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Rein und unrein

Lektüre von Lev 11-15

Die Kapitel 11-15 des Buches Levitikus bilden eine Einheit. Ihr zentrales Thema ist die Unterscheidung von "rein" und "unrein". Wesentlich für die Lektüre wird es sein, bewusst zu machen und zu halten, dass es dabei biblisch nicht in erster Linie um Fragen der Moral und der Hygiene geht!!! Die Worte "rein" und "unrein" legen das in unseren Ohren, die durch unsere Kultur geprägt sind, einfach sehr nahe. Aber nein: Es geht in erster Linie um kultische Fragen. Schauen wir doch mal wie die beiden christlichen Kommentatoren des Buches Levitikus die Begriffe definieren:
"Kultisch rein zu sein bedeutete für den antiken Menschen, sich in der physischen und geistlichen Verfassung zu befinden, die ihm den Zugang zum Heiligen ermöglichte" (Gerstenberger 117). Ethik wurde mitgedacht, letztlich entscheidend ist sie aber nicht. Es geht eher um die Überprüfung der Synchronizität oder der Kompatibilität, die Übereinstimmung mit Gott als Voraussetzung der Begegnung. Andere nennen diese Bedingung "Heiligkeit". "Heilig" und "rein" sind Synonyme. In Lev 11-15 geht es um die äusseren Umstände, die die Übereinstimmung mit Gott verhindern.
Und Staubli formuliert:
"Es geht darum, Eindeutigkeiten nicht zu zerstören, Sphären nicht zu vermischen, Ordnungen nicht durcheinanderzubringen" (Staubli 90). Das deutsche Wort "rein" bewahrt diese Vorstellung im Sinne von "unvermischt", "unverfälsch", "echt" und "richtig" zu sein.
"Die Kategorien rein und unrein bilden ... ein mehr oder weniger dargelegtes System, einen unsichtbaren Kosmos, ein über die Wirklichkeit gelegtes Koordinatensystem, das die Vielfalt der Möglichkeiten, in der Welt zu leben beschränkt und den Menschen dadurch überhaupt Lebensmöglichkeiten und Orientierung verschafft. Dieses Koordinatennetz ist ein wichtiger Teil dessen, was wir Kultur nennen."
Kompatibel mit Gott und ein Koordinatensystem, um Ordnung zu bewahren: gehen wir damit doch an die Lektüre der Texte.
Die Reinheitsvorstellungen bringen zum Ausdruck, dass Körperlichkeit, Geschlecht, Sexualität, Fruchtbarkeit etwas mit dem Kult und mit Gott zu tun haben. Sie betreffen Frauen und Männer. Viel zu selten ist in der Geschichte des Christentums eine Messe ausgefallern, weil der Priester in der Nacht davor einen Samenerguss hatte.
Dorothee Erberle-Küster (in Bibel und Kirche 3/2009) geht mit dem Blick auf Gender-Fragen an das Thema heran.
Ihre erste Beobachtung: "Die Auslegungsgeschichte innerhalb des Judentums wie des Christentums kreist ... um die wiederkehrende kultische Unreinheit von Frauen während der Menstruation und im Gefolge von Geburten. Nach Lev 15 unterliegt jedoch der weibliche wie der männliche Körper Zeiten der Unreinheit d.h. der Kultabstinenz. Umgekehrt und positiv formuliert heisst dies aber auch, dass der geschlechtliche Körper auf den Kult bezogen ist" (S. 149)
Die (männerzentrierte) Auslegung hat also das Thema rein/unrein nur verkürzt wahrgenommen, als Problem v.a. von und für Frauen. In der katholischen Tradition hat man das Ritual der Aussegnung für Frauen erfunden, die geboren hatten, niemals ist aber eine Messe ausgefallen, weil der Priester in der Nacht zuvor einen Samenerguss hatte. Ich sehe vor meinem geistigen Auge gerade den entsprechenden Anschlag am Kirchenportal oder im Schaukasten...
Die positive Formulierung möchte ich gerne in meine weitere Lektüre mitnehmen: Körperlichkeit, Geschlecht, Sexualität sind mit dem religiösen Kult, also mit der Heiligkeit Gottes verbunden, sie wirken aufeinander ein.
Körper, die auf den Kult Gottes bezogen sind, können sich damit vielleicht auch leichter dem Körperkult entziehen. Erberle-Küster formuliert: "Levitikus lässt einen Körper entstehen, der nicht in der Selbstsorge aufgeht. Das Buch entwirft ein Körperbild, das sich nicht vermarkten lässt" (150). Leider entfaltet sie diesen Gedanken nicht weiter.

Erbele-Küster macht eine weitere wichtige Beobachtung: "Unreinheit ist ... keine Eigenschaft, die Menschen inhärent ist, vielmehr entsteht Unreinheit in der Praxis der Zuschreibung. Reinheit ist der Normalzustand" (150).
Im Hebräischen stammen die Worte für "rein" und "unrein" denn auch aus zwei verschiedenen Wortfamilien bzw. haben unabhängige Wurzeln.

Die Reinheitsvorstellungen bringen zum Ausdruck, dass Körperlichkeit, Geschlecht, Sexualität, Fruchtbarkeit etwas mit dem Kult und mit Gott zu tun haben. Sie betreffen Frauen und Männer. Viel zu selten ist in der Geschichte des Christentums eine Messe ausgefallern, weil der Priester in der Nacht davor einen Samenerguss hatte.
Dorothee Erberle-Küster (in Bibel und Kirche 3/2009) geht mit dem Blick auf Gender-Fragen an das Thema heran.
Ihre erste Beobachtung: "Die Auslegungsgeschichte innerhalb des Judentums wie des Christentums kreist ... um die wiederkehrende kultische Unreinheit von Frauen während der Menstruation und im Gefolge von Geburten. Nach Lev 15 unterliegt jedoch der weibliche wie der männliche Körper Zeiten der Unreinheit d.h. der Kultabstinenz. Umgekehrt und positiv formuliert heisst dies aber auch, dass der geschlechtliche Körper auf den Kult bezogen ist" (S. 149)
Die (männerzentrierte) Auslegung hat also das Thema rein/unrein nur verkürzt wahrgenommen, als Problem v.a. von und für Frauen. In der katholischen Tradition hat man das Ritual der Aussegnung für Frauen erfunden, die geboren hatten, niemals ist aber eine Messe ausgefallen, weil der Priester in der Nacht zuvor einen Samenerguss hatte. Ich sehe vor meinem geistigen Auge gerade den entsprechenden Anschlag am Kirchenportal oder im Schaukasten...
Die positive Formulierung möchte ich gerne in meine weitere Lektüre mitnehmen: Körperlichkeit, Geschlecht, Sexualität sind mit dem religiösen Kult, also mit der Heiligkeit Gottes verbunden, sie wirken aufeinander ein.
Körper, die auf den Kult Gottes bezogen sind, können sich damit vielleicht auch leichter dem Körperkult entziehen. Erberle-Küster formuliert: "Levitikus lässt einen Körper entstehen, der nicht in der Selbstsorge aufgeht. Das Buch entwirft ein Körperbild, das sich nicht vermarkten lässt" (150). Leider entfaltet sie diesen Gedanken nicht weiter.

Erbele-Küster macht eine weitere wichtige Beobachtung: "Unreinheit ist ... keine Eigenschaft, die Menschen inhärent ist, vielmehr entsteht Unreinheit in der Praxis der Zuschreibung. Reinheit ist der Normalzustand" (150).
Im Hebräischen stammen die Worte für "rein" und "unrein" denn auch aus zwei verschiedenen Wortfamilien bzw. haben unabhängige Wurzeln.
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07.06.2011
"Ihnen ist klar, dass sie nur mit Hilfe der anderen überleben"
von Peter Zürn - Letzte Änderung 07.06.2011 21:30
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· Levitikus
Eine Erfahrung aus Haiti nach dem Erdbeben - ein Schlüsselsatz für die Bibel
In ihrem Buch über das Erdbeben in Haiti vor einem Jahr schreibt die Haitianerin Yanick Lahens einen Satz über Solidarität, der mir ein Schlüsselsatz für das Verständnis der Bibel zu sein scheint:
"Die Besitzlosen sind grosszügiger: Ihnen ist klar, dass sie nur mit Hilfe der anderen überleben. Also geben sie auch selbst" (zitiert nach Martin Ebel, Optimistin des Herzens in: Tages-Anzeiger vom 21.5.2011, S. 33). Das heisst:
Wir Menschen sind aufeinander angewiesen. Wir alle können nur mit Hilfe der anderen überleben. Das ist vom ersten Tag unseres Lebens an so. Zu Beginn unseres Lebens (und oft auch am Ende) ist es deutlich erfahrbar. Dazwischen geht es manchmal vergessen und zwar je leichter, je "erfolgreicher" (reicher, mächtiger, stärker) wir im Leben sind.
Das ist der Hintergrund des zentralen biblischen Satzes:
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst aus dem Buch Levitikus (19,18), der mehrfach innerbiblisch zitiert wird. Jesus setzt sich mit diesem Satz im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10) auseinander.
Der Satz wäre besser übersetzt mit:
"Sei solidarisch mit deinem Nächsten, er ist wie du".
"Sei solidarisch...", denn für Liebe im modernen Sinn des Wortes lässt sich keine Anweisung geben. "Er ist wie du..." heisst, auch er, wie du, kann ohne diese Solidarität, diese Hilfe von anderen nicht (über-)leben.
Diese Weisung gilt für alle, vor allem aber für die Stärkeren, Mächtigeren, Reichereren, die diesen existentiellen Grundsatz eher mal vergessen - siehe das Beispiel Haiti.
Sie gilt aber auch deswegen besonders für sie, weil sie mehr Möglichkeiten haben und damit auch mehr Verantwortung in der Gesellschaft haben.
Deswegen richten sich die Zehn Gebote zunächst einmal an die Menschen - damals Männer - die Besitz und Macht haben (Sklaven, Vieh, Haus...) und damit mehr Verantwortung auch für Andere tragen.
Deswegen richten sich viele biblische Geschichten an ältere Brüder, die in der damaligen Gesellschaft begünstigt waren (Erstgeburtsrecht...). Sie sollen ihrem jüngeren Bruder nichts missgönnen, sondern ihn unterstützen, denn letztlich sind sie wie er:
Kain und Abel, der ältere Sohn des barmherzigen Vaters...
Deswegen richtet sich die prophetische Kritik in erster Linie an die Macht- und Verantwortungsträger in der Gesellschaft.
Deshalb ist es ein roter Faden durch die Bibel für "Witwen und Waisen" einzutreten. Sie verkörpern die schwächsten Glieder in der Gesellschaft, die ohne Solidarität der Anderen nicht leben können.
Wir alle sind wie sie.
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01.06.2011
"Der Kult ist für den Menschen da"
von Peter Zürn - Letzte Änderung 01.06.2011 21:05
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· Levitikus
Die Opferregeln des Buches Levitikus folgen der Idee der Menschenfreundlichkeit. Sie dienen der Bewältigung von existentieller Unsicherheit und der Wiedereingliederung in die Gemeinschaft
Mit dem Titel, der das bekannte Jesus-Wort vom Sabbat, der für den Menschen da ist, abwandelt und auf den Opferkult bezieht, liest Thomas Hieke (in Bibel und Kirche 3/2009 s. 141-147) die Kapitel 1-10 des Buches Levitikus und kommt zur Erkenntnis, dass ihnen "die Idee der Menschenfreundlichkeit innewohnt".
- das beginnt mit Lev 1,2, einer grundlegenden Aussage, die für die ersten drei Kapitel gilt, der Freiwilligkeit: "wenn ein Mensch eine Darbringung darbringen möchte...". Freiwillige, am Bedürfnis der Menschen ansetzende Bestimmungen stehen am Anfang. Bringen kann das Opfer ausserdem jede Frau und jeder Mann.
- Lev 1 regelt ausserdem, dass der materielle Wert des Opfers sehr unterschiedlich sein kann (vom Rind bis zur Taube), dass aber auch das Taubenopfer ein vollwertiges Opfer ist, also ist "der Arme ... genauso viel wert wie der reiche Viehzüchter".
- die Entsündigungs- und Entschuldigungsopfer von Lev 4 und 5 reagieren darauf, dass Menschen sich in ihrer Beziehung zu Gott tiefgreifend verunsichert fühlen können, auch wenn sie gar nicht absichtlich irgendetwas "Frevelhaftes" begangen haben. Die beschriebenen Opfer ent-fernen alles, was die Beziehung stören kann.
- das Entschuldigungsopfer, bei dem im Gegensatz zum Entsündigungsopfer ein materieller Schaden entstanden ist, regeln, dass vor dem Opfer dieser Schaden ersetzt werden muss.
- die Opfer setzen die "aufrechte Gesinnung" der opfernden Person voraus. Sie wird in der korrekten Durchführung und in der Fehlerlosigkeit des verwendeten Opfer"materials" sichtbar. Darauf -so Levitikus - reagiert Gott mit Wohlgefallen"Wer glaubt, seine religiösen Bedürfnisse auf billige Weise befriedigen zu können, wird das erhoffte Wohlgefallen bei Gott nicht finden".
- die Opfer generell, nicht nur die in Lev 4-5 beschriebenen, dienen der Bewältigung von Verunsicherung. Gott selbst bietet dafür ein Verfahren an, das auf der subjektiven Seite gleichsam die therapeutische Funktion der Psychohygiene hat und auf der sozialen Seite die Reintegration der betroffenen Person in die feiernde Gemeinschaft bewirkt. Im Opfer wird die Wiederherstellung der "normalen" Gottesbeziehung sinnenfällig erfahren (Hieke 145f.)
- die Priester dienen als Vermittler in diesem Geschehen, sie übernehmen dadurch auch ein grösseres Risiko, aber grundsätzlich ist für jede/n Israelitin/en klar, wo und wie sie Gott begegnen können. Es gibt keine Esoterik, kein Geheimwissen, keine Arkan-Disziplin. Durch den öffentlichen Charakter ist auch klar, dass es keine Privatkulte und selbsterfundenen Opferfeiern gibt.

So muss man den Anfangssatz vielleicht noch präzisieren: der Kult ist für den Menschen in seinem sozialen Umfeld da.
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Kain und Levitikus
von Peter Zürn - Letzte Änderung 01.06.2011 21:05
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· Genesis
Hätte Kain doch Levitikus gelesen... Oder ist Levitikus 4-5 eine Botschaft für Kain?
Die Opferregeln im Buch Levitikus dienen der Bewältigung von Verunsicherung in der Gottesbeziehung, die Regelungen in Lev 4-5 entfernen sogar ausdrücklich Verunsicherungen, die ohne Absicht entstanden sind und trotzdem da sind und wirken. Sie sind eine Form der Psychohygiene und haben eine therapeutische Funktion. Sie machen die Entfernung alles
Damit steht das Buch Levitikus im Gespräch mit der Geschichte von Kain und Gott in Gen 4. Dort spricht Gott zu Kain, der in seiner Beziehung zu Gott überaus verunsichert ist und dessen Blick sich senkt - tragischer oder ironischerweise gerade durch ein Opfer - und sagt ihm: "Wenn du recht tust, darfst du aufblicken". Diese Botschaft kommt bei Kain nicht an. Lev 4-5 ist eine neue Botschaft und ein neues Angebot für Kain, sinnenfälliger diesmal.
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30.05.2011
Rein und Unrein - Lektüre von Levitikus 11-15 (1)
von Peter Zürn - Letzte Änderung 30.05.2011 14:34
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· Levitikus