine Predigt am 1. August
zum Thema Reichtum und Habgier. Allerdings eine, die es sich und
uns nicht einfach macht.
«
was in den Schriften geschrieben steht»
Das Gleichnis vom reichen Kornbauern bezieht sich eng auf zwei
alttestamentliche Texte. In Jesus Sirach 11,1819 heisst es:
«Mancher wird reich, weil er sich plagt, doch verwirkt er
seinen Erwerb. Er sagt zwar zu gegebener Zeit: Ich habe Ruhe gefunden,
nun will ich meine Güter geniessen. Aber er weiss nicht, wie
lange es dauert; er hinterlässt sie anderen und stirbt.»
Das Gleichnis nimmt diesen Text inhaltlich und formal in
der Gestaltung des inneren Monologs eines Reichen auf. Der
Kontext im Buch Sirach zeigt, dass auch die Sinnspitze identisch
ist: Gott ist letztlich der Herr über Leben und Tod, Armut
und Reichtum (Sir 11,14).
Es gibt weitere zeitgenössische Parallelen aus ganz unterschiedlichen
Kontexten: den paganen hellenistischen Philosophen Dion Chrysostomos
und Lukian von Samosata, dem apokalyptischen 1. Henochbuch (97,810)
und dem gnostischen Thomasevangelium (EvThom 63).1 Lukas zeigt Jesus
hier als einen Erzähler, der mitten im Strom der jüdischen
und hellenistischen Weisheitslehren steht, was den kritischen Umgang
mit Reichtum angeht, der Menschen dazu bringt, ihre wesentliche
Begrenztheit zu vergessen.
«Iss und trink und freu dich des Lebens» (Lk 12,19).
Das ist einem antiken Leser so vertraut wie uns heute bestimmte
Werbesprüche. Entsprechende Inschriften finden sich auf Gräbern,
d. h. als Ratschläge der Verstorbenen an die Hinterbliebenen
und auf Trinkbechern. In der Bibel gibt es eher kritische Stimmen
dazu. Jes 22,13 zitiert die Einwohner Jerusalems («lasst uns
essen und trinken, denn morgen sind wir tot») und droht ihnen
dafür das Gericht Gottes an. Auch Paulus reagiert in 1 Kor
15,32 kritisch auf die Lebensphilosophie des carpe diem. In der
Bibel finden sich allerdings auch Verfechter, die Bücher Tobit
(7,10) und v. a. Kohelet.2 «Iss freudig dein Brot und trink
vergnügt deinen Wein
trag jederzeit frische Kleider
und nie fehle duftendes Öl auf deinem Haupt» heisst es
in Koh 9,7 (mit Varianten in 2,2426; 3,1213; 3,33, 5,1719).
«Wenn Gott einem Menschen Reichtum gibt und lässt ihn
davon essen und trinken
und fröhlich sein bei seinen
Mühen, so ist das eine Gottesgabe» übersetzt Luther
Koh 5,18.
Warum wird der Reiche, der nach dieser Lehre lebt, im Gleichnis
so massiv kritisiert? «Du Narr», heisst es da
vermutlich auch mit Blick auf Kohelet. Das Gleichnis ist weitgehend
ein Selbstgespräch des Reichen (explizit in 12,19). Er kreist
allein um sich selbst. Er lebt als Monade. Sein Reichtum dient ihm
zur völligen Autarkie und Beziehungslosigkeit. Das ist bei
Kohelet ganz anders. Er nimmt die Welt genau wahr. Er leidet an
den herrschenden Verhältnissen und mit den Opfern: der Wirtschaft,
die nur entfremdende und versklavende Arbeit zulässt, der Politik,
die das Unrecht an die Macht bringt und angesichts derer auch ein
Machtwechsel hoffnungslos ist. Das gesamte System ist korrumpiert,
leer und falsch, in Kohelets Worten: «Alles ist Windhauch».3
Kohelet geht über die scharfe gesellschaftliche Analyse aber
noch hinaus. Er erlebt, dass der Tod sich als Komplize des Unrechts
erweist, wenn er die Gerechten genauso behandelt wie die Ungerechten.
Kohelet verwirft die weisheitliche Vorstellung, dass aus gutem Tun
gutes Ergehen folgt, wie sie Sir 11,17 formuliert. Das ist angesichts
der Welt, wie sie ist, eine naive Illusion, Windhauch. Was noch
bleibt: «Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen
Wein.» Das ist keine Flucht aus der Welt. Damit werden die
ungerechten Verhältnisse nicht gerechtfertigt. Kohelet sieht
darin die einzige realistische Möglichkeit, das Leben zu bejahen
und einen konkreten Ort für die Menschlichkeit zu schaffen,
gerade angesichts der herrschenden Unmenschlichkeiten. Er ruft zu
einem Genuss auf, der trotz allem den Anspruch lebendig
erhält, in Gottes Schöpfung das Recht jedes Menschen zu
sein. Elsa Tamez nennt die Haltung Kohelets eine «verborgene»
bzw. «bescheidene Utopie».4 Sie ist im herrschenden
System nur einigen wenigen Privilegierten möglich.
Mit Kohelet und Lukas im Gespräch
«Alles hat seine Zeit» heisst es in Koh 3. Alles. Also
auch das Leben als Windhauch. Ein anderes Leben, eine andere Zeit,
liegt aber in Gottes Händen und ist den Menschen nicht verfügbar.
Gott bleibt für Kohelet ein unergründliches und mitunter
abgründiges Geheimnis. Aber in der Beziehung zu ihm erkennt
und würdigt sich Kohelet als Mensch in all seiner Begrenztheit.
Aus der Beziehung zum Geheimnis Gott, die er Gottesfurcht nennt
(Koh 12,13), erwächst keine Angst. Es erwächst ein «Fürchte
dich nicht vor dem Leben!» Das gleiche Vertrauen ins
Leben, zu dem auch das Gleichnis vom reichen Kornbauern hinführt:
«Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur
um eine kleine Zeitspanne verlängern? Wenn ihr nicht einmal
etwas so Geringes könnt, warum macht ihr euch dann Sorgen um
all das übrige?» (Lk 12,25 f.) Hier sind sich die beiden
biblischen Traditionen einig.
Jesu Widerspruch gegen Kohelet hat wohl damit zu tun, dass seine
Zuhörerschaft, die Volksmenge (Lk 12,13), gerade nicht aus
den Privilegierten, sondern mehrheitlich aus den Verlierern des
Systems besteht. Für sie müssen die Ratschläge eines
Kohelet wie Hohn klingen. Sie stehen wahrscheinlich apokalyptischen
Vorstellungen näher, die den radikalen Bruch mit den herrschenden
Verhältnissen herbeisehnen. Allerdings überliefert Lukas
keine apokalyptische Rede. Um das Jahr 90 sind die apokalyptischen
Hoffnungen in der Katastrophe des Jahres 70 im wahrsten Sinn des
Wortes verbrannt. Die messianische Bewegung ist pragmatischer geworden.
Sie hat auch Wohlhabende angezogen. Die Perikope beginnt entsprechend
mit der Bitte eines Einzelnen: «Meister, sag meinem Bruder,
er soll das Erbe mit mir teilen.» Nicht alle aus der Volksmenge
sind also mittellos. Lukas wendet sich an die Reichen in seinen
Gemeinden und ruft sie zum Reichwerden vor Gott auf. Aber worin
besteht diese andere Form von Reichtum? Etwa darin, dass die Reichen
ihren Besitz als gemeinsames Erbe begreifen? Allerdings reagiert
Jesus relativ unwirsch auf die Bitte, obwohl ihm damit eine Rolle
zugewiesen wird, die Schriftgelehrte durchaus innehatten. Die Situation
ist äusserst komplex. Lukas verschleiert die Widersprüche
und offenen Fragen nicht.
Gibt es wenigstens eine Spur, die weiterführt? Das Schlüsselwort
des Gesamttextes ist wohl «Habgier» in 12,15. Damit
wird Jesus in die Tradition der prophetischen Kritik gestellt (Ez
22,27.33,31). Biblische Prophetie ist Aktualisierung der Tora. Ps
119,36 sieht die Weisungen der Tora als Alternative zur Habgier:
«Deinen Vorschriften neige mein Herz zu, doch nicht der Habgier.»
Dass sich Menschen in ihrer Begrenzheit erkennen und dem Leben vertrauen,
ist viel. Es reicht aber nicht. Sie brauchen dafür auch einen
verbindlichen sozialen Rahmen und Regeln, die die Solidarität
fördern.
1 Kompendium der Gleichnisse Jesu, hrsg. von Ruben Zimmermann.
Gütersloh 2007, 564572.
2 Aktuelle Materialien: Bibel heute 1/2010 Was ist Glück? Das
Buch Kohelet lesen. Zu bestellen zum Preis von 11 Franken unter
www.bibelwerk.ch.
3 Elsa Tamez schlägt als Übersetzungsvariante für
das hebräische Wort «haebel» statt Windhauch vor:
Alles ist eine Schweinerei!» Oder auch: «Alles ist Sch...!»
Elsa Tamez: «Da hasste ich das Leben». Eine Lektüre
des Buches Kohelet». Luzern 2001, 15.
4 Ebd., 31 ff.
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