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Jona

Vortrag zu den Bildern der Seitenaltäre der Stadtkirche Baden

Die Bilder der Seitenaltäre, die wir bisher betrachtet haben, haben eine relativ aussergewöhnliche Zusammenstellung von alt- und neutestamentlichen Motiven gezeigt: Maria auf der Arche, Abel beim Abendmahl, die eherne Schlange an der Krippe – das sieht man nicht so oft.
Die vier Bilder auf den Seitenaltären direkt neben dem Chorraum zeigen eine Zusammenstellung von Motiven, wie sie in der christlichen Kunst und Theologie sehr oft vorkommt:
Die Opferung Isaaks und die Kreuzigung Jesu sowie die Rettung des Jona nach drei Tagen im Bauch des Fisches und die Auferstehung Jesu am dritten Tag.
Die traditionelle Deutung ist die der Typologie. Die Szenen aus dem Alten Testament sind Typen, Vor-Bilder, Vorausbilder für das spätere Geschehen um Jesus.
Also so wie Jona drei Tage im Bauch des Fisches war, so war Jesus drei Tage im Rachen des Todes. Und so wie Abraham bereit ist, seinen Sohn Isaak zu opfern, so ist auch Gott bereit, seinen Sohn am Kreuz für uns zu opfern.
Mit dieser Vorstellung ist meist eine Überbietung verbunden: was in Isaak und Abraham bzw. in Jona vorgebildet war, das kommt in Jesus endgültig zur Erfüllung.
Nichts gegen dieses Deutung. Aber sie macht aus dem Gespräch zwischen Bibeltexten eine Einbahnstrasse. Das Gespräch läuft nur in eine Richtung, es ist gleichsam ein Frage-Antwort-Spiel. Das Alte Testament stellt die Frage, das Neue Testament gibt die Antwort. Das Alte Testament ist die Verheissung, das Neue Testament ist die Erfüllung.
Ich mag solche Einbahn-Gespräche nicht besonders. Viel inspirierender, viel lebendiger sind doch offene Gespräche, ein Hin und Her, ein Suchen und ein Ringen um die Wahrheit, um das was sich be-währen könnte und früher bereits bewährt hat, im Leben von glaubenden und suchenden Menschen.

Schauen wir uns daraufhin die Geschichte von Jona genauer an. Das Buch Jona ist kein historisches Text. Es handelt von einem Propheten, der nach Ninive, in die Hauptstadt des assyrischen Grossreiches geschickt wird. Er soll der Stadt das drohende Strafgericht androhen. Das Buch Jona ist geschrieben worden, lange nachdem Ninive, die grosse und mächtige Stadt und mit ihr das Assysrerreich untergegangen ist. Es ist viele hundert Jahre später geschrieben worden. Zur Zeit seiner Entstehung waren andere Städte und andere Reiche an der Macht. Das Buch Jona handelt nicht von einem bestimmten historischen Propheten und seinem ganz konkreten Auftrag, sondern von einem grundsätzlichen Problem, das sich immer wieder im Verlauf der Geschichte stellt, auch über die biblische Zeit hinaus – bis heute. Dabei ist die Wahl der Stadt Ninive für das Lehrstück aber trotzdem wichtig. Unter dem Assysrerreich mit seiner Haptstadt Ninive hat das Volk Israel entsetzlich gelitten. Im Jahr 722 wurde das Nordreich erobert und zerstört, die Bevölkerung gefangen genommen und deportiert, Menschen aus anderen Gegenden wurden angesiedelt. Die Grausamkeit der assyrischen Kriegsführung und Politik war sprichwörtlich. Das Wort Assur löste damals Angst und Schrecken aus. Dieses Bild von Assur war noch in den Köpfen der Menschen gegenwärtig als viele hundert Jahre später das Buch Jona entstand. Es ist schwierig mit historischen Vergleichen, vor allem mit Vergleichen in denen der Nationalsozialismus vorkommt, aber ich wage es. Das Buch Jona in die Gegenwart übertragen könnte davon handeln, dass Gott einen Propheten 1941 nach Berlin schickt ins Führerhauptquartier, damit er dort die Menschen zur Umkehr aufruft.

Das Jonabuch stellt die Frage: Räumt der biblische Gott der Schöpfung allen Menschen, egal was sie getan haben, die Chance zur Umkehr ein? Ist er ein Gott der grenzenlosen Liebe zu allem Lebendigen? Sind wir, weil wir die Ebenbilder dieses Gottes sind, dazu herausgefordert und liebevoll eingeladen, es ihm gleichzutun?
Die Antwort des Jonabuches ist ein klares JA. Was wir gerne als Besonderheit des Neuen Testamentes und der Botschaft Jesu verstehen, ist auch die Botschaft des Alten Testamentes.
Umkehr, Vergebung, Neuanfänge sind Auferstehungserfahrungen. Nicht die Mächte des Todes haben das letzte Wort, sondern das Leben.

Wir können Gott leichter nachahmen, wenn wir entsprechende Erfahrungen machen oder solche Erfahrungen erinnern: im Lehrbuch ermöglicht Gott dem Jona eine solche Erfahrung: er lässt ihm in der heissen Wüste einen Rhizinusstrauch als Schattenspender wachsen.

Vielleicht ist dieser Strauch auf unserem Altarbild rechts unten zu sehen. Und dann schickt Gott einen Wurm, der den Strauch anfrisst, so dass er verdorrt. Jona tut es leid um den Strauch und Gott macht ihm klar:
„Dir tut es leid um den Rhizinusstrauch, für den du nicht gearbeitet und den du nicht grossgezogen hast ... Mir aber sollte es nicht leid tun um Ninive, die grosse Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben – und ausserdem so viel Vieh?“(Jona 4,10f.)
Die Geschichte hat durchaus humorvolle Züge. Ein bisschen macht sich Gott, machen sich die Autorinnen und Autoren der Geschichte über den Jona in uns allen lustig – auch wenn es durchaus um etwas Ernstes geht.
Der Rhizinusstrauch steht für all das, was wir unverdient und ohne Gegenleistung geschenkt bekommen, letztlich für unser Leben. Wir erhalten alles, was wir zum Leben brauchen, geschenkt. Wir verdanken uns nicht uns selbst, sondern Menschen, die vor uns da waren und die verdanken sich wieder Menschen, die vor ihnen waren und so immer weiter zurück bis zum Geheimnis Gottes, in dem all das geschenkte Leben gründet. Die Erinnerung an unser Geborensein in ein geschenktes Leben ist unser Rhizinusstrauch. Wenn wir uns an das Geschenk unserer ersten Geburt erinnern, dann können wir leichter in neue Geburten einwilligen, neue Anfänge wagen, Auferstehungserfahrungen machen. Und dann stärkt das unsere Hoffnung darauf, dass auch der Tod nichts anderes ist, als ein neue Geborenwerden, der Anfang eines neuen Lebens, der Übergang zur Auferstehung. Jona macht auf unserem Altarbild eine Auferstehungserfahrung.