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Stolpersteine für Menschenfischer
Zu den Lesungen am 3. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Jes 8,239,3
Evangelium: Mt 4,1223
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Die Bibel «mit Israel [zu] lesen», ist die erklärte
Absicht dieser Reihe. Wie liest «Israel» biblische Texte?
Drei wesentliche Formen der rabbinischen Bibelauslegung werden hier
an den Lesungstexten erprobt:
den Text Wort für Wort und mit Blick auf die Stolpersteine
lesen,
den Text mit anderen Texten verknüpfen,
nicht nach der einen richtigen Deutung des Textes suchen,
sondern vielfältige Deutungen ins Gespräch bringen.
Daraus ergeben sich vielfältige Anknüpfungspunkte für
eine Predigt.
Mit Israel lesen
Der erste Vers der Lesung ist nicht einfach zu übersetzen.
Das zeigt nur schon ein Vergleich der Einheitsübersetzung (EÜ,
nicht abgedruckt) mit der Übersetzung von Martin Buber und
Franz Rosenzweig (B-R):
«Denn wird düster nicht bald, dem nun bang ist? Zog
zur Stunde der Frühre noch leicht gegen es an, nur übers
Land Sbulun, nur übers Land Naftali hin, überzieht der
Spätre es wuchtend, den Meerweg, das Jenseits des Jordans,
den Weltstämmekreis.»
Die EÜ gestaltet den Vers wohl parallel zu den Versen 9,12
als Hoffnungsbotschaft. Bei B-R löst sich die Dunkelheit nicht
so einfach auf. Kommen die genannten Länder und Regionen in
der EÜ später zu Ehren, so werden sie bei B-R nicht mehr
nur leicht, sondern mit Wucht überzogen. Wirkt die EÜ
so, als handle es sich bei der Strasse am Meer, dem Land Jenseits
des Jordans und dem Gebiet der Heiden um weitere Bezeichnungen für
die Länder Naftali und Sebulon, so klingt in B-R eine Ausweitung
des Horizontes an: zuerst nur Sebulon und Naftali, später der
gesamte Weltstämmekreis.
Den offenen Fragen dieses Verses steht die Klarheit der folgenden
Verse gegenüber: «Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht
ein helles Licht.» Es wirkt fast so, als beschreibe der Text
seine Wirkung auf die Lesenden. Während der erste Vers dunkel
bleibt und Stolpersteine in den Leseweg legt, geht jetzt den Lesenden
ein Licht auf. Christliche Übersetzungen scheinen es so zu
sehen. Geradezu sperrig dagegen die jüdische Übersetzung
von Buber und Rosenzweig. Sie steht damit in der Tradition jüdischer
Bibelauslegung, die gerade die Stolpersteine in den Texten interessieren.
Sie sind produktiv für die Auslegung. In Jesaja 3,6 heisst
es: «Und dieser Stolperstein ist unter deiner Hand (die Einheitsübersetzung
übersetzt hier: «Sei der Herr dieser Trümmer»).
Der Talmud folgert hieraus: «Kein Mensch kann die Worte der
Tora verstehen, bevor er darüber gestolpert ist» (bGit
43a).
Jes 8,23 bietet zahlreiche Stolpersteine. Lesen wir den Vers also
nicht zu schnell passend zu den folgenden Versen. Lösen wir
die Dunkelheit nicht zu schnell auf. Wohin führt das? Jüdische
Auslegung zielt nicht auf die eine, richtige Deutung ab, sondern
darauf, verschiedene Wege zu gehen. Hier ist einer davon. Viele
andere wären möglich.
Der genaue Blick auf Vers 23 zeigt, dass er für Finsternis
ein anderes Wort verwendet als 9,1. In 9,1 stehen sich «choschäk»
(Finsternis) und «or» (Licht) gegenüber. Das sind
die Ausdrücke, die sich auch im Schöpfungslied von Gen
1 finden. Das Licht, das hier aufstrahlt und die Finsternis besiegt,
ist das Licht von Gottes Schöpfungshandeln von Anbeginn an.
Anders in 8,23. Der Ausdruck «muap» findet sich nur
an dieser Stelle in der Bibel. Es ist eine ganz einmalige Finsternis,
eine ganz eigene Erfahrung von Dunkelheit. Gilt das nicht für
jede leidvolle und dunkle Erfahrung von Menschen? Sie ist immer
einzigartig, immer ganz individuell. Kein Leid ist vergleichbar.
Es darf und kann nicht durch den Vergleich mit anderen Erfahrungen
relativiert werden.
Neben der Finsternis «muap» steht in 8,23 die Not oder
Drangsal «muzap». Dieser Ausdruck fi ndet sich an einer
zweiten Stelle in der Bibel, in Hiob 36,16. Dort versucht Elihu,
einer von drei Freunden, das Leid Hiobs zu erklären und gibt
ihm gute Ratschläge, wie er sich verhalten soll:
«Den Geplagten rettet Gott durch seine Plage und öffnet
durch Bedrängnis sein Ohr, auch dich entreisst er dem Rachen
der Bedrängnis, in Weite stehst du, nicht in Enge, voll ist
deine Tafel von fetten Speisen ... Hüte dich und wende dich
nicht zum Bösen. Denn darum wirst du durch Leid geprüft»
(36,15f.21) muss sich Hiob anhören. Das hilft nicht
in seinem Leid, im Gegenteil. Eine solche Wirklichkeitsumdeutung
verschärft das Leid noch, ist selbst ein Teil der Drangsal,
die den verbliebenen Lebensraum weiter verengt. Dagegen schreit
und klagt Hiob an auch Gott.
Wenn das Leiden eines Menschen in seiner Einmaligkeit gewürdigt
wird, wenn die leidvolle Situation nicht weggedeutet und auf vertröstende
Ratschläge verzichtet wird, dann und erst dann
kann sich Raum auftun, in dem andere Erfahrungen erinnert und verheissen
werden können. Jes 9,13 tut das und erinnert ganz vorsichtig
durch vertraute Worte an die Schöpfung: Licht
tritt neben die Finsternis und Gott sieht, dass es gut ist. Das
Schöpfungslied von Gen 1 lädt ein und fordert uns als
Gottes Ebenbilder heraus, die Welt so zu sehen.
Jes 9,3 erinnert ausserdem ausdrücklich an historische Überlieferungen,
den Tag von Midian. Nach der Erzählung in Ri 7 erweist sich
eine kleine Schar von Israeliten stärker als die militärische
Übermacht ihrer Feinde. Der «Stock des Treibers»
verknüpft die Geschichte mit der Exodusüberlieferung (Ex
3,7). Ri 7 erzählt ausführlich von der Angst und der Furcht
der Israelitinnen und Israeliten, auch der Gideons (7,10). Aber
die Angst nimmt ihm nicht die Kraft, ins feindliche Lager zu gehen
und dort Träume zu belauschen. Und sie verhindert nicht, listige
und kreative Wege zu finden, den Konflikt auszutragen.
Mit der Kirche lesen
Nach Mt 4 zitiert Jesus Jes 8,239,1. Von Vers 8,23 interessieren
ihn nur die Ortsangaben. Ziel des Zitates ist es zu begründen,
warum seine öff entliche Verkündigung ausgerechnet von
Kafarnaum aus ihren Anfang nimmt, das doch im «Galiläa
der Heiden» liegt. Was ist von dort her schon zu erwarten
(vgl. Joh 7, 41.52)? Finsternis und Drangsal werden aber trotzdem
wahrgenommen: Jesus hört vom Schicksal des Täufers. Folgt
man der jüdischen Übersetzung (B-R) von Jes 8,23, dann
lässt das Matthäusevangelium im Ausdruck «Galilaia
ton ethnon» nicht nur den Ausgangspunkt der jesuanischen,
sondern auch den Horizont der christlichen Verkündigung anklingen,
den Weltstämmekreis. Er steht damit in einer gesamtbiblischen
Tradition.
Es ist wichtig, in welche Tradition wir uns stellen. In Mt 4,19
fällt der Ausdruck «Menschenfi scher», der heute
ziemlich belastet ist. Ähnlich belastet wohl wie Jes 9,2b,
wo die Freude über Gottes Nähe mit dem Jubel beim Verteilen
der Beute verglichen wird. Jes 9 stellt das Verteilen der Beute
in die Exodustradition: Es ist die Beute und die Ernte derer, die
aus Unterdrückung freigekommen sind und die aus der Erinnerung
daran nicht selbst zu Unterdrückern werden sollen (Dtn 5,15).
Ein biblischer Stolperstein, über den wir stolpern müssen,
sonst können wir die Tora nicht verstehen. Was bedeutet das
für unsere Berufung zum Menschenfischen?
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