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Die (unerfüllbare) Sehnsucht nach klarer Systematik

Lev 7

Ich muss gestehen, mir schwirrt der Kopf von all den Vorschriften und Anweisungen und Ausführungsbestimmungen und Riten über Bestandteile und Orte und Handlungen rund um die verschiedenen Opfer. Das Kapitel 7 macht es dann auch nicht leichter, ausser dadurch, dass es das Thema Opfern vorläufig abschliesst. Nach diesem Kapitel will ich versuchen eine Systematik der ersten 7 Kapitel zu erstellen, vielleicht nur um zu merken, dass eine Systematik vom vorliegenden Text her gar nicht angestrebt wird. Das hat auch damit zu tun, dass der vorliegende Text eben nicht einheitlich ist, sondern verschiedene Zusätze aus unterschiedlichen Interessenlagen beihaltet. So erkennt Thomas Staubli z.B. in den Regelungen 7,28ff. , wo dem Priester nicht nur der rechte Schinken des opfertieres, sondern auch die Brust gegeben werden muss, einen späteren Zusatz zur "Erhöhung der Tempelsteuer in Naturalform. dass dies nicht leicht durchzusetzen war, geht aus den abschliessenden Bekräfitungen (VV. 34-36) hervor, die aus verschiedenen Zeiten stammen dürften und die den Anteil der priester einmal als "Anrecht", einmal als "Regel" für alle Zeiten festzuschreiben versuchen" (Staubli 79).
Fragen wirft auch das Schlusswort (7,35-37) auf. Zum einen weren da alle Opferarten nocheinmal aufgezählt. Dabei wird aber auch das Priestereinweihungsopfer genannt, von dem aber erst ab Kapitel 8 die Rede ist. Stand das Schlusswort einmal an einer anderen Stelle? Oder sind die Priesteropfer in Kapitel 6 allerdings unter einem anderen Namen als dort gemeint?
Zum anderen heisst es in 7,38, dass dieses Gesetz dem Moe auf dem Sinai aufgetragen wurde, während Lev 1,1 doch mit einem Wort Gottes an Moses vom Offenbarungszelt aus beginnt. Wo spielt die Geschichte? Und lässt sich der Schluss von 7,37 so lesen, dass gott das volk darauf verpflichtete, die Opfergaben ausschliesslich in der Wüste Sinai darzubringen?

Besonders herausheben möchte ich noch die Weisungen zum Heils- oder Dankopfer (Lev 7,11-18). In der jüdischen Auslegung der Opfertexte geht man davon aus, dass irgendwann in der Zukunft, wenn der Messias kommt, alle Opfer aufhören werden: "... denn in der messianischen Zeit werden die Menschen sündlos sein". Aber: "Das Dankopfer wird niemals aufhören". Gleiches gilt für die Gebet. "Wenn auch alle Gebete aufhören werden, das Dankgebet wird niemals aufhören" (Kommentar Levitikus Rabba 9,7).
Hier kommt natürlich eine grundsätzliche Anfrage des Judentums an das Christentum zum vorschein. Wenn in Jesus der Messias gekommen und die messianische Zeit angebrochen ist, dann jedenfalls ganz anders als sich die Mehrheit des Judentums das vorstellte...

Doch zurück zum Dankopfer: Dabei handelt es sich um ein Schlachtopfer mit zusätzlich ungesäuerten, mit Öl vermengten Kuchen, ungesäuerten, mit Öl bestrichenen Brotfladen, Kuchen aus Feinmehl und Gebäck aus gesäuertem Brot. Ein üppiges Mahl breitet sich vor uns aus. Essen davon tun die Priester und auch die Opfernden. Hier ist eine der zwei Ausnahmen zu finden, bei der Gesäuertes geopfert werden darf (die zweite findet sich in Lev 23,17 - beim Wochenfest werden zwei Sauerteig-Brote als Erstlingsgaben geopfert).
In Lev 7,18-27 fällt mehrfach der drastisch-drohende Ausdruck: "soll aus seinen Stammesgenossen ausgemerzt werden". Und zwar bei Unreinheit im Zusammenhang mit Opferfleisch und beim Genuss von Fett und Blut (geht es beim Fett nur um das Fett der Opfertiere oder um jedes fette Stück eines Tieres?) Was ist mit dem Ausmerzen aus den Stammesgenossen gemeint? Klar ist, die Ausmerzung (hebräisch karet, abgeschnitten) untersteht Gott allein. Hier wird also keine von Menschen vollzogene Todesstrafe verhängt. Staubli meint: "Jedenfalls wird die weitere Lebensgeschichte der Familie derer, die das Sakrileg begangen haben, im Lichte dieses Vergehens beurteilt" (Staubli 77). Ein früher Tod oder das Aussterben der Familie ohne Kinder wird dann wohl als Erfüllung der karet gedeutet. So deuten es auch die rabbinischen Gelehrten. Nachmanides unterschied zwischen verschiedenen Stufen von karet, je nach Vergehen und Täter. Die schwerste Form schloss die Austilgung aus der Welt jenseits des Grabes ein (nach Plaut 75).