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Aufeinander angewiesen sein
Levitkus 19,18
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Eine Erfahrung aus Haiti nach dem Erdbeben - ein Schlüsselsatz
für die Bibel
In ihrem Buch über das Erdbeben in Haiti vor einem Jahr schreibt
die Haitianerin Yanick Lahens einen Satz über Solidarität,
der mir ein Schlüsselsatz für das Verständnis der
Bibel zu sein scheint:
"Die Besitzlosen sind grosszügiger: Ihnen ist klar, dass
sie nur mit Hilfe der anderen überleben. Also geben sie auch
selbst" (zitiert nach Martin Ebel, Optimistin des Herzens in:
Tages-Anzeiger vom 21.5.2011, S. 33). Das heisst:
Wir Menschen sind aufeinander angewiesen. Wir alle können nur
mit Hilfe der anderen überleben. Das ist vom ersten Tag unseres
Lebens an so. Zu Beginn unseres Lebens (und oft auch am Ende) ist
es deutlich erfahrbar. Dazwischen geht es manchmal vergessen und
zwar je leichter, je "erfolgreicher" (reicher, mächtiger,
stärker) wir im Leben sind.
Das ist der Hintergrund des zentralen biblischen Satzes:
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst aus dem Buch Levitikus
(19,18), der mehrfach innerbiblisch zitiert wird. Jesus setzt sich
mit diesem Satz im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10)
auseinander.
Der Satz wäre besser übersetzt mit:
"Sei solidarisch mit deinem Nächsten, er ist wie du".
"Sei solidarisch...", denn für Liebe im modernen
Sinn des Wortes lässt sich keine Anweisung geben. "Er
ist wie du..." heisst, auch er, wie du, kann ohne diese Solidarität,
diese Hilfe von anderen nicht (über-)leben.
Diese Weisung gilt für alle, vor allem aber für die Stärkeren,
Mächtigeren, Reichereren, die diesen existentiellen Grundsatz
eher mal vergessen - siehe das Beispiel Haiti.
Sie gilt aber auch deswegen besonders für sie, weil sie mehr
Möglichkeiten haben und damit auch mehr Verantwortung in der
Gesellschaft haben.
Deswegen richten sich die Zehn Gebote zunächst einmal an die
Menschen - damals Männer - die Besitz und Macht haben (Sklaven,
Vieh, Haus...) und damit mehr Verantwortung auch für Andere
tragen.
Deswegen richten sich viele biblische Geschichten an ältere
Brüder, die in der damaligen Gesellschaft begünstigt waren
(Erstgeburtsrecht...). Sie sollen ihrem jüngeren Bruder nichts
missgönnen, sondern ihn unterstützen, denn letztlich sind
sie wie er:
Kain und Abel, der ältere Sohn des barmherzigen Vaters...
Deswegen richtet sich die prophetische Kritik in erster Linie an
die Macht- und Verantwortungsträger in der Gesellschaft.
Deshalb ist es ein roter Faden durch die Bibel für "Witwen
und Waisen" einzutreten. Sie verkörpern die schwächsten
Glieder in der Gesellschaft, die ohne Solidarität der Anderen
nicht leben können.
Wir alle sind wie sie.
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