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«...Dich auf diese Weise hindern, mich zu
verlassen»
Zu den Lesungen am Ersten Adventssonntag Alttestamentliche
Lesung: Jes 63,16b17.19b; 64,37
Evangelium: Mk 13,2437
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Mit Israel lesen
Der Lesungstext ist ein Ausschnitt aus einem Klagepsalm, der die
Verse 63,7 bis 64,11 umfasst. Es ist ein Klagepsalm des Volkes Israel,
der im Angesicht von Zerstörung, Tod und Gottverlassenheit
ertönt (vgl. 63,18). Er spricht von der Zerstörung Jerusalems
und des Tempels und der Deportation nach Babylon. Solche Erfahrungen
haben sich aber Gott seis geklagt in der Geschichte
wiederholt. Im Leid der Gegenwart ist Gott nicht mehr erkennbar
und die Anwesenheit Gottes nicht spürbar. Der Lesungstext ist
ein Klagepsalm der Gottverlassenheit wie Ps 22: «Mein Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
Gibt es Wege, die über die Gottverlassenheit und den Tod hinausführen?
Was kann Mut machen, erste Schritte zu wagen? Jesaja ruft frühere
Erfahrungen in Erinnerung, zuallererst den Namen Gottes, den die
vorausgegangenen Generationen bewahrt haben: «Unser Erlöser
von jeher» (63,16b). Die Erinnerung soll zurückgehen
bis zu den Anfängen diese Perspektive durchzieht den
Lesungstext wie ein roter Faden:
Zweimal heisst es «seit Menschengedenken» und
«von Urzeit an» (64,3 und 4). Die Verse 63,17
und 64,4 lassen mit den Wegen, von denen die Menschen abirren, über
die sie aber doch weiterhin nachdenken, den Anfang des Psalters
anklingen. Psalm 1, das «Tor zu den Psalmen», verheisst:
«Selig der Mensch, der über Gottes Weisung nachsinnt
bei Tag und Nacht
Gott kennt den Weg der Gerechten.»
Jes 64,7 erinnert mit dem Bild von Gott als Töpfer
und den Menschen als Werk seiner Hände an den Schöpfungsbericht
von Gen 2.
Auch Psalm 22 erinnert an einen Anfang: «Du bist es,
der mich aus dem Schoss meiner Mutter zog, mich barg an der Brust
der Mutter. Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib
an bist du mein Gott.» (22,1011). Wer diesen Psalm betet,
macht sich in der Gottverlassenheit das eigene Geborensein bewusst.
Wir leben, weil wir in der grössten Schutzlosigkeit des Anfangs
Hilfe erfahren, menschliche und göttliche Geburtshilfe. Die
Erinnerung daran kann die Hoffnung stärken, dass auf die Schmerzen
der Wehen die Geburt neuen Lebens folgt und Gott sich auch jetzt
wieder als Hebamme erweisen wird.
Was in Ps 22 aber zu einem Lobgesang führt, bleibt im Klagepsalm
bei Jesaja gebrochen, trotz des zunehmend flehenden und beinahe
beschwörenden Tons Gott gegenüber. Die Erinnerung an die
Anfänge eröffnet die Wege aus der Gottverlassenheit nicht
automatisch. In Jes 63,16a ist die Verbindung zu den Anfängen
denn auch explizit unterbrochen: «Du bist doch unser Vater,
denn Abraham weiss nichts von uns, Israel will uns nicht kennen.»
Die Stammväter des Volkes haben in der Wahrnehmung ihrer Nachkommen
die Beziehung und damit die Generationenkette der Überlieferung
abgebrochen. Die Väter haben ihre Kinder und Kindeskinder verlassen.
Beinahe trotzig reagieren die Alleingelassenen und rufen stattdessen
Gott zu ihrem Vater aus. Aber auch die Verbindung zum neuen himmlischen
Vater ist nicht einfach wie der mitunter beinah sarkastische
Ton verrät (vgl. 63,15)1.
Sich von den Stammvätern verlassen zu fühlen, drückt
im jüdischen Kontext eine besonders traumatische Erfahrung
aus. Im Achtzehngebet, dem Mittelpunkt jedes Gottesdienstes, heisst
es ja gerade: «Der du die Frömmigkeit der Väter
erinnerst und einen Erlöser bringst ihren Kindeskindern.»
Jüdische Menschen hofften in Not und Verfolgung immer wieder
auf Gottes Eingreifen «um der Verdienste der Väter willen»
und rangen um die Verbindung zu den Vorfahren. Wie der 16-jährige
Mosche Flinker, der in seinem Tagebuch vom 22. Januar 1943 im besetzten
Brüssel einen Satz schreibt, der der Jesajaklage sehr nahe
kommt: «Ich wusste nicht, in wessen Namen ich noch beten sollte.
Wie kann das Achtzehngebet dazu Gelegenheit bieten In
Erinnerung an unsere Vorväter und deren Verdienste? Unsere
Vorväter sind zu weit von uns entfernt.»2 Sich von Vätern
verlassen zu fühlen, ist eine traumatische Erfahrung. Warum
aber ist in Jes 63,16a nur die Rede von Abraham und Israel/Jakob.
Aus der traditionellen Formel der Stammväter fehlt auffallenderweise
Isaak. Fehlt er, weil er selbst mit seinem Vater eine traumatische
Erfahrung machen musste, als Abraham ihn auf Weisung Gottes auf
einen Opferaltar band? Musste sich Isaak in dieser Situation nicht
auch von seinem Vater und von Gott verlassen fühlen? Sören
Kierkegaard hat sich mit dieser verstörenden Geschichte auseinandergesetzt
und Varianten entworfen. In einer davon wandelt sich Abrahams Gesicht
zur Wildheit, er wirft Isaak zu Boden und ruft: «Dummer Junge,
glaubst du, ich sei dein Vater? Ich bin ein Götzenverehrer.
Glaubst du, es ist Gottes Befehl? Nein! Es ist meine Lust.»
In seiner Todesnot und seinem Entsetzen ruft Isaak den Gott Abrahams
an wie in Jes 63: «Habe ich keinen Vater auf Erden,
so sei du mein Vater!» Daraufhin spricht Abraham leise bei
sich selbst: «Herr im Himmel, ich danke dir; es ist doch besser,
dass er glaubt, ich sei ein Unmensch, als dass er den Glauben an
dich verlöre.» Abraham opfert sich selbst, seine Vaterschaft,
damit Isaak mit Gott verbunden bleiben kann. 3 Auch wenn dieser
Midrasch zu Gen 22 anregt, auch Jes 63 neu zu lesen, so lässt
er mich doch verstört und erlösungsbedürftig zurück
und ich verstehe, warum der Prophet Maleachi sein Buch mit der endzeitlichen
Verheissung beendet, dass der Prophet Elija «das Herz der
Väter wieder den Söhnen und das Herz der Söhne ihren
Vätern zuwenden wird» (Mal 3,24). Von der Beziehung zwischen
Vätern und Kindern hängt Heil oder Untergang des Landes
ab.
Trotz der Gebrochenheit der Beziehung ist der Klagepsalm von Jes
6364 ein Gebet, ein Gespräch mit Gott. Die Zeit- und
Leidensgenossin von Mosche Flinker, Etty Hillesum, führt in
ihrem Tagebuch Gespräche mit Gott im Wissen um ihre
bevorstehende Deportation aus Holland in die Vernichtungslager.
Am 12. Juli 1942 notiert sie: «Ich werde in der nächsten
Zukunft noch sehr viele Gespräche mit dir führen und dich
auf diese Weise hindern, mich zu verlassen.» 4
Mit der Kirche lesen
Wege, die über die Gottverlassenheit und den Tod hinausführen?
Mut, um erste Schritte auf diesen Wegen zu wagen? Adventliche Fragen.
Die Bibel weist uns an, die Anfänge zu erinnern. Das tun wir
an Weihnachten und auch, wenn wir die überlieferten Geschichten,
die Zeugnisse unserer Vorfahrinnen und Vorfahren, immer wieder von
vorne und neu lesen wie zu Beginn des neuen Lesejahres mit
dem Markusevangelium im Zentrum. Auch Mk weist am Ende auf den Anfang
zurück: «Er geht euch voraus nach Galiläa»
(Mk 16,7)5. Am Grab ist von Auferstehung ist die Rede. Wie es weitergeht,
bleibt off en. Am Ende herrschen Entsetzen und Furcht. Auch die
Botschaft von der Auferstehung ist kein Automatismus. Jesu Rede
von der Endzeit in Mk 13 weist uns an, wach zu bleiben für
das, was nötig ist, damit am Tag Gottes das Land nicht dem
Untergang geweiht ist (Mal 3). Etty Hillesums Tagebücher sind
Zeugnis solcher Wachheit.
1 «Der einstige Helfer scheint sich wohl aufs Altenteil in
seinem Himmelspalast zurückgezogen zu haben». So die
Paraphrase von Thomas Staubli: Erinnerung stiftet Leben. Begleiter
zu den Sonntagslesungen aus dem Ersten Testament. Lesejahr B. Luzern
2002, 36.
2 Auch wenn ich hoffe. Das Tagebuch des Mosche Flinker. Berlin 2008,
86.
3 Zitiert nach B. Greiner / B. Janowski / H. Lichtenberger (Hrsg.):
Opfere deinen Sohn! Das «Isaak- Opfer» in Judentum,
Christentum und Islam. Tübingen 2007, 318.
4 Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 19411943.
Hamburg 1985, 150.
5 Vgl. Peter Zürn: Das Karsamstagsevangelium, in: SKZ 176 (2008),
Nr. 46, 759.
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