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Verstümmeln und vergessen
Zu den Lesungen am 20. Sonntag im Jahreskreis
Alttestamentliche Lesung: Jes 56,1-6-7
Evangelium: Mt 15,21-28
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Durch die Leseordnung werden alttestamentliche Texte verstümmelt,
indem Verse weggelassen werden. Das hat leider weitreichende Folgen.
Mit Israel lesen
Jes 56,17 fordert Israel auf, das Recht zu wahren und Gerechtigkeit
zu praktizieren, um sich als Volk des Bundes mit Gott zu erweisen.
Ein Schlüssel dazu ist es, den Sabbat zu halten. Der Zugang
zum Bund wird nicht durch körperliche oder ethnische Kriterien
eingeschränkt. Dafür stehen exemplarisch die Verschnittenen
(Kastraten, Eunuchen) und die Fremden, denen der Bund offen steht.
Das entscheidende Kritierium für die Zugehörigkeit, für
die «Einbürgerung» ins Volk Gottes, ist ethischer
Art. Der Schlüssel ist auch hier das Halten des Sabbats.
Durch die Leseordnung werden vier Verse herausgeschnitten. Ein
erstes Opfer davon sind die Eunuchen, denen durch diesen Aus-schnitt
ein weiteres Mal Gewalt angetan wird im klaren Widerspruch
zum Text, der als Wort Gottes überliefert: «Den Verschnittenen
errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal»
(56,45 EÜ). Thomas Staubli stellt die «Eunuchen
für das Himmelreich» denn auch ins Zentrum seines gleichnamigen
Artikels zum Lesungstext.1 Daniel Marguerat sieht in dem Eunuchen
aus Äthiopien (Apg 8,2640), die Verheissung von Jes 56
geradezu idealtypisch verkörpert.2 Die Apostelgeschichte legt
Jesaja in erzählender Form aus.
Im Zentrum von Jes 56 steht Gottes Zusage, Menschen einen Namen
zu geben, der niemals ausgetilgt wird (56,5). Die Erinnerung an
die Namen zu erhalten, ihrer zu gedenken, ist Aufgabe der Nachgeborenen,
in erster Linie der eigenen Kinder. Nach Jes 56 tritt Gott mit seinem
Gedächtnis für die Menschen ein, die keine Kinder haben.
Dafür stehen exemplarisch die Verschnittenen bzw. Eunuchen,
die als Opfer von Gewalt ohne Nachkommen bleiben. Ihnen droht das
Vergessen. Was Jes 56 als Schicksal einzelner Menschen benennt,
ist in der Schoah beinahe das Schicksal des ganzen Volkes Israel
geworden. Deswegen hat die Holocaust- Gedenkstätte Jadwaschem
in Jerusalem ihren Namen aus diesem Text entnommen. In Jes 56,5
heisst es wörtlich: «Ihnen gebe ich in meinem Haus, in
meinen Mauern ein Handzeichen, ein Namensmal» jad wa-schem.
Durch die Textverstümmelung der Leseordnung droht ein anderer
Aspekt des Bibeltextes in den Hintergrund zu geraten oder ganz vergessen
zu gehen: das Halten des Sabbats als Schlüssel zu Recht und
Gerechtigkeit. Davon ist im Text dreimal die Rede (56,2.4.6). Was
dreimal vorkommt, ist nach rabbinischer Auffassung von besonderer
Bedeutung. Die Leseordnung unterschlägt zwei dieser Stellen.
Was hat aber das Halten des Sabbats mit Recht und Gerechtigkeit
zu tun? Dem Wortsinne nach bedeutet schabbat «aufhören»,
«unterbrechen». Der Sabbat unterbricht die not wen digen
und gewöhnlichen Tätigkeiten, die mühe volle Arbeit
(hebräisch melachah, davon: malochen) und schafft einen Zeitraum
des unverzweckten Seins. Jesaja spricht von der Sabbatwonne (58,1314).
Der Sabbat unterbricht aber auch die herrschenden Hierarchien. Am
Sabbat sind alle gleich: «Du, dein Sohn und deine Tochter,
dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in
deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat» (Ex 20,10; Dtn 5,14).
Ex 20 begründet das Sabbatgebot schöpfungstheologisch.
Wie Gott am siebten Tage der Schöpfung sollen auch die Menschen
am siebten Tage ruhen. Das Recht mit der Arbeit aufzuhören,
das Recht zu ruhen und zu feiern, das Recht darauf, mehr zu sein
als Sklave oder Sklavin, nämlich Mensch und Ebenbild Gottes,
ist ein Menschenrecht und gilt für alle, unabhängig von
ihrem Alter, ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft und ihrer sozialen
Stellung. Am Sabbat kommt eine wesentliche Gleichberechtigung zum
Ausdruck, wird die göttliche Gerechtigkeit offenbar (56,1),
die alle von Menschen gemachten Hierarchien und Vorrechte zumindest
eine Zeitlang unterbricht und sie damit grundsätzlich relativiert.
Insofern ist der Sabbat der Schlüssel zu dem Recht und der
Gerechtigkeit, die unter Menschen, die mit Gott verbunden sind,
gelten sollen. Indem das Vieh in die Sabbatruhe eingeschlossen wird,
erinnert das Sabbatgebot ausserdem an die Utopie einer gewaltfreien
Beziehung zwischen Mensch und Tier (vgl. Gen 1, 29 und 9,2 f.),
die im wörtlichsten Sinne ein Stachel im Fleisch bleibt.
Fehlt die (Ehe-)Frau in der Aufzählung derer, die am Sabbat
ruhen sollen? Der Dekalog richtet sich an erwachsene Personen, die
im Sozialverband Verantwortung tragen. Sind damit ausschliesslich
Männer mit einem gewissen Besitz gemeint wie es das 10. Gebot
nahelegt (vgl. Ex 20,17; Dtn 5,21)? Geht die patriarchal geprägte
Bibel selbstverständlich und deswegen stillschweigend davon
aus, dass die Frau des Hauses auch am Sabbat arbeitet? Dem widersprechen
die jüdische Sabbatpraxis und die sehr geschlechterbewusste
Aufzählung von Sohn und Tochter, von Sklave und Sklavin im
Sabbatgebot. Die rabbinische Auslegung versteht die Aufzählung
so, dass sie nur die erfasst, für die der Haus-Herr Verantwortung
trägt. Dass die Frau unter ihnen fehlt, beweist, dass die Tora
sie für sich selbst verantwortlich hält und sie ausdrücklich
nicht unter die Kontrolle ihres Mannes stellt. In dieser grund legenden
Eigenverantwortlichkeit offenbart sich göttliche Gerechtigkeit.
Die jüdische Tradition hält das biblische Bewusstsein
dafür wach, wie sehr der Sabbat der Schlüssel zu Recht
und Gerechtigkeit ist. «Gott sagte zu Israel: «Wenn
du einen Schabbat beachtest, will ich es dir anrechnen, als hättest
du alle Mitzwot [Gebote, Weisungen PZ] der Tora beachtet.»3
R. Schimon ben Jochai lehrte: «Würden die Israeliten
zwei Sabbate nach Vorschrift halten, so würden sie sofort erlöst
werden» (Schabbat 118b).4
Mit der Kirche lesen
Durch die Verkürzung des Jesajatextes wird das Hauptgewicht
auf die «Fremden, die sich dem Herrn anschliessen» gelegt
(Jes 56,6). Davon handelt exemplarisch die Erzählung von der
Begegnung zwischen Jesus und einer namenlosen kanaanäischen
Frau (Mt 15,2128). Jesaja thematisiert Gottes Widerstand gegen
menschliche Ausgrenzungen. Weder körperliche Merkmale noch
ethnische Herkunft schliessen vom Bund Gottes aus. Matthäus
ergänzt das um den Ausschlussgrund Geschlecht und aktualisiert
so die grundlegende Gleichwertigkeit von Männern und Frauen
im Sabbatgebot. So «erfüllt sich» um ein
zentrales Motiv des Matthäusevangeliums zu gebrauchen
die Schrift. Die kanaanäische Frau agiert in höchstem
Masse eigenverantwortlich. Sie bleibt nicht bei der Kränkung
stehen, die in der Unterscheidung von «Kindern» und
«Hunden» zum Ausdruck kommt. Sie argumentiert auf Augenhöhe
mit Jesus und wird so von ihm anerkannt (15,28). Indem sie für
ihre Tochter eintritt, übernimmt sie zusätzlich die Verantwortung
als Haus-Herrin im Sinn des Dekalogs. Jesus stärkt sie in der
Übernahme von Verantwortung: «Was du willst, soll geschehen.»
Wenn Gottes Gerechtigkeit offenbar wird (Jes 56,1), wird die jetzt
noch namenlose Frau bei ihrem Namen gerufen werden.
1 Thomas Staubli: Weisheit wurzelt im Volk. Begleiter zu den Sonntagslesungen
aus dem Ersten Testament. Lesejahr A. Luzern 2001, 176179.
2 Daniel Marguerat: Eine Randfigur aus der Apostelgeschichte: Der
Eunuch aus Äthiopien (Apg 8,2640) in: Max Küchler
/ Peter Reinl: Randfiguren in der Mitte. Hermann-Josef Venetz zu
Ehren. Luzern-Freiburg/CH 2003, 89101.
3 Midrasch zitiert nach W. Gunther Plaut: Die Tora in jüdischer
Auslegung, Band II. Schemot. Luzern-Gütersloh 2000, 223.
4 Zitiert nach: Erich Spier: Der Sabbat. Berlin 2005, 43.
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