Stephen King, Das Mädchen, Schneekluth Verlag 2000.

 

Eigentlich sollte man sich aufregen...

Ich will mich hier nicht über dieses Buch aufregen (weil es ein starkes Beispiel für die Geschäftemacherei Kings oder mit King ist. Es gibt es in zwei verschiedenen, gleich teuren Ausgaben, einer weissen und einer schwarzen, wobei gerüchteweisse das Schwarze auch ein viel schwärzeres Ende nehmen sollte als das Weisse, wovon aber nichts stimmt. Die Bücher unterscheiden sich nur in der Farbe des Einbandes). Ich will Ihnen auch nicht die ungemein spannende Story hier erzählen. Nur soviel: Die 9jährige Trisha verirrt sich im Wald. Nicht in einem gepflegten europäischen Wald, wie wir ihn kennen, sondern in einem grossen, alten, nordamerikanischen Wald, der viel Platz hat zum Verlorengehen und auch viel Platz für unangenehme Begegnungen. "Hunger und Durst, Mückenschwärme und wilde Tiere, Einsamkeit und Dunkelheit sind nicht ihre einzigen Begleiter" heisst es so schön beunruhigend auf dem Umschlagstext. Trisha ist lange in diesem Wald, mehr als eine Woche insgesamt und "eine Baseballkappe, ein kleines Radio und die Erinnerung an die Gespräche mit ihrem Vater sind die einzige Ausrüstung, die Trisha mit sich führt. Mehr hat sie dem Grauen der Wälder nicht entgegenzusetzen. Und das ist sehr, sehr wenig." (diesmal aus dem reisserischen Klappentext, der übrigens etwas vom wichtigsten verschweigt, was Trisha mit sich führt, ihre scharfe Bebachtungsgabe und ihren wunderbaren Humor)

King als Theologe

 

Was ich aber will, ist Ihnen von den religiösen und theologischen Spuren in diesem Buch berichten. Denn als Trisha schon viel zu lange in diesem Wald alleine unterwegs ist und drauf und dran ist, die Hoffnung zu verlieren, versucht sie zu beten. Sie erinnert sich an ein Gespräch mit ihrem Vater vor gut einem Monat, in dem sie ihn fragte, ob er an Gott glaube. Und in diesem Gespräch hatte ihr Vater ein Gottesbild entworfen, das mir sehr modern, weit verbreitet und "nachchristlich" vorkommt.

""Gott", hatte Larry McFarland gesagt und an seiner Eiscreme geschleckt, "Gott, hmmm, Gott..." Er dachte noch etwas länger nach. Trisha sass stumm auf ihrer Seite des Picknicktisches, blickte in seinen kleinen Garten hinaus (es musste mal wieder gemäht werden) und liess ihm soviel Zeit, wie er brauchte. Schliesslich sagte er: "Ich will dir sagen, woran ich glaube. Ich glaube an das unterschwellig Wahrnehmbare." "Das was?" Sie sah ihn an, weil sie nicht recht wusste, ob er scherzte oder nicht. Er machte aber nicht den Eindruck, als scherze er. "Das unterschwellig Wahrnehmbare. Weisst Du noch, wie wir in der Fore Street gewohnt haben? ... Es hatte Fussbodenheizung, dieses Haus. Weisst du noch, wie die Heizkörper gesummt haben, selbst wenn sie nicht geheizt haben? Sogar im Sommer?" Trisha schüttelte den Kopf. Und ihr Vater nickte, als habe er das erwartet. "Das liegt daran, dass du dich daran gewöhnt hast", sagte er.

Ist Gott eine knackende Wasserleitung?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Aber glaub mir, Trish, dieser Ton ist immer dagewesen. Selbst in einem Haus ohne Fussbodenheizung gibt es immer Geräusche. Der Kühlschrank schaltet sich ein und aus. Die Wasserleitungen knacken. Die Fussböden knarzen... Wir hören diese Dinge immerzu, deshalb nehmen wir sie meistens überhaupt nicht wahr. Sie werden...", und er bedeutete ihr, den Satz zu Ende zu bringen, wie er es getan hatte, seit sie als kleines Mädchen auf seinem Schoss gesessen und zu lesen begonnen hatte. Seine liebevolle alte Geste. "Nur unterschwellig wahrgenommen", sagte sie - nicht etwa, weil sie die Bedeutung der Wörter ganz verstand, sondern weil er es so offenkundig von ihr hören wollte. "Gee-nau" bestätigte er und gestikulierte wieder mit seiner Eiswaffel... "Genau, Schatz, unterschwellig wahrnehmbar. Ich glaube an keinen wirklich denkenden Gott, der den Absturz jedes Vogels in Australien und jedes Käfers in Indien registriert, einen Gott, der alle unsere Sünden in seinem grossen goldenen Buch festhält und über uns zu Gericht sitzt, wenn wir gestorben sind - ich mag nicht an einen Gott glauben, der es fertigbringt, vorsätzlich böse Menschen zu erschaffen, um sie dann bewusst in einer von ihm geschaffenen Hölle braten zu lassen - aber ich glaube, dass es irgendetwas geben muss... Yeah, irgend etwas. Eine anonyme Macht, die Gutes bewirkt... Kein perfekter, liebender, allwissender Gott, ich glaube nicht, dass das Beweismaterial das hergibt, aber eine Macht." "Das unterschwellig Wahrnehmbare." "Du hast's erfasst." Sie hatte es erfasst, aber es gefiel ihr nicht. Es erschien ihr zu sehr so, als bekäme man einen Brief, den man für sehr interessant und wichtig hielt, aber wenn man ihn aufmachte, war er an "Sehr geehrter Wohnungsinhaber" adressiert." (Seite 82-86).

Lieber leidenschaftlich als politisch korrekt

 

Trisha gefiel der Gott ihres Vaters also hier schon nicht, sein "Interesse" an ihr war ihr zu wenig persönlich. Der Gott ihres Vaters ist politisch absolut korrekt, aber er ist so tot wie ein Formbrief. Aber erst im Wald, verirrt im Wald, erkennt sie wirklich die Grenzen dieses Gottes. Sie kann nicht zu ihm beten, als sie wirklich Hilfe braucht. Sie kann nicht zum unterschwellig Wahrnehmbaren beten.

Trotzdem ist ihr Vater ihr eine Hilfe. Denn Trisha findet einen Gott, zu dem sie beten kann und sie findet einen wunderschönen Weg das Beten zu lernen. Mit ihrem Vater teilt Trisha die Leidenschaft für Baseball und die Boston Red Sox. Sie ist leidenschaftlicher Fan für den besten Werfer der Red Sox, für Tom Gordon. Die Baseballkappe, die sie aufhat, trägt seinen Namenszug. Ihr Vater hat ihr dieses Autogramm, ihren grössten Schatz, besorgt. Mit ihrem Walkman verfolgt sie in der nächtlichen Dunkelheit des Waldes ein Baseballspiel. Tom Gordon ist der letzte Werfer, er entscheidet mit seinem letzten Wurf das Spiel, und vollzieht anschliessend eine Geste, ein Ritual. Immer wenn Tom Gordon mit seinem letzten Wurf ein Spiel entschieden hat, deutet er gen Himmel.

Beten ist wie ein Fingerzeig nach oben

 

"Nur ein rascher Fingerzeig nach oben". Aber dieser Fingerzeig lehrt Trisha beten. "Trisha verstaute den Walkman wieder in ihrem Rucksack, aber bevor sie ihren Kopf auf den ausgestreckten Arm sinken liess, deutete sie kurz gen Himmel, wie es Gordon tat. Und warum nicht? Schliesslich hatte ihr irgend etwas geholfen, diesen Tag zu überstehen, so entsetzlich er auch gewesen war. Und wenn man es so deutete, fühlte dieses Etwas sich an wie Gott. Man konnte schliesslich nicht auf das Glück oder das unterschwellig Wahrnehmbare deuten. Die Geste bewirkte, dass Trisha sich besser und schlechter zugleich fühlte - besser, weil es ihr mehr wie ein Gebet erschien, als es richtige Worte getan hätten, schlechter, weil sie sich dadurch zum erstenmal an diesem Tag wirklich einsam fühlte; indem sie wie Tom Gordon gen Himmel deutete, hatte sie das Gefühl, sich auf eine bisher ungeahnte Weise verirrt zu haben... Sie sehnte sich nach ihrer Mutter. Noch grösser war ihre Sehnsucht nach ihrem Vater...Mit einer Verwunderung, bei der sie sich elend fühlte, entdeckte Trisha, dass sie sich sogar nach ihrem übelgelaunten, ständig meckernden Bruder sehnte." (Seite 99-101)

Die beste Theologie ist eine spannende Geschichte

Ich will jetzt die Geschichte nicht tot-theologisieren. Besser als eine (möglichst spannende) Geschichte zu erzählen, lässt sich Theologie meiner Meinung nach sowieso nicht treiben. Und Kings Geschichte ist wirklich spannend. Sie ist aufgespannt zwischen Leidenschaft und Sehnsucht, wie Trishas Gebet. Sie ist aufgebaut nach den Durchgängen eines Baseballspiels, hat eine Form, folgt einem Ritual, wie Trishas Gebet. Sie kriecht in die Körper, den Geist und die Seelen von ganz konkreten Personen und schafft dadurch Identifikation und Beziehung. Wie Trishas Gebet.