|
Copy and paste
Zum Evangelium am 2. Sonntag der Osterzeit
Joh 20,1931; Ez 37,1-14
|
Die junge Autorin Helene Hegemann hat Schlagzeilen gemacht, weil
sie Teile ihres Erfolgromanes «Axolotl Roadkill» abgeschrieben
hat. Die Computerbefehle «Kopieren» und «Einfügen»
(engl. copy & paste) erleichtern so etwas ungemein. Auch ich
habe grosse Teile dieses Artikels abgeschrieben1. Ich setze das
Übernommene im letzten Abschnitt in einen aktuellen Kontext
den Missbrauchsskandal in der Kirche. Da wird es ganz neu
brisant. Auch die Bibeltexte, um die es hier geht, nehmen vorliegende
Texte auf, erzählen bereits bestehende Geschichten in neuen
Kontexten noch einmal, damit sie weiter und wieder neu wirken.
Mit Johannes im Gespräch (1)
Beim heutigen Evangelium wird meist der zweite Teil, die Erzählung
vom «ungläubigen Thomas», wahrgenommen. Heute soll
es um den ersten Teil, Joh 20,1923 gehen. Besonders wichtig
ist mir daran:
1. Im Johannesevangelium wird die Gabe des Geistes an die Gemeinde
am Abend des Auferstehungstages erzählt. Ostern und Pfingsten
fallen also zusammen.
2. Die Gabe des Geistes geschieht nicht mit Sturmbraus und Feuer,
sondern leise und zart. Ein Hauch nur ist es, der die Gemeinde verwandelt.
3. Der Empfang des Geistes und die Verwandlung der Gemeinde geschehen
im Kontext der Krise und des Todes. Symbol dafür sind die verschlossenen
Türen. Die Jüngerinnen und Jünger sind voll Schrecken
und Trauer, Enttäuschung und Angst, ebenfalls verhaftet zu
werden. Sie sind unfähig, nach aussen zu gehen, abgeschnitten
vom Leben. Im Kontext des Todes befindet sich nach dem Johannesevangelium
aber auch die Welt, beziehungsweise die herrschende Weltordnung,
wie das griechische Wort «kosmos» wohl besser übersetzt
wird. Sie ist im Zustand der Sünde. Mit «hamartia»
sind nicht in erster Linie einzelne Sünden, sondern ist der
Zustand der Gottferne und des Todes gemeint. Diese Sünde soll
die geistbegabte Gemeinde erlassen können. Sündenvergebung
bedeutet den Übergang ins Leben, ist gleichsam neue Schöpfung.
Zusammengefasst heisst das: Der zarte Lebenshauch Gottes rettet
die Gemeinde aus dem Todesbereich und verleiht ihr die Kraft, die
Mächte des Todes aus der Welt zu schaffen. Die Gabe des Geistes
ist Neuschöpfung von Menschen und Welt ohne Sünde und
Tod. Geistgabe, Schöpfung und Auferstehung gehören untrennbar
zusammen.
«
was in den Schriften geschrieben steht»
Johannes steht mit seiner Theologie in engem Austausch mit anderen
biblischen Texten: Das «Einblasen» (griech. emphysao)
des Lebenshauches Gottes (Joh 20,22) bezieht sich auf die Schöpfungserzählung
in Gen 2,7. Wie Gott dem Menschen den Atem in die Nase bläst
und damit lebendig macht, so schenkt der Hauch des Auferstandenen
die Kraft zum neuen Leben. Johannes schlägt einen Bogen von
der Schöpfung des Menschen zur Neuschöpfung der Gemeinde.
In Gen 2 befähigt der Geist Gottes den Menschen, den Tieren
Namen zu geben. In Joh 20 befähigt er die Gemeinde, die Sünde
beim Namen zu nennen.
Als weitere Schriftstelle wird Ez 37,114 aufgenommen: «Die
Hand des Herrn legte sich auf mich und der Herr brachte mich im
Geist hinaus und versetzte mich mitten in die Ebene. Sie war voll
von Gebeinen. (
) So spricht Gott, der Herr, zu diesen Gebeinen:
Ich selbst bringe Geist in euch, dann werdet ihr lebendig. (
)
Da sprach ich als Prophet, wie er mir befohlen hatte, und es kam
Geist in sie. Sie wurden lebendig und standen auf ein grosses,
gewaltiges Heer. Er sagte zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind
das ganze Haus Israel. Jetzt sagt Israel: Ausgetrocknet sind unsere
Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren. Deshalb
tritt als Prophet auf und sag zu ihnen: So spricht Gott, der Herr:
Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren
Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel.
(
) Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig
und ich bringe euch wieder in euer Land. Dann werdet ihr erkennen,
dass ich der Herr bin.»
Ez 37 führt zum zerschlagenen Israel im Exil. Die Zerstörung
Jerusalems und des Tempels löste eine theologische Krise aus.
Inmitten der traumatischen Erfahrung und der herrschenden Hoffnungslosigkeit
entstehen neue Texte, die auf die Schöpfung zurückgreifen.
Die Rede vom Schöpfergott entwirft einen grösseren, anderen
Horizont als den der eigenen Erfahrung. Die Erfahrung wird in einen
weiteren Raum gestellt, in dem Schritte des Lebens gegangen werden
können. Das erfahrene Chaos wird überstiegen. Darin liegt
der Quell für die Hoffnung auf eine befreiende Zukunft. Zu
diesen Texten gehört Ez 37. Der Text geht genauso vor wie Joh
20: Er nimmt die Vorstellung von Gottes lebenschaffender «ruach»
aus Gen 1,1 auf und stellt sie in den Kontext des Todes, in eine
Ebene voller Knochen. Die Toten wurden nicht beerdigt, sie werden
nicht erinnert. Das Erlöschen der Erinnerung ist der endgültige
Tod. Durch das Handeln Gottes und seine Weiterführung durch
den Propheten kommt Geist in die Knochen, sie leben und sie stehen
auf (37,9). Warum wird das Aufstehen eigens erwähnt? Die Füsse
verkörpern die Fähigkeit, eigene Schritte tun zu können,
wieder selbständig zu sein. Wer aufsteht, gewinnt die Zukunft.
Was zuerst allgemein formuliert wurde, wird dann explizit auf das
Volk Israel bezogen (37,1114). Die Hoffnungslosigkeit wird
ins Wort gebracht. Gott erweist sich aber als der Gott, der aus
dem Exil, aus den Gräbern, aus dem Tod führt. Darin bleibt
er seinem schöpferischen und lebeneinhauchenden Wirken treu.
Darin zeigt sich seine Treue seinem Volk gegenüber. Treue bedeutet
im Buch Ezechiel, dass gottfernes Handeln nicht folgenlos bleibt,
sondern zum Gericht führt. Treue bedeutet aber auch, dass durch
das Gericht hindurch Versöhnung und Zukunft zugesagt sind.
An dieser Treue wird der Gott Israels erkannt. Schuld und Versagen,
das Leben im Bereich des Todes, johanneisch ausgedrückt: die
Sünde, haben nicht das letzte Wort.
Mit Johannes im Gespräch (2)
Das Einhauchen des Geistes verleiht nicht nur die Macht, die Sünden
zu vergeben, sondern auch sie «zu behalten» oder «fest
zu halten» (so die wörtlichere Übersetzung des griechischen
Wortes «krateo» in 20,23). Der Gemeinde wird grosse
Macht und Verantwortung zugesprochen. In der gegenwärtigen
Krise, in der aufgedeckt wird, dass Macht in der Kirche missbraucht
und Verantwortung in der Kirche nicht wahrgenommen wurde, ist das
eine wichtige Herausforderung. Heute gilt es, weniger die Welt-
als die Kirchenordnung im Zustand der Sünde und Gottferne zu
erkennen und anzunehmen. Wir sind ermächtigt und beauftragt,
die Verantwortung für den Umgang damit fest bei uns zu behalten,
Sünden zu benennen und zu unterscheiden, wann wir von Vergebung
sprechen und wann nicht. So klärt sich vielleicht, was Vergebung
der Sünden nicht sein kann: die Opfer allein lassen, die Taten
verschweigen, das Vergessen fördern und verhindern, dass die
Verantwortlichen ihre Verantwortung übernehmen. Ein Hauch eines
anderen Umgangs würde schon vieles in der Kirche zu mehr Lebendigkeit
verwandeln. Ezechiel verheisst Leben, das sich im Aufstehen und
im Gehen von neuen Wegen zeigt.
Peter Zürn, Theologe und Familienmann, ist Fachmitarbeiter
der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen
Bibelwerks in Zürich.
1 Ulrike Bechmann: Die Verwandlungskraft des Geistes Gottes am
Beispiel von Ez 37,114 und Joh 20,1923 in: Bibel und
Kirche 2/2009 zum Thema «Auferstehung Leben trotz Tod»,
8792.
|