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Lektüre von Lev 4

Im 4. Kapitel geht es um Sündopfer, also Opfer nach dem Verstoss gegen ein Gebot. Hier kehrt sich interessanterweise die Reihenfolge um: zuerst kommen die Priester in den Blick (!) (Lev 4,1-12), danach geht es um kollektive Sünden der ganzen Gemeinde, dann um Sippenoberhäupter und schliesslich um die Zielgruppe, die bisher im Vordergrund stand: irgend jemand aus dem Volk. Bei all diesen Fällen geht es um den Verstoss gegen ein Gebot ohne Vorsatz. Die Verfehlung des Priesters läd Schuld auf das Volk. Offenbar trägt das Volk die Verantwortung für das Handeln seiner Priester. Hier scheint mir die Verantwortung eines Arbeits- und Auftraggebers für seine Angestellten zum Ausdruck zu kommen. Das Volk als entscheidende Grösse hat die Verantwortung für die Qualität der Arbeit seiner Angestellten, also für deren Auswahl, Ausbildung, Kontrolle...

Priester bringen einen fehlerlosen Jungstier, die Gemeinde bringt einen Jungstier, Sippenoberhäupter einen fehlerlosen Ziegenbock, jemand aus dem Volk eine fehlerlose Ziege oder ein weibliches Schaf. Bei der Verfehlung des Kollektivs ist die Fehlerlosigkeit des Opfertiers nicht vorgeschrieben. Ein realistischer Blick auf die Inhomogenität von Kollektiven, die niemals makellos und fehlerfrei sein können? Bei den Verfehlungen der Priester, der Gemeine als Ganzer und der Sippenoberhäupter müssen die Opfertiere männlich sein, bei der Verfehlung von jemandem aus dem Volk aber weiblich. Warum?

Beim Sündopfer der Stiere kommt ein neuer Aspekt des Opfervorgangs hinzu: Fell, Fleisch, Kopf, Beine, Eingeweise und Mageninhalt werden abgetrennt und entsorgt - an einem eigens benannten "Abfall-Platz der Fettasche" (4,12) verbrannt. Geopfert wird nur vom Blut und das Fett. Bei den anderen Opfertieren (Ziegenbock, Ziege und Schaf) ist das nicht vorgesehen.

Eine besondere Rolle bei der Entsühnung, also bei der Vergebung der Verfehlung - spielt neben dem Fett das Blut des Opfertieres. Im Fall der Stiere taucht der Priester seinen Finger hinein und spritzt es siebenmal gegen den Vorhang des Heiligtums. Dann streicht der Priester das Blut an die Hörner des Rauchopferaltars im Zelt und schliesslich giesst er das ganze Blut am Sockel des Brandopferaltares am Eingang des Zeltes aus. Im Blut ist nach alttestamentlicher Vorstellung das Leben. Welche Bedeutung hat das Verspritzen, Verstreichen und Ausgiessen des Blutes an drei unterschiedlichen Stellen hier?

Beim Sündopfer für die Gemeinde wird die Abfolge der Vergebung genauer differenziert, die beim Opfer für die Priesterverfehlung übrigens gar nicht thematisiert wird (4,19): Nach dem Spritzen, Verstreichen und Ausgiessen des Blutes uind nach dem Abtrennen und Verbrennen des Fettes - und zwar ausdrücklich "danach" - soll der Priester das Volk "entsühnen und es wird ihnen vergeben werden." Ist die "Entsühnung" noch einmal eine eigene rituelle Handlung? Beschrieben wird sie jedenfalls nicht. Beim Opfer des fehlerfreien Ziegenbocks klingt es so, als wäre keine weitere Handlung nötig. Nach der Beschreibung des Opfers wie wir es bisher gesehen haben, heisst es: "So entsühnt der Priester den Betreffenden und löst ihn von seiner Sünde, dann wird ihm vergeben werden" (4,25). Auf jeden Fall sind aber Entsühnung und Vergebung zwei voneinander unterschiedene Vorgänge.
Nach Entsühnung und Vergebung wird jedenfalls erst der (grosse) Rest des Stieres entsorgt. Beim Opfern aller anderen Tiere ausser den Stieren entfällt das Spritzen des Blutes an den Vorhang im Zelt. Auch wird der Rest des Opfertieres nicht entsorgt.
Beim Sündoper für die Verfehlung von irgendjemand aus dem Volk wird die Bedeutung des verbrannten Fettes näher qualifiziert. "Der Priester soll die Fettteile mit dem Feueropfer des Herrn auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen und ihn so entsühnen, um ihn von seiner Sünde zu lösen, die er begangen hat; dann wird ihm vergeben werden" (4,35). Fett und Rauch lösen die Verbindung zwischen dem Menschen und seiner Sünde.