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Das Karsamstags-Evangelium
Schweizer Kirchenzeitung SKZ 46/2008
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Im Lesejahr B bekommt das Markusevangelium besondere Aufmerksamkeit.
Dieses Evangelium endet (in seinem ursprünglichen Schluss)
mit merkwürdigen und irritierenden Worten: «Da verliessen
sie das Grab und flohen. Denn Schrecken und Entsetzen hatte sie
gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten
sich» (Mk 16,8). Sie, das sind drei Frauen, Maria aus Magdala,
Maria, die Mutter des Jakobus und Salome, die Jesus schon in Galiläa
nachgefolgt waren (Mk 15,41) und die jetzt mit wohlriechenden Ölen
zum Grab kommen, um den toten Jesus zu salben. Die männlichen
Jünger sind zu diesem Zeitpunkt schon lange aus der Erzählung
verschwunden. Der Letzte, von dem erzählt wird, ist Petrus,
der Jesus verleugnet (Kapitel 14). Das passt zu ihrem Bild im gesamten
Markusevangelium. Das Motiv des sogenannten «Jüngerunverständnisses»
ist in der Exegese immer wieder als typisch markinisch herausgestellt
worden. Die Männer, die Jesus nahestehen, verstehen ihn nicht,
sie folgen ihm nicht nach. Den Frauen, die ihn bis zum Kreuz und
zum Grab begleiten, fährt am Ende der Schrecken in die Glieder
und sie verstummen. Monika Fander fasst das markinische Bild der
Jüngerinnen und Jünger zusammen: «Die wichtigsten
Personen im Markusevangelium sind entweder verwirrt oder verstehen
nicht, wer Jesus ist und die Bedeutung dessen, was geschieht. Und
alle sind sie mit Sprachlosigkeit geschlagen.»1 Für Ina
Prätorius ist die Erfahrung der Jüngerinnen und Jünger
all denen vertraut, die schon einmal einen geliebten Menschen verloren
haben. «Es fühlt sich an, als seien nicht nur der Verstorbene,
sondern auch die Zurückgebleibenden hinabgestiegen in das Reich
des Todes. Die einen lassen alles stehen und liegen und machen sich
davon
Die anderen versuchen, irgendwie weiter zu funktionieren.
Das Leben muss schliesslich weitergehen, sagt man, wenn
man nach einem Todesfall die gewohnten Beschäftigungen wieder
aufnimmt.»2
Der Tag dazwischen
Was ist das für ein Evangelium, das seine zentralen Figuren,
die doch wohl Identifikationsfiguren für die Leserinnen und
Leser sein sollen, so darstellt?
Das Markusevangelium beginnt mit macht und hoffnungsvollen Worten:
«Anfang der Heilsbotschaft von Jesus, dem Messias, Gottes
Sohn
Erfüllt ist die Zeit und genaht das Königtum
Gottes. Kehrt um! Und: Glaubt der Heilsbotschaft!» (Mk 1,1
und 1,15 in der Übersetzung von Fridolin Stier). Die theologischen
Leitworte dieses Anfangs (Heilsbotschaft/ Evangelium, Messias, Sohn
Gottes, Umkehr) werden aber auffälligerweise in den folgenden
Kapiteln nicht wieder aufgegriff en. In 1,158,26 ist keine
Rede davon. Den macht- und hoffnungsvollen Worten folgt nicht die
Erzählung ihrer Entfaltung. Das Markusevangelium erzählt
keine nahtlose Geschichte, sondern im Gegenteil: Es erzählt
die Geschichte eines tief greifenden Bruchs.
Und obwohl die letzten Verse des Evangeliums «in aller Frühe
am ersten Tag der Woche» (16,2) spielen, also liturgisch gesehen
am Ostersonntag, scheint das Markusevangelium nicht wirklich über
den Karsamstag hinauszuführen. Ist das Markusevangelium das
Evangelium des Karsamstags? Der Karsamstag ist der Tag zwischen
Karfreitag und Ostersonntag. Diese beiden Tage verdichten in der
christlichen Tradition menschliche Erfahrungen: der Karfreitag die
Erfahrung von Grenzen und Leid, die Begegnung mit dem Tod; der Ostersonntag
die Erfahrung von Neuanfängen, aufrechtem Gang, die Hoffnung
auf die Fülle des Lebens über den Tod hinaus. Der Karsamstag
«liegt zwischen Tod und Leben, theologisch gesprochen zwischen
Kreuz und Auferstehung».3 Er ist eine Zwischenzeit. Er erinnert
uns daran, dass es in jedem Leben lähmende Zwischenzeiten gibt.
Wenn das Markusevangelium ein Karsamstagsevangelium ist, von welcher
lähmenden Zwischenzeit erzählt es?
Das Trauma des Jüdischen Krieges
Das Markusevangelium entstand so die vorherrschende Meinung
in der Exegese um das Jahr 70. Das heisst, es entstand genau
in der Zeit des ersten Jüdischen Krieges gegen das Römische
Imperium. Im Jahr 67 entsendet Kaiser Vespasian Truppen nach Palästina,
um einen Aufstand in Galiläa niederzuschlagen. Die 60 000 Legionäre
und Hilfstruppen führen den Krieg mit entsetzlicher Grausamkeit,
Zehntausende werden bestialisch ermordet, Jerusalem und der Tempel
werden zerstört. Ist es denkbar, dass die Geschichte Jesu,
der in Galiäa und Jerusalem wirkte, der dem Volk Israel das
Reich Gottes verkündete, im Jahr 70 erzählt und aufgeschrieben
wird, ohne dass die traumatische Erfahrung dieses Krieges dabei
eine Rolle spielte?
Liegt es nicht viel näher, davon auszugehen, dass der Jüdische
Krieg der Hintergrund des Markusevangeliums ist? Dass sich Markus
und seiner Gemeinde folgende drängende Fragen stellen. Wo war
Gott bei der Zerstörung Jerusalems? Wo ist das verkündigte
Reich Gottes? Wie konnte eine solche Katastrophe nach dem Tod und
der Auferstehung Jesu noch geschehen? Welchen Sinn hat die Rede
von der Auferstehung eines Einzelnen angesichts der Leichenberge
in Palästina?
Müssen wir das Markusevangelium nicht als Versuch lesen, die
Kriegserlebnisse zu verarbeiten?4 Monika Fander liest es so. Sie
weist darauf hin, dass der Weg Jesu so wie Markus ihn schildert
dem Verlauf des Krieges folgt. Die Hauptschauplätze
sind identisch: Galiäa und Jerusalem. Nur hier gibt es grössere
Kampfhandlungen; der Krieg, der in Galiläa beginnt, entscheidet
sich schliesslich in Jerusalem und endet in einem Wald von Kreuzen.
Auch Jesus zieht von Galiläa nach Jerusalem und zwar genau
entlang der Route des römischen Heeres ab 67 wie sie
von Josephus Flavius berichtet wird. Jesus kündigt auf diesem
Weg dreimal sein Leiden an und macht Jerusalem als Ort der Entscheidung
und der Passion deutlich. Am Ende des Krieges ist die Bevölkerung
Jerusalems teils während der Belagerung verhungert, teils ermordet,
teils in die Sklaverei verkauft, die Stadt selbst ist völlig
verwüstet. Das Markusevangelium führt über Golgota
zum Grab, zu einem wüsten Ort, zum Ort der Toten.
Die Krise des Auferstehungsglaubens
Das Markusevangelium endet mit Entsetzen und Sprachlosigkeit. Die
Auferstehungsbotschaft wird nicht weitererzählt. Denn die Ereignisse
des Jahres 70 bringen die christliche Auferstehungsbotschaft in
die schwerstmögliche Krise. Andreas Bedenbender formuliert
sie so: «Wenn ein Menschenalter nach dem ersten Osterruf:
Er ist auferstanden! keine allgemeine Auferstehung, kein universaler
Anbruch der Gottesherrschaft gekommen ist, sondern zehntausendfaches
Sterben und der Untergang Jerusalems ist es dann nicht Zeit
für das Eingeständnis, dass die Botschaft des Evangeliums
blosses Gerede war? Oder anders: Wenn die Auferstehungsbotschaft
kein Gerde war, dann muss sich die christliche Gemeinde
nun
auf einmal mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass sie
selbst von Auferstehung immer schon eine falsche Vorstellung
gehabt haben mochte».5
Die Vorstellung einer massiven Krise des Auferstehungsglaubens
wirft ein neues Licht auf die auffälligen Züge des Markusevangeliums,
von denen oben die Rede war: auf den Beginn mit den macht und hoffnungsvollen
Worten, die dann nicht entfaltet werden und gleichsam abbrechen;
auf das Motiv des «Jüngerunverständnisses»;
und auf den Schrecken und das Verstummen der Frauen am Grab. Die
Jüngerinnen und Jünger verkörpern die Krise des christlichen
Glaubens, den Verlust der christologischen Sprache. Markus gibt
dem Unverständnis und der Sprachlosigkeit der Jüngerinnen
und Jünger in seinem Evangelium grossen Raum. «Er räumt
der Verzweiflung ein gewisses, zumindest nachvollziehbares Recht
ein».6 Angesichts des furchtbaren Kriegstraumas sind Erstarrung,
Verzweiflung und Sprachlosigkeit normal und verständlich. Und
eine allzu schnelle tröstliche Antwort wäre wohl nur Vertröstung,
sie würde kaum wirklich tragen. Vor den Trümmern und den
Leichenbergen Jerusalems wäre eine triumphierende Auferstehungsbotschaft
nur zynisch. Markus widersteht dem. Er hält das Erstarren und
Verstummen seiner Hauptpersonen (und vieler seiner Leserinnen und
Leser) aus. Monika Fander verweist auf Studien über Frauen,
die Opfer von sexuellem Missbrauch wurden. Darin wird deutlich,
dass die Bearbeitung traumatischer Erfahrungen sehr viel Zeit braucht.
Und auch der markinische Ausdruck «sie erzählten niemandem
etwas davon» gewinnt auf diesem Hintergrund neue Bedeutung.7
Die Zeit, die es für die Bearbeitung von traumatischen Erfahrungen
braucht, heisst theologisch Karsamstag. Das Markusevangelium gibt
den Karsamstagserfahrungen, die sich manchmal unerträglich
in die Länge ziehen, ihre Zeit und ihren Raum.
Wege aus der Sprachlosigkeit
Das Markusevangelium gibt aber den Auferstehungsglauben nicht auf.
Es trägt die Botschaft des Evangeliums weiter und weist vorsichtig
Wege über die Sprachlosigkeit hinaus. Das Aushalten des Erstarrens
und Verstummens ist vermutlich bereits der erste und wichtigste
Schritt dazu. Die Hauptpersonen im Evangelium bleiben hier stehen.
Markus richtet seinen Blick dafür in besonderer Weise auf seine
Leserinnen und Leser. Sie wissen mehr als die Personen im Text.
Sie wissen ja von der ersten Zeile an, dass Jesus der Messias, der
Sohn Gottes ist. Bei der ersten Szene des Evangeliums, die von Jesus
erzählt, seiner Taufe am Jordan (1,911) sind die
Leserinnen und Leser die einzigen Zeugen des Geschehens. Nur sie
erfahren von dem, was ansonsten ausschliesslich Jesus hört
und sieht: Dass der Himmel sich öffnet und der Geist Gottes
herabkommt, dass eine Stimme aus dem Himmel Jesus als geliebten
Sohn bezeichnet. Von den Jüngerinnen und Jüngern ist zu
diesem Zeitpunkt noch gar keine Rede. Was bedeutet diese Ausrichtung
auf die Leserinnen und Leser auf dem Hintergrund der Krise des Auferstehungsglaubens?
Welche Wege aus der Sprachlosigkeit ergeben sich dadurch?
Es geht darum so meine These etwas zu lernen. In-
und auswendig zu lernen, sich anzueignen, zu verinnerlichen und
es zu praktizieren.8 Mit dieser Hochschätzung des Lernens steht
Markus in der jüdischen Tradition. Das Lernen der biblischen
Überlieferung im beschriebenen Sinn ist im Judentum immer zentral
gewesen und bis heute geblieben. Der Talmud hat eine eigene Regel
für das Auswendiglernen im Schulunterricht entwickelt. Sie
besteht darin, die Texte, die gelernt werden sollen, viermal zu
wiederholen. Durch viermalige Wiederholung hätten schon die
Israelitinnen und Israeliten am Sinai die Tora auswendig gelernt
und zwar folgendermassen:
Moses lernte im Begegnungszelt von Gott, dann trat sein Bruder
Aaron ein und Moses wiederholte für ihn das Empfangene. Aaron
setzte sich, seine Kinder traten ein und Moses wiederholte zum zweiten
Mal. Sie setzten sich, die Ältesten traten ein und Moses wiederholte
zum dritten Mal. Die Ältesten setzten sich, das Volk trat ein
und Moses wiederholte zum vierten Mal. So hörte Aaron viermal,
seine Kinder dreimal, die Ältesten zweimal und das ganze Volk
einmal. Daraufhin verliess Moses das Begegnungzelt und Aaron wiederholte
noch einmal, dann ging Aaron und seine Kinder wiederholten, dann
gingen sie und die Ältesten wiederholten so hörten
alle viermal die Überlieferung (bEr 54b).9
Diese Struktur von Wiederholungen lässt sich auch im «Herzstück
des Markusevangeliums» (Martin Ebner), dem Weg von Galiläa
nach Jerusalem (Mk 8,2710,52) erkennen. Es ist gegliedert
durch drei Leidens- und Auferstehungsankündigungen Jesu: Mk
8,3132; 9,3032; 10,3234. Ihre Gemeinsamkeiten
sind auffallend, zum Teil gibt es wörtliche Übereinstimmungen.
Für Hermann-Josef Venetz erwecken diese drei Ankündigungen
«den Eindruck, als ob etwas eingehämmert werden müsste».10
Was hier eingehämmert, was in- und auswendig gelernt werden
soll, das erinnert Venetz an das urchristliche Glaubensbekenntnis,
das Paulus im Ersten Korintherbrief überliefert: «Christus
ist für unsere Sünden gestorben gemäss der Schrift,
er ist begraben worden, er ist auferweckt worden am dritten Tag
gemäss der Schrift» (1Kor 15,35). Dabei geht es
aber um mehr als darum, dieses Glaubensbekenntnis auswendig zu lernen
und es hersagen zu können. Im Herzstück des Evangeliums
geht es um ein existentielles Verinnerlichen und Sich-Aneignen im
Vollzug. Es geht darum, das Gelernte zu praktizieren, mit ihm auf
dem Weg zu sein, auf dem Weg des eigenen Lebens.
Die vierte Wiederholung
Die Jüngerinnen und Jünger hören diesen «Lernstoff
» dreimal. Wo bleibt die vierte Wiederholung? Sie soll sich
im Leben der Leserinnen und Leser des Evangeliums ereignen. Dabei
ist sich das Evangelium sehr wohl bewusst, dass das alles andere
als einfach ist. Die Jüngerinnen und Jünger verkörpern
ja auf drastische Weise die Schwierigkeiten diesem Lernstoff gegenüber.
Die Leserinnen und Leser sind also vorgewarnt. Sie werden vom Evangelium
auf die Blinden verwiesen, die sehend wurden und deren Heilungserzählung
den Weg Jesu mit den drei Ankündigungen an die Jüngerinnen
und Jünger einrahmen (Mk 8,2226; 10,4652). Sie
werden eingeladen wie der blinde Bartimäus, dessen Geschichte
die Wegerzählung abschliesst, Jesus zu bestürmen und zu
schreien, dass ihnen doch endlich die Augen geöffnet werden.
Noch einmal von vorne lesen
Wer im Jahr 70 die Augen öffnet, sieht die Leichenberge von
Jerusalem. Wie kann es gelingen, trotzdem, trotz allem, was geschehen
ist, noch etwas anderes zu erkennen? Das Markusevangelium verweist
am Schluss auf seinen Anfang zurück. Die Frauen am Grab werden
auf den Weg nach Galiläa geschickt. Dorthin ist ihnen Jesus,
der Auferstandene vorausgegangen. «Dort werdet ihr ihn sehen,
wie er es euch gesagt hat» (16,7). In Galiläa liegt die
Zeit des heilsamen und aufrichtenden Wirkens Jesu und der Menschen,
die ihm nachfolgen. Dort verbreitet sich die Kunde von seiner Botschaft
«wie ein Lauffeuer» (1,28). Dort können die Stummen
eine neue Sprache finden. Der Auftrag nach Galiläa zu gehen
bedeutet sich an die Anfänge zu erinnern, die Geschichte von
Jesus, dem Messias, vom Ende her noch einmal neu von Anfang an zu
lesen. Wenn die Menschen in Mk 16,8 verstummen, wenn nach der Zerstörung
Jerusalems die Worte «Er ist auferstanden!» nicht mehr
über die Lippen kommen wollen, dann kann es helfen, das, was
geschehen ist, noch einmal zu lesen, es im Licht der Botschaft von
der Auferstehung zu betrachten, von der am Grab die Rede ist. Mit
dem Wissen um das Ende des Textes «setzt sich das, was unverständlich,
leidvoll und sinnlos erscheint, wie die einzelnen Teile eines Mosaiks
zu einem sinnvollen Ganzen zusammen».11 Das ist eine Erfahrung,
wie wir sie in unseren Biografien auch machen. Erst im Rückblick
wird manchmal im Geschehenen ein Sinn erkennbar.
Mit dem Rückverweis auf das frühere Geschehen, auf den
Anfang der Geschichte, folgt das Markusevangelium der Struktur der
fortlaufenden Toralesung in der Synagoge. Die Tora endet mit dem
Tod des Mose und der Trauer um ihn in Dtn 34. Sie schliesst mit
dem Ausblick auf das Gelobte Land, nicht mit Jubel über sein
Erreichen. Die letzten Verse richten den Blick zurück. Sie
erinnern noch einmal an die Leiden des Volkes in Ägypten und
die Zeichen und Wunder zu seiner Rettung, die im Volk Schrecken
hervorriefen. Die Parallelen zum Schluss des Markusevangeliums sind
deutlich. Nach Dtn 34,12 wird in der Synagoge Gen 1,1 gelesen: «Im
Anfang». So geht auch Mk 16,8 mit Mk 1,1 weiter: «Anfang
des Evangeliums». Der Anfang des Markusevangeliums zitiert
den Anfang der Tora. Das Schöpfungslied von Gen 1 entstand
aus der Erfahrung des Babylonischen Exils. Es versucht die Zerstörung
Jerusalems und des Tempels, das Leid des Krieges und die Deportationen
zu verarbeiten. Zeigt sich darin nicht die Ohnmacht und das Schweigen
Gottes wie der Psalm 22 klagt, den Jesus am Kreuz betet (Mk 15,34)?
Auch das Exil war eine existentielle und theologische Katastrophe,
ein Trauma. Auch es führte zu einer tiefen Glaubenskrise. Das
Schöpfungslied ist Ausdruck eines Neu anfangs nach dem Exil.
Es antwortet auf die Frage: Wer ist Herr über die lebensfeindlichen
Chaosmächte? Die Antwort ist ein Hymnus auf Gottes Schöpfungsmacht.
Sie vermag die Finsternis und das Chaos zurückzudrängen
und aus dem Tohuwabohu fruchtbare und bewohnbare Erde zu machen.
Das Markusevangelium knüpft daran an.
Traumabewältigung im Zeitraffer
Wenn nach dem Ende der Toralesung ihr Anfang bzw. nach Mk 16,8
Mk 1,1 gelesen wird, dann «wird in einer Art Zeitraffer die
mögliche Bewältigung einer traumatischen Erfahrung geschildert».12
Diese Bewältigung ist aber kein Automatismus, sie kann auch
scheitern. Ob man in der Erstarrung verbleibt oder im Geschehenen
Spuren des neuen Lebens, der Auferstehung, entdeckt, ist off en.
Vom Unverständnis zum Verstehen, von der Blindheit zum Sehen,
von der Furcht zum Glauben führt kein zwingender Beweis. Der
Weg dorthin ist nicht in einer Landkarte aufgezeichnet und auch
nicht im Markusevangelium beschrieben. «Der Schritt von der
Verzweiflung zur Rettung bleibt ein qualitativer Sprung: vom Nichtvertrauen
ins Vertrauen.»13
Es bedarf eines Sprunges, der Entscheidung für einen Perspektivenwechsel,
für den Glauben, dass Zerstörung und Chaos nicht die Übermacht
behalten, sondern der Geist Gottes über den Wassern schwebt.
Damit wird die Welt nicht zur Idylle verharmlost, die Todesmächte
verschwinden nicht einfach. Die Bibel leitet an zum Leben in der
realen Welt, in der noch unbefreiten Schöpfung. Das Markusevangelium
spricht vom Weg der Nachfolge des Gekreuzigten. Jesus ist der Messias,
auf den das Volk hofft. Er ist es aber als Leidender. Auch dafür
gibt es ein biblisches Vorbild, das in den Liedern vom Gottesknecht
bei Jesaja Ausdruck findet. Der Gottesknecht, das Volk Israel und
Jesus werden nicht durch ein gewaltiges Eingreifen Gottes gerettet.
Der Weg durch das Leid führt zu neuem Leben. Was im Markusevangelium
als Abbruch erscheint, kann durch die Auferweckung in ein ganz neues
Licht gestellt werden. Vordergründig haben sich die Todesmächte
durchgesetzt. Aber der Leidende überlebt sie. Er wird von Gott
neu geschaffen. Dieser Glaube und diese Hoffnung gilt für Jesus,
für die Gekreuzigten des jüdischen Krieges und für
alle Opfer der Geschichte. Sie sollen erinnert, von ihnen soll erzählt
werden.
Karsamstag: Mit den Frauen am Grab
Das Karsamstagsevangelium des Markus endet mit den Frauen am Grab.
Sie kamen mit wohlriechenden Ölen, um den Leichnam Jesu zu
salben, wie die salbende Frau in Betanien, die den Leib Jesu im
Voraus für das Begräbnis salbt (Mk 14,8). Von ihr heisst
es: «Überall auf der Welt, wo das Evangelium verkündet
wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan
hat.» Auch die salbenden Frauen am Grab sollen erinnert, auch
von ihnen soll erzählt werden. Sie hören von der Auferstehung.
Was das bei ihnen bewirkt, bleibt offen. Der Karsamstag ist der
Tag der Menschen, die nicht wissen, ob sie an die Botschaft von
der Auferstehung glauben können und die dennoch weiterleben
und trotz aller Verzweiflung für das Leben arbeiten. Ina Prätorius
nennt das «Weiterleben und Weitermachen ins Ungewisse hinein,
trotz Krieg, trotz Klimawandel, trotz Tod» eine karsamstägliche
Frömmigkeit. Eine solche Frömmigkeit hat Folgen auch für
Ostern. «Karsamstäglich begangen wäre der Ostersonntag
nicht der Tag des triumphierenden Glaubens, sondern des ungläubigen
Staunens.»14
1 Monika Fander: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich
verlassen?» (Kriegs-) Traumatisierung als Thema des Markusevangeliums
in: Elisabeth Moltmann-Wendel / Renate Kirchhoff (Hrsg.): Christologie
im Lebensbezug. Göttingen 2005, 135.
2 Ina Prätorius: Karsamstag in: Dies.: Gott dazwischen. Eine
unfertige Theologie. Ostfildern 2008, 82 f.
3 Ebd., 80.
4 Monika Fander, die diese Frage stellt, folgt dabei einer Markusauslegung
aus dem Lehrhaus in Berlin, die von Andreas Bedenbender in der Zeitschrift
Texte und Kontexte (3/1995, 4/1995, 1+2/1998, 3/2007 und 1/2008)
ausführlich vorgestellt wurde.
5 Andreas Bedenbender, zitiert nach Fander (wie Anm. 1), 133.
6 Fander (wie Anm. 1), 136.
7 Ebd., 15.
8 Vgl. den gerade neu erschienenen Band der Reihe Werkstatt Bibel:
Peter Zürn (Hrsg.): Erinnern und erzählen. Das Markusevangelium
in- und auswendig lernen. Stuttgart 2008.
9 Nach David Krochmalnik: Im Garten der Schrift. Wie Juden die Bibel
lesen. Augsburg 2006, 29.
10 Hermann-Josef Venetz: Auf dem Weg nach Galiläa. Der Erzählentwurf
des ältesten Evangeliums, in: Bibel und Kirche 3/2007, 148.
11 Fander (wie Anm. 1), 150.
12 Ebd., 140.
13 Ebd., 155.
14 Prätorius (wie Anm. 2), 85
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